Lebensdaten
1868 bis 1941
Geburtsort
Berlinchen (Neumark)
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Schachweltmeister
Konfession
jüdische Familie
Normdaten
GND: 118569872 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lasker, Emanuel
  • Lasker, E.
  • Lasker, Emanuil
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Lasker, Emanuel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118569872.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf, Kantor, S e. Rabbiners;
    M Rosalie Israelssohn;
    B Berthold ( Else L.-Schüler, s. 2);
    - Berlin 1911 Martha (* 1867), Schriftstellerin (als L. Marco, s. Brümmer), Wwe d. Emil Cohn ( 1910), T d. Jakob Bamberger (1825–1907), Kaufm. u. Bankier in Berlin, u. d. Lina Lesser; Schwager Georg Bamberger (1850–1934), Schriftsteller, Chefredakteur im Internat. Verlag in Berlin; 1 T.- Wohl entfernt verwandt mit Schachmeister Eduard Lasker (1885–1981).

  • Leben

    Nach dem Abitur in Landsberg/Warthe studierte L. in Berlin, Göttingen und Heidelberg Mathematik und Philosophie und promovierte 1900/02 in Erlangen mit „Ueber Reihen auf der Convergenzgrenze“. 1893 hatte er, schon Berufsschachspieler geworden, an der Tulane-Universität in New Orleans Vorlesungen über Differentialgleichungen gehalten und war 1901 ein Jahr Lektor an der Victoria-Universität in Manchester gewesen. Eine Laufbahn als Universitätslehrer verfolgte er jedoch nicht; trotz verschiedener längerer Turnierpausen war ihm seine Karriere als Schachmeister bedeutsamer. 1902 siedelte L. nach den USA über und kehrte 1907 nach Deutschland zurück. Er bewohnte und bewirtschaftete das kleine Gut Thyrow nahe Berlin. 1933 emigrierte L. nach der Machtergreifung durch Hitler aus Deutschland. Er hielt sich zunächst in Großbritannien auf und nahm 1935 das Angebot der Moskauer Akademie der Wissenschaften an, in der Sowjetunion seinen ständigen Wohnsitz zu nehmen und Mitglied der Akademie zu werden. Er arbeitete am Mathematischen Institut der Akademie. 1937 verließ L. Moskau und lebte bis zu seinem Tode in New York.

    L.s Schachkarriere begann 1889 mit einem geteilten ersten Platz im Hauptturnier von Breslau und einem 2. Platz in Amsterdam. Siege in den Turnieren in Berlin 1890 (1./2. mit seinem Bruder Berthold), London, März 1892, London, April 1892 (Fünfmeisterturnier) und New York 1893 sowie Wettkampfsiege gegen Jacques Mieses 1890 (+ 5, - 0, = 3), Henry Edward Bird 1890 (+ 7, - 2, = 3), J. H. Blackburne 1892 (+ 6, - 0, = 4) eröffneten die Möglichkeiten zu einem Wettkampf mit dem amtierenden Weltmeister Wilhelm Steinitz. L.s Erfolg 1894 mit dem Ergebnis +10, - 5, =4 war zahlenmäßig deutlich; Steinitz war zwar in der Tiefe und im strategischen Gehalt des Spiels überlegen, L. konnte jedoch die Auslassungen und Versehen seines alternden Gegners auf taktischer Ebene entscheidend ausnutzen. Den Rückkampf 1896/97 gewann L. noch eindeutiger mit + 10, - 2, =5. In den Turnieren von Petersburg 1895/96, Nürnberg 1896, London 1899 und Paris 1900 zeigte sich L. danach ebenso deutlich als der Weltbeste wie in den Wettkämpfen gegen Frank Marshall (1907) und Siegbert Tarrasch (1908; + 8, - 3, = 5). Dieser Sieg über Tarrasch war der Schlußpunkt einer sich über mehr als ein Jahrzehnt hinziehenden Rivalität um die Welt-Vormachtstellung im Schach. Tarrasch hatte in scharfen kritischen Aufsätzen und auch durch gute Turniererfolge nachzuweisen versucht, er brauche keinen anderen Spieler als über sich stehend anzuerkennen. L.s Erfolg am Brett war gleichzeitig ein Beweis der Überlegenheit seines unbefangenen praktischen Schachdenkens über die oft engstirnig angewandten dogmatischen Prinzipien Tarraschs. David Janowski war danach für L. in den beiden 1909 und 1910 ausgetragenen Wettkämpfen kein ebenbürtiger Gegner. Lediglich der Wettkampf gegen Carl Schlechter 1910 (+ 1, - 1, = 8) hing bis zu L.s Gewinn in der letzten Partie an einem seidenen Faden. Der Verlust gegen den 20 Jahre jüngeren José Raul Capablanca 1921 in dem für L. klimatisch ungünstigen Havanna (Abbruch durch L. bei +0, - 4, = 10) beendete L.s 27jährige Ära als Schachweltmeister. Die großartigen Turniererfolge in Mähr.-Ostrau 1923 (1.), New York 1924 (1.) und Moskau 1925 (2.) bestätigten L. als einen der noch immer weitbesten Schachmeister. Die folgende achtjährige Wettkampfpause war mit schriftstellerischen Arbeiten ausgefüllt. Als bedeutendstes Werk dieser Jahre zählt L.s „Lehrbuch des Schachspiels“: es ist keine im eigentlichen Sinne schachpädagogische Schrift für Anfänger oder Fortgeschrittene, sondern vielmehr eine im sprachlichen und gedanklichen Duktus komplizierte philosophische Überschau über das Schachspiel, seine Ideen, seine Tiefen und Schönheiten sowie eine eindringliche Würdigung der Prinzipien seines Vorgängers Steinitz. L.s gute Plätze in 4 Turnieren zwischen 1934 und 1936 bewiesen zum Schluß seiner Turnierkarriere das noch immer außerordentliche Können und die ungebrochene schöpferische Kraft des nahezu 70jährigen.

    L. war zutiefst davon überzeugt, daß sich das Schachspiel auf seiner höchsten Stufe grundlegend von Sport und Wissenschaft unterscheide und schon gar nicht nur anregende Unterhaltung sei: Schach stelle eine Kunst dar; der Schachmeister habe Anspruch auf die gleiche gesellschaftliche Anerkennung und materielle Geborgenheit wie der Künstler. Schach sah L. als Bewährungsfeld des Individuums, ja als Abbild alles Geschehens. Aus den Gesetzen des Schachkampfes wollte er die Gesetzmäßigkeiten des Lebenskampfes, die wissenschaftlich exakt erfaßbar seien, herleiten. Das von L. entwickelte Prinzip des „macheidischen Kampfes“ erweist sich als Vorläufer der modernen Spieltheorie. Eine eigene Schachschule hat L. nicht begründet. Aus den dogmatischen Lehren eines Steinitz und eines Tarrasch schälte er das für das praktische Spiel Wertvolle und Bleibende heraus. Seine pragmatische Hinwendung zum Spiel dürfte im Zusammenhang mit den sich über nahezu ein halbes Jahrhundert erstreckenden Turniererfolgen das Urteil rechtfertigen, L. sei der größte Turnierspieler gewesen, der bislang gelebt habe. Seine Deutung des Schachspiels als kämpferische Auseinandersetzung zweier Individualitäten brachte eine neue Schachauffassung: L., dessen schachliche Fähigkeiten am Brett, ob im Mittelspiel, ob im Endspiel, ob in der Verteidigung, ob im Angriff immer gleichermaßen universell waren, erkannte als erster, daß nicht nur die objektiven Merkmale einer Stellung, sondern auch die persönlichen Schwächen und Eigenheiten seines Gegners auszunutzen seien: der für den jeweiligen Gegner unangenehmste Zug sei zugleich der beste.

    L.s Arbeit „Zur Theorie der Moduln und Ideale“ (1905), in der der Begriff des Primideals geprägt wurde, gilt auch heute noch als bedeutender Beitrag zur Entwicklung der modernen Algebra. L. selbst hoffte, diese Theorie werde seinen Schachruhm lange überleben. Er besaß tiefe theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen in einer Reihe von Spielen wie Bridge und Go (1927 hatte er in Berlin eine „Schule für Verstandesspiele“ eröffnet) und war Erfinder eines neuen Brettspiels „Lasca“. In allen Spielen suchte er im Hin und Her der Zufälligkeiten den mathematischen, philosophischen und kulturgeschichtlichen Kern sichtbar zu machen.

  • Werke

    u. a. Mathemat. Schrr.: Über Reihen auf d. Convergenzgrenze, in: Philosophical Transactions, Series A, 196, 1901, S. 431-74;
    Zur Theorie d. Moduln u. Ideale, in: Mathemat. Ann. 60, 1905, S. 20-116, 607-08. - Phil. Schrr.:
    Kampf, 1907;
    Struggle, 1907;
    Das Begreifen d. Welt, 1913;
    Die Philos. d. Unvollendbar, 1919;
    Das verständige Kartenspiel, 1929 (engl. 1929);
    Brettspiele d. Völker, 1931;
    The Community of the Future, 1940.|- Schach-Schrr.: Common sense in chess, 1896 u. ö.;
    Gesunder Menschenverstand im Schach, 1925, 61929, neue Bearb. 1961, 51980 (russ. 1897, 1924, 1925;
    span. 1908, 21930, 1971;
    schwed. 1964;
    isländ. 1977);
    Der Schachwettkampf Lasker-Tarrasch, 1908, Nachdr. 1981;
    Der internat. Schachkongreß zu St. Petersburg 1909, 1909 (engl. 1910, 1971;
    russ. 1910);
    Mein Wettkampf mit Capablanca, 1922, 1924, 1926 (russ. 1925);
    Lehrb. d. Schachspiels, 1926, 81929, Nachdr. 41977 (russ. 1926, 61980;
    niederländ. 1927, 21930;
    engl. 1927 u. ö.;
    georg. 1952, 21958);
    Das Schachspiel, 1931 (niederländ. 1931. engl. 1934 u. ö., isländ. 1951, span. 1972);
    Kak Viktor stal šachmatnym masterom, 1973. -
    Hrsg.: London Chess Fortnightly 1-15, 1892/93;
    Lasker's Chess Mgz. 1-9, 1904-09;
    The Chess Player's Scrap Book 1-6/7, 1907;
    Schachwart, Jg. 1-2, 1913/14.

  • Literatur

    F. Reinfeld u. R. Fine, Dr. L.s chess career: part I, 1889-1914, 1935;
    J. Hannak, E. L., Biogr. e. Schachweltmeisters, 1952, 31970 (engl. 1959; P);
    Coria, Valentin y Luis Palau: Las grandes partidas de E. L., 1953, 21960;
    J. Gilchrist, The games of E. L. chess champion I-II, 1955/58, III, ed. K. Whyld, 1976;
    L. Rellstab, Dr. E. L., 573 Partien, 1958;
    V. G. Zak, L., 1963;
    B. Hörberg u. J. Westberg, E. L., 1964;
    G. Klaus, E. L., e. phil. Vorläufer d. Spieltheorie, in: Dt. Zs. f. Philos. 13, 1965, S. 976-88;
    ders., in: FIDE 13, 1965, S. 42-47;
    G. Barcza, L., in: Barcza, Alföldy, Kapu, Die Weltmeister d. Schachspiels I, 1975, S. 162-213;
    B. S. Vajnštejn, Myslitel', 1981;
    Pogg. IV-VI, VII b.

  • Autor/in

    Egbert Meissenburg
  • Empfohlene Zitierweise

    Meissenburg, Egbert, "Lasker, Emanuel" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 650-652 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118569872.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA