Lebensdaten
1871 bis 1949
Geburtsort
Düsseldorf
Sterbeort
Bern
Beruf/Funktion
Stahlindustrieller
Konfession
reformierte Familie
Normdaten
GND: 116249196 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Poensgen, Ernst

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Zitierweise

Poensgen, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116249196.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (1838–1921), Industr., KR (s. Einl.), S d. Carl (1802–48), Reidemeister;
    M Clara (1846–1910), T d. Albert Poensgen (s. 2);
    Ov Ferdinand (1829–1919), Industr.;
    B Helmuth (1887–1945), Dr. phil.; Verwandter Reinhard (s. 1).

  • Leben

    Nach der Reifeprüfung 1884 studierte P. an der Univ. Straßburg Mathematik, Chemie und Hüttenkunde und besuchte anschließend die Bergakademie Berlin (die spätere TH Berlin-Charlottenburg). 1899 trat er als Betriebsdirektor in das väterliche Werk ein und wurde 1905 Vorstandsmitglied des Familienunternehmens. Als die Poensgen-Werke 1910 an die „Phoenix AG für Bergbau und Hüttenbetriebe“ angeschlossen wurden, übernahm P. die technische und kaufmännische Leitung der Düsseldorfer Abteilung des neuen Großunternehmens. Mit dieser Hausmacht im Rücken stieg er Mitte der 20er Jahre in die Führungsriege der deutschen Schwerindustrie auf: Als Verhandlungsführer für den Phoenix hatte er maßgeblichen Anteil an der Gründung der „Vereinigte Stahlwerke AG“ (VSt) 1925/26; er wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender dieses bis dahin größten Unternehmenszusammenschlusses in der deutschen und europ. Industriegeschichte. Nachdem er 1924 bereits die „Deutsche Rohstahlgemeinschaft“ mitbegründet hatte, übte er auch auf der Ebene der internationalen Marktorganisation entscheidenden Einfluß aus: Gemeinsam mit Fritz Thyssen (1873–1951) brachte P. im September 1926 für die deutsche Seite die Verhandlungen über die Gründung der Internationalen Rohstahlgemeinschaft zu einem erfolgreichen Abschluß. 1930 wurde er zum Leiter der deutschen Gruppe der „Internationalen Rohstahlexportgemeinschaft“ (IREG) ernannt.

    P.s politische Haltung in der Weimarer Republik entsprach seiner Herkunft: Sozialpolitisch sah er die Entwicklung seit 1919 als weitgehend verfehlt an und suchte die entschiedene Auseinandersetzung mit den freien Gewerkschaften, ohne jedoch deren Daseinsberechtigung in Frage zu stellen. Nach dem Entgleisen des parlamentarischen Systems mit der Ablösung der Regierung Müller reihte er sich unter die überzeugten Anhänger Brünings mit dessen Kurs des autoritären Rückbaus ein.

    P. stieg mit dem „Dritten Reich“ zum sog. „Eisenkönig“ Deutschlands und später auch Europas auf: 1934 wurde er Leiter der neuen wirtschaftspolitischen Zentralorganisation der Schwerindustrie, der „Wirtschaftsgruppe Eisen schaffende Industrie“, deren mit Abstand bedeutendste regionale Gruppe, Nordwest, er ebenfalls anführte. Im Jahr darauf folgte er Albert Vögler (1877–1945) im Vorstandsvorsitz bei den VSt. Gleichzeitig hatte P. den Vorsitz des Stahlwerksverbandes (1930–42) inne. Doch reichte alle ökonomische und verbandspolitische Macht nicht aus, jene Maßnahmen der NS-Führung zu verhindern, die auf die Vorbereitung eines radikalen, weit über die großmachtpolitischen Revisionsideen deutscher Konservativer hinausgehenden Eroberungsprogramms gerichtet waren: Wie angedroht, nahm der NS-Staat mit der Gründung der „Reichswerke Hermann Göring“ 1937 die von der Privatindustrie abgelehnte Erschließung inländischer Rohstoffe selber in die Hand. Dieses sich zu einem Super-Konzern auswachsende Staatsunternehmen übernahm auch die Führung bei der Konfiszierung der Betriebe in den seit 1938 eroberten Ländern. Was die Teilnahme an den Raub- und Beutezügen angeht, so versuchte P., seine Wirtschaftsgruppe zu bremsen, was nicht ausschloß, daß man im Windschatten des NS-Imperialismus einige nützliche „Marktkorrekturen“ vornahm. Die Verantwortung für den massenhaften Einsatz von „Fremdarbeitern“, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen lag aus P.s Sicht bei der Reichsführung. 1942 wurde P., angeblich aus Altersgründen, als Leiter der Wirtschaftsgruppe abberufen; an deren Stelle trat eine kollektive Zwangsorganisation, die „Reichsvereinigung Eisen“. Im Oktober 1943 legte er auch den Vorstandsvorsitz der VSt nieder und übersiedelte nach Tirol und nach Kriegsende in die Schweiz. Die Ehrungen durch das NS-Regime und seine exponierte Stellung führten dazu, daß P.s Name 1945 auf der umfangreichen US-Liste „führender Industrieller, Finanziers und Wirtschaftsgestalten“ stand; eine Anklage als Kriegsverbrecher gegen ihn wurde jedoch nie ernsthaft in Erwägung gezogen: P. war weder Mitglied einer NS-Organisation gewesen, noch hatte er Fördergruppen der Wirtschaft – wie dem berüchtigten „Freundeskreis Himmler“ – angehört; zudem fand er Fürsprecher unter ihm befreundeten westeurop. Stahlindustriellen. In seinen letzten Lebensjahren diente er der deutschen Eisen- und Stahlindustrie noch als Ratgeber in der ihr verordneten Umstrukturierung.|

  • Auszeichnungen

    Wehrwirtschaftsführer (1937); Adlerschild d. Dt. Reiches (1941); Kriegsverdienstkreuz I. Kl.; Dr. Ing. e. h. (TH Aachen).

  • Werke

    Die Reichsausst. „Schaffendes Volk“, in: Der Vierjahresplan 1937, S. 259 ff.;
    Dtld.s Eisenind. marschiert an d. Spitze, in: Der Vierjahresplan 1939, S. 44 ff.;
    Hitler u. d. Ruhrindustriellen, Ein Rückblick (unveröff. Ms 1945/46);
    Die Gründung d. Hermann-Göring-Werke, in: Der Wirtsch. Spiegel 1947, S. 338 ff.

  • Literatur

    M. Riedel, Eisen u. Kohle f. d. Dritte Reich, 1973 (P);
    F. Pudor, Männer d. früheren dt. stahlwirtschaftl. Verbände, 1974, S. 35-37;
    B. Weisbrod. Schwerind. in d. Weimarer Rep., 1978;
    W. Bührer. in: Biogr. Lex. z. Weimarer Rep., hg. v. W. Benz u. H. Graml, 1988, S. 256;
    G. Th. Mollin, Montankonzerne u. „Drittes Reich“, 1988;
    H. Weiß (Hg.), Biogr. Lex. z. Dritten Reich, 21988;
    A. Reckendrees, Das „Stahltrust“-Projekt, Die Gründung d. Vereinigte Stahlwerke A. G. u. ihre Unternehmensentwicklung (1926–1933/34), 2000.

  • Autor/in

    Gerhard Th. Mollin
  • Empfohlene Zitierweise

    Mollin, Gerhard Th., "Poensgen, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 569-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116249196.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA