Lebensdaten
1866 bis 1935
Geburtsort
Mönchmotschelnitz Kreis Wohlau (Schlesien)
Sterbeort
Paris
Beruf/Funktion
Journalist ; pazifistischer Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118538691 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gerlach, Hellmut von
  • Gerlach, Helmut von
  • Gerlach, Helmut Georg von
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Zitierweise

Gerlach, Hellmut Georg von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538691.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Max (1832–1909), Gutsbes., S d. Karl (preuß. Adel 1840, 1792-1863), Polizeipräs. v. Berlin, dann Reg.präs. in Köln u. Erfurt, u. d. Pauline Lütcke;
    M Welly (1837–99), T d. Gustav Peyer (1809–91), Amtsrat, Pächter d. Domäne Sorau, u. d. Maria Koppe;
    Ur-Gvm Gottlieb Koppe (1782–1863), Landwirt, Mitarb. Thaers, Mitgl. d. preuß. Ökonomiekollegiums u. d. Landtags (s. ADB 16);
    Mönchmotschelnitz 1904 Hedwig (1874–1956), T d. Herm. Wiesel u. d. Hedwig Sophie Dor. Müller;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    G. besucht das Gymnasium in Wohlau und später die Universitäten Genf, Straßburg, Leipzig und Berlin als Student der Rechte, wird Regierungsreferendar, dann Assessor in Lübben (Spreewald) und in Ratzeburg. Zuerst Mitarbeiter des „Deutschen Adelsblatts“, in welchem er ganz unpolitische Aufsätze namentlich über die Jagd schreibt, ist er Mitglied der christlich-sozialen Gruppe der Konservativen Partei. So kommt er mit Adolf Stoecker in Verbindung. 1892 nimmt er endgültig seinen Abschied von der preußischen Verwaltung. Bis 1896 bleibt er Redakteur der christlich-sozialen Tageszeitung „Das Volk“. Die immer mehr zum Vorschein kommende reaktionäre Tendenz der Agrarier ist ihm jedoch zuwider. Er versucht, in Verbindung mit Paul Goehre und mit Friedrich Naumann eine neue politische Partei zu gründen. Seine Entwicklung von rechts nach links ist dabei immer deutlicher. Er ist zum ständigen Mitarbeiter der Berliner Wochenzeitung „Die Welt am Montag“ geworden.

    G. läßt sich in Marburg/Lahn nieder und widmet sich dem Kampf gegen den rechten Flügel der konservativen Fraktion. Zu diesem Zweck erwirbt er die Hessische Landeszeitung. Bei den allgemeinen Reichstagswahlen von 1898 ist er Kandidat der freisinnigen Elemente im rein landwirtschaftlichen Wahlkreis Marburg – Kirchhain – Frankenberg. Es gelingt ihm aber nicht, Otto Boeckel, den sogenannten „Hessischen Bauernkönig“, zu schlagen. 1903 dagegen besiegt er in der Stichwahl, mit der Unterstützung des Zentrums, den streng konservativen Pappenheim, welcher auch Abgeordneter im Preußischen Landtag ist. G.s Eintritt in den Deutschen Reichstag bildet einen Wendepunkt in seiner politischen Laufbahn. Er ist aber nicht in der Lage, seine Stellung im Wahlkreise Marburg ohne die Unterstützung der katholischen Elemente zu behaupten. Die ganze preußische Beamtenschaft und die meisten landwirtschaftlichen Verbände treten 1907 geschlossen auf, um ihm diesen heiß umstrittenen Wahlkreis wieder zu entreißen. Das ist die Zeit der Umsiedlung G.s nach Berlin. Dort gründet er 1908 mit Theodor Barth und Rudolf Breitscheid die sogenannte „Demokratische Vereinigung“. Als deren Vertreter kandidiert er 1912 ein 4. Mal im Kreise Marburg. Seine Widersacher verhindern G.s Wiederwahl. Diese Wahlniederlage bedeutet das Ende der parlamentarischen Bestrebungen G.s.

    Zwar ernennt ihn die Regierung Ebert 1918 zum Staatssekretär im preußischen Ministerium des Inneren. Da er aber eine Einigung zwischen den Mehrheitssozialdemokraten und den sogenannten Unabhängigen nicht zustande bringen kann, bittet er schon nach ein paar Wochen um seine Entlassung und verzichtet von nun an auf jede Teilnahme an der öffentlichen Macht. – Seine journalistische Karriere wird dann um so glänzender, und dies während der ganzen Zeit der Weimarer Republik. Kampf gegen den Kapp-Putsch, gegen den Stahlhelm, gegen das Wiederaufleben der militaristischen Propaganda, gegen alle Versuche und Manöver des Antisemitismus, Kampf für eine wirklich demokratische Staatsform, Kampf für die deutsch-französische Verständigung, dies sind jede Woche die Schlagworte seiner mutigen Leitartikel in der Berliner „Welt am Montag“, die sowohl in links gerichteten Kreisen des Bürgertums sowie in einigen Schichten der sozialistisch orientierten Arbeiterschaft (Reichsbanner) den größten Erfolg haben. Trotz aller Todesdrohungen von fanatischen deutschen Rechtskreisen billigt G. die Verständigungspolitik Gustav Stresemanns nach dem Ruhrkonflikt. Mitglied des pazifistischen Bundes „Neues Vaterland“ und Vorsitzender der Deutschen Liga für Menschenrechte, nimmt er in dieser Eigenschaft an mehreren internationalen Friedenskongressen teil, namentlich 1925 in Paris. Zu dieser Zeit ist er mit Paul Loebe und Ludwig Quidde in Deutschland, Victor Hasch und Ferdinand Buisson in Frankreich ein Leiter des zwischenstaatlichen Pazifismus. – Seine unbedingte scharfe Opposition gegen den Nationalsozialismus versteht sich von selbst unter diesen Umständen. Er wäre|eines der ersten Opfer des Hitler-Regimes im Jahre 1933 gewesen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, rechtzeitig, zunächst nach Österreich, zu fliehen. G. nimmt das Angebot der französischen Liga für Menschenrechte an, welche eine Abteilung für ausgewanderte deutsche Flüchtlinge gründet, an deren Spitze der frühere Chefredakteur der „Welt am Montag“ gestellt wird. Dieser kann hunderten von seinen Landsleuten das Leben in der französischen Hauptstadt erleichtern. Er hat sich sein Leben lang als ein überzeugter, energischer, kompromißloser Streiter für Freiheit, Gleichheit und Menschenliebe ausgezeichnet.

  • Werke

    Die Gesch. d. preuß. Wahlrechts, 1908;
    Das Parlament, 1908;
    August Bebel, 1909;
    Meine Erlebnisse in d. Preuß. Verwaltung, 1919;
    Der Zusammenbruch d. dt. Polen-Pol., 1920;
    Die dt. Mentalität 1871-1921, 1921;
    Erinnerungen e. Junkers, 1925;
    Die große Zeit d. Lüge, 1926;
    Von rechts nach links, 1937 (mit Einl. u. Epilog v. E. Ludwig).

  • Literatur

    A. Robinet de Cléry, Un pacifiste allemand, H. de G., in: La Vie des Peuples 5, Paris Mai 1925, S. 29-48;
    A. Taizon de Gilm, H. de G. et le mensonge belliciste, in: Cahiers de la Ligue (française) des Droits de l'Homme 7, ebd. 25.7.1926, S. 342-44;
    H. v. Rohr, H. v. G., in: Jenseits d. Oder 1, 1950, S. 6;
    Rhdb. (P).

  • Autor/in

    Adrien Robinet de Cléry
  • Empfohlene Zitierweise

    Robinet de Clery, Adrien, "Gerlach, Hellmut Georg von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 301 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118538691.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA