Lebensdaten
1817 bis 1868
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Internist ; Psychiater
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 11854215X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Griesinger, Wilhelm

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Griesinger, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854215X.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottfr. Ferd. (1772–1836), Stiftungsverwalter d. Katharinenhospitals in St., S d. Gg. Christoph (1735–82), Oberamtmann zu Leonberg, dann Reg.-rat u. Stadtoberamtmann v. St., u. d. Luise Dor. Beutel;
    M Karol. Luise (1782–1850), T d. Kriegsrats Heinr. Gottlieb Dürr in Karlsruhe u. d. Louise Kath. Süß;
    Ov Ludw. Frdr. (1767–1845), Rechtsanwalt in St., 1815-27 Mitgl. d. württ. Ständeverslg. (s. L), August v. G. (sächs. Adel 1819, 1769-1845), sächs. Geh. Legationsrat, sachsen-weimar. Geschäftsträger u. Agent f. d. Verlag Breitkopf in Wien, Freund u. Biograph Haydns (s. L), Ernst Benj. (1779–1838), Hofopernsänger in St.;
    Tante-v Charlotte ( Immanuel Elwert, 1759–1811, Arzt, Vf. gerichtsmed. Schrr., s. L);
    Vt Gustav (1804–88), Pfarrer, Burschenschafter (s. L), Eduard Elwert (1805–65), Prof. d. Theol. in Tübingen, Ephorus d. Seminars Schöntal (s. ADB VI);
    - Nagold 1850 Josephine (1828–87), T d. Oberamtsrichters Jos. Frdr. von Rom in Nagold u. d. Luise Hofacker; kinderlos.

  • Leben

    G. studierte in Tübingen und Zürich Medizin und wurde 1838 mit einer Dissertation über Diphtherie promoviert. 21jährig ging er nach Paris, orientierte sich bei F. Magendie über den Stand der französischen Physiologie, kam nach 1 Jahr nach Deutschland zurück, ließ sich vorübergehend als praktischer Arzt am Bodensee nieder und wurde 1840 Assistenzarzt bei A. Zeller in Winnenthal. 1843 trat er in die von K. Wunderlich geleitete Medizinische Klinik in Tübingen ein. G., Wunderlich und Wilhelm Roser waren Stuttgarter Schulfreunde; G. habilitierte sich unter Wunderlich und wurde 1847 außerordentlicher Professor der Pathologie, Materia medica und Geschichte der Medizin. 1849 folgte er kurzfristig einem Ruf nach Kiel, 1850 übernahm er die Leitung der Medizinischen Schule in Kairo, 1852 kehrte er nach Deutschland zurück, übernahm 1854 die Direktion der Tübinger Medizinischen Klinik und wurde 1864 nach Berlin berufen. Dort stand er der psychiatrischen Abteilung der Charité vor, schuf die Abteilung für Nervenkrankheiten und leitete bis 1867 das Poliklinische Universitätsinstitut für innere Medizin.

    Ursprünglich Anhänger von L. Schönlein, wandte sich G. bald zusammen mit Wunderlich und Roser gegen die naturhistorische Schule sowie gegen die noch bestehenden eklektischen naturphilosophischen Theorien. Unter dem Einfluß von J. Müller, der französische Medizin und der physikalischen Theorien seines Freundes Julius Robert Mayer vertrat G. einen physiologischen Standpunkt. Ausdruck davon wurde 1841 die Gründung des „Archivs für physiologische Heilkunde“ durch Roser und Wunderlich, dessen Redaktion G. vom 6. bis 8. Band übernahm. Seine wissenschaftliche Tätigkeit ist infolge jahrelanger internistischer Beschäftigung vielfältig. Gleich Roser und Wunderlich ging er von der zeitgenössischen französischen Schule aus; als Kliniker befaßte er sich mit dem von ihm als Kriegstyphus bezeichneten Fleckfieber, an dessen staubförmigem Contagium er nicht zweifelte; er grenzte ihn vom Abdominaltyphus ab. In der Rheumatismuslehre beschrieb er besonders die cerebrale Form. Seine Hauptbedeutung liegt auf psychiatrischem Gebiet. Die erste solche Arbeit „Über psychische Reflexactionen“ (Archiv für physiologische Heilkunde, 1843) wurde in seinem „Lehrbuch der Psychiatrie, die Pathologie und Therapie der psychiatrischen Krankheiten“ (1845, 3/41871) inhaltlich erweitert. Analog zur Reflexaktion des Rückenmarks wird als deren Modellfall für das Gehirn der Tonus übernommen. Die Reflexaktion beherrscht das psychische Leben. Es gibt einen psychischen Tonus; er wird aus der Masse der Vorstellungen gebildet, die sich im Zustand scheinbarer Ruhe befinden. Psychischer Tonus und Charakter oder Gemüt sind identisch. Der Reflexablauf wird energetisch geregelt. Auf- und Entladung der Energien im psychischen Organ werden von Hemmungserscheinungen bestimmt. Ist die Hemmung über die Norm ausgeprägt, resultiert daraus Krankheit (Seelenstörung) als erste Grundform des Wahnsinns. Sie zeigt sich als Depression. Zweite Grundform ist Aufhebung oder Lockerung der natürlichen Hemmungsregulation (Manie). Die Hemmung erfolgt durch Vorstellungen; die Energie des Seelenorgans bedeutet im Sinne Herbarts Verknüpfung von Vorstellungen. Sie entstehen durch zentripetalen Eindruck im Gehirn. Ihr Beginn ist unbestimmt; durch eine „Intensitätssteigerung“ sollen sie in eine „Qualitätsänderung“ umschlagen.

    Die Elementarstörungen oder affektiven Grundzustände führen zu sekundärem Wahnsinn. Folgeerscheinungen sind hier vor allem abnorme Vorstellungen, also Störungen der Intelligenz. Die Auffassung von den Elementarstörungen – sie entspricht in dieser Form der Einheitspsychose Guislains und Zellers – hat G. später zugunsten der Theorie der Primordialdelirien aufgegeben. Hier beginnt die Paranoiafrage, der L. D. Ch. Snell 2 Jahre zuvorgekommen war; auch G. betont den primären Charakter der Wahnideen. 1868 schuf dann F. Sander den Begriff der primären Verrücktheit. G.s energetische Auffassung, die durch den Sensualismus von Herbart die alten Seelenvermögen ablöste, hat in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts lange nachgewirkt. – In der Krankenbehandlung vertrat G. den Standpunkt des „No-Restraint“ (Conolly).

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Pathol. u. Therapie d. psych. Krankheiten, 1845, 21861, Neudr. 1867;
    Ges. Abhh., 2 Bde., 1872.

  • Literatur

    ADB IX;
    Th. Kirchhoff, Dt. Irrenärzte II, 1924;
    G. Sticker, Wunderlich, Roser, G., d. 3 schwäb. Reformatoren d. Med., in: Sudhoffs Archiv f. Gesch. d. Med. u. d. Naturwiss. 32, 33, 1939/40 (W-Verz.);
    ders., in: Lb. Schwabengeändert aus: Schwäb. Lb. [d. Red.] I, 1940, S. 216-26 (P: Lith. v. M. Wiese, 1849);
    J. Bodamer, Zur Phänomenol. d. geschichtl. Geistes in d. Psychiatrie, in: Nervenarzt 19, 1948, S. 299;
    ders., Zur Entstehung d. Psychiatrie als Wiss. im 19. Jh., in: Fortschritte d. Neurol., Psychiatrie … 21, 1953, S. 511;
    R. Thiele, Große Nervenärzte, hrsg. v. K. Kolle, 1956, S. 115-27 (L, P);
    R. Kuhn, G.s Auffassung d. psych. Krankheiten u. s. Bedeutung f. d. weitere Entwicklung d. Psychiatrie, in: Btrr. z. Gesch. d. Psychiatrie u. Hirnanatomie, 1957, S. 41-67;
    A. Mette, W. G. als materialist. Neuro-Pathologe, in: Festschr. z. 150-J.feier d. Humboldt-Univ., 1960;
    W. Leibbrand u. A. Wettley, Der Wahnsinn, Gesch. d. abendländ. Psychopathol., 1961. - Zu Ov Ludw. Frdr.: ADB IX;
    E. Rheinwald, in: Lb. Schwabengeändert aus: Schwäb. Lb. [d. Red.] V, 1950, S. 118-27 (W, L, P); - zu Ov August: ders., ebd., S. 127-38 (W, L, P)
    ;
    Riemann;
    - zu Vt Gustav: G. Schmidgall, ebd. III, 1942, S. 219-25 (W, L, P)
    ; - zu I. Elwert:
    J. Hartmann, Schillers Jugendfreunde, 1904, S. 63-76;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Annemarie Leibbrand-Wettley
  • Empfohlene Zitierweise

    Leibbrand-Wettley, Annemarie, "Griesinger, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 64-65 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854215X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Griesinger: Wilhelm G., Arzt, geboren den 29. Juli 1817 in Stuttgart, genoß seine Vorbildung am dortigen Gymnasium, bezog Ostern 1834 die Universität Tübingen, welche er, wegen eines Studentenstreiches dimittirt, 1837 auf ein Jahr mit der von Zürich, wo Schönlein wirkte, vertauschen mußte. Von dort zurückgekehrt, absolvirte er die Examina, begab sich auf längere Zeit nach Paris und machte zunächst einen Versuch mit der Privatpraxis, bis er 1840, von seinem Freunde Wunderlich aufmerksam gemacht, die Assistentenstelle an der Irrenheilanstalt Winnenthal unter Director Zeller übernahm. Zwei Jahre später schied er aus dieser Stellung und ließ sich, nachdem er nochmals Paris besucht und kürzere Zeit in Wien verweilt hatte, in seiner Vaterstadt als Arzt nieder. Wieder war es der Einfluß Wunderlich's, welcher ihn der Privatpraxis entzog, indem G. im Herbste 1843 als dessen Assistent an der medicinischen Klinik nach Tübingen ging und sich zugleich als Docent habilitirte. 1847 wurde er außerordentlicher Professor, 1849 nahm er einen Ruf als Ordinarius nach Kiel an, folgte aber schon im ersten Jahre seines dortigen Aufenthaltes einem Anerbieten des Vicekönigs von Egypten, welcher ihm die Leitung des gesammten egyptischen Medicinalwesens und die Direction der medicinischen Schule in Kairo übertrug. Mit getäuschten Hoffnungen kehrte er nach zwei Jahren in seine Heimath zurück, wo er sich nun mit der Verarbeitung des in Egypten gesammelten Materials beschäftigte. Von Ostern 1854 bis dahin 1860 versah er die Professur der inneren Klinik zu Tübingen, dann jene in Zürich, von wo er im März 1865 als Director der Poliklinik und dirigirender Arzt an den Charitéabtheilungen für Gemüthskrankheiten und für Nervenkrankheiten nach Berlin abging. 1867 gab er die Poliklinik ab und widmete sich ganz den Gemüths- und Nervenerkrankungen. Er starb zu Berlin am 26. October 1868 an Lähmung in Folge von Wunddiphtheritis, welche zu einem vom Wurmfortsatz ausgehenden Senkungsabscesse getreten war.

    G. gehörte zu dem Kreise jener Aerzte, welche in den vierziger Jahren den Umgestaltungsproceß der deutschen Medicin begannen. Mit seinen Freunden Wunderlich und Roser betheiligte er sich an der Gründung und Herausgabe des Archivs für physiologische Heilkunde, welches die Bekämpfung der Mängel der damaligen deutschen Medicin und die Herbeiführung einer entschiedenen wissenschaftlichen Richtung in derselben zu seinem Programme machte. Neben kritisch-polemischen und speculativen Artikeln lieferte G. bald eine Reihe von positiven Beiträgen, unter welchen besonders hervorzuheben sind die über Gehirn- und Nervenkrankheiten, sowie die in Egypten gesammelten Beobachtungen, welche letztere auch die Veranlassung zur Bearbeitung seines ausgezeichneten Lehrbuches über Infectionskrankheiten bildeten. In|ganz hervorragender Weise wirkte er auf dem Gebiete der Psychiatrie. Schon 1845 erschien als Frucht seines zweijährigen Aufenthaltes in Winnenthal sein Lehrbuch: „Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten“, in welchem er bereits neben der noch dominirenden rein psychologischen Auffassung die Resultate der Nervenphysiologie zu verwerthen wußte, der pathologischen Anatomie den gebührenden Platz einräumte und die Therapie auf die Pathologie zu stützen suchte. Das Werk fand besonders in seiner 1861 erschienenen erweiterten Auflage allgemeine Anerkennung und gilt noch heute unbestritten für das beste psychiatrische Lehrbuch. Während seiner Tübinger Wirksamkeit hielt G. über zehn Jahre regelmäßige Vorträge über Psychiatrie und nahm in seine Klinik, so oft sich Gelegenheit bot, Fälle psychischer Erkrankung auf und machte sie, wie jede andere Krankheit, zum Gegenstand klinischer Demonstration und Besprechung. In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Würtemberg stand er auch der Idiotenanstalt Marienberg vor. In Zürich wandelte er die Irrenanstalt im alten Hospitale in eine Klinik um und besorgte die Vorarbeiten und Pläne für die neue cantonale Irrenheilanstalt. Als ihn dann der Ruf nach Berlin traf, machte er es zur ersten Bedingung seiner Annahme, daß ihm neben der Irrenklinik eine neuzuerrichtende für Nervenkranke übergeben werde. Die so oft betonte Zusammengehörigkeit der Psychosen mit den übrigen Nervenkrankheiten war damit zum ersten Male auch äußerlich dargestellt und praktisch durchgeführt; ihre engere Verbindung zu vollziehen, sollte G. leider nicht mehr gelingen. Eine weitere Consequenz dieser Vereinigung war die Herausgabe des Archivs für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, in dessen ersten Heften die Artikel Griesinger's über Irrenanstalten und deren Weiterentwicklung in Deutschland, über die freie Behandlung und über psychiatrische Kliniken alsbald die lebhafteste Discussion hervorriefen. Mitten in derselben starb G., aber heute nach 10 Jahren sind seine Forderungen zum Theil erreicht, zum Theil ihrem Ziele näher gebracht. Die freie Behandlung hat nicht nur im Principe, sondern weithin in der Praxis den Sieg errungen. Die Einführung des psychiatrischen Unterrichtes hat bedeutende Fortschritte gemacht, die endgültige Erfüllung der Griesinger'schen Postulate ist blos noch eine Frage der Zeit. Die Vorschläge zu anderen, insbesondere freieren Verpflegsformen für die Geisteskranken stehen zwar ihrer Durchführung noch sehr ferne, erst kleine Anfänge sind gemacht, aber es ist nicht zu zweifeln, daß die Schwierigkeiten, welche sich ihnen noch entgegenstellen, überwunden werden.

    • Literatur

      Biogr. von Wunderlich, Archiv für Heilkunde, 10. Jahrgang, 2. Heft. Westphal u. Lazarus, Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankh., 1. Band, 3. Heft.

  • Autor/in

    Bandorf.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bandorf, "Griesinger, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 669-670 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854215X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA