Lenz, Hermann

Lebensdaten
1913 – 1998
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Kunsthistoriker ; Librettist
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 118571648 | OGND | VIAF: 108885855
Namensvarianten

  • Lenz, Hermann Karl
  • Lenz, Hermann
  • Lenz, Hermann Karl
  • Lenz, Hermann Carl

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Zitierweise

Lenz, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571648.html [02.02.2026].

CC0

  • Lenz, Hermann Karl

    1913 – 1998

    Schriftsteller

    Im Zentrum des Werks von Hermann Lenz steht ein neunbändiger autobiografisch grundierter Romanzyklus, der um die Alter Ego-Figur Eugen Rapp kreist. Den Auftakt bildet „Verlassene Zimmer“ (1966), den Abschluss „Freunde“ (1997). Lenz war damit im deutschsprachigen Raum einer der maßgeblichen Vertreter eines autobiografischen Schreibens, das persönliches Erleben in einen zeitgeschichtlichen Kontext bettet. Sein Werk fand erst seit den 1970er Jahren breite Anerkennung.

    Lebensdaten

    Geboren am 26. Februar 1913 in Stuttgart
    Gestorben am 12. Mai 1998 in München
    Grabstätte Nordfriedhof in München-Schwabing
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Hermann Lenz, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Timpe (InC)
    Hermann Lenz, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Timpe (InC)
  • 26. Februar 1913 - Stuttgart

    1919 - 1931 - Künzelsau (Hohenlohe); Stuttgart

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Seminarübungsschule; Reformrealgymnasium für Jungen am Stöckach (heute Zeppelin-Gymnasium)

    1924 - Stuttgart

    Übersiedlung mit der Familie

    1931 - 1933 - Tübingen

    Studium der Evangelischen Theologie (ohne Abschluss)

    Universität

    1933 - 1940 - München; seit 1935 Heidelberg; seit 1937 München

    Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik (ohne Abschluss)

    Universität

    1940 - 1945 - Frankreich; Sowjetunion

    Kriegsdienst

    1945 - 1946 - Billings (Montana, USA)

    Kriegsgefangenschaft

    Gefangenenlager

    seit 1946 - Stuttgart

    freiberuflicher Schriftsteller

    1949 - 1957 - Stuttgart

    Sekretär

    Stuttgarter Kulturverein

    1951 - 1971

    Sekretär

    Süddeutscher Schriftstellerverband

    1951 - Welzheim-Laufenmühle bei Stuttgart

    Teilnehmer am Treffen

    Gruppe 47

    1975 - München

    Übersiedlung

    12. Mai 1998 - München

    Lenz übersiedelte mit seiner Familie 1924 von Künzelsau (Hohenlohe) nach Stuttgart und erhielt hier 1931 am Reformrealgymnasium für Jungen am Stöckach das Abitur. Ein anschließendes Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Tübingen brach er 1933 ab, um Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Heidelberg und München zu studieren. 1940 zum Kriegsdienst verpflichtet, wurde er in Frankreich und der Sowjetunion eingesetzt, geriet 1945 in US-amerikanische Gefangenschaft und kehrte 1946 aus dem Lager in Montana (USA) nach Stuttgart zurück, wo als freiberuflicher Schriftsteller ein Auskommen zu finden suchte.

    Bereits als Student arbeitete Lenz an erzählerischen und lyrischen Texten. Nach Vermittlung Georg von der Vrings (1889–1968) debütierte er 1936 mit der schmalen Broschüre „Gedichte“. Diese frühe Lyrik steht unverkennbar im Kontext der naturmagischen Schule, die auf den sich ausbreitenden Nationalsozialismus mit einer Haltung der „Inneren Emigration“ reagierte. Parallel zu seinen Gedichten schrieb Lenz erste Prosa. Die 1938 zuerst in der „Neuen Rundschau“ und, stark erweitert, 1947 in Buchform erschienene Erzählung „Das stille Haus“ stellt, in einer an impressionistischen Verfahren geschulten Weise, dem Nationalsozialismus ein entferntes Refugium – das Wien des Fin de siècle – entgegen. Lenz, der den Nationalsozialismus früh ablehnte und durch die Verbindung zu seiner späteren Ehefrau, einer „Halbjüdin“, Repressalien miterlebte, schuf sich so einen poetischen Rückzugsraum.

    Die Erfahrungen des „Dritten Reichs“ prägten Lenz’ gesamtes Œuvre: Literatur blieb für ihn Sache des Einzelnen, der schreibend nach jenen Dingen zu suchen habe, die den bedrohlichen oder vergänglichen Erfahrungen des Alltags transzendente Illusionen des Dauerhaften abtrotzen. Diese Haltung führte dazu, dass Lenz lange im bundesrepublikanischen Literaturgeschehen als Außenseiter galt. Ein glückloser Auftritt 1951 bei der Gruppe 47 untermauerte seine solitäre Position.

    Nach der Erzählung „Die Abenteurerin“ (1952) komprimierte Lenz in „Der russische Regenbogen“ (1959) seine Erzählambition und nahm ein persönliches Kriegserlebnis als Ausgangspunkt. Der aus drei Teilen komponierte Roman „Spiegelhütte“ (1962) resümierte gleichsam Lenz’ gewachsene Desillusion: Die politische und moralische Restaurationserfahrung wird in einen am Magischen Realismus orientierten Text auf eine Weise eingearbeitet, die Entwicklungen der Studentenrebellion Ende der 1960er Jahre vorwegnimmt und einen historischen Bogen spannt, der bis in das Imperium Romanum und die Biedermeierzeit reicht.

    Diese harsche gesellschaftskritische Haltung bahnte den Weg für „Verlassene Zimmer“ (1966), dem ersten Band von Lenz’ neunbändigem Hauptwerk. Zentralfigur des Zyklus’, der mit „Freunde“ (1997) endete, ist das Alter Ego Eugen Rapp, aus dessen Perspektive weite Teile des Geschehens geschildert werden. Während die Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ – in „Andere Tage“ (1968) und „Neue Zeit“ (1975) – die politischen Ereignisse auf weitem Raum darstellt, spielt das zeitgeschichtliche Spektrum der Bundesrepublik eine geringere Rolle. Lenz fand in den autobiografischen Romanen seine prägnante Erzählweise des inneren Dialogs, den Eugen permanent mit sich selbst führt – über familiäre Probleme, Wanderungen im Bayerischen Wald sowie Verpflichtungen und Zumutungen des Literaturbetriebs.

    Lenz ergänzte seine autobiografischen Texte kontinuierlich durch Arbeiten, die parallele Lebensläufe durchspielen oder sich den von ihm geschätzten Epochen des Biedermeiers und der Wiener Jahrhundertwende annähern. Dazu zählen die 1980 abgeschlossene Trilogie „Der innere Bezirk“, die sich, innerhalb des bis 1947 reichenden zeitlichen Rahmens, als Gegenentwurf zu den Eugen-Rapp-Romanen lesen lässt. Oberst Franz von Sy wird in den Widerstand gegen Adolf Hitler (1889–1945) verwickelt und muss sich so in Situationen beweisen, in die Eugen Rapp nie geriet. Die in die Mörike- und Grillparzer-Zeit verlagerten Romane „Die Begegnung“ (1979) und „Erinnerung an Eduard“ (1981) erproben, wie die – sich in fast allen Arbeiten ähnelnden – sensiblen Protagonisten in Epochen agieren, nach denen sich die nachgeborenen Figuren des 20. Jahrhunderts sehnen.

    Poetologisch äußerte sich Lenz selten, ohne hierzu aufgefordert worden zu sein. Seine Frankfurter Vorlesungen „Leben und Schreiben“ (1986) skizzieren vornehmlich die Genese seiner Arbeiten und betonen, dass kein noch so literaturkritisch geschulter Verstand das Geheimnis der Kunst je ergründen könne. Lenz’ Poetik hält an dem traditionell anmutenden Gedanken fest, dass Kunst, auch wenn sie die eigene Biografie zum Gegenstand macht, Metaphysisches zumindest als Ahnung kenntlich machen sollte. Wo dies gelinge – etwa in meditativen Naturbetrachtungen –, beginne das ständig reflektierende Ich, sich selbst zu vergessen und epiphanieartig einen „anderen Bezirk“ zu erspüren.

    Lenz’ Rezeption wurde wegweisend durch Peter Handkes (geb. 1942) Ende 1973 erschienenen Artikel „Tage wie ausgeblasene Eier. Einladung, Hermann Lenz zu lesen“ beeinflusst. Handkes Würdigung ebnete Lenz’ Weg 1975 zum Suhrkamp bzw. Insel Verlag und führte dazu, dass Lenz aus seinem Schattendasein als „Geheimtipp“ heraustrat und breitere Anerkennung fand. Im selben Jahr zwangen Erbstreitigkeiten Lenz dazu, sein Elternhaus in Stuttgart zu verlassen und nach München-Schwabing zu übersiedeln. Die dort ansässige Hermann-Lenz-Stiftung kümmert sich seit 1993 um das Weiterwirken seines Werks.

    1974 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt
    1975 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München
    1976 Titular-Professor, Baden-Württemberg
    1978 Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt
    1981 Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig
    1983 Gottfried-Keller-Preis der Martin-Bodmer-Stiftung
    1984 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1987 Petrarca-Preis
    1991 Bayerischer Literaturpreis des Freistaats Bayern
    1993 Hermann-Lenz-Stiftung, München
    1995 Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern
    1995 Literaturpreis der Landeshauptstadt München
    1997 Würth-Preis für Europäische Literatur
    1999–2009 Hermann-Lenz-Preis (jährlich; gestiftet von Hubert Burda, geb. 1940)
    2014 Hohenloher Hermann-Lenz-Weg zwischen Künzelsau und Langenburg

    Nachlass:

    Bayerische Staatsbibliothek, München, Ana 583.

    Romane und Erzählungen:

    Das stille Haus. Erzählung, 1947.

    Das doppelte Gesicht. Erzählungen, 1949.

    Der russische Regenbogen. Roman, 1959, 42016.

    Spiegelhütte. Roman, 1962.

    Verlassene Zimmer. Roman, 1966.

    Andere Tage. Roman, 1968.

    Der Kutscher und der Wappenmaler. Roman, 1972, Erstfassung u. d. T. Die Geschichte vom Kutscher Kandl. Mit e. Nachw. v. Norbert Hummelt, 2019, span. 1994.

    Neue Zeit. Roman, 1975.

    Tagebuch vom Überleben und Leben. Roman, 1978.

    Die Begegnung. Roman, 1979, 31989, makedon. 2017.

    Der innere Bezirk. Romantrilogie, 1980, 22016.

    Erinnerung an Eduard. Erzählung, 1981.

    Ein Fremdling. Roman, 1983, 22000.

    Der Wanderer. Roman, 1986.

    Seltsamer Abschied. Roman, 1988, 22000.

    Herbstlicht. Roman, 1992.

    Zwei Frauen. Erzählung, 1994.

    Die Schlangen haben samstags frei. Erzählungen, hg. u. mit e. Nachw. v. Rainer Moritz, 2002.

    Schwäbischer Lebenslauf, hg. u. mit e. Nachw. v. Hans Dieter Schäfer, 2013.

    Gedichte:

    Gedichte, 1936.

    Wie die Zeit vergeht. Gedichte, 1977.

    Zeitlebens. Gedichte, 1980.

    Zu Fuß. Gedichte, 1987.

    Vielleicht lebst du weiter im Stein. Gedichte. Ausgew. u. mit e. Nachw. v. Michael Krüger, 2003.

    Essays und Reportagen:

    Stuttgart deine Straßen, 1975.

    Stuttgart, 1983.

    Leben und Schreiben, 1986, türk. 2021.

    Im Hohenloher Land, 1989.

    Briefe:

    Paul Celan – Hanne und Hermann Lenz. Briefe, hg. v. Barbara Wiedemann, 2001. (P)

    Berichterstatter des Tages. Peter Handke – Hermann Lenz. Briefwechsel, 2006. (P)

    Als gingen wir ein Stück zusammen. Hermann Lenz – Rainer Malkowski. Briefwechsel 1991–1998, hg. v. Renate von Doemming, 2007.

    „Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt“. Briefwechsel Hanne Trautwein – Hermann Lenz 1937–1946, hg. v. Michael Schwidtal, 2018. (P)

    Peter Handke, Tage wie ausgeblasene Eier. Einladung, Hermann Lenz zu lesen, in: Süddeutsche Zeitung v. 22./23.12.1973.

    Ingrid Kreuzer/Helmut Kreuzer (Hg.), Über Hermann Lenz, 1981. (W)

    Hanns-Josef Ortheil, Köder, Beute, Schatten, 1985, S. 144–226.

    Wolfgang Everling, Wie ein Waldhüter zu sich selbst du sagen ... Das Selbstgespräch bei Hermann Lenz, in: Akzente 35 (1988), S. 31–41.

    Rainer Moritz (Hg.), Einladung, Hermann Lenz zu lesen, 1988.

    Rainer Moritz, Schreiben, wie man ist. Hermann Lenz. Grundlinien seines Werkes, 1989. (W)

    Birgit Graafen, Konservatives Denken und modernes Erzählbewusstsein im Werk von Hermann Lenz, 1992.

    Rainer Moritz (Hg.), Begegnung mit Hermann Lenz, 1996.

    Daniel Hoffmann, Stille Lebensmeister. Dienende Menschen bei Hermann Lenz, 1998.

    Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Hermann Lenz (Text+Kritik 141), 1999. (W)

    Rainer Moritz, Schöne erste Sätze. Hermann Lenz und die Kunst des Anfangs, 2003.

    Helmut Böttiger, Im Eulenkräut. Hermann Lenz und Hohenlohe, 2006.

    Peter Hamm, Dort wäre ich gerne geblieben. Hermann Lenz und sein Stuttgart, 2007.

    Norbert Hummelt, Im stillen Haus. Wo Hermann Lenz in München schrieb, 2009.

    Hans Dieter Schäfer, Hermann Lenz. Das Tagebuch aus dem Nachlass, 2016.

    Rainer Moritz, Heimweh nach den Hohenloher Wäldern. Hermann Lenz und Langenburg, 2023.

    Fotografien v. Herlinde Koelbl (geb. 1939), Abbildungen in: dies., Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. Fotografien und Gespräche, 1998, S. 48–53.

    Fotografien v. Felicitas Timpe (1923–2006), 1978–1995, Bayerische Staatsbibliothek München, Bildarchiv.

    Fotografien v. Isolde Ohlbaum (geb. 1953), 1988–1997, Bayerische Staatsbibliothek München, Bildarchiv.

  • Autor/in

    Rainer Moritz (Hamburg)

  • Zitierweise

    Moritz, Rainer, „Lenz, Hermann“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118571648.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA