Lebensdaten
1887 bis 1953
Geburtsort
Allenstein (Ostpreußen)
Sterbeort
San Francisco (USA)
Beruf/Funktion
Architekt
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11858071X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mendelsohn, Eric
  • Mendelsohn, Erich
  • Mendelsohn, Eric

Orte

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Zitierweise

Mendelsohn, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858071X.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V David (1854–1937), Kaufm.;
    M Emma Esther Jaruslawsky ( 1911);
    1915 Luise (1894–1980), Cellistin, T d. Ernst Maas, Tabakhändler in Mannheim, u. d. Rosa N. N. aus Königsberg;
    1 T.

  • Leben

    Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in Allenstein studierte M. Volkswirtschaft in München und dann seit 1908 Architektur in Berlin an der TH Charlottenburg sowie 1910-12 an der TH München, wo er bei Th. Fischer die Diplomprüfung ablegte. In München hatte er Kontakt zu den Künstlern des „Blauen Reiters“. Sein erster Bau, noch während des Studiums geplant, war die Jüdische Leichenhalle in Allenstein. Ende 1914 übersiedelte M. nach Berlin. Dort lernte er durch seine spätere Frau Luise Maas den Astrophysiker E. Findlay-Freundlich kennen, der ihn nach dem Krieg zum Bau des Einsteinturmes bei Potsdam anregen sollte. 1915-18 leistete er den Militärdienst an der Ost- und Westfront. M. hat in dieser Zeit viel skizziert, er nutzte die Pausen an der Front für ideale Architekturentwürfe, oft auf kleinsten Blättern, die zum großen Teil erhalten geblieben sind.

    Nach der Rückkehr aus dem Krieg eröffnete M. in Berlin-Westend ein Architekturbüro. Er gehörte zu den Begründern der „Novembergruppe“ und war Mitglied im „Arbeitsrat für Kunst“. Seine erste Ausstellung in der Galerie von Paul Cassirer, „Skizzen aus dem Schützengraben“, erregte Aufsehen. In den|Jahren um 1920 war M. einer der wenigen Architekten, die Aufträge erhielten und bedeutende Entwürfe ausführen konnten. Er schuf den Einsteinturm (1920) mit seiner visionären Vorwegnahme späterer Betonarchitektur, Fabrikbauten in Luckenwalde (1923, mit Richard Neutra) sowie den Um- und Erweiterungsbau des Berliner Verlagshauses Rudolf Mosse (1923, mit Neutra u. P. R. Henning). Hier gelang es ihm, einen wilhelminischen Bau so zu ergänzen, daß der Unterschied zwischen dem historistischen Prunkstil und der Dynamik der neuen Zeit deutlich wurde, ohne den Maßstab zu verletzen: eine große Geste, doch ohne Pathos. Zu seinen Großbauten im Berlin der 20er Jahre zählen die „Universum“-Gruppe (1931) am Lehniner Platz (Kurfürstendamm), mit der er in den Bereich großer Stadtbaukunst gelangt ist. Der Baukomplex umfaßte ein Großkino, einen Trakt mit Kabarett und Geschäften, Restaurants, anschließend Wohnblöcke in eher ruhigen Formen. Hier gelang M. eine dynamische Akzentuierung des Boulevards, die ohne expressionistischen „Aufschrei“ auskommt. Eine städtebaulich interessante Wirkung erzielte er auch mit dem Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes (1930) auf einem schwierigen, spitzwinkligen Grundstück. Wie ein Schiff beherrscht der Bau die Straßengabel und erweitert sie optisch zum Platz. Diese Bauten sind erhalten geblieben; der dritte Großbau, das Columbushaus (1932) am Potsdamer Platz, wurde im Krieg beschädigt und brannte bei den Ereignissen des 17. Juni 1953 aus. Einige Wohnhäuser stammen ebenfalls aus M.s Berliner Zeit, darunter sein eigenes Haus „Am Rupenhorn“ (1930). Für Salman Schocken errichtete M. Kaufhäuser in Nürnberg (1926, Umbau), Stuttgart (1928, 1960 zugunsten eines Neubaus von E. Eiermann abgebrochen) und in Chemnitz (1930), in Breslau das Kaufhaus Petersdorff (erhalten). – Während seiner Berliner Zeit unternahm M. Reisen in europ. Länder, nach Palästina und in die USA, wo er Frank Lloyd Wright begegnete, sowie in die Sowjetunion. Baupläne für die UdSSR zerschlugen sich.

    Anfang 1933 emigrierte M. über Holland nach England, wo er mit S. Chermayeff eine Partnerschaft einging. 1934 richtete er ein Zweigbüro in Jerusalem ein. Dort schuf er einige Großbauten, die gegenüber seinen deutschen Werken durch eine sachliche Straffheit gekennzeichnet sind, darunter Universitäts- und Institutsbauten, zwei Krankenhäuser, Wohnhäuser für S. Schocken (1936) sowie für den späteren israel. Präsidenten Chaim Weizmann (1936). 1939 siedelte er ganz nach Palästina über, doch persönliche Schwierigkeiten mit den dortigen Kollegen veranlaßten ihn 1941 zu erneuter Auswanderung in die USA, wo er sich 1945 in San Francisco niederließ. 1947 nahm er einen Lehrauftrag an der University of California in Berkeley an. In den USA führte er Anfang der 50er Jahre noch einige Bauten aus, darunter ein Krankenhaus, Synagogen und Institute.

    M.s Werk ist im wesentlichen der Berliner Avantgarde der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zuzuordnen. Es läßt sich jedoch mit keiner ihrer sehr unterschiedlichen Richtungen verbinden, auch nicht pauschal mit dem Expressionismus. M. spricht zwar von „organischer Architektur“, doch nicht im Sinne von Häring oder Scharoun. Besser ließe sich das frühe Werk mit dem – auch von ihm benutzten – Wort „Dynamik“ kennzeichnen. Bei seiner Arbeit ließ er sich gern von der Musik und ihren Gestaltungsprinzipien anregen. Seine späteren Bauten, besonders in Palästina, aber auch in den USA, sind straffer und disziplinierter gehalten als die früheren Arbeiten.

  • Werke

    Weitere W Doppelwohnhaus Karolingerplatz, Berlin, 1922;
    Haus Sternefeld, Berlin, 1924;
    Jüd. Friedhof Königsberg, 1929;
    Kurhaus in Bexhill-on-Sea, England, 1935 (mit Chermayeff);
    Hadassah-Univ.-krankenhaus, Jerusalem, 1939;
    Bibl. Schocken, 1936;
    Entwurf f. d. Hebräische Univ., Jerusalem, 1940;
    Bankgebäude, Jerusalem, 1939;
    Regierungshospital, Haifa, 1938;
    Synagogen St. Louis, 1953, Cleveland, 1952, Rapids, 1952, St. Paul, 1954;
    Maimonides Hospital, San Francisco, 1950;
    Wohnhaus Russel, San Francisco, 1951. – Nicht ausgeführtes Projekt: Mahnmal f. d. 6 Mill. jüd. Opfer d. Nationalsozialismus in New York (mit d. jugoslaw. Bildhauer Ivan Meštrović). – Schrr: Amerika, Bilderbuch e. Architekten, 1926;
    Rußland, Europa, Amerika, 1929;
    Three Lectures on Architecture, 1944;
    Briefe e. Architekten, hrsg. v. O. Beyer, 1961, 21991 (P);
    Der schöpfer. Sinn d. Krise, 1988.

  • Literatur

    L. Hilbersheimer, Großstadtarchitektur, 1927, 21978;
    L. Zahn, Berliner Architektur d. Nachkriegszeit, 1928;
    ders., E. M., Gesamtschaffen d. Architekten, 1930;
    E. Redslob u. A. Ozenfant, Neues Haus, Neue Welt, 1931;
    W. v. Eckardt, E. M., 1960;
    B. Zevi, L'architettura – Cronache e Storia, Skizzen in 25 Folgen, 1962-64;
    A. Whittick, E. M., 1964;
    M. Henning-Schefold u. L. Schaefer, Frühe Moderne in Berlin, 1967;
    R. Rave u. H. J. Knoefel, Bauen seit 1900 in Berlin, 1968;
    E. M., Ausst.kat. Berlin 1968;
    Berlin u. seine Bauten: Wohnungsbau, 1970, Industriebauten, Bürohäuser, 1971, Mehrfamilienhäuser, 1974, Einfamilienhäuser, 1975, Handel u. Gewerbe, 1978, Bauten f. d. Kunst, 1983;
    W. Pehnt, Die Architektur d. Expressionismus, 1973;
    ders., Das Ende d. Zuversicht, 1983;
    Ausst.kat. 5 Architekten aus 5 Jhh., 1976;
    Ausst.kat. Tendenzen d. 20er J., Berlin 1977;
    Reclam Kunstführer Dtld., VII: Berlin, 1977;
    Die Bau- u. Kunstdenkmäler d. DDR:|Bez. Potsdam, 1978, Hauptstadt Berlin I, 1983;
    G. Dehio, Hdb. d. dt. Kunstdenkmäler, Berlin (DDR), 1983;
    I. Heinze-Mühleib, E. M., Bauten u. Projekte in Palästina 1934–41, 1986;
    I. Heinze-Greenberg, E. M., in: W. Ribbe u. W. Schäche (Hrsg.), Baumeister, Architekten, Stadtplaner, 1987, S. 489-510 (W-Verz., P);
    E. M. 1887-1953, Ideen-Bauten-Projekte, Ausst.kat. Berlin 1987 (L, P);
    E. M., Architectural Drawings, Ausst.kat. Berlin, New York 1988;
    Altpr. Biogr. III;
    BHdE II;
    ThB;
    Vollmer.

  • Autor/in

    Günther Kühne
  • Empfohlene Zitierweise

    Kühne, Günther, "Mendelsohn, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 42-44 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858071X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA