Lebensdaten
1888 bis 1955
Geburtsort
Iglau (Jihlava, Mähren)
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Journalist
Konfession
-
Normdaten
GND: 118615483 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Simm, Erich (Pseudonym)
  • Morse, Max (Pseudonym)
  • Sommer, Ernst
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Zitierweise

Sommer, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118615483.html [21.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (1851–1924), Zuckerbäcker, Süßwarenhersteller in I., S d. Joachim u. d. Antonie N. N.;
    M Sofie (Sophie) (1857–1942), T d. Markus Moritz Turnauer u. d. Fanny N. N.;
    B Alfred (1891–1935), Schw Antonia (1896–1944, ⚭ Friedrich Grünberger);
    Dux 1919 Leontine (1895–1980), T d. N. N. u. d. Anna Illowy (jüd.) Schuhhändlerin in I.;
    T Beate Claudia (1920–2008, Vernon Rosoux, Vers.math.).

  • Leben

    S.s Lebensweg begann in den für eine mähr. dt.-jüd. bürgerliche Familie üblichen Bahnen. Nach der Matura in Iglau studierte S. seit 1907 in Wien (Dr. iur. 1912). Es folgten bis 1915 erste Berufsstationen in Iglau, Wien, Aussig, Brüx und Dux. Anschließend wurde er zum Militär einberufen und leistete seinen Dienst u. a. wohl an der Front sowie beim Militärgericht in Felixdorf und in Wien. Seit 1918 in Dux, ließ er sich 1920 als Anwalt in Karlsbad nieder.

    Prägend für S.s Entwicklung wurde zunächst das geistig-kulturelle Leben Wiens. In seinem noch unreifen Debütroman „Gideons Auszug“ (1912) – mit Anklängen an Arthur Schnitzlers „Der Weg ins Freie“ und Auguste Hauschners „Die Familie Lowositz“ (beide 1908) – scheitert die halbherzige Selbstfindung eines jüd. Studenten im Zionismus tragisch. S.s Standortsuche als Jude setzte sich mit auf Martin Buber bezogenen Essays fort (Der Mann, der nicht zu fragen versteht, 1919; Sieg d. Seele, 1919; Rel. u. Staat, 1921); jüd. Stoffe und Figuren (wie Hillel, Akiba) beschäftigten S. sein Leben lang.

    Beeinflußt von Karl Kraus, dem er 1921 vier Artikel widmete, fand S. zu einem seiner Lebensthemen: Recht und Unrecht. Die expressionistische Groteske „Der Fall des Bezirksrichters Fröhlich“ (1922) stellt Doppelmoral, Willkürjustiz und – wie „Der Simulant“ (1920) – den Militarismus in der k. u. k. Monarchie bloß. Bedeutsam ist seit 1919 S.s essayistische wie erzählerische Beschäftigung mit Demagogie und der „Psychologie der Masse“ (Der Aufruhr, Nov., 1920). Das gilt auch für seine frühe kritische Wahrnehmung des Nationalsozialismus in Böhmen (Hakenkreuz, 1922). Seit 1920 engagierte sich S. in der „Dt. sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowak. Republik“ (DSAP). Die 1924 u. a. mit Bruno Adler (1889–1968) herausgegebene Zeitschrift „Die Provinz“ mit namhaften Beiträgern hatte überparteilich die „Verständigung der geistig Verwandten über alle nationalistischen Schranken“ zum Ziel.

    In seinen seit 1933 entstandenen Werken bediente sich S. historischer Stoffe, um totalitäre Mechanismen zu enthüllen und Zeitgeschehen zu kommentieren (Die Templer, 1935). Mit dem Roman „Botschaft aus Granada“ (1937, Nachdr. 1997) über die Verfolgung und Austreibung der span. Juden 1492 appellierte der in der ČSR noch nicht unmittelbar bedrohte S. an die Einheit der Judenheit und thematisierte jüd. Widerstand. Der 1937/38 entstandene Künstlerroman „Ein Mönch aus der Touraine“ (1952) über Rabelais behandelt die Bedrohung geistiger Freiheit; mit „Villon“ (gedr. 1949, Nachdr. 1977) zeigte S. auch ein Exilschicksal. Seine starke Beschäftigung mit Freigeistern – wie auch Müntzer (1948) und Hutten (1955) – und seine Vision einer übernationalen Gelehrtenrepublik lesen sich wie ein Gegenentwurf zu totalitären Regimes.

    Bereits im Frühjahr 1938 im Visier der Sudetendt. Partei, flüchtete S. nach dem Münchner Abkommen nach Prag und im November nach England, wo er eine aktive Rolle in tschechoslowak. und österr. Kreisen und der Exilpresse spielte. In seiner Erzählung „Die Gaskammer“ machte er im Dez. 1942 – im Auftrag der Exilzeitschrift „Einheit“ und vermutlich als erster überhaupt – den Holocaust zum Gegenstand von Literatur; die Erzählung „Hiob“ (Jan. 1945) ist ein Appell gegen das Verdrängen: Ein brit. Berichterstatter wird mit den Spuren unfaßbarer dt. Greueltaten konfrontiert. S.s international erfolgreichster Roman „Revolte der Heiligen“ (1944, Nachdr. 2005) spielt in einem fiktiven Arbeitslager, in dem die gespaltene jüd. Gemeinschaft angesichts der „Vernichtung durch Arbeit“ und der Deportationen zur Gegenwehr findet. Damit beschrieb S. als einer der ersten Autoren – noch vor den Aufständen in Warschau, Treblinka, Sobibor und Wilna – realistisch jüd. Widerstand. Nach Kriegsende zerschlug sich S.s Vorhaben, in die ČSR zurückzukehren (brit. Staatsbürger 1951); die kollektive Verurteilung der Deutschböhmen und die Vertreibung erfüllten ihn mit Bitterkeit, v. a. gegenüber den Kommunisten, denen er sich im Exil angenähert hatte.

    S.s stärkste Werke zählen zu den Höhepunkten expressionistischer Prosa, des Historischen Romans und der Exilliteratur. Neben|Ernst Weiss, Ludwig Winder und Hermann Ungar steht S. für eine herausragende Generation dt.-jüd., sich zur Tschechoslowakei bekennender Autoren aus Mähren.

  • Werke

    Weitere W Die Sendung Thomas Müntzers, Taboritentum u. Bauernkrieg in Dtld., 1948;
    Die Geduld der Armen, 12 Szenen um François Villon, 1948 (mit E. Lehrburger);
    Erpresser aus Verirrung, 1949;
    Das Fräulein v. Paradis, 1951;
    Die Geduld der Armen oder Das lasterhafte Leben u. d. lästerl. Balladen d. François Villon, Ein Stück in zwei T. (10 Szenen), Musik v. Th. Mackeben, 1951 (mit E. Lehrburger);
    Das Leben ist d. Fülle, nicht d. Zeit, Eine Porträtstudie Ulrich v. Huttens, 1955;
    Antinous oder Die Reise e. Kaisers, 1955;
    – Werkausg., hg. v. Ch. Haacker (in Vorbereitung);
    Nachlaß:
    DLA, Marbach;
    Jewish National u. Univ. Library, Jerusalem;
    Leo-Baeck-Inst., New York.

  • Literatur

    V. Macháčková-Riegerová, E. S., Leben u. Werk, 1969;
    dies., Einf. zu: E. S., Der Aufruhr u. andere ausgew. Prosa, 1976, S. 7–36;
    M. Pazi, Fünf Autoren d. Prager Kreises, 1978, S. 170–209;
    J. Serke, Böhm. Dörfer, 1987, S. 202–17 (P);
    K. M. Gauß, Die Vernichtung Mitteleuropas, 1991, S. 67–78;
    J. A. Taylor, Stimmen aus Böhmen, Die dt.sprach. lit. Emigration aus d. Tschechoslowakei in Großbritannien n. 1938, Rudolf Fuchs, E. S. u. Ludwig Winder, in: P. Becher u. P. Heumos (Hg.), Drehscheibe Prag, Zur dt. Emigration in d. Tschechoslowakei 1933–1939, 1992, S. 165–80;
    S. Bauer, Ein böhm. Jude im Exil, Der Schriftst. E. S. (1888–1955), 1995 (W, L, P);
    A. Grenville, The earliest reception of the Holocaust, E. S.s Revolte d. Hll., in: German Life and Letters 51, 1998, S. 250–65;
    J. Thöming, E. S.s Templer-Roman, in: Jb. d. Österr.-Bibl. in St. Petersburg 4, 1999/2000, S. 656–66;
    Ch. Haacker, Kampf ums Recht, Widerstand gegen staatl. Unrecht u. jur. Willkür in Leben u. Werk v. E. S., in: F. L. Kroll (Hg.), Dt. Autoren d. Ostens als Gegner u. Opfer d. NS, 2000, S. 239–67;
    ders., E. S., Dt. Jude, tschech. Patriot u. Anti-Österreicher? Zu E. S.s Bild v. Österr. im engl. Exil, in: Jb. d. Dok.archivs d. österr. Widerstandes, 2003, S. 83–95;
    A. Herzog, Ludwig Strauß u. E. S. als Vertreter d. jüd. Renaissance, Ein Btr. z. Buber-Rezeption, in: A. A. Wallas (Hg.), Jüd. Identitäten in Mitteleuropa, 2002, S. 47–60;
    J. Taylor, Into Exile, E. S. in London, in: A. Grenville (Hg.), Refugees from the Third Reich in Britain, 2002, S. 135–49;
    BHdE II;
    Lex. dt.-mähr. Autoren;
    Lex. österr. Exillit.;
    Metzler Lex. dt.-jüd. Lit. (P);
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft.

  • Autor/in

    Christoph Haacker
  • Empfohlene Zitierweise

    Haacker, Christoph, "Sommer, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 565-566 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118615483.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA