Lebensdaten
1888 bis 1963
Geburtsort
Neiße (Oberschlesien)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Revolutionär
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118558757 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reinelt, Johannes (Pseudonym)
  • Renard, Paul (Pseudonym)
  • Larsz, Franz (Pseudonym)
  • mehr

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Zitierweise

Jung, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558757.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz (1853–1926), aus Seiffersdorf, Uhrmacher, Stadtrat in N.;
    M Clara ( 1922), T d. Josef Döring, Metteur d. „Schles. Ztg.“ in Breslau;
    1) N. N., 2) Claire N. N.;
    1 S aus 1).

  • Leben

    J. studierte 1907-12 ohne Abschluß Nationalökonomie und Jura in Leipzig, Jena, Breslau und, nach einer Unterbrechung durch Tätigkeit als Handelsjournalist in Berlin 1910/11, in München. Hier hatte er Kontakt zur Bohème, veröffentlichte erste expressionistische Prosastücke und schloß sich der anarchistischen „Gruppe Tat“, einer Ortsgruppe von Gustav Landauers „Sozialistischem Bund“ an. 1913 übersiedelte er nach Berlin, wo er zum Kreis um Franz Pfemfert gehörte, für dessen „Aktion“ er bis 1921 ständig schrieb (u. a. Initiator der von der „Aktion“ gestarteten Kampagne zur Freilassung des widerrechtlich inhaftierten österr. Psychoanalytikers Otto Groß). Zu Beginn des 1. Weltkrieges meldete J. sich freiwillig mit dem Ziel subversiver Tätigkeit, desertierte 1915 nach Teilnahme an der Schlacht bei Tannenberg über Berlin nach Wien; hier wurde er festgenommen und nach Spandau gebracht. Er simulierte Wahnsinn und wurde in die Irrenanstalt Dalldorf bei Berlin eingewiesen. Nach seiner Freilassung arbeitete er für verschiedene Handelskorrespondenzen, gab 1915-17 zusammen mit R. Oehring, Gg. Schrimpf, O. M. Graf und O. Groß die Zeitschrift „Freie Straße“ heraus, schrieb 1917/18 für die „Neue Jugend“ und war 1918 Mitunterzeichner des „Dadaistischen Manifestes“. An der Novemberrevolution nahm J., der illegal für den Spartakus-Bund gearbeitet hatte, aktiv teil (Besetzung des Wolffschen Telegraphen-Büros); er trat 1919 der KPD bei, beteiligte sich an den Januar-Kämpfen in Berlin (Besetzung des Mosse-Hauses) und leistete Agitationsarbeit für die KPD, zu deren linksradikaler Fraktion er gehörte. Nach dem Ausschluß dieser Gruppe aus der Partei war J. 1920 maßgeblich an der Gründung der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) beteiligt und wurde zusammen mit Jan Appel nach Moskau delegiert, um die Aufnahme der KAPD in die „Komintern“ zu erreichen (Aufnahme als Gast mit allen Rechten, was aber von der Partei in Deutschland abgelehnt wurde). Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er wegen Schiffsraubs (für die Reise nach Rußland war ein Fischdampfer gekapert worden) in Fuhlsbüttel und Cuxhaven inhaftiert. Eine gemeinsame Kampagne von KPD und KAPD (Appellation Paul Levis im Reichstag) führte im März 1921 zu seiner Freilassung. J. beteiligte sich am Märzaufstand im Mansfeldischen, floh nach dessen Niederschlagung nach Holland, wo er in Breda inhaftiert und in die Sowjetunion abgeschoben wurde. Hier leistete er bis 1924 organisatorische und praktische Aufbauarbeit, für die er auch durch Veröffentlichungen und Aufrufe in Deutschland Unterstützung suchte (Tätigkeit in der Internationalen Arbeiter-Hilfe [IAH], während der Hungersnot an der Wolga 1922|Mitglied einer Untersuchungskommission in Saratow, Aufbau einer Zündholzfabrik in Shudowa und einer Werkzeugfabrik in Petrograd). 1924–28, bis zur Hindenburg-Amnestie, lebte J. illegal unter dem Namen Franz Larsz in Deutschland, war zunächst Mitarbeiter am kommunistischen Verlag für Literatur und Politik, im Sommer 1924 Handelsjournalist in London, dann Handelskorrespondent für verschiedene Agenturen und Herausgeber eigener Handelskorrespondenzen. Literarisch wandte er sich mit schnell geschriebenen Stücken dem Theater zu (seit 1927 Mitarbeiter am Studio der Piscator-Bühne in Berlin, Aufführung eigener Stücke dort und in Dresden, 1929 Dramaturg bei Piscator am Wallner-Theater). 1931/32 gab er die Zeitschrift „Der Gegner“ heraus. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 redigierte er zusammen mit Alexander Schwab einen „Pressedienst für Wiederaufbau“. J. unterhielt Kontakte zur antifaschistischen Widerstandsorganisation „Rote Kämpfer“ und gleichzeitig zum Kreis um Canaris. Die Zerschlagung der „Roten Kämpfer“ führte 1936 auch zu seiner Verhaftung, doch kam er – vermutlich durch Intervention des Reichskriegsministeriums (Canaris) – wieder frei und ging über Prag, Wien und Genf als Versicherungsagent nach Budapest, wo er als Informant für die Abwehr von Canaris tätig war und gleichzeitig im antifaschistischen Untergrund arbeitete (u. a. Mitarbeit an den „Grünen Berichten“ der illegalen SPD). 1944 von den Pfeilkreuzlern verhaftet und zum Tode verurteilt, gelang ihm die Flucht, doch wurde er vom Sicherheitsdienst aufgegriffen und Anfang 1945 im KZ Bozen inhaftiert. Dort wurde er von amerikan. Truppen befreit und lebte bis 1948 in Fregene in Italien. Von dort aus ging er 1948 in die USA, wo er sich nur mühsam als Korrespondent verschiedener Handels-Agenturen durchschlagen konnte. 1960 kehrte er in die Bundesrepublik Deutschland zurück.

    Als Schriftsteller debutierte J. mit stark autobiographisch getönter expressionistischer Prosa, versuchte dann 1920-24, während seiner „roten Jahre“, mit Berichten, Reportagen und aus der Perspektive der Massen erzählten Romanen, eine revolutionäre Arbeiterliteratur zu begründen, und zog sich schließlich mit den letzten vor der Emigration entstandenen Werken resignierend in bloße Sozialkritik zurück. Obwohl er sich sein Leben lang als radikaler Außenseiter stilisierte, traf er die jeweilige literarische Richtung so genau, daß nach dem 2. Weltkrieg seine entsprechenden Arbeiten als charakteristische Beispiele für den Expressionismus, die „Neue Sachlichkeit“ und – zuletzt – für die revolutionäre Arbeiterliteratur wiederentdeckt werden konnten. Seine Erinnerungen „Der Weg nach unten“ (1961, Neuaufl. u. d. T. „Der Torpedokäfer“, 1972) sind eindringlicher Bericht über sein chaotisches Leben und über den in Resignation endenden Versuch, aus kleinbürgerlicher Protesthaltung und sozialer Desintegration herauszukommen durch aktive Teilnahme am Emanzipationskampf des Proletariats. Darüber hinaus enthalten sie eine Fülle von Daten und Fakten zur Literatur und Politik in der Zeit zwischen 1910 und 1945.

  • Werke

    Weitere W Romane: Kameraden, 1913;
    Sophie, 1915;
    Opferung, 1916;
    Der Sprung aus d. Welt, 1918;
    Reise in Rußland, 1920;
    Joe Frank illustriert d. Welt, 1921, Neuaufl. 1973 (hrsg. u. eingel. v. W. Fähnders, H. Karrenbrock u. M. Rector);
    Die rote Woche, 1921;
    Die Eroberung d. Maschinen, 1923;
    Hausierer, 1931. -
    Erzz. u. Novellen: Das Trottelbuch, 1912;
    Gnadenreiche unsere Königin, 1918;
    Der Fall Gross, 1921;
    Proletarier, 1921. -
    Schauspiele: Saul, 1916;
    Die Kanaker, 1921;
    Wie lange noch, 1921;
    Annemarie, 1923;
    Legende, 1927;
    Heimweh, 1928;
    Der verlorene Sohn, 1928;
    The way home, 1949. -
    Berr. u. Essays: Die Technik d. Glücks, 1921;
    Hunger an d. Wolga, 1922;
    An die Arbeitsfront nach Sowjetrußland, 1922;
    Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht!, 1923;
    Die Gesch. e. Fabrik, 1924;
    Der neue Mensch im neuen Rußland, 1924;
    Das geistige Rußland v. heute, 1924. -
    Hrsg.: Jack London, e. Dichter d. Arbeiterklasse.

  • Literatur

    P. Rilla, Üb. F. J., in: Der Osten, NF 1, 1919;
    M. Hermann-Neiße, F. J.s neues Schaffen, in: Die Aktion 11, 1921;
    K. Pinthus, Gesch. e. Außenseiters, in: Aufbau, New York v. 1.2.1963;
    O. Ihlau, Die roten Kämpfer, 1969;
    H. Denkler, Der Fall F. J., Beobachtungen z. Vorgesch. d. „Neuen Sachlichkeit“, in: Die sog. zwanziger Jahre, 1970;
    A. Imhof, F. J., Leben u. Werk, Diss. Freiburg/Schweiz 1971;
    Internat. Bibliogr. z. Gesch. d. dt. Lit. v. d. Anfängen b. z. Gegenwart II, 2, 1972 (L);
    Index Expressionismus II, 1972 (W);
    Kürschner, Lit.-Kal., Nekr. 1936-70 (W);
    Kosch, Lit.-Lex. (W);
    H. Schwab-Felisch, in: Kunisch (W);
    G. v. Wilpert, Literatur in Bildern, Dt. Dichterlex., 1963.

  • Portraits

    Zeichnung v. E. Stumpp, in: Das Viermännerbuch, 1929.

  • Autor/in

    Martin Glaubrecht
  • Empfohlene Zitierweise

    Glaubrecht, Martin, "Jung, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 671-672 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118558757.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA