Lebensdaten
1613 bis 1681
Geburtsort
Langewiesen bei Ilmenau
Sterbeort
Jena
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117187828 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Musäus, Johann
  • Musaeus, Johann
  • Musaeus, Johannes
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Zitierweise

Musäus, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117187828.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes (1582–1654), Rektor d. Schule in Ilmenau, dann Pastor in L. u. Danheim b. Arnstadt, S d. Johannes (1551–1619) aus Fürstenwalde, Pfarrer in Obermaßfeld b. Meiningen;
    M Sibylla, T d. Ratsherrn Johannes Sturm in Ilmenau;
    Ur-Gvv Simon (1521–82) aus Vetschau (Niederlausitz), luth. Theologe (s. ADB 23; NDB X*);
    Gr-Ov Tilemann Hesshusen (1527–88), Daniel Hoffmann (um 1538–1611), luth. Theologen (beide s. NDB IX);
    B Johann Wolfgang (1615/20-54), Sup. in Kranichfeld, Peter (1620–74), ev Theologe (s. ADB 23; Schleswig-Holstein. Biogr. Lex. IV);
    1) Jena 1646 Anna Margarete (1630–70), T d. Johann Melchior Forster, Ratsherr in Erfurt, 2) 1673 Anna Elisabeth Sörgel, Wwe d. Johann Theodor Schenck (1619–71), Prof. d. Med. in J. (s. ADB 31);
    11 K aus 1), u. a. Sophia Maria ( Georg Goetze, 1633–99, Hofprediger, Gen.sup. in J.), Anna Catharina ( Johann Wilhelm Baierd. Ä. , 1647-95, luth. Theologe, s. NDB I), Maria Dorothea (1655–1725, Heinrich v. der Lieth, 1648–82, Stadtpfarrer u. Konsistorialrat in Ansbach), 2 S aus 2); E d. N Karl August (s. 2).

  • Leben

    Nach häuslichem Unterricht durch den Vater besuchte M. die Schule von Arnstadt. 1633|folgte er dem Theologen Georg Großhain nach Erfurt an die von Kg. Gustav Adolf von Schweden begründete luth. Fakultät (1635 wieder eingegangen), wo er auch Johann Matthäus Meyfart und Nikolaus Zapf als Lehrer hatte. Unter Großhain disputierte er im September 1634 und ging dann nach Jena, wo er schon nach weniger als drei Monaten unter dem Philosophen Daniel Stahl disputierte, im August 1635 den Magistergrad erwarb und sodann philosophische Privatkollegs abhielt. Daneben intensivierte er sein Theologiestudium bei Johann Gerhard, Johannes Himmel, Johannes Maior und Salomon Glaß. Im Januar 1643, im Begriff Jena zu verlassen, wurde er, als Nachfolger von Johann Michael Dilherr, zum Professor der Geschichte und Dichtkunst ernannt, sodann „wider Erwarten“ von seinem Landesherrn 1645 in die Theologische Fakultät versetzt und im Januar 1646 zum o. Professor ernannt. Die Fakultät promovierte ihn im Mai 1646 auch zum Dr. theol. In diesem akademischen Rahmen verlief dann sein ganzes weiteres Leben; jeweils von August bis Februar der Jahre 1646/47, 1651/52, 1657/58, 1665/66, 1673/74 und 1679/80 war er Rektor. Nach nie aufgegebener Gewohnheit stand er täglich ohne Rücksicht auf die Jahreszeit um 3 oder 4 Uhr auf, um nach Verrichtung seines Gebets zu studieren; seine nicht sehr zahlreichen, vielfach frühere Themen wieder aufgreifenden Schriften zeigen hohe Bildung, argumentieren außerordentlich scharfsinnig und sind sorgfältig formuliert. Sie bewegen sich im Rahmen der orthodox-luth. dogmatischen und polemischen Theologie, lassen aber erkennen, daß M. – gleichrangig Abraham Calov – zu den bedeutenden Vertretern der Spät-Orthodoxie gehört.

    Von Beginn an führte M. die Jenaer Fakultät in der Auseinandersetzung mit dem sog. „Synkretismus“, d. h. den mit Georg Calixt und seiner Schule von Helmstedt ausgehenden Ideen zur Wiedervereinigung der christlichen Konfessionen. Während er jedoch im Dezember 1648 noch mit Wittenberg und Leipzig die Helmstedter ermahnte, „nicht die Fundamente und Grundlagen … der ev. Lehre … zu erschüttern“, verhinderte er 1650/51 das Zustandekommen eines gesamtsächs. Theologenkonventes und weigerte sich, einer 1655 von den Kursachsen ausgearbeiteten neuen Bekenntnisschrift, dem „Consensus repetitus fidei vere Lutheranae“, beizutreten. Daraus entwickelte sich ein bis an sein Lebensende anhaltender literarischer Konflikt mit Calov. Hzg. Ernst der Fromme sah sich 1679 zu einer Visitation der Univ. Jena veranlaßt, bei der alle Professoren auf eine Ablehnung des Synkretismus verpflichtet wurden. Diese entsprach auch M.s Einstellung; er vermied aber, alle theologischen Meinungsdifferenzen für fundamental trennend zu halten, und neigte in Konfliktfällen eher dazu, sie aus der schon 100jährigen, differenzierten Geschichte der luth. Theologie zu erklären. Dem entspricht, daß M., wie Calov auf der Höhe der Bildung seiner Zeit und wie dieser aufmerksamer Beobachter der gewaltigen Verschiebungen des Zeitgeistes, doch ein deutlicheres Gefühl für die Zukunftsbedeutung Herberts von Cherbury, Spinozas und Descartes' hatte und daher schon seit 1667 gegen diese mit Einfühlung und Geschick die Orthodoxie verteidigte. Damit hängt zusammen, daß in seiner Theologie Fragen der Glaubenspsychologie und der sog. natürlichen Gotteserkenntnis stärkeres Gewicht als zuvor gewinnen. Wenn ihn Calov als „Mediator“ (Vermittlungstheologe) und „mehr Philosoph als Theologe“ charakterisiert, ist das nicht völlig abwegig. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß in der zweiten Generation nach M. – nach Johann Wilhelm Baier, dessen Dogmatik erfolgreich, aber zurückhaltend M.s Theologie verarbeitete – Jena mit Johann Franz Buddeus bruchlos den Weg in eine maßvolle Frühaufklärung fand.

  • Werke

    De usu principiorum rationis et philosophiae in controversiis theologicis libri tres, 1644, 21647, 31665, 41698;
    De aeterno Praedestinationis decreto an absolutum sit, nec ne, 1646, 21664, 31703;
    Theologisches Bedencken üb. d. Frage: Ob gute Werke nöthig seyen zur Seligkeit, 1650 (unerlaubt gedr.);
    De Conversione hominis peccatoris ad Deum, Tractatus theologicus, 1661;
    De Luminis naturae, & ei innixae Theologiae naturalis insufficientia ad salutem, Dissertatio. contra Edoardum Herbert de Cherbury, Baronem Anglum, (1668), 21668 u. 31675, u. d. T. Examen Cherburianismi, 41708;
    Dissertationes duae, una de aeterno Electionis decreto, an eius aliqua extra Deum causa impulsiva detur, nee ne? … Altera de Luminis naturae insufficientia ad salutem, contra Edoardum Herbert de Cherbury, 1668, 21675;
    Tractatus de Ecclesia, 1671, 21675 (antiröm.);
    Tractatus theologico-politicus, quo Auctor quidam anonymus (§ 1: „Benedictus Spinosa“), conatu improbo, demonstratum ivit, libertatem philosophandi, h(oc) e(st) de doctrina religionis pro lubitu iudicandi, sentiendi & docendi, non tantum salva pietate & Reipublicae pace posse concedi, sed eandem, nisi cum pace Reipublicae ipsaque pietate tolli non posse, (1674) (Vorwort v. Ch. F. Knorr), u. d. T. Spinosismus …, 1708;
    Der Jenischen Theologen Außführliche Erklärung üb. drey u. neunzig vermeinete Religions-Fragen od. Controversien, 1677;
    Introductio in Theologiam, qua de natura theologiae, naturalis, et revelatae, itemque de theologiae revelatae principio cognoscendi primo, scriptura sacra, agitur, 1678;
    Quaestiones Theologicae inter Nostrates hactenus agitatae de Syncretismo|et Scriptura Sacra (Veröff. e. Vorlesung v. 1671), 1679;
    Der Theol. Facultät zu Jehn (Jena) Bedencken an Ihre Hoch-Fürstl. Durchlauchtigkeiten Herrn Johann Ernsten u. Herrn Friederich/Hertzogen zu Sachsen …, Vom Consensu repetito u. v. dem Calixtischen Syncretismo, M(ense) April. A(nno) 1680: Abraham Calov, Historia syncretistica, 1681, 999-1089 (ohne Zustimmung d. Verf. gedr.);
    Praelectiones in epitomen Formulae Concordiae, 1701. – W-Verz.: F. W. Buck, De Ioanne Musaeo …, 1862, S. 50-61.

  • Literatur

    ADB 23;
    R. Herrmann, Thüring. KG, II, 1947;
    PRE;
    RGG;
    Theologenlex., 21994, S. 195 f.;
    BBKL.

  • Portraits

    Stich, Abb. vor d. Drucken v. 1668 u. 1678.

  • Autor/in

    Theodor Mahlmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Mahlmann, Theodor, "Musäus, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 621-623 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117187828.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Musaeus: Johann M., Professor der Theologie zu Jena, Urenkel von Simon M. (s. u. S. 91), wurde am 7. Februar 1613 geb. in Langewiesen, einem Dorfe in der Oberherrschaft des Fürstenthums Schwarzburg-Sondershausen, wo sein Vater als Prediger stand. Den ersten Unterricht erhielt er vom Vater, besuchte alsdann die Schule zu Arnstadt, und bezog 1633 die Universität Erfurt. Hier studierte er zunächst Philosophie und Humaniora, und hielt 1634 eine Disputation de cultu divino Enosi. Von Erfurt begab sich M. nach Jena, promovirte hier am 4. August 1635 zum Dr. phil. und wandte sich später theologischen Studien zu. Im Januar 1643 wurde M. Professor der Geschichte und Poesie an der Universität Jena, setzte aber seine theologischen Studien mit|Eifer fort und trat 1646 in die theologische Facultät über. Am 5. Mai 1646 promovirte er als Doctor der Theologie und wirkte in hohem Ansehen bis an seinen Tod, den 4. Mai 1681. M. gehörte zu den angesehensten und einflußreichsten Theologen seiner Zeit. Seine Größe bestand darin, daß der Eifer um lutherische Rechtgläubigkeit, welcher in jener Zeit in einen todten Buchstabenglauben auszuarten drohte, bei ihm durch wahre Herzensfrömmigkeit und durch tiefere philosophische Bildung gemildert war. Daher bewahrte er sich eine für jene Zeit seltene Weite des Blicks, welche ihn manche Erscheinungen des kirchlichen Lebens, z. B. den Synkretismus, milder beurtheilen lehrte und zugleich befähigte, manchem Gegner, wie dem Deismus und Spinozismus, mit Verständniß entgegenzutreten. Der von Calov geplanten Ginführung des Consensus repetitus fidei vere Lutheranae als einer fest bestimmten Formel lutherischer Rechtgläubigkeit hat er sich energisch widersetzt. Rechtgläubige reine Theologen, sonderlich auf hohen Schulen, können nach seiner Meinung gar nicht einig sein in allem, was zur Erklärung der Glaubenslehre nöthig ist, oder in philosophischen Fragen, welche eine Verwandtniß haben mit einigen Glaubensartikeln. Denn sie sollen ihren Zuhörern ja nicht bloß vortragen, was sie von ihren Lehrern gehört haben, sondern sollen durch eignes Nachdenken und selbständige Forschung die Erkenntniß nach Kräften fördern. Die Annahme des „Consensus“ konnte M. noch hindern, als aber dann Joh. Reinhard in der Streitschrift „theologorum Jenensium errores“ nicht weniger als 93 ketzerische Irrthümer aufstellte, meist aus den Vorlesungen des Musaeus, als auch Calov in zwei Bänden den Jenensern den Abfall von dem rechten Glauben ihrer Väter vorhielt, da hielten die Herzöge von Sachsen es doch für nöthig, eine außerordentliche Visitation über die Universität Jena ergehen zu lassen und sämmtlichen Professoren eine neue Verpflichtungsformel aufzuerlegen, welche jede Gemeinschaft mit calvinistischen Theologen als „verdammlichen Synkretismus“ bezeichnete (1679). Dieser Sieg des Buchstabens dürfte dem weitherzigen M. das Leben verkürzt haben. Nach den verschiedensten Seiten hin ist er als gewaltiger Streiter für die christliche Wahrheit ausgetreten. Gegen Herbert von Cherbury hat er den Satz vertheidigt, daß die natürliche Gottescrkenntniß zur Erlangung des Heiles nicht genüge; Spinoza hat er bestritten, daß man ohne Schaden für die Frömmigkeit und für das Gedeihen des Staates völlige Freiheit des Urtheils und der Rede über religiöse Fragen gestatten könne; Matthias Knutzen (Bd. XVI S. 335) gegenüber hat er Jena in Schutz genommen, als habe die schwärmerische Secte der „Gewissener“ hier zahlreiche Anhänger. Gegen die Angriffe des Katholiken Veit Erkermann vertheidigt er das Weimarische Bibelwerk, gegen Jodocus Kedd (Bd. XV S. 518) den „unbeweglichen Grund der Augsburgischen Confession“, gegen Jakob Masenius (Bd. XX S. 558) die Abneigung der Protestanten gegen die vorgeschlagene Vereinigung der Kirchen. Mit dem Arminianer Curcelläus streitet er über die Seligkeit der Heiden, mit dem Reformirten Vedelius über den Gebrauch der Philosophie in theologischen Fragen. In allen seinen Schriften zeigt sich in wohlthuender Weise, daß Rechtgläubigkeit der Erkenntniß und Christlichkeit der Gesinnung nicht immer beisammen sind, daß aber letztere das Wichtigste von beiden ist. — Die Schriften stehen verzeichnet bei Zeumer: Vitae professorum theol. Jenae 1711. p. 173—177.

  • Autor/in

    B. Pünjer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pünjer, Bernhard, "Musäus, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 84-85 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117187828.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA