Lebensdaten
1867 bis 1949
Geburtsort
Bühl bei Baden-Baden
Sterbeort
Schramberg (Schwarzwald)
Beruf/Funktion
Orientalist ; Wissenschaftshistoriker ; Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118604260 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ruska, Julius Ferdinand
  • Ruska, Julius
  • Ruska, Julius Ferdinand
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Zitierweise

Ruska, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604260.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand (1826–1901), aus Grafenhausen/Lahr, Lehrer in B., S d. Valentin (1792–1854) u. d. Elisabeth Hödle;
    M Julie (* 1832), aus Mahlberg, T d. Fidel Saas u. d. Juliane Beyer;
    Heidelberg 1899 Elisabeth (1874–1945), T d. Adalbert Merx (1838–1909), Prof. d. Theol. in Heidelberg, zuletzt o. Prof. f. semit. Sprachen in Tübingen (s. NDB 17);
    4 S (1 früh †) Ernst (s. 2), Walter (1904–73), Ing., zuletzt in Houston (Texas, USA), Helmut (s. 3), 3 T Elisabeth (1901–73), Lehrerin, Hedwig (* 1912, Bodo v. Borries, 1905–56. Dr.-Ing, o. Prof. an d. TH Aachen. Dir. d. Rhein.-Westfäl. Inst. f. Übermikroskopie, Präs. d. Internat. Federation of Electron Microscope Societies, s. Munzinger; Pogg. VII a; NDB 14* u. 17*).

  • Leben

    Während des Besuchs der Grundschule erhielt R. Unterricht in Latein und Griechisch durch den Pfarrer seines Geburtsortes und konnte daher das Gymnasium in >Rastatt bereits 1884 abschließen und an der Univ. Straßburg mit dem Studium der Naturwissenschaften, Philosophie und Mathematik beginnen. 1886 wechselte er an die Univ. Heidelberg, wo er sich mit den Werken Charles Darwins und Herbert Spencers auseinandersetzte. Ausgehend von der Evolutionstheorie, wandte R. sich der Frage zu, wie sich die Religionen und Kosmogonien der Menschheit historisch entwickelt hatten. Er setzte seine Studien an der Univ. Berlin bei dem Ethnologen Adolf Bastian (1826–1905) fort, kehrte aber nach Heidelberg zurück, um im Frühjahr 1889 die Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen abzulegen. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften in Heidelberg begann er das Studium altoriental. Sprachen mit dem Ziel, die Geschichte der Wissenschaften im Islam zu erforschen. 1895 wurde er mit der Arbeit „Das Quadrivium aus Severus bar Šakků's Buch der Dialoge“ zum Dr. phil. promoviert. R. befaßte sich in zahlreichen Aufsätzen mit der Reform des naturwissenschaftlichen Gymnasialunterrichts und gab 1908-13 das „Pädagogische Archiv“ heraus. Für die abschließende Bearbeitung und Publikation eines antiken syrischen Palimpsests des Neuen Testaments wurde er ein Jahr vom Schuldienst freigestellt, gab dann den Lehrerberuf auf und habilitierte sich 1911 für semitische Philologie (Das Steinbuch d. Aristoteles, Mit lit.gesch. Unterss. nach d. arab. Hs. d. Bibl. Nat. hg. u. ed., 1912). Er vertrat zunächst die Stelle des Orientalisten Carl Heinrich Becker (1876–1933), der 1908 an die Univ. Hamburg gegangen war (1915 ao. Prof.).

    Bei Archivstudien in Göttingen stieß R. 1921 auf eine Abschrift des „Kitāb sirr al-asrār“ (Buch Geheimnis d. Geheimnisse) des pers. Arztes und Alchemisten Rhazes (Al-Rāzī, Abā Bakr Muhammed ibn Zakariyā, ca. 854-925 oder 935), das inhaltlich so sehr aus dem bisher bekannten Rahmen mittelalterlich-arab. Werke fiel, daß R. darin ein grundlegendes Zeugnis der islamischen Wissenschaftsgeschichte erkannte. R. konnte den Kristallographen und Gründer der „v. Portheim-Stiftung“, Viktor Goldschmidt (1853–1933), für die Erforschung der Rhazes-Texte interessieren, und Goldschmidt richtete für ihn 1924 das „Institut für Geschichte der Naturwissenschaft“ in Heidelberg ein. Im selben Jahr traf R. mit Max Meyerhof (1874–1945) zusammen, der dem Institut R.s eine Reihe von Manuskripten aus Kairo zugänglich machte. Aufgrund der Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre mußte die Portheim-Stiftung ihre Förderung einstellen; der inzwischen zum preuß. Kultusminister avancierte Becker verschaffte R. daraufhin 1927 eine Honorarprofessur an der Univ. Berlin und bestellte ihn zum Direktor des neu gegründeten Forschungsinstituts für Geschichte der Naturwissenschaften, wo R. optimale Arbeitsbedingungen vorfand. 1931 ging das Institut in dem neuen Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften auf; R. leitete die naturwissenschaftsgeschichtliche Abteilung (1938 em.).

    Mit zahlreichen Arbeiten leistete R. einen herausragenden Beitrag zum Verständnis der arab. Alchemie und Naturforschung und zur Rolle der arab. Autoren bei der Übermittlung und Weiterentwicklung hellenist. und spätantiken Denkens während der Blütezeit der arab. Kultur im Mittelalter. Die Verbindung von umfassender philologischer und (al)chemischer Sachkenntnis ermöglichte die kritische Bewertung oriental. Manuskripte im Hinblick auf deren Datierung und intertextuelle Bezüge, wie auch auf das Verständnis des Inhalts, wozu die Entschlüsselung zahlreicher Begriffe für Stoffe, Örtlichkeiten und auch korrumpierte Personennamen zählen. R. konnte zeigen, daß das „Steinbuch des Aristoteles“ nicht griech., sondern syr.-pers. Ursprungs ist. Das durch Nüchternheit, experimentelle Genauigkeit und die Abwesenheit mystischer Spekulation ausgezeichnete Buch der Geheimnisse des Rhazes kennzeichnete R. als Produkt einer im Sassanidenreich angesiedelten heidnisch-griech. Denkschule, deren Zentren in Gondeshapur und Harrān lagen und die R.oriental. Hellenismus“ nannte. Auch den hermetischen Schlüsseltext der „Tabula Smaragdina“ ordnete R. diesem Umkreis zu, ebenso den für die mittelalterliche Alchemie des Abendlands wichtigen Text der „Turba Philosophorum“, den er in einer kritischen und kommentierten Edition publizierte (Turba Philosophorum, Ein Btr. z. Gesch. d. Alchemie, 1931, mit P. Diepgen). R.s Datierung der dem Jābir ibn Hayyān (Geber arabicus) zugeschriebenen Texte in das 8. und beginnende 9. Jh. gilt als gesichert.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. nat. h. c.

  • Werke

    242 Bücher u. Aufss., u. a. Zur ältesten arab. Algebra u. Rechenkunst, in: SB d. Heidelberger Ak. d. Wiss., phil.-hist. Kl. 1917, 2. Abh.;
    Sal ammoniacus, Nushādir u. Salmiak, ebd. 1923, 5. Abh.;
    Al-Bīrūnī als Qu. f. d. Leben u. d. Schrr. Al-Rāzī's, in: Isis 5, 1922, S. 26-50;
    Über d. Schrr.verz. d. Jābir ibn Hayyān u. d. Unechtheit einiger ihm zugeschriebener Abhh., in: Archiv f. Gesch. d. Med. 15, 1923, S. 53-67;
    Arab. Alchemisten I, Khālid ibn Yazīd ibn Mu'āwiya, in: Heidelberger Akten d. v.-Portheim-Stiftung H. 6, 1924;
    Arab. Alchemisten II, Ja'far al Sādiq, d. sechste Imām, ebd. H. 10, 1924;
    Tabula Smaragdina, ebd. H. 16, 1926;
    Jābir ibn Hayyān u. s. Beziehungen z. Imām Ja'far al Sādiq, in: Der Islam 16, 1927, S. 264-66;
    Der Zus.bruch d. Jābir-Legende, 1930 (mit P. Kraus);
    Über Nachahmung v. Edelsteinen, in: Qu. u. Studien z. Gesch. d. Naturwiss. u. d. Med. 3, 1933, S. 108-19;
    Übers. u. Bearb. v. Al-Rāzī's Buch Geheimnis d. Geheimnisse, ebd. 4, 1935, S. 153-238;
    Das Buch d. Alaune u. Salze, Ein Grundwerk d. spätlat. Alchemie, 1925;
    Al-Rāzī's Buch Geheimnis d. Geheimnisse, (kommentierte) dt. Übers., 1937.

  • Literatur

    R. Winderlich, J. R. u. d. Gesch. d. Ak., in: Abhh. z. Gesch. d. Med. u. Naturwiss. 19, 1937 (W-Verz.);
    J. R. u. d. Gesch. d. Alchemie, Festgabe zu seinem 70. Geb.tag, hg. v. R. Winderlich, 1937 (W-Verz.);
    M. Speter, in: Österr. Chemiker-Ztg. 40, 1937, S. 88 f.;
    P. Kraus, in: Osiris 5, 1938, S. 6-40 (W-Verz., P);
    A. Siggel, in: FF 1949, S. 118;
    ders., in Archives int. d'hist. des sciences 3, 1950, S. 912-15;
    W. Ganzenmüller, in: Journal of chemical education 26, 1949, S. 399;
    Pogg. VI u. VII a (L);
    Rhdb. (P);
    Drüll, Heidelberger Gel.lex. I.

  • Autor/in

    Claus Priesner
  • Empfohlene Zitierweise

    Priesner, Claus, "Ruska, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 295-297 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604260.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA