Biedenkopf, Kurt
- Lebensdaten
- 1930 – 2021
- Geburtsort
- Ludwigshafen
- Sterbeort
- Dresden
- Beruf/Funktion
- Ministerpräsident von Sachsen ; CDU-Generalsekretär ; Jurist ; Wirtschaftsjurist ; Politiker (Ministerpräsident von Sachsen) ; Politiker ; Hochschullehrer
- Konfession
- römisch-katholisch
- Normdaten
- GND: 118907956 | OGND | VIAF: 24650581
- Namensvarianten
-
- Biedenkopf, Kurt Hans
- Biedenkopf, Kurt
- Biedenkopf, Kurt Hans
- Biedenkopf, K. H.
- Biedenkopf, K.
- Biedenkopf, Curt
- Biedenkopf, Curt Hans
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Biedenkopf, Kurt Hans
1930 – 2021
Ministerpräsident von Sachsen, CDU-Generalsekretär, Jurist
Kurt Biedenkopf, von 1967 bis 1969 Rektor der Universität Bochum, machte sich als Sachverständiger in der Unternehmensmitbestimmung einen Namen, ehe er in den 1970er Jahren als Generalsekretär zur Modernisierung der CDU beitrug. Nach einem Zerwürfnis mit Helmut Kohl (1930–2017) und innerparteilichen Niederlagen zog er sich Ende der 1980er Jahre zeitweise aus der Politik zurück. Von 1990 bis 2002 regierte Biedenkopf, marktwirtschaftlich orientiert, erfolgreich Sachsen, bis er nach Skandalen zurücktrat.
Lebensdaten
Kurt Biedenkopf, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Frank Bösch (Potsdam)
-
Zitierweise
Bösch, Frank, „Biedenkopf, Kurt“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118907956.html#dbocontent
Ausbildung und Hochschulkarriere
Biedenkopf wuchs in einer wohlhabenden Familie in Ludwigshafen auf, die 1938 nach Schkopau bei Merseburg und 1945 nach Groß-Umstadt nahe Darmstadt übersiedelte, wo Biedenkopf 1949 das Abitur erhielt. Anschließend studierte er bis 1950 Politische Wissenschaften am Davidson College in Davidson (North Carolina, USA), dann Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in München und Frankfurt am Main. Nach dem Ersten juristischen Staatsexamen 1955 wissenschaftlicher Assistent bei Heinrich Kronstein (1897–1972), wurde Biedenkopf 1958 bei diesem zum Dr. iur. promoviert mit der Arbeit „Vertragliche Wettbewerbsbeschränkungen und Wirtschaftsverfassung“. Prägend waren Aufenthalte an Universitäten in den USA; 1962 erwarb er den Master of Laws an der Georgetown University in Washington, DC.
Nach seiner Habilitation 1963 über „Die Grenzen der Tarifautonomie“ wurde Biedenkopf im folgenden Jahr Professor für Wirtschaftsrecht an der neu gegründeten Universität Bochum und amtierte von 1967 bis 1969 als deren Rektor. Öffentliche Bekanntheit erhielt er als Sachverständiger bei arbeitsrechtlichen Konflikten, ebenso als Vorsitzender der von Bundeskanzler Kurt Kiesinger (1904–1988) eingesetzten Kommission zur Reform der Unternehmensmitbestimmung („Biedenkopf-Kommission“) deren Empfehlungen das Mitbestimmungsgesetz 1976 prägten, das mehr Vertreter der Arbeitnehmer bei einem Übergewicht der Anteilseigner vorsah. Von 1971 bis 1973 war er Mitglied der zentralen Geschäftsführung der Henkel AG.
Generalsekretär, Bundes- und Landespolitiker
Biedenkopf trat 1966 der CDU bei und kam Anfang der 1970er Jahre als Quereinsteiger in die Politik, wobei ihm seine Expertise bei der Reform der Betriebsverfassung und Mitbestimmung den Weg ebnete. Auf Vorschlag Helmut Kohls (1930–2017) wurde er 1973 zum CDU-Generalsekretär gewählt, um die Partei zu modernisieren. Biedenkopf gab der aufkommenden Programmdebatte intellektuellen Glanz, sorgte für einen Ausbau der Bundes- und Landesgeschäftsstellen der Partei und förderte im Zuge des rasanten Mitgliederzulaufs die interne Mitsprache durch Fachausschüsse und Kommissionen. Sein selbstbewusstes Auftreten führte zu Konflikten innerhalb der Partei und mit dem Vorsitzenden Kohl. Auch Biedenkopfs marktwirtschaftliche Ansätze sorgten für Kritik; letztlich fehlten ihm parteipolitische Netzwerke.
1977 trat Biedenkopf als Generalsekretär zurück, setzte jedoch seine politische Karriere mehrgleisig fort: landespolitisch als Vorsitzender der CDU Westfalen-Lippe und bundespolitisch seit 1976 als Bundestagsabgeordneter und marktwirtschaftlich orientierter wirtschaftspolitischer Sprecher sowie als einer der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden (1977–1983). Sein schlechtes Verhältnis zu Kohl blockierte seine Karriere in der Bundespolitik, in Nordrhein-Westfalen verlor er 1980 als CDU-Spitzenkandidat die Landtagswahl gegen Johannes Rau (1931–2006). Er einte zwar die beiden CDU-Landesverbände Rheinland und Westfalen-Lippe 1986 unter seinem Vorsitz, verlor den Posten aber 1986 an Norbert Blüm (1935–2020). Daraufhin zog er sich Ende der 1980er Jahre aus der Tagespolitik zurück und war als Rechtsanwalt tätig, zuletzt in Dresden.
Ministerpräsident von Sachsen
Biedenkopfs politische Karriere setzte sich, eher überraschend, mit der deutschen Einheit fort. Anfang 1990 übernahm er eine Gastprofessur für Wirtschaftsrecht an der Universität Leipzig. Um bei der sächsischen Landtagswahl im Oktober 1990 als CDU-Spitzenkandidat anzutreten, nahm er kurz zuvor pro forma die Staatsbürgerschaft der DDR an. Als Ministerpräsident regierte er Sachsen von 1990 bis 2002 mit absoluter Mehrheit. Da die ökonomische Transformation in Sachsen, u. a. durch die Ansiedlung großer Unternehmen der Automobil-, Dienstleistungs- und Informationsbranche, vergleichsweise gut gelang, wurde ihm eine hohe Wirtschaftskompetenz zugeschrieben. Biedenkopf forderte häufig mehr Reformen im Bund und insbesondere weniger Sozialleistungen, weshalb sein angespanntes Verhältnis zu Kohl bestehen blieb. Sein Spitzname „König Kurt“ war in Sachsen positiv gemeint, verwies aber auch auf seinen paternalistischen Führungsstil. Um 2000 wuchs die Kritik, dass Biedenkopf berufliche und private Interessen vermische, da er etwa Hausangestellte durch Steuermittel, einzelne Feiern von Sponsoren und einige Reisen seiner Frau vom Staat finanzieren ließ. Derartige Skandale führten 2002 zu seinem Rücktritt.
Karriere nach der Politik
Biedenkopf übernahm anschließend neue Ämter, engagierte sich, wie in den 1960er Jahren, wissenschaftspolitisch, war von 2003 bis 2006 Gründungspräsident der Dresden International University und nahm von 2011 bis 2015 eine Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung an. Zudem arbeitete er wieder in Kommissionen, etwa 2005/06 als von Bundeskanzler Gerhard Schröder (geb. 1944) eingesetzter Vorsitzender der Kommission zur Unternehmensmitbestimmung und in der Schlichtung bei Tarifkonflikten der Bahn. Öffentlich blieb er ein gefragter Interviewpartner.
| 1974 | Dr. h. c., Davidson College (North Carolina, USA) |
| 1978 | Dr. h. c., Georgetown University, Washington, DC |
| 1981 | Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1993 mit Stern und Schulterband, 1999 Großkreuz) |
| 1991 | Großes Goldenes Ehrenabzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich |
| 1993 | Dr. h. c., New School of Social Research, New York City |
| 1993 | Hans-Böckler-Preis des Deutschen Gewerkschaftsbundes |
| 1994 | norwegischer Verdienstorden |
| 1997 | Verdienstorden des Freistaats Sachsen |
| 1999 | Ehrenbürger der Universität Bochum |
| 2002 | Verfassungsmedaille des Freistaats Sachsen |
| 2017 | Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen |
| 2021 | Dr. h. c., Universität Leipzig |
Nachlass:
Archiv für Christlich-Demokratische Politik, St. Augustin, 01-446. (weiterführende Informationen)
Weitere Archivmaterialien:
Sächsisches Staatsarchiv, Dresden.
Gedruckte Quellen:
Kurt Biedenkopf, Von Bonn nach Dresden. Aus meinem Tagebuch Juni 1989 – November 1990, 2015.
Kurt Biedenkopf, Ein neues Land entsteht. Aus meinem Tagebuch, November 1990 – August 1992, 2015.
Kurt Biedenkopf, Ringen um die innere Einheit. Aus meinem Tagebuch, August 1992 – September 1994, 2015.
Vereinigungsfreiheit und juristische Person vereinbar, in: Betriebsberater 11 (1956), S. 475.
Vertragliche Wettbewerbsbeschränkung und Wirtschaftsverfassung. Die Ausschließlichkeitsbindung als Beispiel, 1958. (Diss. iur.)
Unternehmer und Gewerkschaft im Recht der Vereinigten Staaten von Amerika. Eine arbeitsrechtliche Studie, 1961.
Grenzen der Tarifautonomie, 1964. (Habilitationsschrift)
Herbert Krüger/Kurt H. Biedenkopf, Sinn und Grenzen der Vereinbarungsbefugnis der Tarifvertragsparteien, 1966.
Thesen zur Energiepolitik, 1967.
Antworten zur Mitbestimmung, 1970.
Fortschritt in Freiheit. Umrisse einer politischen Strategie, 1974, 31975.
Über den Wandel der Gesellschaft am Beispiel des Unternehmensrechts, 1975.
Wohnungsbau am Wendepunkt, 1978, 21979.
Kurt H. Biedenkopf/Meinhard Miegel, Die programmierte Krise. Alternativen zur staatlichen Schuldenpolitik, 1979.
Die neue Sicht der Dinge. Plädoyer für eine freiheitliche Wirtschafts- und Sozialordnung, 1985.
Offene Grenze, offener Markt. Voraussetzungen für die Erneuerung der DDR-Volkswirtschaft, 1990.
Einheit und Erneuerung. Deutschland nach dem Umbruch in Europa, 1994. (Aufsatzsammlung)
Die Einheit Deutschlands. Erfahrungen und Prognosen, Vortrag vor dem Landesarbeitskreis Christlich-Demokratischer Juristen in Niedersachsen am 15. April 1997, 2000.
Die Ausbeutung der Enkel. Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft, 2006.
Wir haben die Wahl. Freiheit oder Vater Staat, 2011.
Lexikonartikel:
Art. „Stiefel, Ernst (Ernest) Carl“, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 323 f. (Onlineressource)
Alexander Wendt, Kurt Biedenkopf. Ein politisches Porträt, 1994.
Peter Köpf, Der Querdenker Kurt Biedenkopf. Eine Biografie, 1999.
Matthias Micus, Kurt Biedenkopf. General bei Kohl, König in Sachsen, in: Robert Lorenz/Matthias Micus (Hg.), Seiteneinsteiger. Unkonventionelle Politiker-Karrieren in der Parteiendemokratie, 2009, S. 81–114.
Andreas Wassermann, Ein bisschen Singapur – nur ohne Stockhiebe. Wie der erste Ministerpräsident Kurt Biedenkopf das Land prägte, in: Heike Kleffner/Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, 2017, S. 26–33.
Bernd Haunfelder, Kurt Biedenkopf, in: Aljoscha Kertesz/Bernd Haunfelder (Hg.), Deutschlands bedeutendste Politiker nach 1945. Ein Parlamentarier-Ranking, 2024, S. 191–196.
Dierk Hoffmann, Staatsbesitz als Imagepolitik. Kurt Biedenkopf und die Porzellanmanufaktur Meissen nach 1990, in: Julia Weber (Hg.), Die blauen Schwerter. Meissen in der DDR, 2025, S. 216–223.
Fotografien, 1970–2021, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)