Lebensdaten
1611 bis 1672
Geburtsort
Cronheim (Mittelfranken)
Beruf/Funktion
Polyhistor ; Philologe ; Jurist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 116217014 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Böckler, Heinrich
  • Boeckler, Johann Heinrich
  • Boecler, Heinrich
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Zitierweise

Boeckler, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116217014.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann, letzter evangelischer Pfarrer in Cronheim, S des Simon ( 1599), Pfarrer in Cronheim;
    M Magd., T des Hartmann Summer, Gymnasialrektor in Feuchtwangen;
    Straßburg 1638 Susanna (ca. 1621–87), T des Pfarrers Samuel Schallesius (1585–1638) in Straßburg, durch ihre Schw Elisabeth Schwägerin des Latinisten und Direktors des Straßburger Gymnasiums Johann Christoph Artopäus (1626–1702);
    S Johann (1651–1701), Professor der Medizin in Straßburg;
    T Anna Maria (⚭ Ulrich Obrecht, 1646–1701, Professor der Geschichte und des Staatsrechts in Straßburg), Christine (⚭ Johannes Faust, 1632–95, Professor der Theologie in Straßburg, pflegte im Gegensatz zu Synkretismus und Pietismus die Wittenberger Traditionen); E und Ur-E Professoren in Straßburg.

  • Leben

    B. studierte an der Universität Straßburg bei dem Theologen Johann Schmid und dem Historiker Matthias Bernegger. Mit der Professur der Beredsamkeit (1637) schuf er sich persönlich und wissenschaftlich an der streng lutherischen Hochschule eine feste Grundlage. Die Pflege griechischer und lateinischer Klassiker stand an erster Stelle, hinzu kam eine starke pädagogische Begabung; eigene Forschungen waren selten. 1648/49 führte ihn ein Ruf nach Schweden. In Upsala übernahm er als Professor der Beredsamkeit zugleich Vorlesungen über Staatswissenschaften und über „Politik“. 1652 kehrte B. nach Straßburg zurück. - In seiner politischen Haltung blieb ihm Schweden noch lange der Retter der protestantischen und damit der deutschen Freiheit. Er fürchtete für das Reich das Übergewicht kaiserlicher Macht. Wissenschaftlich verkehrte er mit Hermann Conring sowie mit Johann Christian von Boyneburg, von dessen irenischer Politik er das Heil erwartete; publizistisch trat er im pfälzischen Wildfangstreit (1662/63) hervor. In seiner Lehre unterwarf B. das Leben auch des Staates den sittlichen Geboten, die das Luthertum dem Alten und Neuen Testament entnahm. Hinzu trat bereits „der Nutzen“. Das Reich blieb hier die einzig mögliche Lebensform; für dieses griff er im Streit um die Staatsschrift des Bogislav Chemnitz zur Feder. In seiner Methode als Geschichtsprofessor (seit 1652) schließlich ging er auf Tacitus zurück; sein Ideal ist die Universalhistorie als Gesamtschau dessen, was geschehen ist. Von dauerndem Wert ist nur die Geschichte des schwedisch-dänischen Krieges von 1643-45, für die ihm vor allem Königin Christine den Stoff bereitstellte; ihre letzte Fassung gaben, wie andere Schriften, seine Kinder sowie sein Schüler und Schwiegersohn Ulrich Obrecht heraus. In seinen Vorlesungen und gedruckten Kommentaren (zu Buch 1, Straßburg 1663, zu Buch 2, cap. 1-7, ebenda 1664, zusammen in 2 Bänden, Gießen 21687, Straßburg 31704) war B. neben G. A. Struve der früheste Kommentator von Hugo Grotius, wobei er nicht immer klärend, aber doch zu weiterem Studium anregend wirkte. An den protestantischen Universitäten Deutschlands wirkten sein Ruf und seine Lehre bis weit ins 18. Jahrhundert fort.

  • Werke

    Weitere W Hist. belli danici 1643-45 gesti, Straßburg 1679;
    Dissertationes academicae, Bd. 1, Straßburg 1658, 21701, Bd. 2, 1710, Bd. 3, 1712;
    Hist. universalis quatuor seculorum post Chr. n., ebenda 1680, 31704, hrsg. v. J. G. Müller, Rostock 1695;
    Institutiones politicae, Straßburg 1688;
    s. a. Jöcher I, Sp. 1165 f. (unvollst.).

  • Literatur

    ADB II;
    Roscher, S. 262 f.;
    K. Bursian, Gesch. d. klass. Philol. I, 1883, S. 329 ff.;
    C. Bünger, M.|Bernegger, Straßburg 1893;
    P. Wentzcke, Joh. Frischmann, ebenda 1904;
    ders., Die alte Straßburger Univ., in: Elsaß-Lothring. Jb. 17, 1938;
    Stintzing-Landsberg III/1, Text S. 6 f. u. ö., Noten S. 3 f. u. ö.;
    E. C. Scherer, Gesch. u. Kirchengesch. an d. dt. Universitäten, 1927, S. 180 f.;
    F. Schnabel, Dtld.s geschichtl. Qu. u. Darst. in d. Neuzeit I, 1931;
    E. Jirgal, J. H. B., in: MIÖG 45, 1931, S. 322 f. (W);
    A. Kiel, Unveröff. Briefe d. Jesaias Rompler v. Löwenhalt an J. H. B. (1647/48), in: ZGORh, NF 56, 1943, S. 233 ff.;
    Sitzmann II. - Zu Johs. Faust: ADB VI.

  • Portraits

    Kupf. (Kupf.kab. Dresden).

  • Autor/in

    Paul Wentzcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Wentzcke, Paul, "Boeckler, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 372 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116217014.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Böcler: Joh. Heinrich B., geb. im J. 1611 zu Cronheim (im heutigen Königreich Baiern, Kreis Mittelfranken, Bezirksamt Gunzenhausen), 1672. Der Sohn eines Pfarrers, erhielt er seine erste Bildung in den Schulen zu Heilsbronn und Nürnberg und wendete sich dann den Universitäten von Tübingen und Straßburg zu. In letzterer Stadt zog er frühreif wie einer durch Geist und Kenntnisse schnell die Aufmerksamkeit auf sich und fand darum hier auch seine erste Stellung als Lehrer der lateinischen Sprache an der oberen Classe des Gymnasiums. Aber schon nach kurzer Zeit wurde ihm die Professur der Beredsamkeit an der hohen Schule daselbst übertragen, womit im J. 1640 ein Canonicat an der Stiftskirche von St. Thomas verbunden wurde. Als Lehrer hoch gefeiert, folgte er im J. 1648 gleichwol einem Rufe der Königin Christine an die Universität Upsala und wurde das Jahr darauf von ihr durch die Ernennung zum schwedischen Reichshistoriographen ausgezeichnet. Indeß schon nach|verhältnißmäßig kurzer Zeit entschloß sich B., der sich in seiner neuen Heimath schwer acclimatisirte, seine Entlassung aus dem schwedischen Dienst zu nehmen, und kehrte, von der Königin Christine mit einer ansehnlichen Pension bedacht, nach Straßburg zurück. Hier wurde er mit offenen Armen aufgenommen und wurde ihm die eben erledigte Professur der Geschichte übertragen. Der Beifall, den B. hier früher gefunden, lebte jetzt im erhöhten Grade wieder auf, und die noch übrigen zwanzig Jahre seines Lebens hindurch war er vielleicht der berühmteste und beliebteste Lehrer der Hochschule, der stets einen zahlreichen und aufmerksamen Kreis von Schülern um sich versammelte und durch das lebendige Wort wie durch eine immer wachsende litterarische Fruchtbarkeit in ungewöhnlich hohem Grade anregte und wirkte. An Anerkennung verchiedener Art konnte es ihm unter diesen Umständen nicht fehlen. Im J. 1662 ernannte ihn der Mainzer Kurfürst Joh. Philipp v. Schönborn, der sich seiner Feder in Streitigkeiten mit der Stadt Erfurt bediente, zu seinem Rath, das Jahr darauf Kaiser Ferdinand III. zum kaiserlichen Rath und zum Pfalzgrafen. Was freilich bedenklicher, König Ludwig XIV. faßte den überall hoch angesehenen Gelehrten bei Zeiten in das Auge und begnadete ihn wiederholt mit Geldgeschenken, ja, wenn wir recht unterrichtet sind, mit einer ständigen Pension. Es ist bekannt, daß B. zwar nicht der einzige war, dem diese zweideutige Auszeichnung zu Theil wurde, und man vermag gegen den so Bedachten allerdings nicht den Vorwurf der Käuflichkeit zu erheben, aber die Sache bleibt darum nicht weniger bedauerlich. Die gelehrte Thätigkeit Böcler's war nach der Art seines Zeitalters polyhistorischer Natur und bewegte sich in den Gebieten der Philosophie, der classischen Philologie, der Geschichte, des Staatsrechtes und der Politik. Einen wirklich originellen Kopf wird man B. kaum nennen dürfen; imponirend bleibt aber trotzdem der weite Umfang seines Wissens und die Leichtigkeit, mit welcher er dasselbe beherrschte. Auf die pädagogische Seite seines praktischen und litterarischen Wirkens wird ohne Zweifel überall das Hauptgewicht gelegt werden müssen, und diese war eminenter Natur. Seine Arbeiten im Bereiche der classischen Philologie, seine Commentare und Ausgaben griechischer oder römischer Schriftsteller können eine tiefer gehende Bedeutung kaum in Anspruch nehmen. Aehnliches gilt von seinen historischen Werken; sie sind fast ausschließlich Compilationen ohne sichere kritische Methode, mit Ausnahme etwa der Geschichte des schwedisch-dänischen Krieges, die mehr einen zeitgeschichtlichen Charakter trägt. Ein feiner und scharfsinniger Geist bleibt B. nichts desto weniger, auch wo er theoretisch von der Aufgabe, dem Nutzen und der Kunst der Geschichtschreibung spricht. Unter seinen kleinen Aufsätzen z. Th. historischer Natur ist mancher schätzenswerth, wie z. B. die Abhandlung über die Rechtsansprüche des deutschen Reichs auf Livland u. dgl. m. Seine staatswissenschaftlichen Doctrinen, in erster Linie seine „Institutiones politicae“ sind erst wieder in neuester Zeit von competenter Seite in rühmender Weise in Erinnerung gebracht worden (W. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik S. 262). Als Redner war B. vorzüglich, sein Latein ist ebenso elegant als seine Wendungen geistvoll und seine Gedanken glücklich sind. Man begreift den Beifall, den er auf dem Katheder gefunden hat. Von seinen Schülern ist Veit von Seckendorf hervorzuheben. Ein Verzeichniß seiner Schriften findet man bei Jöcher; sein Leben ist am frühesten, wenn auch lückenhaft, von J. G. Müller in seiner Ausgabe der „Historia universalis quatuor seculorum post Chr. n.“ (Rostock 1695) beschrieben worden.

  • Autor/in

    Wegele.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wegele, Franz Xaver von, "Boeckler, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 792-793 unter Böcler, Johann Heinrich [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116217014.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA