Wiesner, Julius
- Lebensdaten
- 1838 – 1916
- Geburtsort
- Tschechen bei Brünn (Čechýně, Mähren)
- Sterbeort
- Wien
- Beruf/Funktion
- Botaniker ; Pflanzenphysiologe ; Pflanzenanatom
- Konfession
- mehrkonfessionell
- Normdaten
- GND: 117369705 | OGND | VIAF: 35232448
- Namensvarianten
-
- Wiesner, Julius Ritter von (seit 1909)
- Wiesner, Julius
- Wiesner, Julius Ritter von (seit 1909)
- wiesner, julius ritter von
- Wiesner, J. von
- Wiesner, J. v.
- Wiesner, J.
- Wiesner, Jul. R. v.
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- Wiesner, Julius Ritther von (seit 1909)
- wiesner, julius ritther von
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Wiesner, Julius Ritter von (österreichischer Ritter 1909)
| Pflanzenphysiologe, Pflanzenanatom, * 20.1.1838 Tschechen bei Brünn (Čechýně, Mähren), † 9.10.1916 Wien, ⚰Wien, Friedhof Grinzing. (jüdisch, 1840 katholisch)
-
Genealogie
Aus mähr. Fam.;
V→ Karl W. († 1879), Spediteur, Kaufm. in B.;
M Rosa Deutsch;
7 ältere Geschw;
– ⚭ 1870 Agnes Skrabl (1848–1935), aus Oblas (Mähren);
2 S →Friedrich (1871–1951), Dr. iur., Dipl., Sektionsrat im k. k. Min. d. Äußeren, legte 1914 e. Ber. über d. Attentat v. Sarajewo vor (W.-Dok.), welches d. Grundlage f. d. Position d. k. k. Kab. gegen Serbien bildete, 1917 ao. Gesandter u. bevollmächtigter Min., 1917/18 Pressechef d. Min., Delegierter z. d. Verhh. in Brest-Litowsk, n. 1918 e. Anführer d. legitimist. Bewegung, Publ. u. a. in d. „Berliner Mhh.“ (s. L), →Richard (1875–1954), Dr. med., Anatom, 1903–20 am Pathol.-Anatom. Inst. d. Univ. Wien, 1911 PD, 1917 ao. Prof., 1920–38 u. 1946–48 Prosektor am Wilhelminenspital in W. (s. Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft). -
Biographie
W. wuchs in Brünn auf und wechselte hier 1852 vom Gymnasium in die Oberrealschule.
Bereits 1854 publizierte er seinen ersten Aufsatz „Über die Flora in der Umgebung Brünns“.
Nach Absolvierung der Oberrealschule 1855/56 trat W. in das Technische Institut in Brünn ein, wechselte 1858 an die Univ. Wien, um Botanik bei →Franz Unger (1800–1870) und →Eduard Fenzl (1808–1879) sowie Physiologie bei →Ernst v. Brücke (1819–92) zu studieren. Für seine dreisemestrige Tätigkeit am k. k. Polytechnischen Institut (heute: TH) in den Laboratorien des Chemikers →Anton Schrötter v. Kristelli (1802–75) und im Physikalischen Institut bei →Constantin v. Ettingshausen (1826–97) erhielt er ein Stipendium. 1860 wurde W. an der Univ. Jena zum Dr. phil. promoviert und 1861 habilitierte er sich am k. k. Polytechnischen Institut für physiologische Botanik. Hier wurde er 1866 mit dem Lehrfach Warenkunde betraut und wirkte 1867–73 als ao. Professor. Ferner war W. 1870–80 o. Professor für Anatomie und Physiologie der Pflanzen an der Forstakademie Mariabrunn. 1873 wurde er zum Professor der Anatomie und Physiologie der Pflanzen an der Univ. Wien ernannt (1881/82 Dekan, 1898/99 Rek|tor, em. 1909), wo er das Pflanzenphysiologische Institut gründete, das erste seiner Art.
W.s Vorliebe für technische Mikroskopie, mit der er bahnbrechende Untersuchungen anstellte, zeigte sich ebenso früh wie die für pflanzliche Rohstoffe. So setzte er sich etwa mit Holzstoffreaktionen und dem Feinbau der Zellmembranen auseinander. Mit seinem Standardwerk „Die Rohstoffe des Pflanzenreiches“ (1873, ⁴1927/28 in 2 Bdn.) wurde er zum Begründer der technischen Rohstofflehre als eigenständiger wissenschaftlicher Disziplin. Er lieferte auch Untersuchungen zur Geschichte der Herstellung des Papiers. In seinem Lehrbuch „Elemente der wissenschaftlichen Botanik“ (3 Bde., 1881, ⁶1920) faßte er im ersten Band „Anatomie und Physiologie der Pflanzen“ und in den beiden weiteren Bänden Systematik und Biologie der Pflanzen verbunden mit eigenen Forschungsergebnissen in didaktisch hervorragender Weise zusammen.
W. interessierte sich besonders für die Beziehung der Pflanzen zum Licht. Einschlägige Messungen stellte er bei seinen Forschungsreisen an, die ihn nach Ägypten, Indien, Indonesien, Nordamerika und in die Arktis führten. Er entwickelte ein vereinfachtes Verfahren, die photochemische Wirkung des Lichts zu messen. „Der Lichtgenuß der Pflanzen, photometrische und physiologische Untersuchungen mit besonderer Rücksichtnahme auf Lebensweise, geographische Verbreitung und Kultur der Pflanzen“ (1907) ist sein Hauptwerk auf dem Gebiet der Pflanzenphysiologie, in dem er seine Forschungsergebnisse zur Einwirkung des Lichts auf die Pflanze als Ganzes, also die chemische Lichtintensität, die Entwicklung, den architektonischen Einfluß, den Standort u. a., zusammenführte. Damit gilt W. als Pionier der Lichtphysiologie der Pflanzen. Seine Untersuchungen fanden Berücksichtigung bei Klimatologen und Pflanzengeographen.
Zum Ende seines Lebens beschäftigte sich W. mit naturphilosophischen Fragen (Erschaffung, Entstehung, Entwicklung u. über d. Grenzen d. Berechtigung d. Entwicklungsgedankens, 1916). Zu seinen Schülern zählen u. a. sein →Nachfolger Hans Molisch (1856–1937), desweiteren →Alfred Burgerstein (1850–1929), →Wilhelm Figdor (1866–1938), →Karl Fritsch (1864–1934), →Gottlieb Haberlandt (1854–1945), →Otto Stapf (1857–1933), →Richard v. Wettstein (1863–1931), →Alexander Zahlbruckner (1860–1938) und →Karl Rechinger (1906–1998).
-
Auszeichnungen
|u. a. Rr. d. ksl. Leopold-Ordens;
Großoffz. d. Ordens v. Nassau u. Oranien;
Kdr. d. schwed. Nordstern-Ordens;
goldenes Verdienstkreuz mit Krone (1868);
Mitgl. d. ksl. Ak. d. Wiss. in Wien (1877);
HR (1893);
korr. Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. in Berlin (1899), d. Ak. d. Wiss. in Göttingen (1902), d. Bayer. Ak. d. Wiss. in München (1903), d. Dän. Ak. d. Wiss. in Kopenhagen, d. Russ. Ak. d. Wiss. in St. Petersburg (1912) u. d. Schwed. Ak. d. Wiss. in Stockholm;
Mitgl. d. Herrenhauses (1905–16);
Dr. med. h. c. Univ. Uppsala;
Dr. techn. h. c. TH Wien u. Brünn (1907);
– Gattungen Wisneria [sic] Micheli (1881), Wiesnerella Schiffner (1896), Wiesnerina F. v. Höhnel (1907) u. Wiesnerella Cuthman (1933). -
Werke
Weitere W 217 wiss. u. 39 populärwiss. Publl.;
Die Gesetze d. Riefentheilung an d. Pflanzenaxen, in: SB d. math.-naturwiss. Classe d. ksl. Ak. 38, 1860 S. 832 f.;
Einl. in d. techn. Mikroskopie nebst mikroskop.-techn. Unterss., 1867;
Gummiarten, Harze u. Balsame, 1869;
Mikroskop. Unterss., 1872;
Die Entstehung d. Chlorophylls in d. Pflanze, 1877;
Die heliotrop. Erscheinungen im Pflanzenreiche, in: Denkschrr. d. ksl. Ak. d. Wiss., math.-naturwiss. Kl. 1878–80, Bd. 29, S. 143–209 u. Bd. 41, S. 1–92;
Das Bewegungsvermögen d. Pflanzen, e. krit. Stud. über d. gleichnamige Werk v. Charles Darwin nebst neuen Unterss., 1881;
Die Elementarstruktur u. d. Wachstum d. lebenden Substanz, 1892. -
Literatur
|H. Molisch, Festrede, gehalten anläßl. d. W.-Feier am 20. Jänner 1908, in: Österr. Botan. Zs. 58, 1908, S. 118–26;
ders., in: Neue Freie Presse v. 10.10.1916, S. 3;
ders., in: Berr. d. Dt. Botan. Ges. 34, 1916, S. (71)-(99) (W-Verz.);
J. Neuwirth (Hg.), Die k. k. techn. Hochschule in Wien 1815–1915, 1915;
A. Burgerstein, in: Verhh. d. k. k. zool.-botan. Ges. in Wien 67, 1917, S. 6–12 (P);
R. Biebl, J. Rr. v. W. Pflanzenanatom u. Pflanzenphysiologe, in: Österr. Ak. d. Wiss. (Hg.), Österr. Naturforscher u. Techniker, 1950, S. 105–07 (P);
K. Mägdefrau, Gesch. d. Botanik, Leben u. Leistung gr. Forscher, 1973;
J. Musil-Gutsch u. K. Nickelsen, Ein Botaniker in d. Papiergesch., Offene u. geschlossene Kooperationen in d. Wiss. um 1900, in: NTM, Zs. f. Gesch. d. Wiss., Technik u. Med. 28, 2020, H. 1, S. 1–33;
I. Jahn (Hg.), Gesch. d. Biol., ³1998;
Wurzbach;
Pogg. I–VI;
Complete DSB;
ÖBL;
– Qu: Archive d. TU Wien u. Univ. Wien;
– zur Fam.: Österr. Fam.archiv 1, 1963;
– zu Friedrich: B. Schagerl, Im Dienst e. Staates, den es nicht mehr geben sollte, nicht mehr gab, nicht mehr geben durfte, F. Rr. v. W., Dipl., Legitimist u. NS-Verfolgter, Diss. Wien 2012;
Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft. -
Porträts
|Büsten v. F. Seifert (Univ. Wien u. TU Wien).
-
Autor/in
Christa Riedl-Dorn -
Zitierweise
Riedl-Dorn, Christa, "Wiesner, Julius Ritter von (österreichischer Ritter 1909)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 107-108 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117369705.html#ndbcontent