Geißler, Heiner
- Lebensdaten
- 1930 – 2017
- Geburtsort
- Oberndorf am Neckar
- Sterbeort
- Gleisweiler (Pfalz)
- Beruf/Funktion
- Generalsekretär der CDU ; Bundesminister ; Politiker ; Jurist ; Abgeordneter ; Minister ; Philosoph ; Richter
- Konfession
- römisch-katholisch
- Normdaten
- GND: 118690248 | OGND | VIAF: 139732
- Namensvarianten
-
- Geißler, Heinrich
- Geißler, Heiner
- Geißler, Heinrich
- Geissler, Heinrich
- Geißler, H.
- Geißler, Heinrichjosef Georg
- Geissler, Heiner
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Geißler, Heiner (eigentlich Heinrich Geißler)
1930 – 2017
Generalsekretär der CDU, Bundesminister
Heiner Geißler prägte als Generalsekretär (1977–1989) und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (1982–1985) die Modernisierung der CDU. Seine oft kontroversen Aussagen erreichten eine breite Öffentlichkeit, sein Verhältnis zu Helmut Kohl (1930–2017), den er zunächst unterstützte, wurde in den 1980er Jahren spannungsreicher. Seit den 1990er Jahren galt der Katholik Geißler als „Gewissen der Union“. Er publizierte zahlreiche Bücher, besonders zu Glaubens-, Gewissens- und Gerechtigkeitsfragen.
Lebensdaten
Heiner Geißler, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Frank Bösch (Potsdam)
-
Zitierweise
Bösch, Frank, „Geißler, Heiner“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118690248.html#dbocontent
Ausbildung und politische Anfänge
Geißler erhielt nach mehreren Umzügen und dem Besuch verschiedener Schulen 1949 das Abitur am Jesuitenkolleg St. Blasien bei Waldshut (Schwarzwald) und wurde Novize im Jesuitenorden, den er 1953 verließ; seine katholische Prägung blieb bestehen. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften in München und Tübingen und legte 1957 das Erste juristische Staatsexamen ab. Während des Studiums engagierte er sich im Ring Christlich-Demokratischer Studenten. 1960 wurde er bei Günter Dürig (1920–1996) mit einer Arbeit zum Thema Kriegsdienstverweigerung zum Dr. iur. promoviert; bis in sein hohes Alter beschäftigten ihn Gewissensfragen.
Nach dem Referendariat und dem zweiten Staatsexamen 1962 arbeitete Geißler kurzzeitig als Richter und machte dann in der CDU schnell politische Karriere: Von 1961 bis 1965 war er Vorsitzender der Jungen Union Baden-Württemberg und wechselte 1962 als Leiter in das Büro des baden-württembergischen Arbeits- und Sozialministers. 1965 zog er per Direktmandat in den Bundestag ein, den er im selben Jahr verließ, um Minister für Soziales, Gesundheit und Sport in Rheinland-Pfalz zu werden. Hier profilierte er sich u. a. durch ein Kindergarten-, Krankenhausreform- und ein Sportfördergesetz. Ebenso förderte er erste Sozialstationen mit ambulanter Pflegeinfrastruktur. Sein Amt bescherte ihm eine enge Verbindung zu Helmut Kohl (1930–2017), der seit 1969 als Ministerpräsident in Mainz regierte und ihn in seine Führungsriege aufnahm.
Generalsekretär der CDU, Bundesminister und Abgeordneter
Bundesweit bekannt wurde Geißler seit 1975, als er mit seinen Schriften zur „Neuen Sozialen Frage“ die Armut von Alten, von alleinstehenden Frauen und Familien betonte und diese so von der klassenbedingten Armut der SPD-Programmatik abgrenzte. Sozialpolitische Impulse blieben fortan sein Grundanliegen. 1977 wurde Geißler als Nachfolger Kurt Biedenkopfs (1930–2021) Generalsekretär der CDU unter dem Vorsitzenden Kohl, der die Partei programmatisch und organisatorisch modernisierte. Hier managte Geißler die komplexe Verabschiedung des ersten Grundsatzprogramms der CDU auf dem Ludwigshafener Parteitag 1978. Als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit von 1982 bis 1985 sorgte er für Reformen bei der einkommensbezogenen Kindergeldförderung, für die Einführung des Erziehungsgeldes und -urlaubs (1985) sowie der Anerkennung von Erziehungszeiten in der Rente. Dies stärkte Frauen finanziell, festigte aber zugleich deren Rolle als Hausfrau, wie die Opposition kritisierte. Das Kriegsdienstverweigerungsrecht vereinfachte er 1983/84 auf einen schriftlichen Antrag, verlängerte aber die Dauer des Zivildienstes von 16 auf 20 Monate.
In der CDU suchte Geißler mit der Förderung von Rita Süssmuth (geb. 1937), die ihm als Ministerin folgte, die Beteiligung von Frauen in der Politik zu stärken. Zum CDU-Parteitag in Essen 1985, der als „Frauenparteitag“ in die Geschichte einging, lud er neben den Delegierten 500 weitere Frauen ein, und die CDU verabschiedete unter seiner Regie „Leitsätze für eine neue Partnerschaft von Mann und Frau“. Zudem setzte Geißler zunehmend sozialpolitische Akzente, was Konflikte mit dem wirtschaftsnahen CDU-Flügel auslöste. Im Bundestag und in den Medien polarisierte Geißler durch scharfe, mitunter überzogene Äußerungen gegen politische Gegner. Zugleich vertrat er eine liberalere Migrationspolitik, was Kritik des konservativen Flügels der CDU hervorrief.
Ende der 1980er wuchsen Konflikte mit Kohl, dessen Führungsstil Geißler kritisierte. Sinkende Wahlergebnisse führten zu Debatten über eine neue CDU-Führung. Nachdem Geißler beim Bremer CDU-Parteitag 1989 die Aufstellung Lothar Späths (1937–2016) als Gegenkandidat zu Kohl für den CDU-Vorsitz unterstützte, ließ Kohl ihn als Generalsekretär fallen und nominierte ihn nicht mehr für dieses Amt.
Späte Phase als Querdenker der Union
Dennoch spielte Geißler auch in den 1990er Jahren eine prominente Rolle in der CDU: als Mitglied des Präsidiums von 1989 bis 2000, als stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion von 1991 bis 1998 und über seine zahlreichen Publikationen und Medienauftritte. In der CDU-Spendenaffäre 1999 sprach er offen über die sog. schwarzen Konten. Bis 2002 blieb er Abgeordneter im Bundestag. Geißlers regelmäßige Präsenz in Fernseh-Talkshows, wo er als intellektueller Querdenker der Union auftrat und soziale Positionen einnahm, verstärkte seine Bekanntheit. Dies polarisierte, stärkte aber seine Rolle als parteiübergreifender Mittler, weshalb er mehrfach als Schlichter in Tarifkonflikten eingesetzt wurde. Auch bei verfahrenen Konflikten wie um das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 trat er 2010/11 als Schlichter auf. In den 2000er Jahren entfernte er sich weiter von CDU-Positionen. Er kritisierte die 2005 in Kraft getretenen Gesetze zum Arbeitslosengeld II (Hartz IV), da diese die Würde des Menschen zerstören würden und forderte höhere Löhne. 2007 trat er der globalisierungskritischen Organisation attac bei. Geißlers zahlreiche Bücher zeigen ihn als katholisch geprägten Christdemokraten, der ideologische Grenzen überschritt.
| 1970 | Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1974 Verdienstkreuz 1. Klasse; 1977 Großes Verdienstkreuz) |
| 1983 | Grand Officier de l’Ordre national du Mérite, Frankreich |
| 1992 | Großkreuz des Verdienstordens Bernardo O‘Higgins, Chile |
| 1995 | Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg |
| 2007 | Mitglied der Organisation attac |
| 2010 | „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ des Netzwerks Recherche für seine aufklärenden Analysen |
Teilnachlass:
Archiv für Christlich-Demokratische Politik, 01-859. (weiterführende Informationen)
Weitere Archivmaterialien:
Archiv für Christlich-Demokratische Politik, 07-001. (CDU-Bundespartei) (weiterführende Informationen)
Landeshauptarchiv Koblenz. (Bestände zu Geißlers Zeit als Minister für Soziales in Rheinland-Pfalz 1967–1977)
Bundesarchiv, Koblenz. (Bestände zu Geißlers Zeit als Bundesminister 1982–1985).
Monografien:
Das Recht der Kriegsdienstverweigerung nach Art. 4 Abs. III des Grundgesetzes, 1960. (Diss. iur.)
Die neue soziale Frage. Analysen und Dokumente, 1976, 31980.
Zugluft. Politik in stürmischer Zeit, 1990.
Heiner Geißler/Manfred Rommel, Plädoyers für eine multikulturelle Gesellschaft, 1992.
Gefährlicher Sieg. Die Bundestagswahl 1994 und ihre Folgen, 1995.
Der Irrweg des Nationalismus, 1995.
Zeit, das Visier zu öffnen, 1998.
„Wo ist Gott?“ Gespräche mit der nächsten Generation, 2000, 42001, korean. 2011.
Intoleranz. Vom Unglück unserer Zeit, 2002, 22004.
Was würde Jesus heute sagen? Die politische Botschaft des Evangeliums, 2003, 92006, Lesung mit Iris Heuchert/Wolfgang Stockmann, 3 CDs 2004, portugies. 2005.
Heiner Geißler/Wolfgang Engler/Jean Ziegler, Frist der Kapitalismus seine Kinder? Weimarer Reden 2010, 2010.
Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen, 2012.
Was müsste Luther heute sagen?, 2015.
Aufsatz:
Das Boot ist noch lange nicht voll. Warum die multikulturelle Gesellschaft ein Gewinn für alle ist; in: Leserinitiative Publik e.V. (Hg.), Publik-Forum 19 (1991), S. 5 f.
Herausgeberschaft:
Abschied von der Männergesellschaft. Mit dem dokumentarischen Anhang der „Leitsätze der CDU für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau“, 1986.
Lars Tschirschwitz, Kampf um Konsens. Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland, 2017, S. 57–60.
Volker Zastrow, Geißlers Salz, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.9.2017, S. 12.
Bernd Haunfelder, Heiner Geißler, in: Aljosche Kertesz/Bernd Haunfelder (Hg.), Deutschlands bedeutendste Politiker nach 1945. Ein Parlamentarier-Ranking, 2024, S. 191–196.
Lexikonartikel:
Irene Gerlach, Art. „Geißler, Heiner“, in: Udo Kempf/Hans-Georg Merz (Hg.), Kanzler und Minister 1949–1998. Biographisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen, 2001, S. 263–276.
Steffen Kaudelka, Art. „Geißler, Heiner“, in: Rudolf Vierhaus/Ludolf Herbst (Hg.), Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949–2002, 2002, S. 250 f.
Fotografien, in: Der Spiegel v. 12.9.2017. (Onlineressource)
Fotografien, 1969–1997, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)