• Leben

    In Augsburger Steuerlisten ist zwischen 1500 und 1520 der anfangs begüterte, seit 1505 wirtschaftlich bedrängte Kaufmann S. mehrfach als „Span“ belegt, er selbst wählte die ostschwäb. Schreibung „Spaun“. Von den 1480er Jahren bis etwa 1516 stellte der literarisch interessierte S., offensichtlich für den Eigengebrauch, mehrere Handschriftenfaszikel unterschiedlicher Herkunft zu neuen Sammlungen volkssprachlicher Literatur zusammen. Er ergänzte sie mit Nachträgen und Abschriften – auch aus Drucken – von eigener Hand, die er meist mit eingeklebten Druckholzschnitten (z. T. aus den Quellen seiner Abschriften) und Federzeichnungen illustrierte. Erhalten sind sechs solcher handschriftlichen Kompilationen sowie zwei durch handschriftliche Nachträge ergänzte Inkunabeln, die S.s Interesse an im städtisch-frühbürgerlichen Kontext rezipierter Literatur (v. a. Fastnachtspiele, Lieder und Spruchdichtungen, Grammatik, Rhetorik, Fachliteratur wie Medizin, Pharmakologie und Gartenbau, historische und politische Texte und weitere Kleindichtung wie Priameln, Sentenzen und Lebensweisheiten) bezeugen. Die Hs. Merkel 2° 966 des German. Nationalmuseums Nürnberg überliefert unter S.s Namen das Märe „Fünfzig Gulden Minnelohn“ (392 Verse), das den verbreiteten Stoff der erzwungenen Rückgabe des Liebeslohns durchspielt. Eigentlicher Held dieser auch von anderen Autoren (Heinrich Kaufringer, „Der zurückgegebene Minnelohn“; Michael Lindener, „Rastbüchlein“) bearbeiteten Variante der Märentypen „Listiges Arrangement des Ehebetrugs“ und „Geglückte Entdeckung und Bestrafung“ ist der betrogene Ehemann, der sich mit seiner maßvollen, Geldwert und Gegenleistung klug berechnenden Reaktion seiner Frau und deren Geliebtem als überlegen erweist.

  • Werke

    W hsl. Kompilationen : Augsburg, Staats- u. Stadtbibl., 4° Cod. 264;
    ebd., 4° Cod. H. 27;
    Berlin, Staatsbibl., mgq 718;
    München, Bayer. Staatsbibl., Cgm 407;
    Nürnberg, German. Nat.mus., Hs HR 131;
    Wolfenbüttel, Hzg. August Bibl., Cod. Guelf. 28. 12 Aug. 4°;
    durch hsl. Nachtrr. erg. Inkunabeln:
    Hannover, Kestner Mus., Ink. 73 u. 128;
    Ed.:
    H. Fischer (Hg.), Die dt. Märendichtung d. 15. Jh., 1966, S. 351–61;
    H. Fischer (Hg.), Pfaffen, Bauern|u. Vaganten, Schwankerzz. d. MA, 1973, Nr. 25 (neuhochdt;
    Übers.).

  • Literatur

    L ADB 35;
    M. Londner, Eheauffassung u. Darst. d. Frau in d. spätma. Märendichtung, Diss. Berlin 1973, S. 258–98;
    H. Hoven, Studien z. Erotik in d. dt. Märendichtung, 1978, S. 370 f.;
    H. Fischer, Studien z. dt. Märendichtung, 21983, besorgt v. J. Janota, S. 189 f., 403 (L);
    H.-J. Ziegeler, Erzählen im SpätMA, 1985, S. 306–10;
    M. Jonas, Der spätma. Versschwank, 1987, S. 54–81;
    N. H. Ott, Aristoteles u. Phyllis, in: Kat. d. dt.sprachigen illustrierten Hss. d. MA, Bd. 1, 1991, S. 262–70;
    Augsburger Stadtlex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (L);
    Vf.-Lex. MA2 (L).

  • Autor/in

    Norbert H. Ott
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott, Norbert H., "Spaun, Claus" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 633-634 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119522608.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Spaun: Claus S. oder Span (der Reim: stân entscheidet bei der Mundart des Dichter nicht), Reimnovellist des ausgehenden 15. Jahrhunderts, bekannt auch durch zwei Handschriften mit Spielen und Sprüchen, die er 1494 und 1516 zusammentrug, nennt sich selbst in der Schlußzeile der einzigen Dichtung, als deren Autor wir ihn kennen. Diese, „ain gar schöner Spruch von aim, der soltt ain Doctor werden, wie er sein Geltt verthett“ weist durch ihre Mundart mit Sicherheit in schwäbisches Gebiet, aber nahe an die bairische Grenze, etwa nach Augsburg, wozu die Ueberlieferung in Holl's Handschrift stimmt. In vollgebauten, aber nicht lästig überladenen Reimpaaren von weit überwiegend stumpfem Ausgang erzählt S. eine widerwärtige, schmutzige Ehebruchsgeschichte, deren abstoßende Wirkung für uns durch den versöhnenden Schluß nur abscheulich gesteigert wird. Sie ist freilich gewiß nicht Spaun's Erfindung, die vierte Geschichte in Mich. Lindeners Rastbüchlein stimmt in allem Wesentlichen genau dazu; aber die naive Unbefangenheit, mit der S. ganz gewandt, ohne starkes Betonen des Schlüpfrigen den gewählten Stoff behandelt, zeigt, daß er ohne Gefühl für seine sittliche Rohheit nur einen lustigen Schwank zu berichten meint; für die Ehrlosigkeit der Schwäche, mit der der betrogene Hahnrei seinem grundgemeinen Weibe verzeiht, fehlte den weiten Kreisen im 15. Jahrhundert wohl überhaupt die Empfindung.

    • Literatur

      Erzählungen aus altd. Handschriften, gesammelt durch Ad. v. Keller S. 334 ff.

  • Autor/in

    Roethe.
  • Empfohlene Zitierweise

    Roethe, Gustav, "Spaun, Claus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 70 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119522608.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA