Lebensdaten
1865 bis 1940
Geburtsort
Basel
Sterbeort
Arlesheim bei Basel
Beruf/Funktion
Germanist
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118704370 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heusler, Andreas
  • Chojsler, Andreas
  • Heusler, A.
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Zitierweise

Heusler, Andreas, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118704370.html [24.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andreas (s. 1);
    Schw Elisabeth ( Emanuel La Roche, 1863–1922, Architekt, s. HBLS);
    - 1893 (getrennt 1901, 1922) Auguste (1851–1938), Sängerin, T d. Obermedizinalrats Dr. Hohenschild in Darmstadt u. d. N. N. Fröhlich;
    K.

  • Leben

    Die durch Herkunft vorgegebene Zugehörigkeit zur Gelehrtenaristokratie war für H. Grund für ein zeitlebens zwiespältiges Verhältnis zur Wissenschaft: „Warum ich eigentlich Dozent wurde? … Gesetz der Trägheit, Herkommen“ (Mein Lebenslauf). H. studierte in Basel, Freiburg im Breisgau und Berlin|Germanistik und hörte unter anderem Treitschke, Behaghel, Hermann Paul und Jacob Burckhardt, wobei lediglich der letztere einen gewissen Eindruck auf ihn machte. Mit einer Arbeit zum Konsonantismus der Basler Stadtmundart promovierte er 1888 in Freiburg und wurde 1890 in Berlin habilitiert (1894 außerordentlicher Professor für Nordistik, 1913 ordentlicher Professor für Germanistik); 1920 folgte er einem Ruf nach Basel, wo er 1936 entpflichtet wurde. Diese Rückkehr in die Schweiz hatte neben persönlichen Motiven auch politische Gründe.

    H.s erste Arbeiten zur schweizerischen Mundart haben heute insgesamt nur noch historischen Wert, standen jedoch damals in Gegensatz zur Normativität der junggrammatischen Schule, da sie durch die Aufnahme und Verarbeitung sämtlicher Quellen in ihrer historischen Abfolge ein Moment der Geschichtlichkeit der Sprache betonen, das über den Rahmen der Sprachauffassung der Junggrammatiker hinauswies. Sein Ruf ging jedoch von Arbeiten auf anderen Gebieten aus. Nachdem zwei Untersuchungen über den germanischen Vers fast unbeachtet geblieben waren, verschaffte ihm seine „Deutsche Versgeschichte“ (3 Bände, 1925–29, 21956) mit einem Schlag die vorher vermißte Anerkennung. In radikaler Vereinfachung führte er die Geschichte des deutschen Verses von den ersten Stabreimzeugnissen bis hin zur Dichtung der Gegenwart auf ein Prinzip zurück, das des musikalischen Taktes. Die Verallgemeinerung dieses Prinzips, das sich selbst in der Musik erst im 16. Jahrhundert endgültig durchgesetzt hat, und die rigorose Unterordnung auch der Sturm- und Drang-Gedichte Goethes unter ein starres Rechnen mit musikalischen Zeitmaßen erklärt sich in seiner Fragwürdigkeit aus zeitbedingten Anschauungen: einmal aus einer der Germanistik inhärenten Ursprungsmythologie, als seien alle Entwicklungen des „deutschen“ Geistes keimhaft bereits in den ersten historischen Zeugnissen des Germanentums enthalten, zum anderen aus der fast bis zur Identifizierung getriebenen Übernahme der geistesgeschichtlichen Methode „wechselseitiger Erhellung der Künste“. – Das größte Interesse H.s galt zeitlebens der altisländischen und altnordischen Literatur. Die Beschäftigung mit ihr war niemals bloß literaturwissenschaftlich beschränkt. Seine Arbeiten über altnordische Literatur als Zeugnisse eines in sich geschlossenen Kulturkreises reichen von einer Einführung in die altisländische Sprache, von Arbeiten zur Kultur-, Rechts- und Religionsgeschichte über Editionen und Übersetzungen bis hin zu Gesamtdarstellungen (Die Altgermanische Dichtung, 1923, 21941). H. huldigte, entgegen den Aussagen einiger zum Nationalsozialismus neigender Germanisten (zum Beispiel Hans Naumanns), keinem engstirnigen Germanenkult: „Die Bewunderung des homo nordicus spielte bei meiner Berufswahl keine Rolle“. Die Spezifika der altnordischen Literatur werden von ihm zwar nicht zu Zeugnissen gesamtgermanischen Geistes stilisiert, aber die Vervollständigung des Bildes altnordischer Kultur über die zufällig erhaltenen literarischen Texte hinaus erfolgt auch nicht durch ein Zurückgehen auf die sozialen und geschichtlichen Bedingungen dieser Literatur, sondern durch kultur- und geistesgeschichtliche Typologie. Neben vagen Kategorien wie „Formgefühl, allgemeine Gesittung“ dringen auch solche Aussagen wie: „Gefördert hat mich auch das Einfühlen in die altnordische Krieger- und Herrenethik“ bestimmend in den Gang der Untersuchung ein.

    Unter allen Werken H.s ging zweifellos die größte Wirkung von den Untersuchungen zum Heldenepos und speziell zum Nibelungenlied aus. Für lange Zeit wurden seine Ergebnisse auf diesem Gebiet, von ihm sehr oft nur als wahrscheinlich angenommen, zu fragloser Gewißheit erhoben; der Gegenschlag, die Negierung der H.schen Entstehungstheorie des Nibelungenlieds, erfolgte daher ebenso unvermittelt wie total. Der Einfluß H.s ging von der Einfachheit seiner Thesen aus. Heldensage gibt es für ihn nicht außerhalb der Heldendichtung; außerpoetische Stofftradition wird von ihm geleugnet. Das von Lachmann aus einer Addition vieler einzelner Lieder entstanden gedachte Epos des 12. Jahrhunderts ist für H. etwas organisch Neues, das sich in der Erzählweise der epischen Breite vom assoziativen Liedstil grundsätzlich unterscheidet und deshalb auch nicht genetisch als Zusammenfügung dieser ganz anderen Lieder verstanden werden darf. Eine bloße Aneinanderreihung, wie sie der Lachmannschen Sammeltheorie zugrunde liegt, ist schon deshalb unmöglich, weil auch das Lied ein In-Sich-Gestaltetes ist, eine ganze Fabel und nicht irgendeine stoffliche Episode zum Inhalt hat. H.s Stammbaum der Nibelungenliedtradition, nach dem die beiden Zweige Brunhildensage und Burgundenuntergang erst im österreichischen Nibelungenlied um 1200 zusammenfinden, arbeitet mit 6 Dichterpersönlichkeiten, deren jeweilige Eigenleistung H. herausstellen zu können glaubt. Da aber auf jeder Stufe der Nibelungenliedtradition der Stoff der Heldensage literarisch gestaltet war, verliert das letzte Glied, das uns einzig erhaltene Nibelungenlied, seine spezifische Besonderheit, ja, gegenüber den erschlossenen Vorstufen und deren rekonstruiertem poetischen Reiz ist der Spielmann, den H. als Verfasser des österreichischen Nibelungenlieds annimmt, nur ein begabter Überarbeiter, der die 2 Quellen in eine neue Form, die er allerdings auch schon aus einer Vorlage übernehmen konnte (Nibelungenstrophe), zusammenschweißt und dem höfischen Zeitgeschmack seine Reverenz erweist. H.s Aussagen stehen zwischen einer romantischen und einer historischen Betrachtungsweise der Heldensage. Gegen eine romantische Berufung auf Volkssagen- und Volksliedtradition beharrt er auf der literarischen, bewußten Gestaltung der Vorlagen. Auch die historische Betrachtungsweise, Heldensage in ihrem Bezug zur vorfeudalen und feudalen Gesellschaft deutend, oder die immanente Interpretation, die vom erhaltenen Text ausgeht und sich auf ihn beschränkt, hat er nicht zur Grundlage seiner Untersuchungen gemacht. Nicht die Geschichte des Sagenstoffes, sondern die Gestaltungsgeschichte der Heldendichtung hat ihn beschäftigt. Hier zeigt er sich als Zeitgenosse einer phänomenologischen Literaturwissenschaft, für die stellvertretend Oskar Walzels „Gehalt und Gestalt“ genannt werden kann.

    Während die meisten Nachrufe den toten H. 1940 zum Vorkämpfer des nationalsozialistischen Germanenkults ernannten, hat sich seit 1945 die Meinung durchgesetzt, „nie hat H. politische Konzessionen gemacht, noch sich sein freies Urteil einschränken lassen“ (St. Sonderegger). Wenn H. auch nicht, wie viele seiner germanistischen Kollegen, zu den direkten Verfechtern des Faschismus in der 1933 zur Macht gekommenen Form gehört, stand er doch geistig dem Irrationalismus eines Nietzsche und eines Oswald Spengler sehr nahe (zum Beispiel Sozialdarwinismus, tragischer Nihilismus, Untergangsmythos, Diffamierung der Massen, Appell zur charismatischen Führerpersönlichkeit). Die wenigen Aussagen zur Zeitgeschichte, die H. als „Nichtpolitikus, als Gemütsmensch und Idealist“ machte, zeugen von einer Naivität, der Unschuld nicht mehr zugute gehalten werden kann. Die vorgebliche Unabhängigkeit des unpolitischen Wissenschaftlers fällt in allen Entscheidungen einer blinden Bejahung des gerade Bestehenden anheim. Der Ausgang des 1. Weltkriegs wurde von H. als unbegreiflich erfahren, die einzige Lehre, die er zog, war die Absage an die Weimarer Republik. Die imperialistische Politik Deutschlands in diesem Krieg stilisiert er als Versuch einer Rettung Europas vor dem asiatischen „Tartarismus“. Die Ablehnung des Nationalsozialismus beschränkt sich auf eine Kritik an dem Mangel an Gesittung, mit dem sich der grundsätzlich bejahte „Geisteswandel“ durchsetzt. Wissenschaftsgeschichtlich gesehen waren eine Zeitlang verschiedene Arbeiten H.s in der Germanistik, speziell der Mittelalter-Philologie, zu kanonischer Geltung aufgerückt – am ehesten könnte man noch für das Werk von Carl von Kraus eine ähnliche Allgemeingültigkeit feststellen. Selbst die entschiedensten Absagen an die Ergebnisse H.s auf dem Gebiet der Verslehre und der Nibelungenlied-Philologie entwickelten eigene Argumentationen fast ausschließlich als Gegenthesen zu H., damit die Trennung einiger Gebiete der Germanistik in Perioden vor und nach H. belegend.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1907).

  • Werke

    Weitere W u. a. Vollst. Verz. in: Kleine Schrr., hrsg. v. H. Reuschel, 1943 (L). - Zur Gesch. d. altdt. Verskde., 1891;
    Über german. Versbau, 1896;
    Lied u. Epos in german. Sagendichtung, 1905;
    Die gel. Urgesch. im altisländ. Schrifttum, 1908;
    Das Strafrecht d. Isländersagas, 1911;
    Zum isländ. Fehdewesen in d. Sturlungenzeit, 1912;
    Die altgerman. Rel., 1913;
    Altisländ. Elementarbuch, zugl. 2. Aufl. d. altisländ. Elementarbuchs v. B. Kahle, 1913, 31932;
    Die Anfänge d. isländ. Saga, 1914;
    Nibelungensage u. Nibelungenlied, 1921, 61965;
    Die german. Dichtung in kurzem Überblick, 1927;
    Übungsbuch z. dt. Versgesch., 1931 (mit H. Schneider);
    Germanentum, Vom Leben u. Formgefühl d. alten Germanen, 1934. - Überss. u. Editionen:
    Zwei Isländergeschichten, mit Einl. u. Glossar, 1897, 21913;
    J. Grimm, Dt. Rechtsaltertümer, 2 Bde., 41899, Neudr. 1922 (mit R. Hübner);
    Die Gesch. v. Hühnerthorir, 1900;
    Eddica minora, 1903 (mit W. Ranisch);
    Edda, übertragen v. F. Genzmer, Mit Einl. u. Anm. v. A. H., 2 Bde., 1912-20, 21932, Neuausg. 1963, = Slg. Thule I u. II;
    Die Gesch. v. weisen Njal, 1914, 21922, Neuausg. mit Nachwort v. H. Hempel, 1964, = Slg. Thule IV;
    Fünf Geschichten v. Ächtern u. Blutrache, 1922 (mit F. Ranke), Neuausg. mit Nachwort v. H. Hempel, 1964, = Slg. Thule VIII;
    Das Nibelungenlied, Auf Grund d. Übers. v. K. Simrock bearb., 1927. -
    Briefwechsel: Briefe an W. Thalbitzer, hrsg. v. Th. Salfinger, 1953 (P);
    G. Baesecke. Kleine metr. Schrr., nebst ausgew. Stücken s. Briefwechsels mit A. H., hrsg. v. W. Schröder, 1968. -
    Kleine Schrr., I, hrsg. v. H. Reuschel, 1943, Nachdr. 1969, II, hrsg. v. St. Sonderegger, 1969.

  • Literatur

    F. Maurer, A. H. z. Gedenken, 1940, = Freiburger Univ.reden 33;
    Zur Erinnerung an Prof. Dr. A. H., [1940], darin: Mein Lebenslauf v. A. H., (P);
    H. Naumann, in: FF 16, 1940;
    H. Meyer, in: PMLA 55, 1940 (P);
    D. v. Kralik, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. in Wien 90, 1940;
    J. Schwietering, Gedächtnisrede auf A. H., in: Jb. d. Preuß. Ak. d. Wiss., Jg. 1940, 1941 (vollst. W-Verz. v. H. Reuschel. L, P);
    E. His, Basler Gel. d. 19. Jh., 1941, S. 397-403 (P);
    Th. Salfinger, Zur Sprachkunst d. Germanisten A. H., in: Festschr. Karl Schwarber, 1949, S. 193-205;
    E. J. Llewellyn,|A. H. u. d. Germanentum, Thesis foreign study of the Univ. of Maryland, 1950 (ungedr.);
    E. Bonjour, Die Univ. Basel, 1960, S. 668;
    A. Staehelin, Professoren d. Univ. Basel aus 5 Jhh., 1960, S. 300 (W, P);
    L. Mancinelli, La ‚Nibelungenforschung' di A. H. alla luce della critica piu recente, in: Arte e storia, Studi in onore di Leonello Vincenti, 1965;
    St. Sonderegger, A. H. u. d. Sprache, 1967;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Autor/in

    Paul Gerhard Völker
  • Empfohlene Zitierweise

    Völker, Paul-Gerhard, "Heusler, Andreas" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 49-52 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118704370.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA