Lebensdaten
1902 bis 1961
Geburtsort
Zittau (Sachsen)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Publizist ; Redakteur ; Zeitungsgründer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117136182 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Moras, Joachim

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Zitierweise

Moras, Joachim, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117136182.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Alfred (1867–1943), Textilfabrikdir. in Z., Vors. d. Webereiverbandes d. Sächs. Oberlausitz (s. Wenzel), S d. Otto (1842–97) aus Odenkirchen (Rheinland), Fabr. u. Kaufm. in Z.;
    M Margarete (1879–1945), T d. Karl Theodor Seidel (1849–1918), Kaufm. in Z., u. d. Clara Emilie Bluhm (1856–81);
    Schw Margot (1900–87, Friedrich Wilhelm Richter, 1878–1946, 1929-33 Sächs. Staatsmin. d. Innern, seit 1930 zusätzl. f. Arbeit u. Wohlfahrt, s. Rhdb.), Renate (* 1917, Heinz Mahlo, Dr.-Ing., Industrieller in Saal/Donau);
    B Gottfried (1904–84), Textilfabr. in Kollnau (Schwarzwald);
    Ov Otto (* 1871), Fabrikbes., Dir. u. Vorstandsmitgl. d. Vereinigten Dt. Textilwerke AG, Mutterges. d. Fa. Wagner & Moras, 1918-28 1. Vors. d. Verbandes sächs. Industrieller u. Präsidialmitgl. d. Reichsverbands d. Dt. Industrie (s. Wenzel);– Dresden 1933 Claere (* 1910), T d. Georg Fried (1978–1938), Handwerker, u. d. Maria Huber (1876–1952), beide in Friedrichshafen/Bodensee;
    2 S Nikolaus (* 1936), Graphiker, Buchillustrator in Rom, Ferdinand (* 1941), Kaufm. in Kempten (Allgäu).

  • Leben

    M. studierte zunächst Jura in Innsbruck und München, dann Germanistik in Berlin, Wien,|Genf und Köln. Nach einem Paris-Aufenthalt 1926/27 wurde er Schüler von Ernst Robert Curtius in Heidelberg. 1929 promovierte er mit einer Arbeit über „Ursprung und Entwicklung des Begriffs der Zivilisation in Frankreich (1756–1830)“, die u. a. ein Beitrag zur Überwindung der noch aus der Zeit des 1. Weltkrieges stammenden Antithese von Kultur und Zivilisation war. Zugleich hatte er damit eines seiner Lebensthemen angeschnitten, jene Form der Literatur, die „als Gemisch aus Philosophie, Dichtung und Aktualität … noch heute für Frankreich charakteristisch ist.“ Nach einer kurzen Lektorentätigkeit in Bordeaux und einem längeren Aufenthalt in England wurde M. im März 1932 Redakteur der „Europäischen Revue“ in Berlin. Diese 1925 von K. A. Rohan im Geiste von Gustav Stresemann und Aristide Briand gegründete Monatsschrift, die internationales Ansehen genoß, war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Gefahr, als Aushängeschild mißbraucht zu werden. M., seit April 1933 Schriftleiter und seit 1938 Herausgeber, schrieb politische Beiträge, die durch geschickten Einsatz stilistischer Mittel die Zensur passieren konnten. Er veröffentlichte auch Autoren, die Schreibverbot hatten, unter falschem Namen, so den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss. Bald nach seiner Einberufung zur Wehrmacht 1943 wurde das Erscheinen der Zeitschrift eingestellt.

    1947 gründete M. zusammen mit Hans Paeschke den „Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“, der seit 1948 in München herausgegeben wurde und eine der erfolgreichsten kulturpolitischen Zeitschriften in Deutschland wurde. In der Namensgebung lag ein Anklang an die von Ch. M. Wieland seit 1773 herausgegebene Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ sowie an den „Neuen Merkur“, der 1914-25 von Efraim Frisch herausgegeben wurde, der danach bis 1933 bei der „Europäischen Revue“ für Literatur zuständig gewesen war. Der „Merkur“ wurde mit dem programmatischen Abdruck eines Beitrages von G. E. Lessing in Wielands Zeitschrift eröffnet, worin die Haltung des humanen Aufklärers gegenüber allen Sorten von Schwärmern dargelegt ist. Er sollte „keinem Dogma, keiner Doktrin und keiner Ideologie“ verpflichtet sein. Für M. war Tradition nicht gleichbedeutend mit Konservativismus, sondern mit personaler Kontinuität, die ihren Ausdruck zunächst darin fand, daß sowohl Autoren des einstigen „Neuen Merkur“, wie M. Buber, W. Hausenstein und Th. Mann, wieder zur Mitarbeit gewonnen wurden, als auch viele der „Europäischen Revue“. Bald kamen fast alle wichtigen Autoren der jüngeren Generation hinzu. M. war der Überzeugung, daß „unsere ungeklärte geistige Sitution … nicht auf einfache Nenner zu bringen“ sei, und gab daher den entscheidenden Fragen der Zeit den notwendigen Raum in Form kontroverser Auseinandersetzung der profiliertesten Gegenpositionen. Von Anfang an war die Atombombe Thema; die Debatte über die Entmythologisierung der Bibel, das adäquate Verständnis des Religiösen in der Gegenwart, wurde zwischen Karl Jaspers und Rudolf Bultmann ausgetragen; eine „Diskussion des – auch der modernen Dichtung gestellten – Problems von Wahrheit und Schönheit“ wurde zwischen Erich Heller und T. S. Eliot eröffnet. Es wurde zum „Prinzip, Geistes- und Naturwissenschaft miteinander … ins Gespräch zu bringen. Zu Problemen der modernen Technik nahmen Kulturkritiker das Wort, zur Kulturkritik Anthropologen; Physiker behandelten die mathematisierte Logik, Biologen die Kybernetik“ (H. Paeschke). Jürgen Habermas nahm zu Arnold Gehlen Stellung, C. F. v. Weizsäcker zu Martin Heidegger.

    M. übernahm als Lektor der Deutschen Verlagsanstalt nebenher Nachlaßbetreuungen für Autoren (F. A. Kauffmann, L. Curtius). Seit 1954 gab er zusätzlich regelmäßig den „Jahresring“ heraus, der einen repräsentativen „Schnitt durch Literatur und Kunst der Gegenwart“ geben sollte. In seinen alljährlichen Nachworten zur „geistigen Situation der Zeit“ spannte M. oft einen Bogen zwischen verfeindeten Lagern in der Erkenntnis, daß „die Experimente Geschichte ansetzen und die Hüter der Tradition auf Experimente aus sind“, die Gegensätze also „offenbar komplementär geworden“ sind: „Wo immer heute Antithesen einsinnig aufgestellt werden, besteht Fluchtverdacht“. M. kam es nicht auf intellektuelle Gruppen, „nicht auf die Kollektive, sondern auf die Einzelnen“ an, so daß er Dichter wie G. Britting ebenso veröffentlichen ließ wie die besten Autoren der antagonistischen „Gruppe 47“. Persönlich war er mit so verschiedenen Künstlern befreundet wie Ingeborg Bachmann und Heimito v. Doderer. M. war ein entschiedener und entscheidender Förderer noch unbekannter Begabungen (u. a. Johannes Bobrowski) und hatte zugleich das Vertrauen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, für dessen Kulturkreis er die Vergabe der Literaturpreise verantwortete. M. hatte selbst, was er an L. Curtius rühmte, eine „eminent dialogische Konstitution“ und wirkte wesentlich durch|seine umfangreiche Korrespondenz (u. a. mit E. Grassi über dessen Herausgabe von Rowohlts Enzyklopädie).|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Fondation Européenne de la Culture (1957).

  • Werke

    Weitere W u. a. Diane (Fragment), in: Merkur 1, 1947, H. 1-2, S. 79-100, 257-69. – Hrsg.: Europ. Revue 14-19, 1938-43;
    Merkur 1-15, 1947-61 (mit H. Paeschke);
    Jahresring, Btrr. z. dt. Lit. u. Kunst d. Gegenwart, 1954-61;
    Dt. Geist zw. Gestern u. Morgen, Bilanz d. kulturellen Entwicklung seit 1945, 1954 (mit H. Paeschke u. W. v. Einsiedel);
    F. A. Kauffmann, Leonhard, Chronik e. Kindheit, 1956;
    L. Curtius, Torso, Verstreute u. nachgelassene Schrr., 1957. – Überss.: André Gide, Corydon, 4 sokrat. Dialoge, 1932, Neuausg. 1964;
    Sir Frederick Whyte, Der Ferne Osten v. England aus gesehen, 1936;
    Neu-Amerika, 20 Erzähler d. Gegenwart, 1937;
    T. F. Powys, König Duck, 1938 (mit H. Hennecke). |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Marbach. Dt. Lit.-Archiv (Merkur-Korr.).

  • Literatur

    G. Mann, Dt. Geist 10). danach (Rez.), in: FAZ v. 29.1.1955;
    H. v. Doderer, Die Dämonen, 1956, S. 645;
    Nelly Sachs, Grabschr. (Gedicht), in: Jahresring, 1961, S. 7;
    H. E. Nossack, H. E. Holthusen, W. v. Einsiedel, K. A. Horst, H. Paeschke, in: Merkur 15, 1961, H. 159, S. 401-21;
    P. Härtling, J. M.: „Diane“, in: Vergessene Bücher, 1966, S. 160-63;
    Kosch, Lit.-Lex.3

  • Portraits

    Jemand d. schreibt, 1972, S. 346;
    J. Bobrowski, Kat. Schiller-Nat.mus., Marbach/Neckar, 1993.

  • Autor/in

    Klaus von Welser
  • Empfohlene Zitierweise

    Welser, Klaus von, "Moras, Joachim" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 82-84 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117136182.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA