Lebensdaten
1902 bis 1989
Geburtsort
Schneidemühl (Provinz Posen)
Sterbeort
Seeshaupt (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Schriftstellerin ; Tänzerin
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118582348 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Steckel, Elfriede (verheiratete)
  • Moletta, Francesco (Pseudonym)
  • mhy (Pseudonym)
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Zitierweise

Mihaly, Jo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582348.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Richard Kuhr (1865–1921), Architekt;
    M Margarete (1875–1924), Musikerin, Dir. d. Meisterschule f. Bühne u. Konzert in Berlin, T d. Eduard Golz ( 1912), Maurermeister, Architekt u. Stadtrat in Sch., u. d. Berta Haber (1852–1929);
    Berlin-Tiergarten 1927 ( 1955) Leonard (1901–71), Schausp. u. Regisseur aus Knihinin (Galizien) (s. L.), S d. Markus Steckel, Verwalter b. e. Eisenbahnges., u. d. Eva Bazar;
    1 T Anna Barbara (Anja) (* 1933, Theo Ott, * 1927, Kernsehproduzent), Schausp.

  • Leben

    M. verbrachte ihre Kindheit im Haus der Großmutter in Schneidemühl. Nach dem Besuch der höheren Töchterschule und einer Ausbildung als Kinder- und Säuglingsschwester 1916-18 übersiedelte sie 1920 zur Mutter nach Berlin, wo sie als Sekretärin tätig war und gleichzeitig klassisches Ballett und modernen Tanz studierte. Danach brach M. mit der gutbürgerlichen Sphäre und tingelte unter dem von Zigeunern übernommenen Künstlernamen Jo Mihaly als Tänzerin an kleinen Bühnen, in Zirkussen und Varietés und lebte zeitweilig als „Tippelschickse“ auf der Landstraße. Nach Engagements am Drei-Städte-Theater Beuthen-Königshütte-Kattowitz (1926/27) und der Volksbühne Berlin (1927) trat sie als Solotänzerin mit eigenem Programm auf. 1928 wurde sie Mitglied in Gregor Gogs „Internationaler Bruderschaft der Vagabunden“ und Mitarbeiterin an dessen Zeitschrift „Der Kunde“ sowie an der „Zeitung für Heimatlose“. Trotz ihrer Sympathien für einen libertären Anarchismus engagierte sie sich 1931-33 angesichts des drohenden Faschismus in der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) und der Roten Hilfe. Das Angebot, „Kulturtänzerin“ im Dritten Reich zu werden, lehnte sie ab und emigrierte 1933 zusammen mit Leonard Steckel, dem zur selben Zeit ein Engagement in Zürich angeboten wurde, in die Schweiz. Im Zürcher Exil beteiligte sie sich maßgeblich am antifaschistischen Widerstand und übernahm wichtige kulturpolitische und organisatorische Aufgaben für die KPD. 1934-45 leitete sie die Zürcher Agitpropgruppe „Neuer Chor“, mit der sie Tourneen unternahm, verfaßte illegale Flugschriften, organisierte seit 1941 die „Kulturgesellschaft der Emigranten in Zürich“ und arbeitete aktiv in der Bewegung „Freies Deutschland“. Zusammen mit Georg Kaiser, Stefan Hermlin und Hans Mayer war sie 1944 Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des „Schutzverbands Deutscher Schriftsteller“, Sektion Schweiz. Im Oktober 1945 nach Deutschland zurückgekehrt, gründete sie die „Freie Deutsche Kulturgesellschaft“ in Frankfurt/Main, war 1945/46 Mitglied des dortigen Stadtparlaments und nahm 1946 in Wiesbaden am vorbereitenden Landesausschuß teil. Im selben Jahr erkrankte sie und kehrte zurück in die Schweiz. Von der KPD trennte sie sich, weil von dieser, wie sie bekannte, die „Würde des Menschen“ als „Gebot nicht geübt wurde“. 1949 siedelte sie nach Ascona über, lebte aber zunächst zeitweise auch in Neufahrn bei Freising. Neben Lyrik, Romanen und Erzählungen verfaßte sie zahlreiche essayistische, literaturkritische und kulturpolitische Beiträge für Zeitschriften, Funk und Fernsehen.

    Gemeinsamer Nenner ihrer Arbeiten und Aktivitäten ist die Achtung vor der Menschenwürde selbst unter widrigsten Umständen. Bereits im authentischen Kriegstagebuch der 12-16jährigen („… da gibts ein Wiedersehn“, 1981) wird deutlich, wie angesichts der Segnung der Waffen ihr Vertrauen in die Kirche schwindet und sich ihre anfängliche Begeisterung für die Sieger in Sorge um die Verlierer wandelt. Die Außenseiter der Gesellschaft – Zigeuner, Vagabunden, Heimatlose – sind es, für die sie ihre vielfältige künstlerische Begabung fortan einsetzte. Literatur und Tanz waren ihre Mittel, das Recht auch der Rechtlosen auf ein menschenwürdiges Dasein einzuklagen. So entwickelte sie|die eigenständige Form sozialkritischer pantomimischer „Tanzgeschichten“ („Vision eines Krieges“, „Blume im Hinterhof“), mit denen sie sich in Berlin einen Namen machte. In eindringlichen, unsentimentalen Romanen zeigte sie, wie das Leben auf der Landstraße als Schule sozialer Erfahrungen auch gegenseitige Achtung und Hilfe hervorbringt – etwa im Verhältnis von Eltern und Kindern („Michael Arpad und sein Kind“, 1930, mit eigenen Ill., 21981) oder im Verhalten einer Zigeunergemeinschaft zu politisch Verfolgten („Hüter des Bruders“, 1939, u. d. T. „Gesucht: Stepan Varescu“, 1971, zahlr. Überss.). Eine Gesamtwürdigung des verstreuten Werks von M. steht noch aus.|

  • Auszeichnungen

    Ehrengabe d. Stadt Zürich (1948, 1958, 1960), Kulturpreis d. Stadt Ascona (1980).

  • Werke

    Weitere W u. a. Ballade v. Elend, 1927 (Epos, mit Scherenschnitten d. Vf.);
    Kasperltheater, 1929 (Kinderbuch mit Zeichnungen d. Vf.);
    Wir verstummen nicht, Gedichte in d. Fremde, 1945 (mit L. Ajchenrand u. S. Hermlin);
    Die Steine, 1946 (Emigrationsroman);
    Das Leben ist hart, Drei Geschichten aus dem Tessin, 1954;
    Der weiße Zug, 1957 (Tier-Novellen);
    Weihnachten auf d. Hallig, 1957 (Erzz.);
    Bedenke, Mensch –, 1958 (Epos, mit 25 Phot. barocker Darst. d. ländl. Todes im Tessin v. R. Jenny);
    Ländl. Madonnen im Tessin, 1958 (Phot. v. dems);
    Gib mir noch Zeit zu lieben, 1970 (Weihnachtserzz.);
    Was die alte Anna Petrowna erzählt, 1970 (Erzz.);
    Der verzauberte Hase, 1971 (Erzz.);
    Drei Weihnachtsgeschichten, 1984 (mit Lebensber. in Stichworten, W-Verz.). – Interview: J. M. im Gespräch mit Theo Ott, in: Zeugen d. Jh., Zweites Dt. Fernsehen, 1987.

  • Literatur

    H. Teubner, Exilland Schweiz, Dokumentar. Ber. üb. d. Kampf emigrierter dt. Kommunisten 1933–45, 1975;
    W. Mittenzwei, Exil in d. Schweiz, 1978;
    K. Siebig, Ich geh' mit dem Jh. mit, Ernst Busch, 1980;
    K. Trappmann (Hrsg.), Landstraße, Kunden, Vagabunden, 1980;
    Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.), Wohnsitz: Nirgendwo, Ausst.kat. Berlin 1982 (P);
    W. Sternfeld u. E. Tiedemann, Dt. Exillit. 1933–45, 1970;
    R. Wall, Verbrannt, verboten, vergessen, 1988 (P);
    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Kürschner, Lit.-Kal. 1988;
    Killy. – Zu Leonard Steckel: Ch. Trilse u. a., Theaterlex., 1977;
    BHdE II.

  • Autor/in

    Helga Karrenbrock
  • Empfohlene Zitierweise

    Karrenbrock, Helga, "Mihaly, Jo" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 490-491 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582348.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA