Lebensdaten
1788 bis 1865
Geburtsort
Altergarten Gemeinde Bodnegg bei Ravensburg
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
katholischer Theologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118551531 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hirscher, Johann Baptist (bis 1836)
  • Hirscher, Johann Baptist von
  • Hirscher, Johann Baptist (bis 1836)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Hirscher, Johann Baptist von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551531.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (1764–1824), Bauer, S d. Bauern Joh. Georg u. d. Theresia Pfau;
    M Johanna (1762–1824), T d. Bauern Jakob Marschall in A. u. d. Elisabetha Knitz.

  • Leben

    H. studierte 1807/09 in Freiburg im Breisgau Theologie (Priesterweihe 1810 in Meersburg). Nach 2jähriger Tätigkeit in der Seelsorge wurde er 1812 Repetent am Priesterseminar in Ellwangen, 1817 Professor der Moral- und Pastoraltheologie in Tübingen und 1837 für Moraltheologie und Religionslehre in Freiburg im Breisgau Er war an der Gründung der für die Theologie des 19. Jahrhunderts bedeutungsvollen „Theologischen Quartalschrift“ (1819) beteiligt. Neben J. S. Drey und Johann Adam Möhler wurde H. als Vertreter der Moral- und Pastoraltheologie einer der Mitbegründer der „Tübinger Schule“. Schon früh stand er unter dem Einfluß seines Gönners Wessenberg. Der Geist J. M. Sailers und die heilsgeschichtliche Theologie E. Klüpfels haben H. stark beeinflußt. Er war aber auch schon früh der Aufklärung begegnet und der entarteten Scholastik seiner Zeit, gegen die sich seine Programmschrift „Über das Verhältnis des Evangeliums zu der theologischen Scholastik“ (1823) richtet. Seine Schrift „Missae genuinam notionem …“ (1822), in der er die Notwendigkeit einer Meßreform darlegte und praktische Vorschläge entwickelte, wurde indiziert. – H.s Hauptwerke sind um die „Reich-Gottes-Idee“ konzentriert. „Die Verwirklichung des Reiches Gottes in der Menschheit“ bezeichnet er als die eine große Idee, die allen kirchlichen Lebensäußerungen zugrunde liegt. Er erstrebt die Erneuerung des kirchlichen Lebens in Verkündigung, Liturgie, Caritas, Mission und Organisationsformen. Seine viel beachtete „Katechetik…“ (1831, 41840) und sein „Katechismus…“ (1842, und öfters bis 1860) berücksichtigen in starkem Maße das Werden des Glaubens und der sittlichen Grundlage. Sein bedeutendstes Werk, die „Christliche Moral als Lehre von der Verwirklichung des göttlichen Reiches in der Menschheit“ (3 Bände, 1835, 51851), ist heilsgeschichtlich und deskriptiv angelegt, betont die Prozeßhaftigkeit christlichen Lebens und den ekklesiologischen sowie den theozentrischen Charakter christlicher Sittlichkeit.

    Sein weitgespanntes kirchliches Reformprogramm umfaßte unter anderem eine Neuordnung der theologischen Studien, die Beteiligung von Laien an Diözesansynoden, den Gebrauch der deutschen Sprache im Gottesdienst und gemeinsame Bußfeiern als gleichberechtigt mit der Einzelbeichte. Bemerkenswert ist das starke Interesse H.s am öffentlichen Leben. Seine Schrift „Die kirchlichen Zustände der Gegenwart“ (1849), ein Aufruf an die für das kirchliche Leben in Deutschland verantwortlichen Männer, löste lebhafte Diskussionen und Proteste aus. Gegenüber einer starken Betonung des Amtes weist H. auf den neutestamentlichen Grundsatz der Berechtigung jeder vorhandenen Tüchtigkeit zum Mitsprechen hin. Die in Klerus und Laienstand einer Diözese vorhandenen Kräfte christlicher Erkenntnis, reicher Erfahrung und praktischer Klugheit sollten durch Diözesansynoden fruchtbar gemacht werden. Die Schrift wurde 1849 indiziert. H. unterwarf sich, forderte aber in einer Gegenschrift im Interesse der katholischen Wissenschaft und ihrer Regsamkeit die nötige Freiheit der Forschung und Meinungsäußerung.

    H.s Werk konnte sich in seiner Zeit nicht durchsetzen. Er scheiterte nicht zuletzt aufgrund jenes umfassenden Angriffes, den Josef Kleutgen seit 1853 gegen ihn eröffnete. Erst im Zuge heutiger pastoral- und moraltheologischer Neubesinnung ist das Anliegen H.s stärker zum Zuge gekommen. Als Anwalt christlicher Heilerziehung hat H. mehrere Waisenhäuser gestiftet und dafür seine wertvolle Kunstsammlung geopfert.

  • Werke

    Weitere W u. a. Betrachtungen üb. d. sonntägl. Evangelien d. Kirchenjahres, 2 T., 1837, 61862;
    Die soz. Zustände d. Gegenwart u. d. Kirche, 1849.

  • Literatur

    ADB XII;
    A. Exeler, Eine Frohbotschaft vom christl. Leben, 1959 (W, L);
    J. Rief, Reich Gottes u. Ges. nach Joh. Seb. Drey u. J. B. H., 1965;
    J. Stelzenberger, Das Menschenbild J. B. H.s, in: Theol. u. Wandel, Festschr. z. 150j. Bestehen d. Kath.-Theol. Fak. d. Univ. Tübingen 1817-1967, 1967;
    J. Dorneich, Die Reformschrr. v. J. B. v. H. 1848-1850, in: Kurtrier. Jb. 8, 1968, S. 276, A 5;
    LThK (W, L);
    W. Nastainczyk, J. B. H.s Btr. z. Heilpäd., 1957;
    E. Scharl, Freiheit u. Gesetz, 1958;
    E. Keller, J. B. H., 1969;
    RGG.

  • Portraits

    Ölgem. v. S. Luz (Freiburg, Städt. Slgg.);
    Lith. (ebd.), Abb. in: S. Merkle u. B. Beß, Rel. Erzieher d. kath. Kirche, 1920, S. 240;
    Marmorbüste v. H.s Grab v. A. Knittel (Freiburg, Diözesanmus.).

  • Autor/in

    Adolf Exeler
  • Empfohlene Zitierweise

    Exeler, Adolf, "Hirscher, Johann Baptist von" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 222 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551531.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hirscher: Johann Baptist H., nächst Möhler der berühmteste und wirksamste katholische Theolog in neuerer Zeit, geb. 1788 in Alt-Ergarten im Würtemb. O. A. Ravensburg, seit 1812 Repetent an der theologischen Facultät und dem|Seminar zu Ellwangen, seit 1817 Professor der christlichen Moral in der katholischtheologischen Fakultät in Tübingen und seit 1837 Professor der Moral und Religionslehre in Freiburg, auch 1840 Mitglied des erzbischöflichen Domcapitels und 1850 Decan desselben, am 5. September 1865; erwarb seinen Namen vornehmlich durch zwei Schriften: „Die christliche Moral als Lehre von der Verwirklichung des göttlichen Reiches in der Menschheit", 3 Bde. 1835—36, 5. Aufl. 1850—51, und „Die kirchlichen Zustände der Gegenwart", 1849. Sehr verwandt mit der ersteren, die dadurch gewissermaßen verbreitet wurde, war auch seine „Kutechetik“, 1831, 4. Aufl. 1840, die zu ihrem Gefolge auch einen Katechismus hatte. Seine übrigen Schriften behandelten einzelne Theile des Cultus, meistentheils in erbaulichem Sinne, mehrfach auch Polemisches enthaltend, nämlich sein „Büchlein über die Messe“, 1822 (lat., später ins Deutsche übersetzt von K. F. Diepold, 1838); „Ueber das Verhältniß des Evangeliums zu der theologischen Scholastik unserer Zeit", 1823; „Ansichten von dem Jubiläum", 1826, 2. Aufl. u. d. T. „Die katholische Lehre vom Ablaß", 1829, 5. Aufl. 1841; „Betrachtungen über die sämmtlichen Evangelien der Fasten", 1829, 7. Aufl. 1843; „Betrachtungen über die sämmtlichen Evangelien des Kirchenjahres“, 1837, 4. Aufl. 1844; „Die Geschichte des Lebens Jesu Christi“, 3. Aufl. 1840. Schon die vielen Auflagen, welche die meisten dieser Bücher erlebten, zeigen, welch guten Anklang sie in dem Leserkreis fanden, für den sie bestimmt waren. Wir alle Bücher, hatte er auch seine Moral für gebildete Leser geschrieben, nicht für Gelehrte, und auch nicht eigentlich für Studirende, obwol er dafür sorgte, daß diese doch ein vollständiges Handbuch der christlichen Moral, wie sie es für ihre näheren Zwecke bedurften, in die Hände bekamen. Ihm war es vor Allem um Einheit der Darstellung und organische Gliederung des Ganzen zu thun, weniger um Haarscharte Sonderung und Aufzählung alles Einzelnen. Viele Eintheilungen, die sich in anderen Handbüchern fanden, z. B. zwischen allgemeiner Moral und besonderer oder angewandter Moral, zwischen Moral und Afcetik etc. fielen hier ganz weg; ebenso auch jede Erörterung von speciellen Streitfragen, jede Casuistik, jede specielle Auszählung und Definition von Pflichten, Tugenden und Lastern; es war ihm genug zu zeigen, was Tugend und Laster, Gutes und Büses überhaupt und in ihrer Steigerung wie allmählichen Ueberwindung sei, indem er Alles in seiner lebendigen Einheit und Entwicklung zeigte, und dabei die Dreiheit: Anfang, Mitte und Ende zu Grunde legte. Er handelte nämlich zuerst von der Idee des Reiches Gottes und dann von seiner Verwirklichung in der Menschheit, wobei er zwei Stufen unterschied, das Werden und die Vollendung. Er knüpft dabei die Moral enge an die Dogmatik an, indem er sie überhaupt nur als umgewandte Dogmatik bezeichnete. Er schilderte das christliche Leben, indem er zugleich sich ganz in seiner Confession hielt, aber ohne Polemik und ohne Hervorhebung irgend einer schroffen Seite. Dadurch erreichte er im Ganzen den Eindruck der Erhabenheit, den sein Buch auf die Leser machte, jedoch so, daß man freilich manche besondere Belehrung, die man in einer Moral etwa zu finden hofft, vermißt, nicht als ob sie in seinen Gedanken etwa gefehlt, sondern als ob er sie vielmehr absichtlich verschwiegen habe. In seinen Principien nämlich liegt offenbar viel mehr, als er in seinen Folgerungen deutlich ausgesprochen hat. — Gewissermaßen das Gegentheil oder vielmehr die Ergänzung seiner Moral liegt in seinem anderen Buche, den kirchlichen Zuständen der Gegenwart. Er trägt hier die Wünsche vor, die Deutschland zur Zeit vornehmlich an dir römische Hierarchie gestellt hat, mit einer Offenheit und Schärfe, die nichts zu wünschen übrig läßt. Dies machte großes Aufsehen und gewann dem Buche in einem Theile der Leserwelt große Beliebtheit, in einem Theile aber großen Haß und drohte dem Verfasser, der eben damals Domdecan werden sollte,|noch Persönliche Unannehmlichkeiten zu bereiten. Diese wurden jedoch alsbald beschwichtigt durch eine Erklärung des Verfassers, welche fast wie ein Widerruf aussah und jedenfalls so aufgefaßt wurde, dieses aber in der That weder war noch sein sollte, vielmehr die Bedingung, unter der sie ausgesprochen wurde, deutlich genug enthielt. In Privatgesprächen berief er sich auf die zwanzig Jahre nach ihm, dann werde man sehen, daß er wahr gesprochen habe. Und so war es wirklich.

    • Korrektur

      Korrektur: Vgl. J. B. v. Hirscher's nachgelassene kleinere Schriften. Mit biographischen Notizen [und einem Verzeichniß von Hirscher's Werken] von H. Rolfus, 1868. Ein ausführlicherer Nekrolog von Mack in der Tübinger Theol. Quartalschr. 1866, S. 298.

  • Autor/in

    Lutterbeck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Lutterbeck, "Hirscher, Johann Baptist von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 470-472 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551531.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA