Lebensdaten
1860 bis 1919
Geburtsort
Frankenthal (Pfalz)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Psychiater
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117023159 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nissl, Franz

Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Nissl, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117023159.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Theodor (1824–84), Gymnasiallehrer in F. u. Freising, S d. Sigmund Constantin (1788–1872), Jur. in Zweibrücken, u. d. Maria Anna Marchal;
    M Maria Franziska ( 1868), T d. Johannes Haas, Gutsbes. in F., u. d. Sibylla Wolff; ledig.

  • Leben

    N. besuchte das Gymnasium in Freising und studierte 1880-84 an der Univ. München Medizin. Er erhielt 1884 die Approbation als Arzt und wurde 1885 mit der Dissertation „Resultate und Erfahrungen bei der Untersuchung der pathologischen Veränderungen der Nervenzellen im Großhirn“ zum Dr. med. promoviert. 1885/86 war N. Assistent bei Bernhard v. Gudden an der Kreisirrenanstalt München, 1888/89 am Karl-Friedrichs-Hospital in Blankenhain bei Weimar. 1889-95 war er als Arzt an der Städtischen Irrenanstalt in Frankfurt am Main tätig, wo es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den bedeutenden Neuropathologen bzw. Pathologen Ludwig Edinger (1855–1918), Carl Weigert (1845–1904) und insbesondere mit Alois Alzheimer (1864–1915) kam. 1895 holte Emil Kraepelin N. als Mitarbeiter an die Psychiatrische Klinik in Heidelberg, wo er sich 1896 mit einer Arbeit „Chronische Nervenzellenerkrankungen“ habilitierte und 1901 ao. Professor wurde. Nach der Berufung Kraepelins nach München (1903) und Karl Bonhöffers nach Breslau (1904) wurde N. deren Nachfolger als Professor für Psychiatrie in Heidelberg. 1918 gab er aus gesundheitlichen Gründen die klinische Tätigkeit in Heidelberg auf und übernahm die Stelle eines Abteilungsleiters an der Deutschen Forschungsanstalt (später MPI) für Psychiatrie in München.

    Das wissenschaftliche Werk N.s umfaßt die neuroanatomisch-neuropathologische Grundlagenforschung und die klinische Psychiatrie. Seine morphologische Grundlagenforschung begann mit der Dissertation und wurde unter sehr schwierigen Bedingungen in Frankfurt und Heidelberg fortgeführt. Bereits 1884 färbte N. den Zellkörper von Nervenzellen (heute das „Perikaryon“) mit basischen Anilinfarbstoffen, wobei zunächst Magentarot, dann Methylenblau und später vor allem Thionin bzw. Toluidinblau Anwendung fanden. Hierbei ließen sich perinucleär basophile Strukturen darstellen, die heute als „Nissl-Schollen“ (auch als „Nissl-Körper“, „Nissl-Substanz“ oder „Tigroid“) bezeichnet werden. N. beobachtete bereits, daß es sich dabei um sehr labile Strukturen handelt, deren Aufbau vom Funktionszustand der Zellen abhängig ist. Er stellte den Zellkörper der Nervenzelle in den Vordergrund, was zu jahrzehntelangen Kontroversen über dessen Rolle und der Funktion der bereits früher von Camillo Golgi mittels Osmiumfärbung dargestellten fibrillären bzw. der durch Silberfärbung von Santiago Ramon y Cajal demonstrierten retikulären Strukturen führte, bevor es zu einer Synthese der verschiedenen Beobachtungen zu einem einheitlichen Bild des Neurons kam. Ziel aller Untersuchungen war es, die neuropathologische Basis für alle wichtigen Erkrankungen|des Gehirns zu erarbeiten. Dies ist N. vor allem bei den entzündlichen Erkrankungen (insbes. bei der „Dementia paralytica“) gelungen, während auf dem Gebiet der großen Psychosen dieses Problem bis heute weitgehend ungelöst ist. Weitere wichtige Arbeitsgebiete N.s waren die Schichtenbildung der Großhirnrinde sowie Struktur und Funktion des Thalamus. N. erkannte im Thalamus den „Schlüssel“ zur Großhirnrinde. In der klinischen Tätigkeit versuchte N. stets, eine klare Diagnostik unter Berücksichtigung seiner immensen neuropathologischen Erfahrungen zu finden. Die Therapie trat dagegen in den Hintergrund, wenngleich er durch August Homburger an der Heidelberger Klinik bereits die Psychotherapie einführen ließ. N. war ein glänzender Redner und Lehrer. Er hat auf pathologischem wie auf klinischem Gebiet bedeutende Schulen gebildet. Zu seinen Schülern zählen Ugo Cerletti (1877–1963), Hans Walther Gruhle (1880–1958), Karl Jaspers (1883–1969), August Homburger (1873–1930), Willy Mayer-Gross (1889–1961), Hugo Spatz (1888–1969) und Franz Heinrich Karl Wilmanns (1873–1945). Wesentliche Ergebnisse seiner Forschungen wurden erst von seinen Schülern, insbesondere von Walter Spielmeyer (1879–1935), publiziert.

  • Werke

    u. a. Histolog. u. histopatholog. Arbb. üb. d. Großhirnrinde, 7 Bde. 1906-1921 (mit A. Alzheimer);
    ca. 150 Aufss. u. Übersichten in Zss.

  • Literatur

    H. Spatz, in: Archiv f. Psychiatrie 87, 1929, S. 123 ff. (W-Verz);
    ders., in: Gr. Nervenärzte II, hg. v. K. Kolle, 1959, S. 13-31 (P).

  • Autor/in

    August W. Holldorf
  • Empfohlene Zitierweise

    Holldorf, August W., "Nissl, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 290-291 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117023159.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA