Lebensdaten
1565 bis 1627
Geburtsort
Allendorf (Hessen)
Sterbeort
Marburg
Beruf/Funktion
Professor der Theologie in Marburg und Gießen ; Superintendent in Gießen
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116885955 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mentzer, Balthasar der Ältere
  • Mentzer, Balthasar
  • Mentzer, Balthasar der Ältere
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Zitierweise

Mentzer, Balthasar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116885955.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Justus, Sodenmeister in A., S d. Lorenz, Bediensteter Landgf. Philipps d. Großmütigen;
    M Margarethe, T d. Ratsherren Johannes Zahn in A.;
    1) Marburg 1589 Juliane ( 1592), Kammermagd, T d. Rentschreibers Heinrich Wolf v. Todenwart in Haina, 2) Kirtorf 1595 Margarethe (1578–1601). T d. Ratsherren Georg Orth in M. u. d. Anna Rothand, 3) 1603 Elisabeth (1576–1657), T d. Joachim Strupp v. Gelnhausen (1530–1606), Leibarzt Ludwigs VI. v. d. Pfalz u. Georgs I. v. Darmstadt (s. ADB 36), u. d. Elisabeth Gutterbock; Gvm d. 3. Ehefrau Paul v. Gutterbock, Dr. iur., Prof. in Wittenberg; Schwager Kanzler Dr. iur. Strupp in Gießen;
    1 S, 3 T aus 2), u. a. Gertrud (1597–1667, Dr. theol. Heinrich Wiedeburg, 1587–1648, Hofprediger u. Gen.sup. in Wolfenbüttel), Hedwig (* 1599, Dr. theol. Justus Feuerborn, 1587–1656, luth. Theologe, s. NDB V), 3 S, 3 T aus 3), u. a. Ludwig (1608–70), Dr. iur., Rat u. Oberarchivar in Gießen, Stadtrat in Oppenheim, Balthasar (1614–79), Prof. d. Theol. in Marburg, Rinteln u. Gießen, Oberhofprediger u. Sup. in Darmstadt seit 1652, Hrsg. d. lat. Werke M.s (s. ADB 21; BBKL), Margarethe (* 1604. 1] Martin Helwig, 1596–1632, Prof. d. oriental. Sprachen in Gießen, Hofprediger in Butzbach, 2] Ertwin zur Wonung, 1604–36, Dr. theol., Sup. in St. Goar), Justine Eleonore (1612–69, Meno Hanneken, 1595–1671, Dr. theol., Sup. in Lübeck, s. ADB X; NDB VII*); E (S d. Balthasar) Balthasar (1651–1727), Prof. d. Mathematik in Gießen u. Hamburg (s. ADB 21), Philipp Ludwig Hanneken (1637–1706), luth. Theologe (s. NDB VII);
    Ur-E Balthasar (1679–1741), Hofprediger in Hannover, Gen.sup. v. Calenberg (s. ADB 21).

  • Leben

    M. besuchte seit 1577 die Schule in Hersfeld, wurde im April 1583 an der Univ. Marburg immatrikuliert, erwarb im Juni den Grad des Bakkalaureus und im Dezember 1584 den des Magisters. 1585 wurde er auf Vorschlag seines Lehrers Daniel Arcularius (ca. 1540–96) landgräflicher Stipendiat und war vom April 1585 bis Ende 1588 Stipendiatenmajor (Repetent). Im Februar 1589 wurde M. gegen seinen|Willen von seinem Landesherrn, Ludwig IV., als Nachfolger des zum Marburger Superintendenten ernannten Heinrich Leuchter (1558–1623) auf die namhafte Pfarrstelle Kirtorf gesetzt. Hier verfaßte er den sog. „Anti-Sadeel“, eine Christologie und Abendmahlstheologie, die 1593/94 in Wittenberg mit Vorreden von Ägidius Hunnius von seinem Freunde Johannes Schröder (1572–1621) unerlaubt veröffentlicht wurde. Der so zu Ruhm gelangte M. wurde im August 1596 als Nachfolger von Arcularius unter dringendem Zureden seines älteren Kollegen Johannes Winckelmann (1551–1626) zum Theologieprofessor und Stipendiatenephorus in Marburg ernannt, trat im Oktober sein Amt an und erwarb den Dr. theol. im Februar 1600. M.s Wirksamkeit als einer der führenden luth. Theologen zu Anfang des 17. Jh. hängt eng zusammen mit der dramatischen Entwicklung der Politik in Hessen seit dem Regierungsantritt Moritz des Gelehrten 1592 und dem Tod Ludwigs IV. im Oktober 1604, mit dem Oberhessen (Marburg) an Niederhessen (Kassel) fiel. Der streng reformierte Landgraf Moritz, in Überschätzung seiner politischen Möglichkeiten zur „puriori ecclesiarum reformatarum reformationi“ entschlossen, konfrontierte im Juni 1605 die luth. Theologengruppe in Marburg – Winckelmann, M., Leuchter und den Diakonus (Unterpfarrer) Konrad Dieterich – mit den drei „Verbesserungspunkten“ (zur Christologie, zum Dekalog und zum Abendmahl) in der Absicht, ihnen jede Erörterung der zwischen Lutheranern und Reformierten strittigen Lehren zu verbieten. Die Theologen lehnten dies, im Einklang mit der Rechtslage seit 1581 und aus Gewissensgründen, ab und wurden daraufhin im Juli 1605 amtsenthoben; während des Volksaufstandes vom August 1605, mit dem sie nichts zu tun hatten, flohen sie um ihrer Sicherheit willen nach Gießen. Aber schon vorher hatte ihnen der seine politische Chance erkennende Ludwig V. von Darmstadt durch den Gießener Superintendenten Jeremias Vietor (1556–1609) sowie den Darmstädter Superintendenten Johannes Angelus (1542–1608) Schutz und Hilfe angeboten. Auf diese beiden ging auch der Vorschlag vom Juli bzw. August 1605 zurück, in Gießen eine Universität zu gründen und die Einkünfte von Marburg auf sie zu übertragen. Mit dem Gutachten vom August und dem Entwurf vom September 1605 wurde M. ihr großzügiger Organisator. Im Oktober 1605 wurde das „Gymnasium illustre“ mit angeschlossenem „Paedagogium trilingue“ eröffnet, das vom Kaiser im Mai 1607 zur Universität erhoben wurde; sie wurde im Oktober 1607 eingeweiht. Winckelmann und M. waren ihre ersten Theologieprofessoren, Dieterich wurde Professor der Ethik und Rektor des Pädagogiums. Dank M.s Spürsinn und Geschick als Berater Ludwigs V. kamen bald hervorragende Gelehrte aller Fakultäten nach Gießen; ihre und Dieterichs Lehrbücher fanden weite Verbreitung. M.s bedeutendste Schüler, Johann Gerhard und Balthasar Meisner (1587–1626), trugen seine Theologie nach Jena und Wittenberg. Gießen, bewußt dazu bestimmt, Marburg und Herborn „Abbruch“ zu tun, zog Lutheraner von nah und fern zu Hunderten an und erreichte bald gleichen Rang mit den älteren Universitäten des Luthertums. Als aufgrund des Reichshofratsurteils vom April 1623 ganz Oberhessen Darmstadt zugesprochen und 1624 in Besitz genommen wurde, wurde die Universität in Gießen im Mai 1624 suspendiert und in Marburg, mit M. als Rektor, restauriert. Denkmal dieses Sieges ist der von Ludwig V. 1626 neu errichtete Altar der Stadtpfarrkirche: die in ein Kunstwerk umgesetzte Christologie M.s. Im März 1626 wurde M. von Ludwig V. „in geheim“ mit der Abfassung der neuen Hochschulgesetzgebung beauftragt, konnte diese aber, schon todkrank, nicht mehr vollenden; sie blieb in Gießen, dessen Universität 1650 wiederhergestellt wurde, gültig bis 1879.

    M. liebte es, seine Gedanken in Auseinandersetzung mit anderen zu entwickeln, und wählte daher Disputation und Streitschrift als literarische Form, nicht Bibelkommentar und Predigt; doch sind seine katechismusförmigen Lehrschriften von 1610 und 1619 bahnbrechende Laiendogmatiken. Über M. Chemnitz und Ä. Hunnius hinaus war M.s Theologie prägend für die Lehre von der Heiligen Schrift, die Stellung zur Philosophie, die Methode der Dogmatik und vor allem für die Lehre vom dreifachen (prophetischen, priesterlichen und königlichen) Amt Jesu Christi, auf das M., hierin auch von seinem großen Tübinger Gegner Theodor Thumm (1586–1630) anerkannt, die Christologie konsequent zuführt. Ihr Gegenstand ist damit gut reformatorisch Jesus Christus als der in Wort und Sakrament – in der Kirche auf rechtfertigenden Glauben hin – gegenwärtige Herr. M. faßte diese Präsenz voluntaristisch, als freie göttliche Entscheidung auf, zu der die Personeinheit Jesu mit Gott die Möglichkeitsbedingung, eine Binnenbeziehung noch ohne Außenbeziehung, darstellt. Diese Christologie sah M. insofern selbst als eine „Neuheit“ (so 1605), als er damit die reformierte Ablehnung der Realpräsenz Jesu aus deren eigenen Prämissen widerlegen wollte. Dies trug ihm|schon 1616 auch in Gießen Widerspruch ein und bei den Tübingern seit 1619 Ablehnung, da diese die Präsenz Jesu nur als Konsequenz aus seiner Personeinheit mit Gott verstanden. Von Ludwig V. veranlaßte Verhandlungen 1616/17 in Darmstadt und 1621 in Stuttgart vermochten die Kontroverse nicht zu befrieden. Auch die Entscheidung des sächs. Theologenkonvents (Decisio Saxonica, 1624), die M. sofort akzeptierte, hat den Prozeß stärkerer christologischer Differenzierung im Luthertum, ohne Bedrohung für die Einheit der Kirchen, nicht abwenden können.

  • Werke

    Opera latina, I, II, 1669;
    Propositiones de praecipuis … christianae religionis capitibus ad disputandum in … Academia Marpurgensi … II, 1597, Nr. 22, III, 1602, Nr. 1-5, 9, 13-16, 22, IV, o. J., Nr. 3, 8, 9, 11, 14-17, V, 1626, Nr. 3, 4, 8, 10-14, 21;
    Appendix Gissensis Nr. 2-6, 13, 15, 16, 19, 21-23;
    Disputationes theologicae de praecipuis … controversiis in Academia Giessena habitae, I, 1607, Nr. 2, 3, 7-10, 14, 15, Anhang, II, 1609, Nr. 1, 5, 6, 9, 14, III, 1610, Nr. 2, 6-8, 14, 18, IV, 1614, Nr. 1-3, 6-11, 15, VI, 1617, Nr. 3, 13-20, 25, VII, 1620, Nr. 2-7, 11, 12, 19-22;
    Christi … Bericht v. vier vornehmen Stücken christl. Lehre …, 1610;
    Synopsis theologiae analytico ordine comprehensae, 1610 (verschollen);
    Exegesis Augustanae Gonfessionis 1613 (erweitert 1615, zuletzt 1704);
    Handbüchlein (1619), hrsg. v. G. Hoffmann, 1938;
    Von ahnstellung des Paedagogii (1624), in: Monumenta Germaniae Paedagogica 27, 1903, S. 1-8;
    Statuta Academiae Marpurgensis deinde Gissensis du anno 1629 …, hrsg. v. H. G. Gundel, 1982. – W-Verz.: Strieder VIII-IX (e. moderne Bibliogr. fehlt).

  • Literatur

    ADB 21;
    G. Herdenius, Christl. Lpr. … bey … Leichbegängnus deß … Herrn Balthasaris Mentzeri …, 1627;
    M. Hanneken, Oratio parentalis in honorem … Balthasaris Mentzeri, 1627, auch in: H. Witten, Memoriae theologorum … renovatae 2, 1674, S. 223-64;
    W. Diehl, in: Monumenta Germaniae Paedagogica 27, 1903, S. 53-82, 28, 1903, S. 19 ff., 37 ff., 168-76, 183, 33, 1905, S. 20 ff., 51;
    ders., Hassia sacra 1, 1921 u. 2, 1925;
    F. Gundlach, Catalogus Professorum Academiae Marburgensis 1527-1910, 1927, Nr. 22;
    O. Hütteroth, Kurhess. Pfarrergesch. 2, 1927, S. 44;
    ders., Die althess. Pfarrer d. Ref.zeit I, 1953, S. 227 f.;
    H. Steitz, Gesch. d. Ev. Kirche in Hessen u. Nassau II, 1962, S. 147-53;
    J. Baur, in: Theologen u. Theologie an d. Univ. Tübingen, 1977, S. 165-269;
    E. Schering, 375 J. Univ. Gießen, Ein Lit.ber., in: Jb. d. hess. kirchengesch. Vereinigung 34, 1983, S. 87-97;
    G. Menk, Die „Zweite Reformation“ in Hessen-Kassel …, in: Die ref. Konfessionalisierung in Dtld. …, 1986, S. 154-83 (L);
    PRE;
    RGC3;
    Theologenlex., 1987, S. 162-64;
    TRE;
    BBKL.

  • Portraits

    Ölgem., 1631 (Univ. Gießen), Abb. in: Monumenta Germaniae Paedagogica 33, 1905, u. in: 375 J. Univ. Gießen, 1982.

  • Autor/in

    Theodor Mahlmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Mahlmann, Theodor, "Mentzer, Balthasar" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 98-100 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116885955.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mentzer: Balthasar M. der Aeltere ( 1627), bekannter strenglutherischer Theologe im ersten Stadium der protestantischen Scholastik, wurde am 27. Februar 1565 zu Allendorf in Hessen geboren, studirte zu Marburg, erhielt eine Predigerstelle zu Kirtorf, 1596 eine Professur der Theologie in Marburg und 1607 eine solche an der eben gegründeten lutherischen Universität Gießen. Hier entfaltete er seine wichtigste Thätigkeit. Bei der Verlegung dieser Universität nach Marburg 1625 siedelte auch M. wieder dahin über und starb hier am 6. Januar 1627. M. stand dogmatisch auf dem Standpunkte der Concordienformel; sein Glaube an Christus deckte sich mit dem dort formulirten Dogma von Christus, das in der lutherischen Ubiquitäts- und Abendmahlslehre gipfelt. Von diesem Standpunkte aus hat dieser ehrenhafte und gelehrte, aber confessionell beschränkte Lutheraner seine zahlreichen, meist polemischen Schriften verfaßt, von denen die lateinischen durch seinen Sohn unter dem Titel „Opera theologica latina“ 1669 herausgegeben worden sind. Verglichen mit den gleichzeitig in Tübingen lehrenden orthodoxen Lutheranern, mit welchen er in einen christologischen Streit gerieth, ob die menschliche Natur Christi ihre göttlichen Eigenschaften angewandt habe oder nicht, zeigte er sich als den milderen Dogmatiker, der aus Wahrheitssinn die Realität der Menschheit des Gottmenschen aufrecht erhalten wollte. — Sein Sohn

    Balthasar M. der Jüngere ( 1679), am 14. Mai 1614 zu Gießen geboren, studirte seit 1628 zu Marburg, wurde hier 1640 Professor der Theologie, wirkte von 1648 an vier Jahre in derselben Eigenschaft in Rinteln und dann bis an seinen Tod an der eben restaurirten Universität Gießen. M. war nicht ausschließlich Gelehrter, sondern auch Weltmann, weshalb er vom hessischen Hofe öfter mit kirchlich-politischen Geschäften betraut wurde. Dogmatisch stand er auf dem Standpunkte seines Vaters, ohne indeß den Scharfsinn und die Gedankentiefe desselben zu erreichen.

    • Literatur

      Vgl. Gaß in Herzog's Realencyklopädie IX (2. Aufl.), S. 593—597.

  • Autor/in

    P. Tschackert.
  • Empfohlene Zitierweise

    l. u., "Mentzer, Balthasar" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 374-375 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116885955.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA