Lebensdaten
1888 bis 1969
Geburtsort
München
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Psychiater ; Anatom ; Neuropathologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117481572 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spatz, Hugo

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Zitierweise

Spatz, Hugo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117481572.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Bernhard (1856–1935), aus Passau, Dr. med., 1882–84 Arzt am Dt. Hospital in London, 1885–1929 Schriftleiter d. Münchener med. Wschr., 1899 HR, Geh. Sanitätsrat (s. L), S d. Friedrich Ludwig (1818–79), kgl. Oberbaurat, u. d. Helene Kummerer (1835–1918);
    M Julie (1866–1949), T d. N. N. Heinzelmann u. d. Auguste Vogel;
    4 B u. a. Otto (1900–89, ⚭ Frieda Lehmann, 1902–79, T d. Julius Friedrich Lehmann, 1864–1935, Verl., Buchhändler in|M., s. NDB 14), Verl. in M. (s. L);
    Freiburg (Br.) 1933 Ortrud (1913–99), T d. Wilhelm v. Moellendorff (1887–1944), aus Manila, ao. Prof. d. Anatomie 1918 in Greifswald, 1919 in Freiburg (Br.), 1922 o. Prof. in Hamburg, 1927 in Freiburg (Br.) (1933 Rektor), 1935 an d. Univ. Zürich, Begr. d. „Hdb. d. mikroskop. Anatomie d. Menschen“, Hg. d. „Zs. f. Zellforsch. u. mikroskop. Anatomie (s. B. M. Zurgilgen, Der Anatom W. v. M., 1991; Fischer; Rhdb.; Kürschner, Gel.-Kal. 1931; Lex. Greifswalder Hochschullehrer III; HLS), u. d. Emilie Pfaff (1889–1978);
    6 K u. a. Wolfbernhard B. (* 1934), 1976–99 Prof. f. Hirnforsch. u. Sinnesphysiol. an d. Univ. Freiburg (Br.), Leiter d. Forsch.gruppe f. Morphol. Hirnforsch. an d. HNO-Univ.-Klinik ebd. (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2009); Vorfahre Simon (1506–76), Schaffer an St. Lorenz in Nürnberg.

  • Leben

    S. studierte Medizin in München und Heidelberg, wo er 1914 promoviert wurde. Nach dem Kriegsdienst als Feldarzt wurde er Assistent seines Doktorvaters Franz Nissl (1860–1919) an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg. 1919 wechselte er an die Histopathologische Abteilung der Dt. Forschungsanstalt für Psychiatrie und der Psychiatrischen Universitätsklinik in München, die beide von Walter Spielmeyer (1879–1935) geleitet wurden. 1925 erfolgte die Habilitation für Psychiatrie in München. Als im selben Jahr die Forschungsanstalt in ein eigenes Gebäude zog, wurde S. Leiter des Anatomischen Laboratoriums der Münchner Psychiatrischen-Universitätsklinik. 1927 zum ao. Professor ernannt, wurde S. 1928 eine Oberarztstelle an der Münchner Universitäts-Nervenklinik übertragen.

    Als Oskar (1870–1959) und Cécile Vogt (1875–1962) im Dez. 1935 auf Druck der Nationalsozialisten die Führung des KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch abgeben mußten (Oskar Vogt amtierte bis zum 1.4.1937 als kommissarischer Leiter), wurde S. mit Zustimmung Vogts zum Nachfolger bestimmt. Mit dem Wechsel an der Spitze war auch eine weitreichende Umstrukturierung des Instituts verbunden, das sich künftig weniger auf hirnarchitektonische Forschungen konzentrierte und statt dessen hirnanatomische bzw. -pathologische Fragestellungen verfolgte. Verbunden damit waren auch eugenische Zielsetzungen wie das Erkennen pathologischer Merkmale „unwertigen“ oder „minderwertigen“ Lebens. Julius Hallervorden (1882–1965) war als Leiter der Abteilung für Histopathologie ein sehr enger Mitarbeiter S.s an dessen Institut. Die Abteilung für Experimentelle Pathologie leitete Wilhelm Tönnies (1898–1978). Schon 1936 hatte der Leiter des Heeressanitätswesens, Anton Waldmann (1876–1941), im Zusammenhang mit der Berufung von Tönnies an das KWI sein Interesse an einer Kooperation bekundet (was vermutlich zu Waldmanns Berufung zum Vorsitzenden des Kuratoriums des KWI für Hirnforschung führte). Die seither laufenden Planungen waren bis April 1939 weit fortgeschritten und wurden nach Beginn des Krieges zügig realisiert. So wurde eine „Sonderstelle zur Erforschung der Kriegsschäden des Zentralnervensystems“ eingerichtet, die der Militärärztlichen Akademie zugeordnet, aber von Hallervorden geleitet wurde. Anfang 1940 entstand am KWI die „Außenabteilung für Gehirnforschung“, die dem Reichsluftfahrtministerium unterstand und von S. geleitet wurde. Ob an dieser „Außenabteilung“ neben den Gehirnen gefallener Luftwaffenangehöriger auch Gehirne der Opfer von Unterdruckversuchen, die von Febr. bis Mai 1942 im KZ Dachau von Sigmund Rascher (1909–45) durchgeführt worden waren, seziert wurden, ist nicht mit Sicherheit feststellbar, jedoch wahrscheinlich. Ferner übernahm Tönnies 1941 die Leitung der „Forschungsstelle für Hirn-, Rückenmark- und Nervenverletzte“, zur Behandlung von Kriegsverletzten. Im Laufe des Krieges wurde das KWI mehr und mehr zu einer vom Militär getragenen Einrichtung; die KWG strich 1943 ihre Finanzierung völlig. Neben der Untersuchung von akuten Hirnschäden standen auch Studien an den Hirnen von Opfern der „Euthanasie“-Programme wie der „Aktion T4“ auf dem Forschungsprogramm von S.s KWI. Hierbei wurden grundsätzlich andere Ziele verfolgt, die auf die gezielte Züchtung „hochwertiger“ und die Ausmerzung „geringwertiger“ Menschen ausgerichtet waren.

    Gegen Kriegsende wurde S.s Abteilung des KWI für Hirnforschung nach Dillenburg (Westerwald) verlagert. Im Frühjahr 1945 brachte er Teile seines Archivs nach München, wo er bei Kriegsende von der amerik. Militärpolizei verhaftet und in ein Internierungslager nach Garmisch-Partenkirchen verbracht wurde. Später wurde er zur Mitarbeit am flugmedizinischen Zentrum der US-Armee in Heidelberg aufgefordert, wo er u. a. eine Studie über Hirntraumata von dt. Piloten verfaßte. 1948 wurde das KWI von der MPG übernommen, und die beiden morphologischen Abteilungen von S. und Hallervorden siedelten nach Gießen über. Seit 1949 war S. Leiter des MPI für Hirnforschung in Gießen, und wurde zum Honorarprofessor der dortigen Universität ernannt. 1958 erfolgte der Umzug mit der unter seiner Leitung stehenden Neuroanatomischen Abteilung an das MPI für Hirnforschung in Frankfurt/M., wo|er bis zum Ruhestand 1960 tätig blieb. Danach setzte er seine Forschungen in der Vergleichend-Anatomischen Abteilung des Neurologischen Instituts (Edinger-Institut) in Frankfurt fort.

    S. formulierte eine Theorie der Entwicklungsgeschichte des Gehirns, nach der bestimmte an der Schädelbasis gelegene Hirnbereiche für spezifisch menschliche Eigenschaften wie geistige und ethische Werte verantwortlich seien. Er entdeckte den Eisengehalt der Hirnzentren und begründete damit die Histochemie des Gehirns. Weitere wichtige Beiträge S.s galten der Morphologie und Entwicklung der Stammganglien, den neuroendokrinen Funktionen des Hypothalamus sowie der Pickschen Hirnatrophie. 1922 beschrieb S. gemeinsam mit Hallervorden das später nach beiden benannte Syndrom, eine seltene Krankheit, die heute auch als Neurodegeneration with Brain Iron Accumulation (NBIA) oder Neuroaxonale Dystrophie (NAD) bezeichnet wird.

  • Auszeichnungen

    Achucarro-Preis f. Neurol. (Madrid 1929); Wilhelm-Erb-Gedenkmünze d. Dt. Ges. f. Neurol. (DGN, 1952); Mitgl. d. Leopoldina (1960); Dr. h. c. (Granada 1957, München 1962, Frankfurt/M. 1963); H.-S.-Preis d. DGN (1975–98).

  • Werke

    167 Publl., u. a. Über d. Eisennachweis im Gehirn, bes. in Zentren d. extrapyramidal-motor. Systems, in: Zs. f. d. gesamte Neurol. u. Psychiatrie 77, 1922, S. 261–390;
    Eigenartige Erkrankung im extrapyramidalen System mit bes. Beteiligung d. Globus pallidus u. d. Substantia nigra, ebd. 79, 1922, S. 253–302 (mit J. Hallervorden);
    Anatom. Btrr. z. Pickschen umschriebenen Großhirnrindenatrophie, ebd. 101, 1926, S. 275–96 (mit K. Onari);
    Die Substantia nigra u. d. extrapyramidal-motor.System, in: Dt. Zs. f. Nervenheilkde. 77, 1923, S. 275–96;
    Physiol. u. Pathol. d. Stammganglien, in: Bethe, Bergmann, Emden u. Ellinger (Hg.), Hdb. d. normalen u. pathol. Physiol., X, 1927, S. 318–417;
    Die systemat. Atrophien, in: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 108, 1938, S. 1–18;
    Die gonadotrope Wirksamkeit d. Tuber cinereum b. Ratten, in: Dt. med. Wschr. 68, 1942, S. 1221–27 (mit E. Weisschedel);
    Hypophysenstieldurchtrennung u. Geschlechtsreifung, in: Acta neurovegetativa 12, 1955, S. 285–328 (mit V. Gaupp);
    Hg.:
    Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten, 1931–44 (mit O. Bumke);
    Nachlaß:
    Archiv d. Neurol. Inst. (Edinger-Inst.), Frankfurt/M.

  • Literatur

    R. Hassler, in: Dt. Zs. f. Nervenheilkde. 195, 1969, S. 243–56;
    W. Scholz, in: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 212, 1969, S. 91–96;
    J. Ellwanger, Forscher im Bild, Bd. I, 1989, S. 147 (P);
    H.-W. Schmuhl, Hirnforsch. u. Krankenmord, Das KWI f. Hirnforsch. 1937–45, 2000;
    J. Pfeifer, Hirnforsch. in Dtld., 2004;
    R. Hachtmann, Wiss.management im „Dritten Reich“, 2007, S. 543, 1051, 1095 u. 1180;
    Wi. 1935;
    Kreuter, Neurologen;
    zu Bernhard:
    F. Müller, in: Münchener med. Wschr. 73, 1926, S. 2103 f.;
    H. Kerschensteiner, ebd. 82, 1935, S. 325 f.;
    Pagel;
    BLÄ;
    zu Otto:
    W. Flemmer, Verlage in Bayern, 1974, S. 197 f.

  • Autor/in

    Günter Krämer, Claus Priesner
  • Empfohlene Zitierweise

    Krämer, Günter; Priesner, Claus, "Spatz, Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 631-633 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117481572.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA