Lebensdaten
1880 – 1943
Geburtsort
Weira (Sachsen-Weimar)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Gewerkschaftsfunktionär ; s02 ; Metallarbeiter
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 13410515X | OGND | VIAF: 18432574
Namensvarianten
  • Müller, Richard Louis
  • Müller, Richard
  • Müller, Richard Louis
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Zitierweise

Müller, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd13410515X.html [29.09.2022].

CC0

  • Kritische Würdigung

    Als Organisator mehrerer Massenstreiks gegen den Ersten Weltkrieg hatte Richard Müller entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Novemberrevolution 1918 und der Rätebewegung. Er war 1918/19 Vorsitzender des Berliner Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte und verfasste 1924/25 eine einflussreiche, bis heute rezipierte Darstellung der Revolution.

    Lebensdaten

    Geboren am 9. Dezember 1880 in Weira (Sachsen-Weimar)
    Gestorben am 11. Mai 1943 in Berlin
    Grabstätte unbekannt
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Richard Müller, BArch / Bildarchiv (InC)
    Richard Müller, BArch / Bildarchiv (InC)
  • Lebenslauf

    9.·Dezember 1880 - Weira (Sachsen-Weimar)

    - vermutlich Weira (Sachsen-Weimar)

    Schulbesuch

    Volksschule

    1906 - 1920

    Mitglied

    SPD

    1906 - 1921/1922

    Mitglied

    Deutscher Metallarbeiter-Verband (DMV)

    1913 - Berlin

    Leiter der Agitationskommission der Berliner Dreher

    DMV

    1914 - Berlin

    Branchenleiter der Berliner Dreher

    DMV

    1916 - Berlin

    Mitorganisator des „Liebknechtstreik“

    1916 - 1916

    Kriegsdienst (Entlassung nach drei Monaten)

    1917 - 1920 - Berlin

    Mitglied

    Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD)

    1917 - Berlin; Jüterbog

    Verhaftung und kurzzeitiger Militärdienst

    1918 - Berlin

    Streikleitung im Januarstreik

    Februar 1918 - September 1918

    Militärdienst

    15.10.1918 - Berlin

    Reichstagskandidatur für die USPD bei Nachwahl im Wahlkreis Berlin I

    1918 - 1919 - Berlin

    Vorsitzender des Vollzugsrats

    Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlin

    1919 - Berlin

    Streikleitung im Märzstreik 1919

    1919 - 1920 - Berlin

    Schriftleiter

    Deutsche Metallarbeiter-Zeitung

    1920 - Berlin

    Aufbau der Berliner Betriebsrätezentrale

    1920 - ca. 1925 - Berlin

    Mitglied

    Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)

    1921 - 1921 - Berlin

    Leitung der Reichsgewerkschaftszentrale

    KPD

    1921 - Moskau

    Teilnahme am Gründungskongress; Wahl in das Vollzugsbüro

    Rote Gewerkschafts-Internationale

    1921 - Berlin

    Annäherung an die dissidentische Kommunistische Arbeitsgemeinschaft, Verlust aller Parteiämter der KPD

    1927 - 1929 - Berlin

    Engagement in der Linksgewerkschaft DIV

    Deutscher Industrie-Verband

    1927 - Berlin

    Umwandlung des von Müller geleiteten Phoebus-Verlags in eine Baugesellschaft zur Errichtung von Wohnungen für Mitglieder des DIV

    1928 - Berlin

    Rückzug aus der Politik und Tätigkeit als Immobilienunternehmer

    Phöbus-Bau GmbH

    11.·Mai 1943 - Berlin
  • Genealogie

    Vater Friedrich Otto Müller 1848–1896 Landwirt; Gastwirt in Weira; am 16.12.1890 in Weira in 2. Ehe verh. mit Marie Ulrike Zimmermann (geb. 1871)
    Großvater väterlicherseits Christian Friedrich Müller 1804–1861
    Großmutter väterlicherseits Rosine Christiane Müller, geb. Gruner 1808–1891
    Mutter Wilhelmine Albine Müller, geb. Lindig 1853–1888
    Großvater mütterlicherseits Christian Ferdinand Lindig
    Großmutter mütterlicherseits Caroline Regine Theresie Lindig, geb. Gumpert
    Stiefmutter Marie Ulrike Müller, geb. Zimmermann geb. 1871
    Schwester Anna Minna Müller geb. 1875
    Bruder Franz Otto Müller geb. 1877
    Schwester Lina Elisa Müller geb. 1879
    Bruder Hermann Friedrich Müller 1882–1883
    Bruder Hugo Franklin Müller geb. 1884
    Bruder Franklin Arno Müller geb. 1888
    Halbschwester Ella Frieda Müller geb. 1896
    1. Heirat 1.9.1902 in Hannover
    Ehefrau Katharina Hedwig Dietrich geb. 1881 aus Essen
    Sohn Arno Hugo Müller geb. 1904
    Tochter Helene Hildegard Müller geb. 1907
    2. Heirat 1937
    Ehefrau unbekannt
  • Biografie

    Müller wurde im Alter von 15 Jahren Vollwaise und absolvierte eine Lehre zum Dreher. Seit 1906 Mitglied der SPD und des Deutschen Metallarbeiter-Verbands (DMV), trat er erstmals 1911 in dessen Zeitung mit einem Artikel gegen den Taylorismus hervor. Im DMV stieg er 1914 zum Branchenleiter der Berliner Dreher auf. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs lehnte er die von der DMV-Leitung vertretene Politik des Streikverzichts ab und opponierte auf dem Verbandstag 1917 mit Robert Dißmann (1878–1926) gegen die „Burgfriedenspolitik“.

    In Berlin führte Müller seit etwa 1916 eine Antikriegs-Opposition an, die Ende 1918 als „revolutionäre Obleute“ bekannt wurde. Im Juni 1916 organisierte er einen Solidaritätsstreik für den inhaftierten Karl Liebknecht (1871–1919) mit rund 55 000 Teilnehmern. Für seine politische Tätigkeit wurde er im Sommer 1916 und April 1917 verhaftet und zum Kriegsdienst eingezogen, aus diesem aber jeweils rasch wieder entlassen. Müller trat 1917 der USPD bei, die er als politische Plattform nutzte, ohne sich an die Anweisungen der Parteispitze gebunden zu fühlen. Mit der Spartakusgruppe um Liebknecht und Rosa Luxemburg (1871–1919) kooperierte er, lehnte deren Taktik eskalierender Straßendemonstrationen aber ab, da er die zu erwartende Polizeigewalt für demobilisierend statt radikalisierend hielt.

    Auf einer Versammlung der Berliner Dreher rief Müller am 27. Januar 1918 zu einem Massenstreik auf, der Frieden, Pressefreiheit, Demokratisierung und Versorgungssicherheit, aber noch keine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft einforderte. Er wirkte im leitenden Aktionsausschuss mit, der zum Vorbild vieler Arbeiterräte wurde. Nach dem Ende des Januarstreiks, dem sich allein in Berlin mehr als 400 000 Menschen angeschlossen hatten, wurde Müller erneut zum Militär eingezogen und erst im September entlassen.

    Müller war Teil eines klandestinen Berliner Zirkels aus Obleuten, USPD-Vertretern und Spartakusgruppe, der etwa im Herbst 1918 als „Arbeiterrat“ zusammentrat. In diesem Rahmen wehrte er bis Anfang November 1918 die Forderung Liebknechts nach einem sofortigen Umsturz ab und setzte sich mit seinem Votum für einen späteren Zeitpunkt durch, so dass ein Generalstreik mit bewaffneten Demonstrationen für den 11. November vereinbart wurde. Als die Meuterei in der kaiserlichen Flotte diesen Plan obsolet machte, erließ der „Arbeiterrat“ am 8. November einen Streikaufruf, der den Auftakt zur Novemberrevolution in Berlin bildete.

    Mit der Wahl zum Vorsitzenden des „Vollzugsrats des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin“ am 10. November 1918 wurde Müller einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Da er den Vorsitz mit dem SPD-Politiker Brutus Molkenbuhr (1881–1959) teilte und die Mandate des Rats paritätisch zwischen USPD (besetzt von den Obleuten) und SPD aufgeteilt wurden, konnte er seinen politischen Führungsanspruch nicht durchsetzen. Formal war Müller bis Dezember 1918 Staatsoberhaupt der „Deutschen Sozialistischen Republik“, da der Vollzugsrat dem Rat der Volksbeauftragten übergeordnet wurde. Zu einer traumatischen Zäsur seiner politischen Karriere wurde der am 16. Dezember 1918 von ihm eröffnete, erste Reichsrätekongress, der Müllers Forderung nach einer Räteverfassung ablehnte und für eine verfassunggebende Nationalversammlung stimmte.

    1919 entwickelte Müller mit Ernst Däumig (1866–1922) das Konzept des „Reinen Rätesystems“, in dem Räte ohne Beteiligung der Unternehmer Parlamente, Stadt- und Gemeinderäte ersetzen sollten. Als dies nicht durchsetzbar war, trat Müller dafür ein, die Räte in der Weimarer Verfassung zu verankern. Diese Forderung wurde im Frühjahr 1919 nach einem Generalstreik, an dessen Leitung er beteiligt war, in Form des Artikels 165 der Weimarer Verfassung teilweise erreicht. Mit dem Ziel, die schwächer werdende Rätebewegung zu erhalten, baute Müller in Berlin eine Betriebsrätezentrale auf, konnte jedoch nicht verhindern, dass der erste Reichskongress der Betriebsräte diese im Oktober 1920 den Gewerkschaften unterordnete.

    Ende 1920 trat Müller zur KPD über, die er lange wegen ihres „Putschismus“ abgelehnt hatte, und wurde aus dem DMV ausgeschlossen. Bereits 1921 geriet er in Konflikt mit der KPD-Zentrale, nachdem er den kommunistischen Aufstand in Mitteldeutschland (Märzkämpfe) zunächst parteiintern, dann öffentlich verurteilt hatte. Trotz einer für ihn günstigen Schlichtung in Moskau verlor Müller noch 1921 alle Parteifunktionen. Seinem Ausschluss aus der KPD widersprach er 1924 ohne Erfolg schriftlich bei der Komintern.

    1924/25 publizierte Müller eine dreibändige Geschichte der Novemberrevolution, die zu den wenigen zeitgenössischen Darstellungen zählt, die sich einer eindeutigen parteipolitischen Tendenz entzogen. In der bundesdeutschen Studierendenbewegung wiederentdeckt, hatte Müllers Arbeit u. a. auf Sebastian Haffners (1907–1999) umstrittene Schrift „Die verratene Revolution“ (1969) und Peter von Oertzens (1924–2008) Studie „Betriebsräte in der Novemberrevolution“ (1963, 21976) großen Einfluss. Um 1928 zog sich Müller aus Politik und Öffentlichkeit zurück und gelangte anschließend als Immobilienunternehmer (Phöbus-Bau GmbH) zu Wohlstand.

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    • Quellen

      Nachlass:

      nicht bekannt.

      Weitere Archivmaterialien:

      Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde: R 1507 (Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung, Lageberichte); R 8034-II (Reichslandbund Pressearchiv); SAPMO-BArch, RY 23/45 (Materialien über die Entstehung der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition).

      Russisches staatliches Archiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI), Moskau: Komintern, F. 495 op. 205, d. 9343: Lichnoe delo Mjuller, Richard (Personalakte Richard Müller, auszugsweise veröffentlicht in: Ralf Hoffrogge, Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, 2. korr. u. erw. Aufl. 2018, S. 227–243).

      Gedruckte Quellen:

      Hartfrid Krause (Bearb.), Protokolle der Parteitage der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 1976.

      Gerhard Engel/Bärbel Holtz/Ingo Materna (Hg.), Groß-Berliner Arbeiter und Soldatenräte in der Revolution 1918/1919. Dokumente der Vollversammlungen und des Vollzugsrates, 3 Bde., 1993–2002.

      Ralf Hoffrogge/Dieter Braeg (Hg.), Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands. 16.–20. Dezember 1918 Berlin. Stenografische Berichte. Neuausg. zum 100. Jahrestag, 2018.

    • Werke

      Die Agitation in der Dreherbranche, hg. v. der Agitationskommission der Eisen-, Metall- und Revolverdreher der Verwaltungsstelle Berlin des DMV, 1913.

      Bericht der Agitationskommission der Eisen-, Metall- und Revolverdreher der Verwaltungsstelle Berlin des deutschen Metallarbeiter-Verbandes für das Geschäftsjahr 1914/1915, 1915.

      Ernst Däumig/Richard Müller, Hie Gewerkschaft – Hie Betriebs-Organisation – zwei Reden zum heutigen Streit um die Gewerkschaften, 1919.

      Die Entstehung des Rätegedankens, in: Ignaz Jezower (Hg.), Die Befreiung der Menschheit. Freiheitsideen in Vergangenheit und Gegenwart, 1921.

      Auf dem Weg zur KAPD, in: Sowjet (1921), Nr. 2, S. 44–48.

      Gewerkschaften und Revolution, in: Sowjet (1921), Nr. 3, S. 86–90.

      Vom Kaiserreich zur Republik, 3 Bde., 1924/25, Neuausg. 1974, 21979, Neuausg. in einem Bd., hg. v. Ralf Hoffrogge, 2011, 132018.

      Report by the Executive Council of the Workers’s and Soldiers’ Councils of Great Berlin, in: Gabriel Kuhn (Hg.), All Power to the Councils! A Documentary History of the German Revolution of 1918-1919, 2012, S. 31–40.

      Democracy or Dictatorship, in: ebd., S. 59–76.

    • Literatur

      Fritz Opel, Der deutsche Metallarbeiter-Verband während des Ersten Weltkrieges und der Revolution, 1957, 41980.

      Dirk H. Müller, Gewerkschaftliche Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte vor 1918, 1985.

      Ottokar Luban, Spartakusgruppe, Revolutionäre Obleute und die politischen Massenstreiks während des Ersten Weltkrieges. in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Nr. 40 (2008), S. 23–38.

      Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 22008, S. 620 f. (Onlineressource)

      Ralf Hoffrogge, Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, 2008, 2. korr. u. erw. Aufl. 2018, engl. 2014, franz. 2018, chines. 2021.

      Ralf Hoffrogge, Richard Müller, in: Günter Benser (Hg.), „Bewahren - Verbreiten – Aufklären“. Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung, 2009, S. 209–215. (Onlineressource)

      Dietmar Lange, Massenstreik und Schießbefehl. Der Generalstreik und die Märzkämpfe in Berlin 1919, 2012.

      Axel Weipert, Die zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920, 2015.

      Dirk H. Müller, Die revolutionären Obleute und der November 1918. Zur Verschränkung von institutioneller Revolution und Rätebewegung, 2019.

    • Porträts

      Fotografie, ca. 1920, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs.

  • Autor/in

    Hoffrogge, Ralf (Bochum/Potsdam)

  • Zitierweise

    Hoffrogge, Ralf, „Müller, Richard“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/13410515X.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA