Lebensdaten
1892 bis 1970
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wuppertal
Beruf/Funktion
Architekt ; Architekturschriftsteller
Konfession
jüdischer Vater
Normdaten
GND: 118734679 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neutra, Richard Joseph
  • Neutra, Richard
  • Neutra, Richard Joseph
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Aus dem Register von NDB/ADB

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Neutra, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118734679.html [15.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Samuel (1844–1920, isr.), aus Beregszász (Ungarn), Gießereibes. in Wien, S d. Wilhelm u. d. N. N.;
    M Elisabeth (1851–1905), aus Bisenz, T d. N. N. Glazer u. d. Regina N. N.;
    B Siegfried ( 1944 Los Angeles), Patentanwalt, Wilhelm (1876–1947), Psychiater in Wien, seit 1939 in New York;
    Schw Josephine (Pepi) (1886–1981, seit 1911 kath., Arpat Weixlgärtner), Bildhauerin, Illustratorin (s. BHdE II);
    Hagen 1922 Dione (1901–90), Cellistin, T d. Ing. Richard Niedermann u. d. Lilly Müller;
    3 S u. a. Dion (* 1926), Architekt, seit 1965 N.s Partner, Raymond (* 1939), Arzt;
    N Elisabeth Weixlgärtner (* 1912, 21 Karl Söderberg, 1893–1949, Violinist), Malerin, Textildesignerin (s. BHdE II).

  • Leben

    N., der bis 1908 das Sophiengymnasium besuchte und schon in seiner Jugend in den kulturellen Zirkeln Wiens verkehrte, studierte seit 1911 am Polytechnikum seiner Heimatstadt, konnte jedoch erst 1917, nach dem Militärdienst, sein Examen ablegen. Er beschäftigte sich intensiv mit der Architektur Otto Wagners (1841–1918) und Frank Lloyd Wrights (1869–1959). Am nachhaltigsten wurde er jedoch von seinem Lehrer Adolf Loos (1870–1933) beeinflußt. Nach einem Kuraufenthalt in der Schweiz arbeitete N. 1919/20 für den Landschaftsarchitekten Gustav Amman in Zürich und besuchte gleichzeitig das Entwurfsseminar Karl Mosers an der ETH. Danach fand er für einige Monate eine Anstellung bei „Wernli und Staeger“ in Wädenswil. Seit Frühjahr 1920 wieder in Wien, übersiedelte er, weil er keine Arbeit fand, Ende des Jahres nach Berlin, um für die Architekten Pinner und Neumann, seit Anfang 1921 im Büro Heinrich Straumers zu arbeiten. Von März bis Oktober war N. im Stadtbauamt Luckenwalde angestellt und trat danach in Berlin in das Büro von Erich Mendelsohn (1887–1953) ein. Dort überwachte er den Umbau des Gebäudes für das Berliner Tageblatt und bearbeitete ein Projekt in Gleiwitz (Schlesien) sowie Siedlungspläne für den Bauunternehmer Adolf Sommerfeld in Berlin-Zehlendorf. Zusammen mit Mendelsohn beteiligte sich N. erfolgreich am Wettbewerb für ein neues Zentrum von Haifa. Das Preisgeld bot ihm die Möglichkeit, im Oktober 1923 in die USA zu übersiedeln, was er bereits seit etwa 1910 aufgrund der Schilderungen von Loos und Rudolph Schindler (1887–1953), mit dem er von 1912 bis Ende der 20er Jahre befreundet war, plante.

    In New York arbeitete N. für den Architekten C. W. Short, dann für Maurice Courland. Anfang 1924 zog er nach Chicago, wo er eine Anstellung bei der angesehenen Firma „Holabird & Roche“ fand. Seine Erfahrungen dort publizierte er 1927 in dem Buch „Wie baut Amerika?“ (engl. 1974). N. lernte Louis H. Sullivan (1856–1924) kennen und traf bei dessen Beerdigung zum ersten Mal Wright. Im November 1924 zog er mit seiner Familie für ein paar Monate auf dessen Farm nach Taliesin (Wisconsin) und danach zu Schindler nach Hollywood. Dieser verschaffte ihm auch seinen ersten Auftrag: den Entwurf für einen Garten des gerade von ihm fertiggestellten Strandhauses des Naturheilarztes Philip Lovell. Zusammen mit Schindler beteiligte er sich 1926/27 – erfolglos – am Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf. Im übrigen arbeitete er für verschiedene Architekturbüros mit konventioneller Ausrichtung, sammelte Material für ein weiteres Buch (Amerika, Stilbildung d. Neuen Bauens in d. Vereinigten Staaten, 1930; engl. 1974) und begann die Arbeit an seinem Idealstadtprojekt „Rush City Reformed“. 1927 ging N. eine Partnerschaft mit dem Stadtplaner John Carol Arnovici ein. Seine erste große Aufgabe erhielt er, als Lovell ihn beauftragte, für seine Familie ein großes Haus in den Hügeln von Los Angeles zu bauen. Dieses Haus, dessen auskragende Balkone und große Terrassen die Horizontale unterstreichen, ermöglicht dank seines leichten Stahlskeletts eine großzügige Durchfensterung, die Innen- und Außenraum als Einheit erscheinen läßt. Diese meisterhafte Einbeziehung der Landschaft korrespondiert mit der kühlen Ästhetik des Gebäudes, für die N.s Name seitdem steht. Für Lovells Haus entwarf N. auch seine ersten Stahlrohrmöbel, u. a. den eleganten freischwingenden Cantilever Chair, dessen Herstellung 60 Jahre später von der ital. Firma Poveretti wieder aufgenommen wurde.

    Nach der Vollendung des Lovell-Hauses, das unter dem Namen „Health House“ bekannt wurde und – zusammen mit den beiden Büchern – N.s Ruhm begründete, begab er sich auf eine weltweite Vortragsreise, die ihn u. a. an das Bauhaus in Dessau führte, wo er im Sommer 1930 mit Studenten einen (nicht ausgeführten) Wettbewerbsentwurf für das Theater in Charkow erarbeitete. Seine Bauten waren auch auf der Ausstellung „The International Style“ zu sehen, die das Museum of Modern Art 1932 in New York zeigte – eine der ersten Gesamtdarstellungen der internationalen modernen Architektur. 1932/33 baute N. mit Unterstützung des Industriellen van der Leeuw in Silver Lake (Los Angeles) sein eigenes Haus (Research House, heute: Neutra-Institut), das mit der Betonung der Horizontalen und den großen Fensterfronten die charakteristische Leichtigkeit gewinnt, für die N.s Bauten, eingebunden in die sie umgebende Natur, bekannt bleiben sollten.

    Ende der 30er Jahre erhielt N., seit 1929 amerik. Staatsbürger, auch Staatsaufträge für Siedlungsprojekte, deren bekanntestes das von Channel Heights, Los Angeles, mit 600 Sozialwohnungen ist (1942). Hierbei standen für ihn das unmittelbare physische Wohlbefinden der Bewohner sowie niedrige Baupreise durch Verwendung vorgefertigter Teile im Vordergrund. 1949-59 ging N. eine Partnerschaft mit Robert E. Alexander (* 1907) ein, während der die größeren Projekte wie die amerik. Botschaft in Karachi (Pakistan, 1959) realisiert wurden. Beim Bau von Wohnhäusern setzte er nun verstärkt Ziegel und Verschalungen aus kaliforn. Redwood ein, wodurch sich das N. so wichtige Verhältnis des Bauwerks zur Landschaft weniger dramatisch gestaltete und die sorgsam überlegte Verbindung von Innen- und Außenraum sich vereinfachte. Durch die großen Glasflächen und schwellenlosen Übergänge bleiben seine Bauten jedoch transparent und behalten den Eindruck von Leichtigkeit.

    N., der sich selbst als „Biorealist“ bezeichnete, äußerte sich in zahlreichen Publikationen und Vorträgen zu Fragen der Architektur und besonders zu deren Stellenwert im Leben des Menschen. So plädierte er in „Survival Through Design“ (1954) für eine Veränderung der Welt durch Architektur. Gegen Ende seines Lebens mit Ehrungen geradezu überhäuft, lebte N. 1966-69 mit seiner Frau in Wien, dann wieder in Los Angeles. Bis zu seinem Lebensende rastlos auf Reisen, starb er in Wuppertal, wohin er zur Besichtigung eines seiner Häuser gekommen war.|

  • Auszeichnungen

    Zahlr. Auszeichnungen u. Ehrendoktorwürden; Ehrenbürger v. Wien (1958); Gr. BVK (1959).

  • Werke

    Weitere Schrr. u. a. Architecture Conditioned by Engineering, in: Architectural Record 66/3, 1929, S. 272-74;
    Aesthetics and the Open Air, in: Creative Art 4/2, 1930, S. 272 ff.;
    Regionalism in Architecture, in: Architectural Forum 70/2, 1939, S. 22 f.;
    Mysteries and Realities of the Site, 1951;
    Life and Human Habitat, 1956;
    Life and Shape, An autobiography, 1962;
    World and Dwelling, 1962;
    Naturnahes Bauen, 1970;
    Nature Near, Late Essays, 1989. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Richard J. Neutra Archive, Special Collections, Univ. Research Library, Univ. of California, Los Angeles.

  • Literatur

    H. R. Harrison. in: Pencil Points XVIII/7, 1937, S. 410-34;
    W. Boesiger (Hg.), R. N.: Bauten u. Projekte, 3 Bde., 1951-66 (engl., franz.);
    E. McCoy, R. N., 1960;
    T. Hines, R. N. and the Search for Modern Architecture, 1982 (W-Verz.);
    H. Marx, Deutsche in d. Neuen Welt, 1983 (P);
    Dion Neutra (S), R. N., Promise and Fulfillment, 1919–1932, 1986;
    R. Wandel-Hoefer, Zur Architektur R. N.s, Diss. Darmstadt 1989;
    M. Sack, R. N., 1992 (P);
    M. Boeckl (Hg.), Visionäre u. Vertriebene, Österr. Spuren in d. modernen amerik. Architektur, Ausst.kat. Wiener Kunsthalle, 1995 (Bibliogr.);
    Enc. Jud. 1971;
    Dict. of Art.

  • Autor/in

    Christian Wolsdorff
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolsdorff, Christian, "Neutra, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 187 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118734679.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA