Lebensdaten
1876 bis 1925
Geburtsort
Greifswald
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
sozialdemokratischer Politiker ; preußischer Kultusminister
Konfession
evangelisch,Dissident
Normdaten
GND: 118544519 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haenisch, Benno Fritz Paul Alexander Konrad
  • Haenisch, Konrad
  • Haenisch, Benno Fritz Paul Alexander Konrad
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Zitierweise

Haenisch, Konrad, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118544519.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Fritz (1842–84), Dr. med., prakt. Arzt, Privatdoz., S d. Konrad (1808–90), Geh. Reg.rat, Kurator d. Univ. Greifswald, u. d. Julie Anderssen;
    M Emma (1846–99), T d. preuß. Oberstlt. Alex. Frhr. v. Forstner u. d. Wilhelmine Gfn. v. Schwerin;
    Ur-Gvv Frdr. Wilh. (1782–1840), Kriegs- u. Regierungsrat, Festungsauditeur in Kolberg während d. Belagerung 1807;
    Ov Axel (1847–1926), Landgerichtspräs. in G.;
    Om Maximilian Gf. v. Schwerin-Putzar ( 1872), preuß. Staatsmin. u.|Parlamentarier;
    Vt Erich (1880-1966), Prof. d. Sinol.;
    - Dortmund 1901 Wilhelmine (1882–1958), T d. Drehers Eduard Bölling in Dortmund u. d. Katharina Kurz;
    4 S, 1 T;
    N Wolf (* 1908), Prof., Bibl.-dir., Japanologe.

  • Leben

    H. gehörte zu jenen sozialistischen Politikern der Jahrhundertwende, die mit ihrer bürgerlichen Familie und Gesellschaftsklasse brechen mußten, um ihren politischen Überzeugungen folgen zu können. Die Radikalität des Bruchs der persönlichen Beziehungen bei unaufgehobener Bindung an die bürgerliche Bildungswelt prägte sein Leben.

    Als man 1893 die Beteiligung des Primaners H. an sozialistischer Agitation entdeckte, mußte er die Schule verlassen, wurde unter polizeiliche Beobachtung gestellt und schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Er floh aus der Anstalt Bethel bei Bielefeld und verdiente seinen Unterhalt als Laufbursche in Leipzig. An der Leipziger Universität hörte er Vorlesungen in Volkswirtschaft und Geschichte. Er begann seine politische Laufbahn als Volontär in der Redaktion der „Leipziger Volkszeitung“. Seine Lehrmeister wurden Paul Lensch, Rosa Luxemburg und Franz Mehring. Der begeisterungsfähige junge Mann war seit Mitte der 90er Jahre in freundschaftlicher Bewunderung dem russischen Revolutionär Alexander Helphand (Parvus) verbunden. Die Parallelität der scharfen Wendungen im politischen Leben beider Männer ähnlich extremen Temperaments hielt die Verbindung bis zu ihrem kurz aufeinanderfolgenden Tode aufrecht.

    H. hatte sich dem Kreis der Befürworter einer radikalen Änderung der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse angeschlossen. In diesem Sinne war er auch als Redakteur bei den verschiedenen sozialistischen Zeitungen tätig. 1898 ging er nach Mannheim, dann zur „Dresdner Arbeiterzeitung“. Als Chefredakteur der „Dortmunder Arbeiterzeitung“ wurde er 1905 zu 9 Monaten Gefängnis wegen Pressevergehens verurteilt. 1911 beauftragte ihn der sozialdemokratische Parteivorstand mit der Leitung der Flugblattzentrale in Berlin. Daneben bemühte er sich um eine sozialistische Rezeption des bürgerlichen Bildungsgutes an der Arbeiterbildungs-Schule. 1913 wurde er mit 9 anderen Sozialdemokraten in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt; sein Mandat endete mit der Revolution.

    Der 1. Weltkrieg zersprengte die zweite sozialistische Internationale und zwang die SPD-Führung zur nationalen Solidarität. H. erkannte mit Überraschung die unerwartet starke Kraft des nationalen Staatsgedankens und die weitgehende kulturelle, ideologische und wirtschaftliche Integration der Arbeiter in das Reich Bismarcks. Darüber hinaus zog ihn, den für Emotionen stets empfänglichen „ausgestoßenen Sohn der Bourgeosie“ (Scharlau), das „drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom der allgemeinen nationalen Hochflut“, unwiderstehlich an, und er vollzog mit einigen anderen Linksradikalen eine weite Schwenkung in eine Position rechts vom Parteizentrum. Er suchte die Synthese alter und neuer Anschauungen in einer „nationalen Sozialdemokratie“ zu verwirklichen, deren Vertreter sich besonders unter den Mitarbeitern der „Glocke“ fanden (Paul Lensch, Eduard David, H. Cunow, E. Heilmann, W. Jansson). Sein Mentor Parvus hatte H. 1915 die Redaktion dieser von ihm gegründeten Zeitschrift übertragen, die H. bis 1918 behielt.

    H. erkannte, daß die Maßnahmen des kriegerischen Notstandes, wie das Volksheer, die Wirtschaftslenkung und der Ausbau der Sozialhilfe, die gesellschaftlichen Verhältnisse umgestalteten. Die isolierte Betrachtung des organisatorischen Moments der totalen Mobilmachung ließ ihn jedoch die egalisierenden Wirkungen der kaiserlichen Kriegsführung für die Vorstufe des Sozialismus nehmen. Der im Rückgriff auf Lassalle belebte Staatsgedanke gewann mit einer scharf nationalen Wendung nach außen einen dauernden Vorrang in H.s Denken.

    Seinem an Kulturfragen interessierten reformerischen Elan eröffnete sich ein Feld der Betätigung, als er im November 1918 für das Ressort Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in die sozialistische preußische Regierung eintrat. Er leitete das Ministerium – im Anfang mit dem unabhängigen Sozialisten A. Hoffmann – bis zur Regierungsumbildung 1921. Das in der SPD besonders starke Interesse für Bildungsprobleme setzte sich bei H. in zahlreiche Initiativen um, aus deren Fülle noch seine Amtsnachfolger Bölitz und C. H. Becker Anregungen zogen.

    H. – stärker in der Idee als in der verwaltungsmäßigen Durchsetzung – bemühte sich, vielen fruchtbaren Gedanken zur Bildungsreform, die seit der Jahrhundertwende erörtert und erprobt wurden, Eingang in das etablierte Bildungssystem zu verschaffen, nicht zuletzt durch die von ihm mitvorbereitete Reichsschulkonferenz von 1920. Die autoritären Strukturen der Schulverwaltung wurden durch kollegiale Schulleitung, Schülerselbstverwaltung, Elternbeiräte, Kreis- und Bezirkslehrerbeiräte und den pädagogischen Beirat des Ministeriums aufgelockert. In Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen Demokratie und Volksbildung suchte H. die|Volkshochschulen zu fördern, die politische Bildung durch staatsbürgerlichen und volkswirtschaftlichen Unterricht sowie die Gründung der Hochschule für Politik zu heben. Den Weimarer Schulkompromiß suchte er 1919 zugunsten der einheitlichen Volksbildung zu verhindern. Die geistliche Schulaufsicht wurde beseitigt.

    Innenminister Severing setzte ihn 1922 als Regierungspräsidenten in Wiesbaden ein. Während der Ruhr-Besetzung wurde er von den Franzosen ausgewiesen.|

  • Auszeichnungen

    Dr. rer. pol. h. c. (Frankfurt 1921).

  • Werke

    Schiller u. d. Arbeiter, 1912;
    Die dt. Soz.demokratie in u. nach d. Weltkriege, 1916, 41919;
    Soz.-demokrat. Kulturpol., 1918;
    Kulturpol. Aufgaben (Vortrag), 1919;
    Lassalle, Mensch u. Politiker, 1923, 91931;
    Parvus, Ein Bl. d. Erinnerung, 1925.

  • Literatur

    H. Kühnert, in: Sozialist. Mhh., 1925, S. 419 f.;
    W. B. Scharlau u. Z. A. Zeman, Freibeuter d. Rev., Parvus-Helphand, 1964 (P);
    H. Giesecke, Zur Schulpol. d. Soz.demokraten in Preußen u. im Reich 1918/19, in: Vj.hh. f. Zeitgesch. 13, 1965, S. 164-77;
    F. Schramm, in: Lex. d. Päd. II, 1953, S. 588;
    F. Osterroth, Biogr. Lex. d. Sozialismus, 1960, S. 111 (P).

  • Autor/in

    Wolfgang Hofmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Hofmann, Wolfgang, "Haenisch, Konrad" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 442-444 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118544519.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA