List, Guido

Lebensdaten
1848 – 1919
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Anthropologe
Konfession
römisch-katholisch, seit ca. 1899 evangelisch
Normdaten
GND: 114077290 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • List, Guido Anton Karl
  • List, Guido
  • List, Guido Anton Karl
  • List, Guido von
  • List, Guido Anton Carl

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Zitierweise

List, Guido, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd114077290.html#indexcontent [06.05.2026].

CC0

  • List, Guido Anton Karl

    1848 – 1919

    Schriftsteller

    Guido List war ein einflussreicher Exponent völkisch-neuheidnischer Religionsentwürfe um 1900. In seinen Schriften entwickelte er die Idee einer vorzeitlichen Priesterkaste, die mithilfe einer Geheimsprache Hinweise auf eine vorchristlich-germanische Hochkultur hinterlassen habe. Bis heute wird v. a. die alternativreligiöse Auseinandersetzung mit Runen im deutsch- und englischsprachigen Raum von Lists Schriften geprägt.

    Lebensdaten

    Geboren am 5. Oktober 1848 in Wien
    Gestorben am 17. Mai 1919 in Berlin
    Grabstätte Zentralfriedhof in Wien
    Konfession römisch-katholisch, seit ca. 1899 evangelisch
    Guido List, Österreichische Nationalbibliothek (InC)
    Guido List, Österreichische Nationalbibliothek (InC)
  • 5. Oktober 1848 - Wien

    1855 - 1861 - Wien

    Schulbesuch

    k. k. Normal- und Unterrealschule zu St. Anna

    1868 - 1870 - Wien

    Gründer; Leiter

    Privatbühne Walhalla

    1871 - Rax (Bergmassiv, Nördliche Kalkalpen)

    Stifter

    Guido-List-Steig (heute Gaislochsteig)

    seit 1871 - Wien

    Sekretär

    Österreichischer Alpenverein

    1871 - 1871 - Wien

    Redakteur

    Mitteilungen des Alpenvereins (Jahrbuch)

    1878 - 1879 - Wien

    Leiter

    Carl. Anton List (Ledergeschäft)

    1880 - 1919 - Wien

    freier Schriftsteller; Publizist

    1884 - 1885 - Wien

    Gründer; Herausgeber

    Die Sport-Industrie. Erstes illustrirtes Wiener Fach- und Modeblatt für Wagenbau, Pferde-Equipirung etc.

    17. Mai 1919 - Berlin

    alternativer text
    Guido List, BArch / Bildarchiv (InC)

    Leben und Werk

    List wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus in Wien auf, wo er bis 1861 die k. k. Normal- und Unterrealschule zu St. Anna besuchte. Zu seinem Werdegang bis 1868 liegen keine Quellen vor. Von 1868 bis 1870 leitete List das von ihm gegründete Privattheater Walhalla, ehe er 1871 zum Sekretär des Österreichischen Alpenvereins gewählt wurde und im selben Jahr dessen Jahrbuch redigierte. 1878 übernahm er die Leitung des väterlichen Geschäfts, das 1879 infolge familiärer Erbstreitigkeiten bankrottging. In der Folgezeit konzentrierte sich List auf seine schriftstellerische Arbeit und veröffentlichte kurze Reiseberichte und Aufsätze über Geschichte, Mythologie und Volksbrauchtum. In diesen bediente er sich naturmythologischer Ideen, wie sie u. a. von Karl Simrock (1802–1876), Ludwig Uhland (1787–1862) und Hans von Wolzogen (1848–1938) geprägt worden waren, und knüpfte an Jacob Grimms (1785–1863) germanische Kontinuitätsprämisse an, wonach christliche Bräuche auf heidnische Feste zurückgingen. In der von ihm gegründeten Zeitschrift „Die Sport-Industrie“ erschien 1884 Lists erster antisemitischer Artikel.

    Inspiriert von Joseph Victor von Scheffels (1826–1886) Roman „Ekkehard“ (1855), veröffentlichte List 1888 seinen Debütroman „Carnuntum“, der die gleichnamige Römerstadt zum Schauplatz einer germanischen Freiheitsschlacht gegen die römische Besatzung stilisiert. Mit diesem Werk fand List nur verhaltene Resonanz, gewann aber den Großindustriellen Friedrich Wannieck (1838–1914) als Mäzen. In der Folgezeit platzierte List seine Thesen zur germanischen Vorzeit in deutschnationalen Periodika, v. a. in der von Karl Hermann Wolf (1862–1941) geführten „Ostdeutschen Rundschau“, die der Alldeutschen Bewegung um Georg von Schönerer (1842–1921) nahestand.

    1902 behauptete List, im Zuge einer Augenoperation hellsichtig geworden zu sein und die arische Ursprache entdeckt zu haben; die Idee dazu hatte er Texten des Sprachforschers Heinrich Schliep (1834–1911) entnommen. List, der seit 1906 fälschlicherweise behauptete, adelig zu sein, fand mit seinen Thesen keine Beachtung von Seiten der Fachwissenschaft, gewann jedoch Anhänger im völkisch-alternativreligiösen Milieu. Vor allem auf Initiative von Wannieck entstand 1908 die Guido-von-List-Gesellschaft (GvLG), der sich Autoren wie Jörg Lanz von Liebenfels (1874–1954), Hermann von Pfister-Schwaighusen (1836–1916), Philipp Stauff (1876–1923) und Ernst Wachler (1871–1945) ebenso anschlossen wie der Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844–1910) sowie die Theosophen Cay Lorenz von Brockdorff (1844–1921) und Franz Hartmann (1838–1912). Ziel der GvLG, die ihre Mitgliederzahl 1911 auf 200 bezifferte, war die Verbreitung der Schriften Lists; über ihre Mitgliedsbeiträge finanzierte sie indirekt dessen Lebensunterhalt.

    Basierend auf seinen in den 1880er und 1890er Jahren publizierten Texten zu Religion und Kultur der Germanen veröffentlichte List von 1907 bis 1914 neun Bücher, in denen er seine Thesen systematisierte. Sein Ziel war der Nachweis einer von „Ario-Germanen“ getragenen, vorzeitlichen Hochkultur, deren Priesterelite, die sog. Armanenschaft, ihr Geheimwissen über kosmologische Gesetzmäßigkeiten verschlüsselt in Märchen, Sagen, Volksbräuchen, Wappen und jedem einzelnen Wort der deutschen Sprache tradiert habe. Zentrale Lehren des „Armanismus“ sind die Einheit von Gott und Mensch sowie ein zyklisches Weltbild, das eine Wiedergeburtslehre einschließt. List bediente in seinen Schriften zentrale völkische Ideologeme, darunter die Vorstellung von der Überlegenheit der „arischen Rasse“ und der Notwendigkeit, diese über Reproduktionsgebote „rein“ zu halten.

    Rezeption

    Die kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandene und seither in populärwissenschaftlichen Texten immer wieder aufgegriffene These, List sei ein zentraler Ideengeber des Nationalsozialismus gewesen, ist heute widerlegt. Eine Auseinandersetzung mit Lists Schriften während des „Dritten Reichs“ ist lediglich im Kontext des SS-Ahnenerbes nachweisbar, u. a. bei Herman Wirth (1885–1981), Karl Theodor Weigel (1892–1953) und Karl Maria Wiligut (1866–1946).

    Seit der Weimarer Republik fand unter Lists Werken die mehrfach aufgelegte und übersetzte Monografie „Das Geheimnis der Runen“ (1907) besondere Beachtung, in der eine auf dem jüngeren Futhark aufbauende Runenreihe mit 18 Zeichen, später „Armanenfuthark“ genannt, vorgestellt wird. In der frühen Nachkriegszeit machte v. a. Karl Spiesberger (1904–1992) Lists Runenlehre einem größeren alternativreligiösen Publikum bekannt. In der Folgezeit fanden Lists Deutungen auch Eingang in Schriften, die nur auf historisch verbürgte Runenreihen zurückgreifen. In den USA werden Lists Ideen seit den späten 1980er Jahren v. a. durch Übersetzungen und Veröffentlichungen des Germanisten und Okkultisten Stephen E. Flowers (geb. 1953) popularisiert, der während seines Studiums in Göttingen mit dem 1976 gegründeten Armanen-Orden in Kontakt gekommen war.

    1870 Mitglied des Österreichischen Alpenvereins
    1872–1880 Mitglied des Ruderclubs Donauhort, Wien
    1874–1880 Mitglied der Freimaurerloge Humanitas, Neudörfl bei Wiener Neustadt (Niederösterreich)
    1878 Mitglied des Oesterreichischen Touristen-Clubs, Wien
    1889–1890 Vizepräsident des Kirchenmusikvereins an der Votivkirche, Wien
    1891–1895 Mitglied der Iduna. Freie deutsche Gesellschaft für Literatur (1892–1895 Präsident)
    1893–1899 Mitglied der Literarischen Donaugesellschaft, Wien
    1895 Mitglied des Vereins für Österreichische Volkskunde, Wien
    1897 Mitglied der Deutschösterreichischen Schriftsteller-Genossenschaft, Wien
    1906 korrespondierendes Mitglied des Vereins St. Michael (Verein deutscher Edelleute zur Pflege der Geschichte und Wahrung historisch berechtigter Standesinteressen), Wien
    1908–1919 Mitglied der Guido-von-List-Gesellschaft, Wien
    1911 Mitglied des Hohen Armanen Ordens, Wien

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Österreichische Staatsarchiv, Wien, AVA Adel HAA AR 534.21. (k. k. niederösterreichische Statthalterei, 1907. List, Guido von. Statthalterei in Wien betreffend seiner angeblichen Adelsberechtigung)

    Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar, GSA 134/48,17. (Personalakten, weiterführende Informationen)

    Monografien:

    Die Burg der Markgrafen der Ostmark auf dem Leopoldsberge in Wien. Nebst einem kurzen Abriß der Gründungsgeschichte Oesterreich, 1877.

    Carnuntum. Historischer Roman aus dem vierten Jahrhundert n. Chr., 2 Bde., 1888. (Onlineressource, Bd. 1) (Onlineressource, Bd. 2), Nachdr. 2010 u. 2015.

    Deutsch-mythologische Landschafts-Bilder, 1891 (Onlineressource), Neuaufl. in 2 Bdn. 1912 (P), Nachdr. 2020.

    Der Wala Erweckung. Ein skaldisches Weihespiel, 1895. (Onlineressource)

    Pipara. Die Germanin in Cäsarenpurpur. Geschichtlicher Roman aus dem dritten Jahrhundert n. Chr., 1895, 21913.

    Walkürenweihe, 1895, Nachdr. 2014.

    Der Unbesiegbare. Ein Grundzug germanischer Weltanschauung, 1898, Nachdr. 2020.

    Niederösterreichisches Winzerbüchlein, 1898, Nachdr. 2014. (P)

    König Vannius. Ein deutsches Königsdrama, 1899. (Onlineressource)

    Der Wiederaufbau von Carnuntum, 1900 (Onlineressource), Nachdr. 2010.

    Sommer-Sonnwend-Feuerzauber, 1901.

    Das Goldstück. Ein Liebesdrama in fünf Aufzügen, 1903.

    Alraunenmären, 1903 (P), Nachdr. 2008.

    Das Geheimnis der Runen, 1907, 51938, Nachdr. 1992, 2003, 2021 u. 2024, engl. 1988, ital. 1994, russ. 2001, span. 2005, tschech. 2011.

    Die Armanenschaft der Ario-Germanen, Bd. 1, 1908, 51934, Nachdr. 2015.

    Die Rita der Ario-Germanen, 1908, 31920, Nachdr. 2011, engl. 2013.

    Die Namen der Völkerstämme Germaniens und deren Deutung, 1909, 31922, Nachdr. 2017.

    Die Religion der Ario-Germanen in ihrer Esoterik und Exoterik, 1910, Nachdr. 2008.

    Die Bilderschrift der Ario-Germanen (Ario-Germanische Hieroglyphik), 1910 (P), Nachdr. 1920.

    Die Armanenschaft der Ario-Germanen, Bd. 2, 1911, 21921, Nachdr. 2015.

    Der Uebergang vom Wuotanismus zum Christentum, 1911, Nachdr. 1926, 1995 u. 2011.

    Die Ursprache der Ario-Germanen und ihre Mysteriensprache, 1914, Nachdr. 1985.

    Aufsätze und Artikel:

    Vom deutschen Barden- und Skalden-Orden, in: Der Kyffhäuser v. 1.9.1891, S. 160–163 u. v. 1.10.1891, S. 184 f.

    Tauf-, Hochzeits- und Bestattungs-Gebräuche und deren Ursprung, in: Der Kyffhäuser v. 1.11.1891, S. 198–201, 1.12.1891, S. 223–226, 1.1.1892, S. 5–7, 1.2.1892, S. 36–39 u. v. 1.3.1892, S. 55 f.

    Götterdämmerung, in: Ostdeutsche Rundschau v. 1.10.1893, S. 1–3.

    Literaria Sodalitas Danubiana, in: Österreichisch-Ungarische Revue. Monatsschrift für die gesammten Culturinteressen Österreich-Ungarns 14 (1893), S. 304–322.

    Von der deutschen Wuotanspriesterschaft, in: Das zwanzigste Jahrhundert. Deutschnationale Monatshefte für sociales Leben, Politik, Wissenschaft und Literatur 4 (1893/94), S. 119–126, 242–251, 343–352 u. 442–451.

    Die deutsche Mythologie im Rahmen eines Kalenderjahres, in: Ostdeutsche Rundschau v. 14.1.1894, S. 9 f., 23.3.1894, S. 1 f., 24.3.1894, S. 1–3, 25.4.1894, S. 1 f., 27.4.1894, S. 1 f., 29.5.1894, S. 1 f., 1.6.1894, S. 1–3, 13.7.1894, S. 1 f., 14.7.1894, S. 1 f., 27.7.1894, S. 1–3, 28.7.1894, S. 1 f., 28.8.1894, S. 1 f., 29.8.1894, S. 1 f., 27.9.1894, S. 1–4, 27.10.1894, S. 1 f., 30.10.1894, S. 1 f., 30.11.1894, S. 1–3 u. v. 30.12.1894, S. 1–3.

    Schematismus der deutschen Mythologie, in: Carl Iro/Karl Hermann Wolf (Hg.), Deutschnationaler Taschenmerk-Kalender, 1895, S. 163–177.

    Vom Jubiläumstheater in Währing, in: Ostdeutsche Rundschau v. 12.4.1896, S. 5 f., 21.4.1896, S. 1 f., 28.4.1896, S. 1 f., 10.5.1896, S. 1–3, 31.5.1896, S. 1–4 u. v. 15.10.1896, S. 1 f.

    Die Genesis meines Romans Carnuntum, in: Anton Breitner (Hg.), Belletristische Archäologie. Randglossen zur deutschen Litteraturgeschichte, 1898, S. 19–22.

    Die zweite Deutsche Reformation, in: Odin. Kampfblatt für Alldeutschland v. 1.4.1899, S. 5–7 u. v. 9.4.1899, S. 2 f.

    Die esoterische Bedeutung religiöser Symbole, in: Die Gnosis 1 (1903), S. 323–327.

    Das Geheimnis der Runen, in: Neue Metaphysische Rundschau 13 (1906), S. 23–34, 76–87 u. 104–126.

    Die Armanenschaft der Arier, in: ebd., S. 162–175 u. 214–226.

    Bibliografie:

    Robert Suckro, Guido List. Ein völkischreligiöser Weltanschauungsproduzent um 1900, 2024, S. 499–519.

    Inge Kunz, Herrenmenschentum, Neugermanen und Okkultismus. Eine soziologische Bearbeitung der Schriften von Guido List, 1961. (ungedr. Diss. phil., Universität Wien)

    Nicholas Goodrick-Clarke, The Occult Roots of Nazism. The Ariosophists of Austria and Germany 1890–1935, 1985, dt. 1997.

    Petr Pytlík, Guido List. Poeta Vates der österreichischen Alldeutschen. Ein Beitrag über die literarische Produktion des Völkisch gesinnten Schriftstellers, Dichters und Denkers Guido List, 2019.

    Robert Suckro, Guido List. Ein völkischreligiöser Weltanschauungsproduzent um 1900, 2024.

    Fotografien, 1861–1917, Abbildungen in: Johannes Balzli, Guido v. List. Der Wiederentdecker Uralter Arischer Weisheit. Sein Leben und sein Schaffen, 1917, S. 13, 16 f., 20 f. u. 34.

    Fotografien, 1871–1875, Abbildungen in: Guido List, Deutsch-Mythologische Landschaftsbilder, 21912, Bd. 1, S. 193 u. 201.

    Fotografie, ca. 1898, Abbildung in: Guido List, Niederösterreichisches Winzerbüchlein, 1898, Anhang. (Werbeanzeige für Guido List, Der Unbesiegbare, 1898)

    Bronzeplakette v. Carl Wollek (1862–1936), 1898, Original verschollen, Abbildung in: N. N., Guido v. List. Ein moderner Skalde, [1908], S. 2.

    Gemälde (Öl/Leinwand) v. Adolf Wolf-Rothenhan (1868–1953), 1902, Original verschollen, Abbildung in: ebd., S. 5.

  • Autor/in

    Robert Suckro (Münster)

  • Zitierweise

    Suckro, Robert, „List, Guido“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd114077290.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA