Gödel, Kurt

Lebensdaten
1906 – 1978
Geburtsort
Brünn (heute Brno, Tschechien)
Sterbeort
Princeton (New Jersey, USA)
Beruf/Funktion
Mathematiker ; Logiker ; Philosoph
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 11869569X | OGND | VIAF: 97851774
Namensvarianten

  • Gödel, Kurt Friedrich
  • Gödel, Kurt
  • Gödel, Kurt Friedrich
  • Gödel, Kurt Friedrich
  • Gēderu
  • ゲーデル
  • Gödel, Curt
  • Gödel, Curt Friedrich
  • Gödel, Curt Friedrich

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Zitierweise

Gödel, Kurt, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11869569X.html [16.04.2026].

CC0

  • Gödel, Kurt Friedrich

    1906 – 1978

    Mathematiker, Logiker, Philosoph

    Kurt Gödel gilt als einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Vollständigkeitssatz (1930) sowie dem ersten und dem zweiten Unvollständigkeitssatz (1931) zeigte er die Grenzen einer vollständigen Begründung der Mathematik auf, legte die Grundlage für die moderne Beweistheorie und die Rekursionstheorie und stellte die Weichen für die Ausbildung der theoretischen Informatik.

    Lebensdaten

    Geboren am 28. April 1906 in Brünn (heute Brno, Tschechien)
    Gestorben am 14. Januar 1978 in Princeton (New Jersey, USA)
    Grabstätte Princeton Cemetery in Princeton
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Kurt Gödel, Imago Images (InC)
    Kurt Gödel, Imago Images (InC)
  • 28. April 1906 - Brünn (heute Brno, Tschechien)

    1912 - 1924 - Brünn (heute Brno, Tschechien)

    Schulbesuch (Abschluss: Matura)

    Evangelische Privat-Volks- und Bürgerschule in der Elisabethstraße; seit 1916 k.-k. Staatsrealgymnasium

    1924 - 1929 - Wien

    Studium der Physik, seit 1926 der Mathematik

    Universität

    1926 - 1928 - Wien

    Teilnehmer

    Diskussionsrunde des späteren Wiener Kreises an der Universität

    1930 - Wien

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1932 - 1933 - Wien

    Habilitation für Mathematik; 1933 Privatdozent

    Universität

    Oktober 1933 - Mai 1934 - Princeton (New Jersey, USA)

    Visiting Member auf Einladung von Oswald Veblen (1880–1960)

    Institute for Advanced Study (I.A.S) der Princeton University

    Herbst 1934 - Purkersdorf bei Wien

    Aufenthalt

    Sanatorium

    September 1935 - November 1935 - Princeton

    Visiting Member

    I.A.S der Princeton University

    Oktober 1938 - Juni 1939 - Princeton

    Visiting Member

    I.A.S der Princeton University

    Januar 1939 - Juni 1939 - South Bend (Indiana, USA)

    Visiting Faculty Member

    Frühjahr 1940 - 1976 - Princeton

    ordentliches Mitglied; seit 1946 permanentes Mitglied; seit 1953 Professor

    I.A.S der Princeton University

    1940 - Wien

    Dozent neuer Ordnung

    Universität

    1940 - USA

    Emigration über die Sowjetunion und Japan

    2.4.1948

    US-amerikanischer Staatsbürger

    14. Januar 1978 - Princeton (New Jersey, USA)

    Nach seinem Realgymnasialabschluss in Brünn (heute Brno, Tschechien) studierte Gödel seit 1924 Physik an der Universität Wien, wechselte aber 1926 unter dem Eindruck der Vorlesungen Philipp Furtwänglers (1869–1940) zur Mathematik. 1925/26 hörte er bei Moritz Schlick (1882–1936) ein Seminar über Bertrand Russells (1872–1970) „Introduction to Mathematical Philosophy“. Zu Gödels wichtigsten Mentoren zählte auch Hans Hahn (1879–1934), bei dem er 1929 zum Dr. phil. promoviert wurde. Von 1926 bis 1928 nahm Gödel an dem von Schlick und Hahn geleiteten Diskussionszirkel teil, der vom Positivismus Ernst Machs (1838–1916) beeinflusst war und aus dem der neopositivistische Wiener Kreis hervorging. 1929 wurde Gödel von Karl Menger (1902–1985), ebenfalls Hahns Schüler, eingeladen, an dem von ihm organisierten Mathematischen Kolloquium teilzunehmen, in dem auch mathematische Grundlagenfragen diskutiert wurden.

    In seiner 1930 publizierten Dissertation „Über die Vollständigkeit des Logikkalküls“ zeigte Gödel, dass jede allgemeingültige Formel der klassischen Prädikatenlogik erster Stufe, in der also der Satz vom ausgeschlossenen Dritten gilt, aus einem geeigneten Axiomensystem für diese Logik ableitbar ist. Dieses Axiomensystem ist also semantisch vollständig (Vollständigkeitssatz). 1930 bewies Gödel in dem 1931 als Habilitationsschrift angenommenen Aufsatz „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme“, dass die im Hilbertschen Programm zentrale Forderung nach einem Widerspruchsfreiheitsbeweis für die Axiome der Arithmetik (zweites Hilbertsches Problem) in der ursprünglichen allgemeinen Fassung nicht erfüllt werden kann, da er mit den finiten Methoden der Mathematik selbst nicht geführt werden kann. Gödel bewies, dass jedes für die Darstellung der elementaren Zahlentheorie (Arithmetik) ausreichende und widerspruchsfreie System von Axiomen syntaktisch unvollständig ist. In einem solchen System S lässt sich nämlich ein einfacher arithmetischer Satz A konstruieren, sodass weder A noch seine Negation bewiesen werden kann. Dieser Satz ist allerdings selbst wahr, weil er seine eigene Unbeweisbarkeit in S mittels der Syntax von S ausdrückt (Erster Unvollständigkeitssatz). Es lässt sich weiterhin eine Aussage C konstruieren, die die Widerspruchsfreiheit von S in der Arithmetik ausdrückt, die aber in S nicht beweisbar ist, wenn S widerspruchsfrei ist (Zweiter Unvollständigkeitssatz). Für den Beweis verwendete Gödel ein Verfahren, mit dem Strukturen in natürlichen Zahlen kodiert werden können (Gödelisierung).

    Gödels Arbeiten markieren einen Wendepunkt in den Bemühungen um eine Grundlegung der Mathematik, die mit der Ausbildung der modernen Strukturmathematik einhergingen. Gödels Grundlagenarbeiten standen im Kontext des axiomatischen Programms David Hilberts (1862–1943), der 1899 exemplarisch eine neuartige Axiomatisierung mathematischer Disziplinen vorschlagen hatte, in der kein Bezug auf Evidenz oder eine außermathematische Realität genommen wurde. Die Gültigkeit des Systems wurde durch meta-axiomatische Beweise der Unabhängigkeit der Axiome voneinander, der Vollständigkeit des axiomatischen Systems und seiner Widerspruchsfreiheit gezeigt. Gemäß dem logizistischen Paradigma, wonach sich alle mathematischen Grundsätze aus logischen Prinzipien ableiten ließen, setzte dies eine widerspruchsfreie Axiomatisierung der formalen Logik voraus.

    Seit 1933 war Gödel Privatdozent für Mathematik an der Universität Wien. 1933/34 war er auf Einladung Oswald Veblens (1880–1960) am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey, USA) tätig; 1935 und 1938/39 folgten weitere Gastaufenthalte dort. Zunehmende psychische Probleme Gödels erzwangen zwischenzeitlich Sanatoriumsaufenthalte in Wien. Von 1937 an befasste er sich mit aktuellen Problemen der axiomatisierten Mengenlehre. Er bewies, dass die Kontinuumshypothese (CH) und das umstrittene Auswahlaxiom (AC) konsistent mit dem von Ernst Zermelo (1871–1953) vorgelegten und von Abraham A. Fraenkel (1891–1965) modifizierten Axiomensystem für die Mengenlehre (ZF) ist.

    Nach dem „Anschluss“ Österreichs emigrierte Gödel 1940 mit seiner Frau in die USA, wo er ordentliches Mitglied am Institute for Advanced Study, 1946 permanentes Mitglied und 1953 zum Professor ernannt wurde. 1948 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Zu Gödels engsten Freunden am Institut gehörten Albert Einstein (1879–1955) und der ebenfalls aus Wien emigrierte Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern (1902–1977).

    Seit 1943 konzentrierte sich Gödel auf philosophische Studien. Mit seiner Diskussion von Russells mathematischer Logik (1944) legte er einen ersten Beitrag zur Ontologie mathematischer Gegenstände vor. In seiner Variante des Platonismus spricht er mathematischen Objekten eine vom Geist unabhängige Existenz zu und damit eine zu physikalischen Objekten analoge Realität. Die Wahrheit mathematischer Aussagen werde durch die von den Objekten konstituierte objektive Realität bestimmt. Gödel studierte auch Immanuel Kant (1724–1804), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) und die Phänomenologie Edmund Husserls (1859–1938). Zwischen 1947 und 1951 arbeitete er u. a. zur Allgemeinen Relativitätstheorie und zu kosmologischen Theorien, nach denen Zeitreisen in die Vergangenheit möglich wären.

    Gödel litt seit den späten 1960er Jahren unter starken gesundheitlichen und mentalen Einschränkungen, sodass er aufgrund paranoider Vorstellungen, er könnte vergiftet werden, an Unterernährung und Entkräftung starb.

    1951 Einstein Award (mit Julian Schwinger, 1918–1994)
    1951 Josiah Willard Gibbs Lectureship Award der American Mathematical Society
    1951 Honorary D. Litt., Yale University, New Haven (Connecticut, USA)
    1952 Honorary Sc. D., Harvard University, Cambridge (Massachusetts, USA)
    1953 Mitglied der National Academy of Sciences der USA
    1957 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences
    1961 Mitglied der American Philosophical Society
    1967 Ehrenmitglied der London Mathematical Society
    Juni 1967 Honorary Sc. D., Amherst College (Massachusetts, USA)
    1968 auswärtiges Mitglied der Royal Society
    Juni 1972 Honorary Sc. D., Rockefeller University, New York City
    1974 National Medal of Science

    Nachlass:

    Kurt Gödel Papers, 1905–1980 (mostly 1930–1970), C0282, Manuscripts Division, Department of Special Collections, Princeton University Library. (weiterführende Informationen)

    Weitere Archivmaterialien:

    Wienbibliothek im Rathaus. (Korrespondenz) (Onlineressource)

    Universitätsarchiv Wien, Personalakt 1757 u. GZ 659-1937/38.

    Aufsätze und Monografien:

    Die Vollständigkeit der Axiome des logischen Funktionenkalküls, in: Monatshefte für Mathematik und Physik 37 (1930), S. 349–360. (Diss. phil.)

    Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I, in: Monatshefte für Mathematik und Physik 38 (1931), S. 173–198. (Habilitationsschrift)

    The Consistency of the Axiom of Choice and of the Generalized Continuum Hypothesis with the Axioms of Set Theory, 1940.

    Russell’s Mathematical Logic, in: Paul A. Schilpp (Hg.), The Philosophy of Bertrand Russell, 1944, S. 123–153.

    A Remark about the Relationship between Relativity Theory and Idealistic Philosophy, in: Paul A. Shilpp (Hg.), Albert Einstein. Philosopher Scientist, 1949, S. 555–561.

    Rotating Universes in General Relativity Theory, in: Proceedings of the International Congress of Mathematicians, Cambridge, Massachusetts, U.S.A., August 30–September 6, 1950, Bd. 1, 1950, S. 175–181.

    Über eine noch nicht benützte Erweiterung des finiten Standpunktes, in: Dialectica 12 (1958), S. 280–287.

    Werkausgaben:

    Kurt Gödel, Collected Works. Bd. I: Publications 1929–1936, hg. v. Solomon Feferman/John W. Dawson, Jr./Stephen C. Kleene/Gregory H. Moore/Robert M. Solovay/Jean van Heijenoort, 1986.

    Kurt Gödel, Collected Works. Bd. II: Publications 1938–1974, hg. v. Solomon Feferman/John W. Dawson/Stephen C. Kleene/Gregory H. Moore/Robert M. Solovay/Jean van Heijenoort, 1990.

    Kurt Gödel, Collected Works. Bd. III: Unpublished Essays and Lectures, hg. v. Solomon Feferman/John W. Dawson/Warren Goldfarb/Charles Parsons/Robert S. Solovay, 1995.

    Kurt Gödel, Collected Works. Bd. IV: Correspondence A–G, hg. v. John W. Dawson, Jr./Solomon Feferman/Warren Goldfarb/Charles Parsons/Wilfried Sieg, 2003.

    Kurt Gödel, Collected Works. Bd. V: Correspondence H–Z, hg. v. John W. Dawson, Jr./Solomon Feferman/Warren Goldfarb/Charles Parsons/Wilfried Sieg, 2003.

    Kurt Gödel, Philosophische Notizbücher. Philosophical Notebooks, hg. v. Eva-Maria Engelen, bisher 6 Bde., 2019–2025.

    Ernest Nagel/James R. Newman, Gödel’s Proof, 1958, 21979, Nachdr. 2018; dt. u. d. T. Der Gödelsche Beweis, 1958, 92010.

    John W. Dawson, The Published Work of Kurt Gödel. An Annotated Bibliography, in: Notre Dame Journal of Formal Logic 24 (1983), S. 255–284. (W)

    John W. Dawson, Addenda and Corrigenda to ‘The Published Work of Kurt Gödel’, in: Notre Dame Journal of Formal Logic 25 (1984) S. 293–287. (W)

    Solomon Feferman, Gödel’s Life and Work, in: Kurt Gödel, Collected Works. Bd. I, hg. v. Solomon Feferman/John W. Dawson, Jr./Stephen C. Kleene/Gregory H. Moore/Robert M. Solovay/Jean van Heijenoort, 1986, S. 1–36. (W, L)

    Stephen C. Kleene, Kurt Gödel. 1906–1978. A Biographical Memoir, 1987.

    Hao Wang, A Logical Journey. From Gödel to Philosophy, 1996.

    John W. Dawson, Jr., Logical Dilemmas. The Life and Work of Kurt Gödel, 1997, dt. u. d. T. Kurt Gödel. Leben und Werk, 1999. (W, L, P)

    Eckehart Köhler/Bernd Buldt (Hg.), Kurt Gödel. Wahrheit und Beweisbarkeit, Bd. 1: Dokumente und historische Analysen, 2002. (W, L, P)

    Bernd Buldt/Eckehart Köhler/Peter Weibel/Michael Stöltzner/Carsten Klein/Werner DePauli-Schimanovich-Göttig (Hg.), Kurt Gödel. Wahrheit und Beweisbarkeit, Bd. 2: Kompendium zum Werk, 2002. (L)

    Karl Sigmund/John Dawson/Kurt Mühlenberger, Gödels Leben. Gödel’s Life. Das Album. The Album, 2006. (P)

    William D. Brewer, Kurt Gödel. The Genius of Metamathematics, 2022, dt. 2024. (P)

    Juliette Kennedy, Art. „Kurt Gödel“, in: Edward N. Zalta/Uri Nodelman (Hg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Fall 2025 Edition. (Onlineressource) (Q, W, L)

    Fotografien v. Arnold Newman (1918–2006), 1956, C0282, Manuscripts Division, Department of Special Collections, Princeton University Library u. The Jewish Museum, New York City. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Volker Peckhaus (Paderborn)

  • Zitierweise

    Peckhaus, Volker, „Gödel, Kurt“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11869569X.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA