Lebensdaten
um 1425 oder 1430 bis um 1500
Geburtsort
wohl Ilten bei Hannover
Sterbeort
Eisenach
Beruf/Funktion
Franziskanermönch
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 10411228X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herwick aus Ilten, Johann (wohl)
  • Herwick, Johann (wohl)
  • Ilten, Johann
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Hilten, Johann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd10411228X.html [16.12.2018].

CC0

  • Leben

    Nach seinem Erfurter Studium (seit Winter 1445/46; 1447 Bakkalaureus) trat H. in ein Franziskanerobservantenkloster ein und wurde 1463 mit anderen Brüdern nach Riga zur Neubesetzung des dortigen Klosters und zur Gründung weiterer Niederlassungen in Livland entsandt. Nach zunächst erfolgreicher Wirksamkeit als Bußprediger in Reval, wo er in den oberen Schichten „heimliche Discipeln“ um sich sammelte, wurde er in Parteikämpfe verwickelt (auch persönliche Verfehlungen warfen ihm seine Gegner vor). Daher versetzte ihn sein Orden im Herbst 1472 als Lektor (legens frater) und Prediger in das neue Dorpater Kloster. Wegen seiner apokalyptischen Schwärmereien und heftigen Anklagen gegen kirchliche Mißstände wurde er 1477 nach Deutschland strafversetzt; man hielt ihn im Weimarer Kloster seitdem in „väterlicher“ Haft. Er verfaßte einen (von Melanchthon benutzten) Danielkommentar und eine Auslegung von Texten der Apokalypse. „Hochbetagt“ starb er, in die Krankenstube des Eisenacher Klosters überführt, im Frieden mit der Kirche, aber ohne seine apokalyptischen Prophezeiungen zu widerrufen, die dann in der Reformationszeit (1529) durch Friedrich Mykonius sowohl Luther als auch Melanchthon bekannt wurden (1516 komme ein „anderer Mann“ [auf Luther und die Reformation gedeutet]; 1600 Türkenherrschaft über Deutschland und Italien; 1651 Weltende). Daher sah man früher protestantischerseits in H. irrig einen „Vorläufer der Reformation“ und „Bekenner evangelischer Lehre“.

  • Werke

    Opera omnia, quae jam reperiri possunt (abschriftl. Rom, Vatikan. Bibl., Cod. Pal. lat. 1849);
    |vgl. Röm. Quartalschr. 37, 1929, S. 333-45; Auszüge aus anderen Schrr.
    b. M. Adam, s. L.

  • Literatur

    ADB XII;
    Weimar. Lutherausg., Briefe V, S. 162, 174, 190-95;
    M. Adam, Vitae Germanorum Theologorum, 1620, 1653, S. 3-5;
    O. Scheel, Martin Luther I, 31921, S. 114-16, 289;
    Zs. f. KG 47, 1928, S. 402-12;
    ebd. 67, 1955/56, S. 111-15;
    Röm. Quartalschr. 37, 1929, S. 315-47;
    Archiv f. Ref.gesch. 36, 1939, S. 24-50;
    Bekenntnisschrr. d. ev.-luth. Kirche, 61967, S. 377 f.;
    PRE;
    RGG;
    LThK.

  • Autor/in

    Hans Volz
  • Empfohlene Zitierweise

    Volz, Hans, "Hilten, Johann" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 164 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10411228X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hilten: Johann H. (richtiger Ilten), ein thüringischer Franciscanermönch im 15. Jahrhundert, vielfach, aber nur in einem sehr beschränkten Sinne mit Recht als ein Vorläufer der Reformation bezeichnet. Die zuverlässigsten Mittheilungen über seine Schicksale und angeblichen Weissagungen finden sich bei einigen jüngeren Zeitgenossen, in Melanchthons Apologie der augsburgischen Confession (Cap. 13 De votis monasticis; vgl. Melanchthon's Brief an Joh. Mathesius vom 18. Mai 1552, Corpus Ref. VII. 1007), in einem Briefe eines|ungenannten (der Hinneigung zu Luther verdächtigten) Franciscaners von Langensalza und in einem Briefe von Friedrich Myconius an Luther vom J. 1529 (beide zuerst veröffentlicht von Heumann, s. u.). Melchior Adam (s. u.) theilt aus Hilten's im J. 1485 geschriebenen Erklärungen zur Apokalypse und zum Buche Daniel einige Stellen wörtlich mit. In dieser Schrift berichtet H. selbst, er sei in seiner Jugend ein Alumnus der Erfurter Universität und ein eifriger Philosoph gewesen, jetzt lebe er als Greis seit 1477 „in einsamer Verbannung“. Nach Myconius hat er in Livland gepredigt. Der Mönch von Langensalza rühmt seinen wissenschaftlichen Euer und seinen musterhaften Lebenswandel. In der Apokalypse und im Buche Daniel, namentlich in den Capiteln über die vier Weltreiche, fand H. geweissagt: die päpstliche Macht werde im J. 1514 (nach Myconius) oder 1516 (nach Melanchthon) zu sinken anfangen; eine Zeit lang werde der Muhammedanismus zur Herrschaft gelangen, dann eine vollkommene Reformation der Christenheit stattfinden und der Islam vernichtet werden; darauf werde der letzte römische Kaiser Christus seine Krone und alle kaiserliche Gewalt zurückgeben; auch Rom und seine Macht werde gebrochen werden, dann der Antichrist erscheinen und 1651 das Ende der Welt eintreten. An einigen Stellen klagte er in scharfen Worten unter Berufung auf die hl. Birgitta über den Mißbrauch der Gewalt, die dem Papste als Stellvertreter Christi zustehe; an anderen scheint er in starken Ausdrücken über die Mißbräuche in den Mönchsorden gesprochen zu haben. Aehnlich wie in seinen Schriften äußerte er sich auch mündlich, wahrscheinlich auch in Predigten. Er scheint sich aber gar nicht als Prophet gerirt zu haben, und Heumann vergleicht ihn richtig mit dem Abt Joachim von Floris. Auch mit den Weissagungen des Johann Lichtenberger soll er sich beschäftigt haben. Als einen „Bekenner der evangelischen und Bestreiter der päpstlichen Lehre“ haben ihn erst Spätere dargestellt (Mey. s. u.); Myconius ist von dem, was H. über die Lehre von dee Rechtfertigung geschrieben, gar nicht befriedigt. Der Mönch von Langensalza sagt: er habe nichts davon gehört, daß H. von irgend Jemand in Untersuchung gezogen oder verurtheilt worden sei; man habe ihn nur, erst in Weimar, dann in Eisenach, „väterlich bewacht“, damit er nicht von dem einfältigen Volke als Prophet angesehen würde. Es ist ja erklärlich, daß die Ordensoberen den unbequemen Mönch, der sich, wie er selbst sagt, um der Liebe Gottes und des Nächsten willen für verpflichtet hielt, die Wahrheiten, die er aus der Bibel geschöpft, zu verkündigen, in Haft gehalten haben. Diese Haft dauerte, bis er in hohem Alter starb; wie lange er aber das J. 1485 überlebt und wie strenge seine Haft gewesen, ist nicht zu ermitteln. Die Angabe, daß er erst um 1502 gestorben, stützt sich wol auf eine Aeußerung Luther's (Tischreden, Cap. 27, 135): „Diese Prophezeiung ist geschehen, da ich noch ein Knabe war und zu Eisenach in die Schule ging" (1498—1501). Die Angaben, er sei „erwürgt“ worden oder „vor Hunger und Unflath“ im Kerker umgekommen, sind unhistorisch. Auch was Adam nach Melanchthon berichtet, beruht wol nur auf Hörensagen: H. habe, da der Guardian seine Bitte um Freilassung oder Milderung seiner Haft mit harten Vorwürfen abgeschlagen, gesagt: „Ich habe nichts gegen den Mönchstand geschrieben oder gelehrt, sondern nur notorische Mißbräuche getadelt; aber im J. 1516 wird ein Anderer kommen, der euch zu Grunde richten wird, und diesem werdet ihr nicht widerstehen oder ihn in Kerker und Banden halten können“. Der Mönch von Langensalza berichtet als Augenzeuge, H. sei, von Weimar nach Eisenach gebracht, in dem Krankenzimmer des dortigen Klosters im Beisein des Guardians Heinrich Kune und der Seniores loci (wahrscheinlich der älteren Mönche) mit den katholischen Sacramenten versehen worden und in Frieden gestorben; er habe vor dem Tode die Brüder wegen des Anstoßes, den er ihnen gegeben, um Verzeihung gebeten,|"seine Weissagung aber nicht bereuen können“. Von den älteren Reformationshistorikern werden Hilten's Weissagungen vielfach citirt (vgl. Juncker a. a. O. S. 28). Durch die Grabschrift, die ihm der Rector Valentin Weinrich ( 1622) zu Eisenach gesetzt hat, und durch Localhistoriker (Juncker, Mey) hat die tragische Geschichte des Mönchs eine sagenhafte Gestalt erhalten. Die Weissagung: „Unter einem Löwen (Leo X.) wird ein Eremit (der Augustiner Luther) auftreten, der den römischen Stuhl reformiren wird“, und ähnliche haben diese Fassung ohne Zweifel erst nach Hilten's Tode erhalten.

    • Literatur

      Andreas Angelus, Gewisser Bericht von Joh. Hilten und seinen Weissagungen, Frankf. 1597. Georgii Henr. Goezii Observationes hist.-theol. de Jo. Hiltenio, Lübeck 1706 (2. Aufl. 1717). Melchioris Adami Vitae Theologorum p. 2. Tres veteres epistolae de Jo. Hiltenio nunc primum editae a C. A. H(eumaun) in den Parerga, Tom. 1, Lib. 3, Gotting. 1737. — Chr. Juncker, Eines Anonymi Staat des Fürstenthums Eisenach etc. 1710, S. 28 ff. J. H. Mey, Vaterlandstunde ... Bemerkungen über die Stadt Eisenach, 1821, S. 83 ff.

  • Autor/in

    Reusch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Reusch, Heinrich, "Hilten, Johann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 431-433 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10411228X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA