Lebensdaten
1809 bis 1885
Geburtsort
Fürth (Bayern)
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Mediziner ; Professor der Anatomie in Göttingen ; Pathologe ; Hofrat ; Geheimer Obermedizinalrat
Konfession
jüdisch?,evangelisch
Normdaten
GND: 118549154 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Henle, Friedrich Gustav Jakob
  • Henle, Jacob
  • Henle, Jakob
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Zitierweise

Henle, Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549154.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Simon Wolf Jac., n. Taufe (1821) Wilhelm (1782–1856), Kaufm., seit 1815 in Mainz, S d. Jak. Nehemias (s. Einl.) u. d. Regina Dispecker;
    M Sophie (um 1786–1836), T d. David Toel Dispekker, Landesrabbiner in Bayreuth;
    Schw Johanna ( Adolph Schöll, 1805–82, Prof. d. Archäol., Bibliothekar, s. ADB 32);
    - 1) Trier 1846 Elisabeth Egloff ( 1848), aus Zürich, 2) Kiel 1849 Marie, T d. Obersten Richter ( 1866);
    1 S, 1 T aus 1) Carl (* 1846), Landgerichtspräs., Elise ( Franz Rühl, 1845–1916, Prof. d. Alten Gesch. in Königsberg), 1 S, 3 T aus 2), u. a. Adolf (* 1864), Prof. d. Chirurgie in Heidelberg, Anna ( Frdr. Merkel, 1845–1919, Prof. d. Anatomie in G.), Sophie ( Heinr. Ulmann, 1841–1931, Prof. d. Gesch. in Dorpat u. Greifswald);
    E Rudolf (1879–1941), Prof. d. Rechte in Rostock (s. Kürschner, Gel.-Kal.), Alfred Rühl (1882–1935), Prof. d. Geogr. in Berlin, Paul Merkel ( 1943), Prof. d. Rechte in Greifswald;
    N Rudolf Schöll (1844–93), Prof. d. klass. Philol. (s. ADB 54), Friedrich Schöll (1850–1919), Prof. d. klass. Philol.;
    Groß-N Franz (s. 1).

  • Leben

    H. studierte Medizin in Bonn und Heidelberg, in freundschaftlichem Konnex mit dem Physiologen Johannes Müller, dessen Prosektor er 1834 in Berlin geworden ist. Als Anatomieprofessor wirkte er in Zürich seit 1840, in Heidelberg seit 1844, in Göttingen seit 1852.

    Schon seine Dissertation (Bonn 1832) über die Pupillarmembran mit Gesamtbeschreibung der Gefäße des Glaskörpers und der Linse erwies ihn als meisterhaften feinanatomischen Untersucher. Mikroskopische Studien im Kreis von Johannes Müller vermittelten ihm die ersten Erkenntnisse vom zelligen Wesen der Epithelgewebe (1835 ff.); auch war er betraut mit Untersuchungen vergleichend anatomischer Natur, deren Ergebnisse er zum Teil gemeinsam mit Johannes Müller veröffentlichte. Da H. in die Demagogenverfolgung jener Jahre verstrickt war, verzögerte sich seine Habilitation (1837 Berlin), die dem Wesen des Epithels der Darmzotten galt. – Aus fortlaufend kritischer Berichterstattung über literarische Neuerscheinungen auf anatomischem, physiologischem und pathologischem Gebiet entstanden in gedanklicher Arbeit, ohne vorausgegangene eigene Versuche, jene „Pathologischen Untersuchungen“ (1840), in denen er geradezu seherisch das Wesen der als kontagiös-miasmatisch bezeichneten Krankheiten erfaßt und der kommenden Lehre von Infektion und Infektionskrankheiten den Weg bereitet hat. Auch die Auffassung von Krankheit ganz allgemein im Sinn einer reaktiven physiologischen Erscheinungskette nach störender Einwirkung auf Lebensfunktionen des Patienten kam da zum Ausdruck; beide Probleme sind eingehend in H.s „Handbuch der rationellen Pathologie“ behandelt (1846-53, 1855), während die mit Karl Pfeufer herausgegebene „Zeitschrift für rationelle Pathologie“ (1844-69) der Absicht dienen sollte, spekulativ-physiologische Deutungen des Pathologischen durch naturwissenschaftlich prüfbare Facta zu ersetzen. – H.s bekannte „Allgemeine Pathologie“, bezeichnet als „Lehre von den Mischungs- und Formbestandteilen des menschlichen Körpers“ (1841), führte die histologische Betrachtungsweise in die anatomische Methodik ein. Dem entspricht als Einzelwerk, bearbeitet in Gemeinschaft mit seinem Prosektor Alb. Kölliker, das Buch „Über die Pacini-Körperchen an den Nerven des Menschen und der Säugetiere“ (1844). Systematischer Darstellung der Anatomie des Menschen diente er 1855-79 in einem reich bebilderten, dreibändigen Handbuch. Seinen Namen tragen schleifenartige Abschnitte der Harnkanälchen, deren topischen Verlauf er 1862 klären konnte.

    H. war ein ausgezeichneter Beobachter und scharfsinniger Forscher; er schrieb klar und diskutierte sehr schlagfertig, aber nicht immer erfolgreich, so in der Bindegewebsfrage mit Rudolf/Rudolph Virchow; gleichwohl kommt ihm das Verdienst zu, durch streng methodischen Einbezug der mikroskopischen Schau in die anatomische Forschung dies Wissenschaftsgebiet neu geordnet und befruchtet zu haben. Als Lehrer erfreute er sich hohen Rufes. Als Mensch verkörperte er den Typ einer feingebildeten, familiären, freundschaftlichen Natur.

  • Werke

    Weitere W u. a. Über Narcine, e. neue Gattung elektr. Rochen, 1834;
    Gallenblase (Cylinderepithel), in: Enzyklopäd. Wb. d. med. Wiss. XIII, 1835;
    Symbolae ad anatomiam villorum intestinalium inprimis eorum epithelii et vasorum lacteorum, 1837;
    Über Enchytraeus, e. neue Annelidengattung, in: Müllers Archiv, 1837, S. 74;
    On the generic character of cartilag. fishes, in: The Mgz. of Natural Hist. …, N. S. 2, London 1838, S. 33-37, 88-91 (mit Johs. Müller);
    Patholog. Unterss., 1840;
    Systemat. Beschreibung d. Plagiostomen, 1841 (mit dems.);
    Allg. Anatomie, 1841;
    Zur Anatomie d. Niere, in: Abhh. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen X, 1862, S. 223;
    Wachstum d. menschl. Nagels u. d. Pferdehufs, ebd. 31, 1884.

  • Literatur

    ADB 50;
    W. Flemming, in: Biol. Zbl. 5, 1885/86, S. 289;
    W. Waldeyer, in: Archiv f. mikroskop. Anatomie 26, 1886, S. I-XXXII (P);
    F. Merkel [Schwieger-S], J. H., e. dt. Gel.leben, 1891 (P);
    W. Henke, in: Archiv f. Anatomie u. Entwicklungsgesch., Anatom. Abt., 1892, S. 1;
    A. Kußmaul, Jugenderinnerungen e. alten Arztes, 1899;
    G. Fischer, Aus meinem Leben, 1921, S. 19;
    H. Hoepke, in: Heidelberger Jb. V, 1961, S. 114, VII, 1963, S. 137. IX, 1965, S. 65;
    W. Artelt, in: H. Freund u. A. Berg, Gesch. d. Mikroskopie II, 1964, S. 147 (P);
    BLÄ.

  • Portraits

    Marmorbüste v. F. Hartzer, 1882 (Anatom. Inst. d. Univ. Göttingen).

  • Autor/in

    Georg B. Gruber
  • Empfohlene Zitierweise

    Gruber, Georg B., "Henle, Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 531-532 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549154.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Henle: Friedrich Gustav Jacob H., der große Göttinger Anatom und Patholog, stammte aus Fürth in Franken, wo er von jüdischen, später zum Christenthum übergetretenen Eltern am 19. Juli 1809 geboren wurde. Von 1827—32 an den Universitäten Bonn und Heidelberg ausgebildet — an ersterer als Lieblingsschüler von Johannes Müller, dem nachmaligen großen Haupt einer besonderen physiologischen Schule und Lehrer der Biologie in Berlin — erlangte er am 4. April 1832 in Bonn die Doctorwürde mit der Inauguralabhandlung: „De membrana pupillari aliisque oculi membranis pellucentidus“ und unternahm noch vor Ablegung der Staatsprüfung in Berlin in Begleitung von Joh. Müller zwecks zootomischer Studien im Jardin des plantes eine Reise nach Paris. 1834 wurde H. bei seinem inzwischen nach Berlin berufenen Lehrer Joh. Müller Prosector, mußte jedoch infolge seiner früheren Betheiligung an der Burschenschaftsbewegung verhaftet und mehrere Monate in der Berliner Hausvoigtei detinirt, seine wissenschaftliche Laufbahn unterbrechen. Auf A. v. Humboldt's Fürsprache begnadigt, konnte H. erst 1837 sich habilitiren, aus welchem Anlaß er die Entdeckung des Cylinderepithels des Darms in der berühmten Schrift: „Symbolae ad anatomiam villorum intestinalium inprimis eorum epithelii et vasorum lacteorum“ veröffentlichte. Schon nach zweijähriger Doctorthätigkeit, von 1838—40 wurde er von Berlin als Professor der Anatomie nach Zürich berufen, wo er später noch zugleich über Physiologie las und sein Aufsehen erregendes Werk „Allgemeine Anatomie“ (Leipzig 1841) verfaßte. Hier gründete er auch 1844 im Verein mit dem ihm befreundeten Pathologen Pfeufer die „Zeitschrift für rationelle Medicin“, ein Organ, welches eine Art von Umwälzung in den Anschauungen über Pathologie anbahnen helfen sollte und thatsächlich anbahnte, das jedoch trotz seiner großen Bedeutung und eines weiten Leserkreises infolge des Ablebens Pfeufer's zu erscheinen aufhörte. 1844 folgte H. einem Ruf als zweiter Professor der Anatomie nach Heidelberg, wo er neben Tiedemann Physiologie und Anthropologie vertrat und nach dessen Emeritirung die Direction des anatomischen Instituts erhielt. 1852 wurde er als Nachfolger des älteren Langenbeck nach Göttingen als ordentlicher Professor der Anatomie und Director des anatomischen Instituts berufen. Hier hat er bis zu seinem Tode am 13. Mai 1885, zuletzt als Geh. Obermedicinalrath, ständiger Secretär der Societät, in segensreichster Weise gewirkt. Unstreitig gehört H. nicht bloß zu den bedeutendsten Anatomen, sondern überhaupt zu den hervorragendsten Medicinern des verflossenen Jahrhunderts. Als Anatom hat er, abgesehen von einer anerkannten Lehr- und einer außerordentlich umfassenden schriftstellerischen Thätigkeit sich unsterbliche Verdienste durch ebenso zahlreiche wie gewichtige Entdeckungen erworben. Eine Aufzählung derselben im Einzelnen im Rahmen dieser Lebensbeschreibung zu liefern, ist aus äußeren Gründen unmöglich; der Kürze halber sei auf die ausgezeichnete Darstellung Waldeyer's, des zeitigen Berliner Anatomen, in der unten genannten Quelle hingewiesen. Hier genügt die allgemeine Bemerkung, daß fast kein Capitel der allgemeinen und speciellen Anatomie von H. ohne Bereicherung geblieben ist, und daß auch die Verbesserung der anatomischen Nomenclatur in einer Jahrzehnte lang gültigen und von den Fachgenossen als zweckmäßig anerkannten Form eines der wesentlichsten Verdienste Henle's ist. Nicht minder hat H.|eine Fülle neuer Thatsachen zur Bearbeitung der Zootomie und vergleichenden Anatomie geliefert. Ein Theil von Henle's Neuerungen ist in seinen classischen, dauernden Werth behaltenden Lehrbüchern (einem großen und einem kleineren Grundriß), sowie Atlanten (Titelverzeichnisse s. in den unten genannten Quellen) niedergelegt. Henle's Genialität offenbarte sich auch in seinen pathologischen Forschungen, die gerade in der Gegenwart, im Zeitalter der Bacteriologie, wieder seinen Ruhm aufgefrischt haben, indem er als einer der ersten mit der allergrößten Bestimmtheit schon in seinen für alle Zeit classischen „Pathol. Untersuchungen“ (Berlin 1840), den Gedanken von der parasitären Aetiologie der Infectionskrankheiten vertrat. Ist doch auch Koch, der Vater der modernen Bacteriologie, nicht unwesentlich von Henle'schen Ideen beeinflußt und geleitet worden. So ist denn auch nach dieser Richtung Henle's Wirken nicht spurlos untergegangen. Auch sonst verdankt H. die Pathologie manche neue, aufklärende, und einen Fortschritt in der Erkenntniß einleitende resp. bedeutende Einzelheit. Sein zweibändiges „Handbuch der rationellen Pathologie“ (Braunschweig 1846—53) steht neben ähnlichen Werken von Lotze u. A. als Markstein in der neueren naturwissenschaftlichen Aera der Medicin und hat zu ihr den wesentlichsten Anstoß geliefert. Zu vielen pathologischen Thatsachen lieferte H. die anatomische Erklärung und Stütze. — Henle's Leistungen erfuhren schon bei Lebzeiten die gebührende Würdigung und verschafften ihm eine große Reihe äußerer Auszeichnungen: die philosophische Doctorwürde von der Universität Breslau, die juristische (Dr. of common law) von Edinburg, die Mitgliedschaft zahlreicher gelehrter Gesellschaften u. s. w. Ein Schwiegersohn Henle's ist der gegenwärtige Göttinger Anatom Fr. Merkel, der seinem Schwiegervater ein kostbares Denkmal in Gestalt einer umfassenden Biographie (Braunschweig 1891) gesetzt hat.

    • Literatur

      Anderweitige Quellen sind Waldeyer (Biogr. Lex. hervorr. Aerzte hrsg. v. A. Hirsch u. E. Gurlt III, 151—154), sowie Pagel, Hist.-med. Bibliogr. d. J. 1875—96 (Berlin 1898, S. 628).

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Henle, Jakob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 190-191 unter Henle, Friedrich Gustav Jakob [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118549154.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA