Lebensdaten
1876 – 1959
Geburtsort
Dorpat (heute Tartu, Estland)
Sterbeort
Berlin-Ost
Beruf/Funktion
Mathematiker ; Rektor
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 117502634 | OGND | VIAF: 37695231
Namensvarianten
  • Schmidt, Erhard Oswald Johannes
  • Schmidt, Erhard
  • Schmidt, Erhard Oswald Johannes
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Schmidt, Erhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117502634.html [22.02.2024].

CC0

  • Erhard Schmidt schuf mit seinen Kollegen Ludwig Bieberbach (1886–1982), Issai Schur (1875–1941) und Richard von Mises (1883–1953) an der Berliner Universität in den 1920er Jahren ein internationales Zentrum für mathematische Forschungen. Zugleich gilt er als einer der Begründer der Funktionalanalysis, was auf seine in Göttingen als Schüler von David Hilbert (1862–1943) verfassten fundamentalen Arbeiten über Integralgleichungen zurückgeht. Schmidt bereicherte auch andere moderne mathematische Gebiete wie Mengenlehre und Topologie, v. a. durch Diskussionen mit Kollegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er wesentlich am Wiederaufbau der mathematischen Forschung in der DDR beteiligt und gründete u. a. die Zeitschrift „Mathematische Nachrichten“.

    Lebensdaten

    Geboren am 13. Januar1876 in Dorpat (heute Tartu, Estland)
    Gestorben am 6. Dezember 1959 in Berlin-Ost
    Grabstätte Alter Friedhof in Potsdam
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Erhard Schmidt, UB der HU zu Berlin (InC)
    Erhard Schmidt, UB der HU zu Berlin (InC)
  • Lebenslauf

    13. Januar1876 - Dorpat (heute Tartu, Estland)

    - 1893 - Dorpat (heute Tartu, Estland); Riga

    Schulbesuch

    Privatgymnasium; Stadtgymnasium

    1893 - 1905 - Dorpat; Berlin; Göttingen

    Studium der Mathematik

    Universität

    1905 - Göttingen

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1906 - Bonn

    Habilitation für Mathematik

    Universität

    1908 - 1910 - Zürich

    ordentlicher Professor für Mathematik

    Universität

    1910 - Erlangen

    ordentlicher Professor für Mathematik

    Universität

    1911 - 1917 - Breslau (Schlesien, heute Wrocław, Polen)

    ordentlicher Professor für Mathematik

    Universität

    1917 - 1950 - Berlin

    ordentlicher Professor für Mathematik

    Universität

    1929 - 1930 - Berlin

    Rektor

    Universität

    1943 - 1945 - Vetschau bei Cottbus

    Übersiedlung

    1945 - Tübingen

    Gastprofessor

    Universität

    1946 - 1950 - Berlin-Ost

    ordentlicher Professor für Mathematik

    Universität

    1946 - 1958 - Berlin-Ost

    Direktor

    Forschungsinstitut Mathematik

    1948 - Berlin

    Gründer

    Mathematische Nachrichten (Zeitschrift)

    6. Dezember 1959 - Berlin-Ost
  • Genealogie

    Vater Alexander von Schmidt 1831–1894 Physiologe
    Großvater väterlicherseits Alexander von Schmidt 1794–1871 Pastor
    Großmutter väterlicherseits Eugenie von Schmidt , geb. von Poppen 1795–1866
    Mutter Ida von Fick 1841–1931
    Großvater mütterlicherseits Carl von Fick 1801–1883 Pastor
    Großmutter mütterlicherseits Agneta von Fick, geb. Sabler 1806–1873
    Schwester Elisabeth (von) Schmidt geb. 1872
    Schwester Bertha (von) Schmidt geb. 1877
    Heirat 1909
    Ehefrau Berta Schmidt, geb. von Bergmann gest. 1916
    Schwiegervater Ernst von Bergmann 1836–1907 aus Riga; Professor für Chirurgie an den Universitäten in Dorpat (heute Tartu, Estland), Würzburg und Berlin
    Schwiegermutter Pauline von Bergmann , geb. Asbrand 1842–1917 aus Rastatt; Krankenschwester
    Sohn Alexander–Ernst Schmidt geb. 1910
    Sohn Erhard Schmidt gest. vor 1916
    Sohn Karl Ernst Schmidt 1916–1928
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Schmidt, Erhard (1876 – 1959)

    • Vater

      Alexander von Schmidt

      1831–1894

      Physiologe

    • Mutter

      Ida von Fick

      1841–1931

      • Großvater mütterlicherseits

        Carl von Fick

        1801–1883

        Pastor

      • Großmutter mütterlicherseits

        Agneta von Fick

        1806–1873

    • Schwester

      Elisabeth (von) Schmidt

      geb. 1872

    • Schwester

      Bertha (von) Schmidt

      geb. 1877

    • Heirat

      • Ehefrau

        Berta Schmidt

        gest. 1916

  • Biografie

    Schmidt besuchte Gymnasien in Dorpat (heute Tartu, Estland) und Riga. Seit 1893 studierte er Mathematik an den Universitäten Dorpat, Berlin und Göttingen, wo er 1905 bei dem Mathematiker David Hilbert (1862–1943) zum Dr. phil. promoviert wurde. Mit seiner 1907 in den „Mathematischen Annalen“ veröffentlichten Dissertation und mehr noch mit einer Arbeit, die 1908 in Palermo erschien und die Geometrie auf neue und komplizierte mathematische Objekte, wie z. B. „Funktionenräume“ anwendete, wurde Schmidt zu einem Begründer der Funktionalanalysis. Diese moderne mathematische Disziplin verallgemeinert grundlegende Begriffe der klassischen Analysis des 19. Jahrhunderts wie „Funktion“, „Grenzwert“ und „Raum“ und ermöglicht durch ihre abstrakte, axiomatische Vorgehensweise eine einheitliche Behandlung tief liegender traditioneller und moderner Probleme der Mathematik. Auch Gebiete der Mathematischen Physik, insbesondere der Quantenmechanik, wurden seit den 1920er Jahren mithilfe dieser Begriffsbildungen einer exakten mathematischen Behandlung zugänglich.

    Schmidt, dessen Ehefrau und zwei seiner drei Söhne früh verstarben, habilitierte sich 1906 an der Universität Bonn für Mathematik. Über kurzzeitige Stationen als Lehrstuhlinhaber an den Universitäten in Zürich, Erlangen und Breslau (Schlesien, heute Wrocław, Polen) gelangte er 1917 auf eine ordentliche Professur für Mathematik an der Universität Berlin, die er bis zur Emeritierung 1950 innehatte. Er war 1919 Mitbegründer der „Mathematischen Zeitschrift“ und 1949 Begründer der „Mathematischen Nachrichten“.

    Die mit nur etwas über 30 nicht sehr zahlreichen, aber wegweisenden Veröffentlichungen Schmidts, u. a. zur Theorie der nichtlinearen Integralgleichungen, in Potentialtheorie und Differentialgeometrie zeichneten sich durch begriffliche Klarheit aus und hatten größten Einfluss auf die Entwicklung der modernen mathematischen Denkweise. Schmidt beeinflusste den 1933 aus Deutschland vertriebenen John von Neumann (1903–1957) direkt in der Funktionalanalysis. Zudem wirkte er auch in ihm etwas ferner liegenden mathematischen Gebieten auf Kollegen, wie in der Mengenlehre (Wohlordnungssatz 1904 von Ernst Zermelo, 1871–1953) und Topologie (z. B. Heinz Hopf, 1894–1971).

    Politisch war Schmidt konservativ mit deutsch-nationalen Tendenzen. In seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Berlin 1929, die dem sog. Grundlagenstreit in der Mathematik gewidmet war, sah er die Aufgabe seines Fachs v. a. darin, „das Selbstbewusstsein (zu) bewahren, selbständig nachzuprüfen – in bewusster Abwehr gegen den Lärm der Schlagworte und sich immunisierend gegen die tausendfältige Wiederholung der Tagesmeinung.“ (Über Gewißheit in der Mathematik, S. 112). Nach 1933 wurde ihm von Vertretern des nun herrschenden Nationalsozialismus attestiert, dass er die „Judenfrage“ nicht verstehe. Allerdings fand Schmidt auch keine Kraft zu aktivem Widerstand und wurde zunehmend mut- und ratlos. 1943 ausgebombt, übersiedelte er für zwei Jahre nach Vetschau bei Cottbus, übte aber seine Lehrtätigkeit in Berlin weiter aus.

    Nach 1945 blieb Schmidt seiner in Berlin-Ost liegenden Universität treu (seit 1949 Humboldt-Universität). In dieser sowie in gesamtdeutschen Organisationen wie der Deutschen Mathematiker-Vereinigung sah er „Kulturklammern“ (Ansprachen, S. 9), die im Zeitalter des Kalten Kriegs und der deutschen Spaltung die Nation zusammenhalten könnten. Über seine 1950 erfolgte Emeritierung hinaus war Schmidt bis 1958 einer der Direktoren des Mathematischen Forschungsinstituts der Akademie der Wissenschaften der DDR und war damit führend am Wiederaufbau der mathematischen Forschung in der DDR beteiligt. Zu seinen Schülern zählen bedeutende Mathematiker wie die Topologen Hopf und Hans Freudenthal (1905–1990).

  • Auszeichnungen

    1918 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin
    1928 und 1936 Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung
    1942 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München (weiterführende Informationen)
    1949 Nationalpreis der DDR
    1955 Dr. rer. nat. h. c., Universität Tübingen
    1956 korrespondierendes Mitglied der Académie des sciences, Paris
  • Quellen

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv der Humboldt-Universität Berlin, UK 197. (Personalakte)

  • Werke

    Zur Theorie der linearen und nichtlinearen Integralgleichungen. 1. Teil: Entwicklung willkürlicher Funktionen nach Systemen vorgeschriebener, in: Mathematische Annalen 63 (1907), S. 433–476. (Diss. phil.)

    Über die Auflösung linearer Gleichungen mit unendlich vielen Unbekannten, in: Rendiconti Circolo Matematico di Palermo 25 (1908), S. 53–77.

    Über Gewißheit in der Mathematik, in: Hannelore Bernhardt (Hg.), Rektoratsreden aus den Jahren der Weimarer Republik, 1992, S. 104–112.

  • Literatur

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 5, 1926, S. 1117 (fehlerhaft), Bd. 6, 1940, S. 2337 u. Bd. 7a, 1961, S. 157.

    Ansprachen anlässlich der Feier des 75. Geburtstages von Erhard Schmidt durch seine Fachgenossen, 1951.

    Kurt-Reinhard Biermann, Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810–1933, 1988.

    Hans Rohrbach, Erhard Schmidt. Ein Lebensbild, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 69 (1968), S. 209 (231)–224 (246).

    Alexander Dinghas, Erhard Schmidt (Erinnerungen und Werk), in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 72 (1970), S. 3–17.

    Reinhard Siegmund-Schultze, Der Beweis des Hilbert-Schmidt-Theorems, in: Archive for History of Exact Sciences 36 (1986), S. 251–270.

    Reinhard Siegmund-Schultze, Art. „Schmidt, Erhard“, in: Hans-Ludwig Wußing (Hg.), Fachlexikon abc. Forscher und Erfinder, 1992, S. 515 f. (P)

    Reinhard Siegmund-Schultze, Die Entstehung der Funktionalanalysis; in: Hans Niels Jahnke (Hg.), Geschichte der Analysis, 1999, S. 487–503.

    John J. O’Connor/Edmund F. Robertson, Art. „Erhard Schmidt“, in: MacTutor History of Mathematics Archive, 2001. (P) (Onlineressource)

    Michael Bernkopf, Art. „Schmidt, Erhard“, in: Charles Coulston Gillispie (Hg.), Dictionary of Scientific Biography, Bd. 12, 2008, S. 187–190.

  • Onlineressourcen

  • Porträts

    Fotografie, Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin (Onlineressource).

    Fotografie, Privatbesitz, Abbildung in: Kurt-Reinhard Biermann, Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810–1933, 1988, Anhang (unpaginiert).

  • Autor/in

    Reinhard Siegmund-Schultze (Kristiansand, Norwegen)

  • Zitierweise

    Siegmund-Schultze, Reinhard, „Schmidt, Erhard“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/117502634.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA