Lebensdaten
1888 bis 1965
Geburtsort
Pforzheim
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Philosoph ; Psychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118603175 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rothacker, Erich
  • Rothacker, E.
  • Rōtahakkā, Ērihi

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Zitierweise

Rothacker, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118603175.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. 16./17. Jh. in Weilderstadt nachweisbarer Fam.;
    V Emil Th., Bijouteriekaufm. aus Goldfabr.fam in P., betrieb e. Import-/Exportgeschäft in Neapel;
    M N. N., Sängerin;
    Hamburg 1913 Käthe Bunger (1884–1969), Malerin, T e. Brauereibes. in Hamburg;
    S Johann Adam (1921–41 in Galizien).

  • Leben

    Aufgewachsen in Pforzheim und Neapel, erhielt R. erste Anregungen für seinen Berufsweg durch die „Entwicklungsgeschichte der Menschheit“ (1907, 21909) des Leipziger Philosophiedozenten Hermann Schneider (* 1874), den er in Pforzheim kennenlernte. Nach dem Abitur am dortigen Reuchlin- Gymnasium 1907 studierte R. 1908/09 in Kiel bei Götz Martius, Carl Neumann und Ferdinand Tönnies sowie – nach kurzem Militärdienst – in Straßburg (1909, 1916-18), München (1909–13), Tübingen (1910–12) und Berlin (1913/14). Von München, wo ihn Max Scheler (1874–1928) beeindruckt und er Heinrich Wölfflin und Franz Doflein gehört hatte, ging er nach Tübingen und wurde 1912 bei Heinrich Maier (1867–1933) mit der Dissertation „Über die Möglichkeit und den Ertrag einer genetischen Geschichtsschreibung im Sinne Karl Lamprechts“ promoviert. Von einem Neapelaufenthalt bei Ausbruch des 1. Weltkriegs nach Deutschland zurückgekehrt, diente R. in der Straßburger Garnison. 1920 habilitierte er sich unter der Obhut Maiers in Heidelberg mit einer historischen „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ (Nachdr. 1972), wie sie Wilhelm Dilthey (1833–1911) schon gefordert hatte. 1926 veröffentlichte R. zur philosophischen Begründung der „Geistes- bzw. Kulturwissenschaften seine „Logik und Systematik der Geisteswissenschaften“ (31948, Nachdr. 1970). Darunter verstand er die „Wissenschaften vom Menschen“. Er thematisierte die „lebenspraktischen“ wie die „wissenschaftspraktischen“ Bewußtseinstätigkeiten nach den Gesetzen der Sachlichkeit, der Richtigkeit und der Bedeutsamkeit. Materialien für dieses Forschungsvorhaben hatte R. sich schon in seiner Heidelberger Dozentenzeit erarbeitet und mit einer engagiert betriebenen redaktionellen Tätigkeit verbunden. Mit Paul Kluckhohn (1886–1957) gab er 1923-44 und 1949-55 die „Dt. Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte“ heraus, dazu eine 29-bändige Buchreihe (1925–45). 1923-41 erschien die von ihm redigierte Reihe „Philosophie und Geisteswissenschaften“ (9 Bde.) mit einer Abteilung „Neudrucke“ (7 Bde., 1925–29); 1946-52 trat eine „Geschichte der Wissenschaften“ (8 Bde.) hinzu. Die Mannigfaltigkeit des Materials und der Gesichtspunkte sollte in einem „Philosophischen Wörterbuch der Kultur und der kulturphilosophischen Begriffe“ zusammengefaßt werden (vgl. „Das akad., Wb. d. Philosophie“, 1950). Ein Teil der Vorarbeiten ging in das von R. gegründete „Archiv für Begriffsgeschichte“ (1955-65) ein, das nach R.s Tod von Hans-Georg Gadamer fortgeführt wurde.

    Seit 1924 war R. ao. Prof. für Philosophie in Heidelberg. 1928 folgte er einem Ruf nach Bonn, wo er als Nachfolger Gustav Störrings Philosophie und Psychologie lehrte. 1938 erschienen R.s „Schichten der Persönlichkeit“|(91988, portugies. 1946). Anfangs erhoffte er sich von der Kulturpolitik des Dritten Reiches eine Wiedergeburt aus dem Geist der „Dt. Historischen Schule“, wurde aber durch das Bildungsniveau des Nationalsozialismus enttäuscht und reagierte empfindlich auf totalitäre Ansprüche. Seiner „Geschichtsphilosophie“ (1934, überarb. 1952, Nachdr. 1971; span. 1951) fügte er einen Schlußparagraphen an, der ihm nach Kriegsende eine kurzzeitige Suspendierung vom Lehramt einbrachte. In Bonn bildete R. zahlreiche Schüler aus, u. a. Karl-Otto Apel, Gerhard Funke, Jürgen Habermas, Karl-Heinz Ilting, Hermann Schmitz, Hans Thomae. Für R. bildeten Lebenserfahrungen eine unentbehrliche Wurzel der Philosophie. Daß und wie sich der in Kulturen lebende Mensch die Wirklichkeit zu einer geschichtlichen Lebenswelt erdeutet, ist auch der Kerngedanke seines letzten Buches „Zur Genealogie des menschlichen Bewußtseins“ (eingel. u. durchgesehen v. W. Perpeet, 1966).

    R.s Vermächtnis ist eine phil. Kulturanthropologie, die alle Kulturzweige in ihrer Eigenart und Gesetzlichkeit zu verstehen trachtet. Mit der Programmierung „Geisteswissenschaftlicher Forschungs- und Zentralinstitute“ (1930, wieder 1957 u. 1965: „Die Idee d. Univ.“) im Dienste einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit bleibt R. zukunftsweisend.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. d. Lit. zu Mainz (1949); Gr. BVK (1958).

  • Werke

    Weitere W Probleme d. Kulturanthropol., 1942, 41988 (span. 1957);
    Mensch u. Gesch., Alte u. neue Vortrr. u. Aufss., 1944, gekürzte Neuaufl. 1950;
    Schelers Durchbruch in die Wirklichkeit, 1948;
    Die dogmat. Denkform in den Geisteswiss. u. d. Problem d. Historismus, 1954;
    Phil. Anthropol., 1964, 51982;
    Intuition u. Begriff. Ein Gespräch zw. E. R. u. Joh. Thyssen, 1963;
    Heitere Erinnerungen, 1963 (Autobiogr., P);
    Gedanken üb. Martin Heidegger, Aus d. Nachlaß hg. v. W. Perpeet, 1973;
    Das „Buch d. Natur “.aus d. Nachlaß hg. v. dems., 1979;
    Selbstdarst. (1940), in: Ziegenfuß;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ.bibl. Bonn.

  • Literatur

    A. Hübscher, in: Denker unserer Zeit, I, 1956, S. 161-63;
    Konkrete Vernunft, FS f. E. R. z. 12. März 1958, hg. v. G. Funke, 1958 (W, L, P);
    W. Perpeet, Aufgaben u. Ergebnisse d. Menschheitswiss., Zum vorliegenden Werk E. R.s, in: DVjS 32, 1958, S. 173-215;
    ders., in: Bonner Gelehrte, Btrr. z. Gesch. d. Wiss. in Bonn, Philos. u. Altertumswiss., 1968, S. 101-11 (P);
    ders., ER., Philosophie d. Geistes aus d. Geist d. Dt. Hist. Schule, 1968 (Bibliogr. v. 1. Hartmann, P);
    ders., Kulturphilos., Anfänge u. Probleme, 1997, S. 77-94;
    H. Blumenberg, in: Ib. d. Ak. d. Wiss. u. d. Lit. zu Mainz, 1966, S. 70-76 (P);
    H. Thomae, Herkunft u. Bedeutung d. psycholog. Werkes, in: In memoriam Prof. E. R., 1967, S. 13-26 (P);
    A. Schefer, E. R.s Vermächtnis, in: St. Galler Tagbl. v. 20.10.1968;
    H.-W. Nau, Die systemat. Struktur v. E. R.s Kulturbegriff, 1968;
    H. Lützeler, Persönlichkeiten, 1978, S. 33-60;
    O. Pöggeler, R.s Begriff d. Geisteswiss., in: Kulturwiss., 1980, S. 306-53;
    H. Tietgens, Studieren in Bonn nach 1945, in: Kommunikation u. Reflexion, 1982, S. 720-44;
    Ch. Tilitzki, Philos. u. Pol., Die dt. Univ.philos. in d. Weimarer Rep. u. im Dritten Reich, 2002;
    V. Böhnigk, Kulturanthropol. als Rassenlehre, Nat.soz. Kulturphilosophie aus d. Sicht d. Philos. E. R., 2002;
    Internat. Soziologenlex.

  • Autor/in

    Wilhelm Perpeet
  • Empfohlene Zitierweise

    Perpeet, Wilhelm, "Rothacker, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 117-118 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118603175.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA