Lebensdaten
1901 – 1978
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Journalist ; Publizist ; Politiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117044369 | OGND | VIAF: 72161161
Namensvarianten
  • Donald Bell
  • Hermann Eschwege
  • Ulrich Schweitzer; Herbert Ruland; Georg Haefner; Fred C. Villinger; Hermann Fischli
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Zitierweise

Budzislawski, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117044369.html [04.02.2023].

CC0

  • Hermann Budzislawski war von März 1934 bis Ende August 1939 Herausgeber der antifaschistischen „Neuen Weltbühne“ mit Redaktionssitz in Prag, seit 1938 in Paris. Von 1940 bis 1948 lebte er im Exil in den USA, wo er u. a. für Dorothy Thompson (1893–1961) und die Overseas News Agency arbeitete. 1948 kehrte er nach Deutschland in die Sowjetische Besatzungszone zurück und wurde Hochschullehrer und Gründungsdekan der Fakultät für Journalistik an der Universität Leipzig. Von 1967 bis 1971 leitete er die Ost-Berliner „Weltbühne“. Er war außerdem langjähriger Abgeordneter der Volkskammer der DDR.

    Hermann Budzislawski, BArch / Bildarchiv (InC)
    Hermann Budzislawski, BArch / Bildarchiv (InC)
  • Lebensdaten

    Geboren am 11. Februar 1901 in Berlin
    Gestorben am 28. April 1978 in Berlin
    Grabstätte Gedenkstätte der Sozialisten, Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin
    Konfession jüdisch
  • Lebenslauf

    11.·Februar·1901 - Berlin

    1907 - 1911 - Berlin

    Schulbesuch

    Knabenschule der Jüdischen Gemeinde

    1911 - 1919 - Charlottenburg bei Berlin

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Leibniz-Oberrealschule

    1919 - 1923 - Berlin; Würzburg; Tübingen

    Studium der Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und Staatswissenschaften

    Universität

    1923 - Tübingen

    Promotion (Dr. rer. pol.)

    Universität

    1923 - 1923 - Berlin

    Metallhändler

    Berliner Zweigstelle der Frankfurter Firma Beer, Sondheimer & Co.

    1923 - 1924 - Danzig; Warschau

    kaufmännische Tätigkeit

    Holzhandelsfirma Weigel & Co.

    1925 - 1926 - Berlin

    Redakteur

    Industrial and Trade Review for Asia, später: Industrial and Trade Review for Asia

    1926 - 1927 - Fiesole bei Florenz

    Hauslehrer der Familie des Bildhauers Professor Paul Peterich (1864–1937)

    1924 - 1933 - Berlin

    Journalist; freier Mitarbeiter für Tageszeitungen, Zeitschriften und Rundfunk

    u. a. Funk-Stunde Berlin; Wissenschaftliche Korrespondenz (Nachrichtenagentur)

    1929 - Berlin

    Mitglied

    SPD

    1932 - 1933 - Berlin

    freier Mitarbeiter

    Die Weltbühne

    1933 - 1934 - Zürich

    Flucht aus Deutschland

    März 1934 - 1939 - Prag; seit 1938 Paris

    Chefredakteur, später auch Eigentümer

    Neue Weltbühne

    11.6.1935

    Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit

    1938 - 1939 - Paris; Sèvres bei Paris

    Vorsitzender des Aktionsausschusses dt. Oppositioneller in Paris; Geschäftsführer

    Neue Weltbühne, Verlag „10. Mai“

    September 1939 - Juni 1940 - Maisons-Laffitte, Athis-de-l’Orne, Damigny, Bassens (alle Frankreich)

    Internierung als feindlicher Ausländer

    1940 - Süd-Frankreich; Spanien; Portugal; USA

    Entlassung; Flucht in die USA (Juni–Oktober 1940)

    1941 - 1948 - New York City; Vermont (USA)

    Mitarbeiter von Dorothy Thompson (1893–1961); Journalist

    CBS; Overseas News Agency

    1944 - 1945 - New York City

    Mitbegründer

    Council for a Democratic Germany

    1948 - Berlin; Leipzig

    Rückkehr nach Deutschland; Mitglied

    SED

    1948 - 1966 - Leipzig

    Professor für internationales Pressewesen, 1954–1962 Gründungsdekan an der Fakultät für Journalistik

    Universität

    1949 - 1950 - Berlin-Ost

    Abgeordneter (FDGB)

    Volkskammer

    1950 - 1952 - Leipzig; Berlin-Ost

    Zurücksetzung in den Kandidatenstand der SED, zeitweilig Lehrverbot

    SED; Universität Leipzig

    1956 - 1978 - Berlin-Ost

    Abgeordneter (FDGB)

    Volkskammer

    1964 - Berlin-Ost

    Übersiedlung

    1967 - 1971 - Berlin-Ost

    Chefredakteur und Verlagsdirektor

    Weltbühne

    28.·April·1978 - Berlin
  • Genealogie

    Vater Isidor Budzislawski 3.4.1864–10.2.1943 aus Bromberg (heute Bydgoszcz, Polen); Fleischermeister; gest. in New York City
    Mutter Jenny Budzislawski, geb. Lewin 26.2.1865–30.9.1937 aus Tempelberg (heute Czaplinek, Polen); gest. in Berlin
    Bruder Leo Budzislawski 1.1.1895–10.8.1916 vermisst vor Verdun
    Bruder Martin Budzislawski 19.1.1896–1930 Kaufmann in Berlin, dort gest.
    Heirat 16.12.1926
    Ehefrau Johanna Budzislawski, geb. Levy 12.6.1901–30.3.1979 aus Berlin; Angestellte, Journalistin, gest. in Berlin
    Schwiegervater Louis Levy 17.3.1867–20.2.1920 aus Eschwege (Hessen); Schriftsteller, Bodenreformer, Ökonom; gest. in Berlin
    Schwiegermutter Martha (Minna Marie) Levy, geb. Wille, später verh. Hinsching 26.12.1877–3.1.1962
    Tochter Beate Eckert, geb. Budzislawski 17.9.1929–13.4.2005 aus Berlin; Journalistin
  • Biografie

    Budzislawski besuchte die Knabenschule der jüdischen Gemeinde in Berlin und die Leibniz-Oberrealschule in Charlottenburg. Durch den Kriegstod seines ältesten Bruders politisch geprägt, nahm er 1918/19 regen Anteil an der Revolution und veröffentlichte erste Artikel in Zeitschriften der sozialistischen Jugendbewegung. Das Studium der Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und Staatswissenschaften schloss er 1923 mit der Promotion zum Dr. rer. pol. bei dem Wirtschaftswissenschaftler Robert Wilbrandt (1875–1954) in Tübingen ab. Es folgten kurzzeitige kaufmännische Tätigkeiten in Berlin, Danzig und Warschau. 1925/26 war Budzislawski Redakteur der „Industrial and Trade Review for Asia“, einer von der Kommunistischen Internationale finanzierten und in Berlin redaktionell zusammengestellten Zeitschrift indischer Nationalkommunisten. Danach arbeitete er als freier Mitarbeiter für Tageszeitungen, Zeitschriften und die Funk-Stunde Berlin; zudem war er einige Jahre lang Leiter der Nachrichtenagentur „Wissenschaftliche Korrespondenz“.

    Im Herbst 1932 wurde Budzislawski freier Mitarbeiter der von Carl von Ossietzky (1889–1938) und Hellmut von Gerlach (1866–1935) geleiteten „Weltbühne“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtete er Ende März 1933 nach Zürich und lebte in der Nachbarschaft der Verlegerin Edith Jacobsohn (1891–1935), der die „Neue Weltbühne“ gemeinsam mit dem Wiener Fabrikantensohn Hans Heller (1896–1987) gehörte. Im März 1934 löste Budzislawski Willi (später William) S. Schlamm (1904–1978) als Chefredakteur der „Neuen Weltbühne“ ab und erwarb zwischen 1934 und 1936, z. T. verdeckt, Anteile an der Zeitschrift. Spätestens seit 1935 steuerte Budzislawski die in Prag erscheinende „Neue Weltbühne“ auf Volksfrontkurs und setze sich in Abstimmung mit führenden Vertretern der Exil-KPD für eine Annäherung aller linken, antifaschistischen Kräfte ein. Die tschechoslowakische Regierung unterstützte seine Zeitschrift politisch und finanziell.

    Angesichts der Bedrohung durch die Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ Österreichs verlegte Budzislawski die Redaktion der „Neuen Weltbühne“ im Juni 1938 nach Paris. Die Zeitschrift war ein wichtiges Organ der deutschen Exilpublizistik und erschien bis zum Verbot durch die französischen Behörden Ende August 1939. Budzislawski wurde danach für zehn Monate als feindlicher Ausländer in Frankreich interniert; anschließend gelang ihm über Spanien und Portugal die Flucht in die USA, wo er Ende Oktober 1940 eintraf. Von Juni 1941 bis zum Sommer 1945 war er Mitarbeiter der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson (1893–1961) und arbeitete zugleich für das Columbia Broadcasting System (CBS) und die Overseas News Agency (ONA). 1944 gehörte Budzislawski zu den Begründern des Councils for a Democratic Germany.


    Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Budzislawski von New York aus vergeblich, die „Weltbühne“ in eigener Regie wiederzubeleben. An der Neugründung der Ost-Berliner „Weltbühne“ im Juni 1946 war er nicht beteiligt, was ihn verbitterte. 1948 kehrte er auf Einladung der SED nach Deutschland zurück, wurde Professor für internationales Pressewesen an der Universität Leipzig, aber als vermeintlich unzuverlässiger Westremigrant 1950 von der SED vorübergehend mit Lehrverbot belegt. 1954 zum Dekan der neu gegründeten Fakultät für Journalistik an der Universität Leipzig ernannt, wurde Budzislawski Ende der 1950er Jahre Ziel politisch motivierter universitätsinterner Angriffe, die im Frühjahr 1962 zu seiner Ablösung als Dekan führten. Im Jahr seiner Emeritierung 1966 erschien sein Lehrbuch „Sozialistische Journalistik. Eine wissenschaftliche Einführung“, das die Journalistik in der DDR als eigenes wissenschaftliches Fach profilierte, indem marxistisch-leninistisch grundierte Theorie, massenmediale Empirie, Wirkungsforschung und die Berufspraxis in der DDR verbunden wurden. Zugleich war es eine polemische Streitschrift gegen die westliche Publizistik.

    1967 übernahm Budzislawski noch einmal die Chefredaktion der „Weltbühne“, ehe er aus gesundheitlichen Gründen 1971 ausschied. Als Vertreter des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes gehörte er 1949/50 der provisorischen Volkskammer und von 1956 bis zu seinem Tod der Volkskammer der DDR an; er war stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses und saß seit 1967 im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten.

    In der DDR galt Budzislawski als bewährter antifaschistischer Publizist mit internationalem Renommee und als „Doyen“ der sozialistischen Journalistik, in der Bundesrepublik als „ulbrichthöriger Karrierist“ und „Meuchelmörder“ der Weimarer „Weltbühne“, so Kurt Hiller (1885–1972) in den 1960er Jahren. Mit dem Ende der DDR geriet er in Vergessenheit; seit dem frühen 21. Jahrhundert erfährt seine komplexe Lebensgeschichte neue Aufmerksamkeit.

  • Auszeichnungen

    1955 Fritz-Heckert-Medaille des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB)
    1955–1966 Mitglied im Exekutivrat der Weltföderation der Wissenschaftler
    1956 Mitglied des PEN-Zentrums Ost und West
    1956 Franz-Mehring-Ehrennadel des Verbands der deutschen Journalisten (VdJ)
    1957 Vaterländischer Verdienstorden in Silber
    1958 Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus
    1959 Banner der Arbeit
    1962 Mitglied des Deutschen Friedensrats
    1963 Carl-von-Ossietzky-Medaille
    seit 1963 Präsident der UNESCO-Kommission der DDR
    1966 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold
    1966 Dr. phil. h. c., Universität Leipzig
    1970 Vaterländischer Verdienstorden in Gold
    1976 Stern der Völkerfreundschaft in Gold
    • Quellen

      Nachlass:

      Literaturarchiv der Akademie der Künste, Berlin, Hermann-Budzislawski-Archiv.

    • Werke

      Eugenik. Ein Beitrag zur Ökonomie der menschlichen Erbanlagen, 1923. (Diss. rer. pol. Tübingen)

      Sozialistische Journalistik. Eine wissenschaftliche Einführung, 1966.

    • Literatur

      Horst Eckert, Die Beiträge der deutschen emigrierten Schriftsteller in der „Neuen Weltbühne“ von 1934–1939. Ein Beitrag zur Untersuchung der Beziehungen zwischen Volksfrontpolitik und Literatur, Diss. Humboldt-Universität Berlin 1962.

      Fakultät für Journalistik der Karl-Marx-Universität (Hg.), Journalismus und Gesellschaft. Hermann Budzislawski zum 65. Geburtstag, 1966.

      Hans-Albert Walter, Deutsche Exilliteratur 1933–1950, Bd. 4, 1978.

      Brigitte Klump, Das rote Kloster. Eine deutsche Erziehung, 1978.

      Andreas Juhnke, „Ein Turm in der Schlacht um die Weltbühne. Familiendrama mit Ossietzky, Brecht und Gysi in den Nebenrollen“, in: TransAtlantik 12 (1990), S. 65–75.

      Marita Krauss, Hans Habe, Ernst Friedländer, Hermann Budzislawski – drei Schicksale, in: Claus-Dieter Krohn/Axel Schildt (Hg.), Zwischen den Stühlen? Remigranten und Remigration in der deutschen Medienöffentlichkeit der Nachkriegszeit, 2002, S. 245–266.

      Toralf Teuber, Ein Stratege im Exil. Hermann Budzislawski und die „Neue Weltbühne“, 2004.

      Axel Fair-Schulz, Loyal Subversion. East Germany and Its bildungsbürgerlich Marxist Intellectuals, 2009.

      Dieter Schiller, Die „Weltbühne“ im Prager Exil, in: ders., Der Traum von Hitlers Sturz. Studien zur deutschen Exilliteratur 1933–1945, 2010, S. 271–283.

      Christian Schemmert/Daniel Siemens, Die Leipziger Journalistenausbildung in der Ära Ulbricht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), H. 2, S. 201–237.

      Daniel Siemens, Elusive Security in the GDR: Remigrants from the West at the Faculty of Journalism in Leipzig, 1945–1961, in: Central Europe 11 (2013), H. 1, S. 24–45.

      Michael Meyen/Thomas Wiedemann, Journalism Professors in the German Democratic Republic. A Collective Biography, in: International Journal of Communication 11 (2017), Feature 1839–1856.

      Mario Keßler, Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR, 2018.

      Michael Meyen, Die Erfindung der Journalistik in der DDR, in: Journalistik 2 (2019), H. 1, S. 3–32.

      Daniel Siemens, Hinter der Weltbühne. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert, 2022. (W, L, P)

      Lexikonartikel:

      Gabriela Veselá-Ducháčková, Art. „Hermann Budzislawski“, in: Autorenkollektiv unter Leitung von Miroslav Beck und Jiři Veselý, Exil und Asyl. Antifaschistische deutsche Literatur in der Tschechoslowakei 1933–1938, 1981, S. 157–164.

      Willy Walther, Art. „Hermann Budzislawski“, in: Namhafte Hochschullehrer der Karl-Marx-Universität Leipzig, Bd. 1, 1982, S. 62–71.

      Siegfried Schmidt, Hermann Budzislawski und die Leipziger Journalistik, in: Michael Meyen/Thomas Wiedemann (Hg.), Biografisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft, 2017. (Onlineressource)

      Bernd-Rainer Barth, Art. „Budzislawski, Hermann“, in: Wer war wer in der DDR?. (Onlineressource)

    • Onlineressourcen

    • Porträts

      Fotografien v. Fred Stein (1909–1967), 1943, Fred Stein Archive, New York City.

      Fotografien, 1950er Jahre, Bundesarchiv, Bildarchiv.

      Fotografien, Sammlung Vera Tenschert, Archiv der Akademie die Künste, Berlin.

  • Autor/in

    Daniel Siemens (Newcastle upon Tyne, Großbritannien)

  • Zitierweise

    Siemens, Daniel, „Budzislawski, Hermann“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/117044369.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA