Lebensdaten
1883 bis 1969
Geburtsort
Mülhausen (Elsaß)
Sterbeort
Kilchberg bei Zürich
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117041874 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lion, Ferdinand
  • Lion, F.
  • Lion, Fernand

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Zitierweise

Lion, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117041874.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus gutsituierter jüd. Fam.;
    V Heinrich, Kaufm.;
    M Aline Blum; ledig.

  • Leben

    L. studierte in Straßburg, München und Heidelberg Geschichte und Philosophie. In Paris, wo er sich mit André Gide befreundete, öffneten sich ihm die literarischen Salons. Er begann seine Schriftstellerlaufbahn als Librettist und war während des 1. Weltkriegs auch als Journalist tätig. L. war Mitarbeiter am „Neuen Merkur“. 1917 lernte er in München Thomas Mann kennen und befreundete sich mit ihm. Als gebürtiger Elsässer entschied er sich nach Kriegsende, in Deutschland zu bleiben. In Frankreich hatte ihn der Verdacht, Leitartikler der deutschfreundlichen „Gazette des Ardennes“ gewesen zu sein, für kurze Zeit ins Gefängnis gebracht. Er wurde Lektor im Verlagshaus Ullstein in Berlin. Spätestens aus dieser Zeit datiert seine Bekanntschaft mit Alfred Döblin. L. wurde auch Mitarbeiter an der „Neuen Rundschau“ und schrieb u. a. für Eugen d'Albert und Paul Hindemith Operntexte. Im März 1926 unternahm er mit dem Ehepaar Hindemith eine Reise nach Venedig. 1933 wurde er aus Deutschland vertrieben. Er emigrierte in die Schweiz und fand in Zürich beim Verleger Emil Oprecht und im Kreis des Schriftstellers Rudolf Jakob Humm Aufnahme. Hier traf er auch Thomas Mann wieder. L. wechselte auch in der Schweiz ständig seinen Aufenthaltsort. Bald war er in Arosa, bald am Genfer See, bald in Schuls-Tarasp. 1937 übernahm er die Redaktion der von Thomas Mann und Konrad Falke bei Oprecht herausgegebenen Zeitschrift „Maß und Wert“. Auch diese Tätigkeit konnte ihn jedoch nicht zu einer längeren Aufenthaltsdauer veranlassen. 1938 reiste er nach Italien. Die häufige Abwesenheit von Zürich und ein Zerwürfnis mit Klaus Mann führten schließlich zur Niederlegung der Redaktionstätigkeit. Den Ausbruch des 2. Weltkriegs erlebte L. in Frankreich, wo er zunächst im Benediktinerkloster Ligugé Unterschlupf fand. Bei Kriegsende befand er sich in La Rochesur-Foron b. Annecy. Im Juni 1946 hatte er sich erneut in Zürich einquartiert. Sein Interesse richtete sich wieder auf Deutschland, wohin er in den Nachkriegsjahren regelmäßige Reisen unternahm. L. war Mitarbeiter von Literaturzeitschriften wie „Das goldene Tor“, „Akzente“, „Texte und Zeichen“ und „Augenblick“. Freundschaftliche Verbindungen führten ihn nach Heidelberg, wo er den Soziologen Alfred Weber zu besuchen pflegte, aber auch nach Mailand zu seinem Verleger Valentino Bompiani. Die letzten schon von Krankheit gezeichneten Jahre seines Lebens verbrachte er im Kreis seiner Zürcher Freunde, die ihn auch materiell unterstützten.

    L.s Lebensgang entzieht sich selbst einer groben Rekonstruktion einzelner Abschnitte. In diesem Befund liegt aber eine Qualität seines Wesens, die für die Beurteilung charakteristisch ist. L. hat sich einem historischen Zugriff seiner Person gegenüber weitgehend zu entziehen vermocht und in seinem Werk dafür ein geradezu universalistisches Spektrum an Veröffentlichungen hinterlassen. Er war sowohl Dichter, als auch Literaturwissenschaftler, Historiker, Staatsdenker und Philosoph. Seine Veröffentlichungen, soweit sie auf ihre Gegenwart Bezug nahmen, waren zugleich an der Geschichte vergangener Epochen orientiert. L. engagierte sich als Publizist nicht im tagespolitischen Journalismus, sondern behandelte in seinen Schriften Themen der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte schlechthin, das Nachwirken der Antike in der Moderne oder den Gegensatz von Politik und Kunst und Literatur. Eine Ausnahme bildet sein Interesse für die Beziehung Frankreichs zu Deutschland, die ihn persönlich als Elsässer besonders berührte, sowie sein literaturkritisches Eintreten für die Schriftstellerfreunde Thomas Mann und Döblin.

  • Werke

    Revolutionshochzeit, Musik v. Eugen d'Albert;
    Cardillac, Oper in 3 Akten, Musik v. P. Hindemith, 1926 (Neuausg. 1954);
    Der Golem, Musikdrama in 3 Akten, Dichtung, Musik v. Eugen d'Albert, 1926;
    Große Pol., 1926;
    Zwischen Indien u. Amerika, Lustspiel in 3 Akten, 1928; |
    Geheimnis d. Kunstwerks, 1932;
    Thomas Mann in s. Zeit, 1935 (Neuausgg. 1947, 1955);
    Gesch. biolog. gesehen, Essays, 1935;
    Romantik als dt. Schicksal, 1947 (Neuausg. 1963, dazu: K. Epstein, in: HZ 199, 1964, S. 623-26);
    Lebensqu. franz. Metaphysik, Descartes, Rousseau, Dergson, 1949;
    Der franz. Roman im 19. Jh., Stendhal, Balzac, Flaubert, Zola, 1952;
    Plato v. Hellas aus gesehen, 1952;
    Die Geburt d. Aphrodite, Ein Gang zu d. Quellen d. Schönen, 1955;
    Lebensqu. d. dt. Metaphysik, 1960;
    Geist u. Pol. in Europa, Verstreute Schrr. aus d. J. 1915–61, ges. u. hrsg. v. F. Martini u. P. de Mendelssohn, Mit Geleitwort v. G. Mann, 1980 (P).

  • Literatur

    M. Dense. Über F. L., in: ders., Rationalismus u. Sensibilität, Präsentationen, 1956, S. 68-77;
    ders., Die Realität d. Lit., Autoren u. ihre Texte, 1971, S. 134-40;
    ders., Notizen üb. F. L., ebd., S. 129-33;
    Thomas Mann, Briefe 1889-1955 u. Nachlese, 3 Bde., hrsg. v. E. Mann, 1961-65;
    Die Briefe Thomas Manns, Regesten u. Register, bearb. u. hrsg. v. H. Bürgin u. H.-O. Mayer, 2 Bde., 1977-80;
    ders., Tagebücher 1918-21 u. 1933-38, 4 Bde., hrsg. v. P. de Mendelssohn, 1977-80;
    R. J. Humm, Bei uns im Rabenhaus, Aus d. literar. Zürich d. 30er J., 1963;
    G. Schlocker, in: Merkur 17, 1963, S. 605-08;
    H. Bender, ebd. 19, 1965, S. 298-300;
    ders., in: Jahresring 65/66, 1965, S. 318-21;
    W. Weber, F. L., in: ders., Tagebuch e. Lesers, Bemerkungen u. Aufsätze z. Lit., 1965, S. 154-58;
    E. Muller, in: Bull, des Professeurs du Lycée d'Etat de Garçons de Mulhouse, 1965/66, Nr. 3, S. 99-102;
    M. Brion, in: Saison d'Alsace, Revue trimestrielle NS 11, 1966, Nr. 19, S. 297 f.;
    Ch. Seither, F. L., Mulhousien errant et grand esprit de l'Occident, ebd., S. 299-302;
    ders., Bibliogr. sommaire des ouvrages de F. L., ebd., S. 323 f.;
    L. Vogt, L'CEuvre de F. L., Perspectives françaises et allemandes, ebd., S. 303-23;
    A. Döblin, Briefe, 1970;
    Klaus Mann, Briefe u. Antworten, hrsg. v. M. Gregor-Dellin, 2 Bde., 1975;
    R. Musil, Tagebücher, hrsg. v. A. Frisé, 2 Bde., 1976;
    W. Mittenzwei, Exil in d. Schweiz, 1978;
    Alfred Döblin, 1878, 1978, Eine Ausstellung d. Dt. Lit.-archivs, bearb. v. Jochen Meyer in Zus.arb. mit U. Doster, 1978 (P);
    D. Stern, Werke v. Autoren jüd. Herkunft in dt. Sprache, Eine Bio-Bibliogr., 31970, S. 254;
    W. Sternfeld u. E. Tiedemann, Dt. Exil-Lit. 1933–45, Eine Bio-Bibliogr., 21970, S. 311;
    Ch. Lohse, F. L. u. d. Exil, 1982 (L, ungedr. Zulassungsarb, f. d. Staatsexamen, Bayer. Hauptstaatsarchiv, München).

  • Autor/in

    Konrad Feilchenfeldt
  • Empfohlene Zitierweise

    Feilchenfeldt, Konrad, "Lion, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 641 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117041874.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA