Wiedersheim, Robert

Lebensdaten
1848 – 1923
Geburtsort
Nürtingen bei Stuttgart
Sterbeort
Lindau (Bodensee)
Beruf/Funktion
Anatom ; Zoologe ; Professor für Anatomie in Freiburg (Breisgau) ; Arzt ; Anthropologe ; Hochschullehrer
Konfession
-
Normdaten
GND: 117355690 | OGND | VIAF: 69705662
Namensvarianten

  • Wiedersheim, Robert Ernst Eduard
  • Wiedersheim, Robert
  • Wiedersheim, Robert Ernst Eduard
  • Wiedersheim, Robert Ernst
  • Wiedersheim, Robert E.

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Zitierweise

Wiedersheim, Robert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117355690.html [08.02.2026].

CC0

  • Wiedersheim, Robert Ernst Eduard

    | vergleichender Anatom, Zoologe, * 21.4.1848 Nürtingen bei Stuttgart, † 12.7.1923 Schachen bei Lindau.

  • Genealogie

    Väterlicherseits aus seit d. 14. Jh. nachweisbarer oberhess. Fam., d. im 17. Jh. aus Darmstadt n. Esslingen/Neckar zog, mütterlicherseits aus Kaufmannsfam. in Ulm u. N.;
    V Eduard Friedrich (1819–1882), prakt. Arzt, S d. August Philipp (1790–1872), aus Jesingen b. Kirchheim, Hofkameralverw. in Stetten (Remstal), Gründer e. Knabenerziehungsinst., u. d. Justine Christiane Weckherlin (1787–1858);
    M Bertha Friederike (1825–1848), T d. Immanuel Friedrich Otto (1791–1875), aus Stuttgart, Fabrikbes. u. Kaufm. in N., u. d. Friederike Margarete Rommel (1797–1867), aus N.;
    seit 1850 Stief-M Elise Herbort (* 1826), aus Stuttgart;
    Urur-Gvv Ludwig Friedrich (1720–1781), frhrl. v. Palmscher Vogt in Balzheim, Apotheker u. Spitalverw. in Esslingen (s. Dt.GB 34, S. 187);
    Urur-Gr-Ov Christian Gottlieb Heinrich (1739–1810), Apotheker in Esslingen;
    Ur-Gvv August Johannes Andreas (1753–1833), Pfarrer in Jesingen b. Kirchheim unter Teck, Ur-Gvm Gottlieb Friedrich Otto, Kaufm. in Stuttgart, Gottlob Friedrich Rommel, Kronenwirt in N., Postverw.;
    Gr-Ov Karl Ludwig Heinrich (* 1791, Johanna Charlotta Louisa Theuß,* 1791, s. Hölderlin-Jb. 21/22, 1979, S. 258), Pfarrer 1818 in Walddorf b. Altensteig, 1823 in Waldbach u. 1832 in Reinsberg;
    1873 Mathilde (Tilla) (* 1851), T d. Gustav Adolf Gruber, Kaufm. in Genua, u. d. Julie Schönleber;
    S Walter (* 1874, Emmy Brassert,* 1880);
    Schwägerin Marie (Mary) Dorothea Gruber (1848–1886, August Weismann, 1834–1914, o. Prof. d. vgl. Anatomie u. Zool. in Freiburg, Br., s. NDB 27).

  • Biographie

    Nach dem Abitur 1868 am Stuttgarter Gymnasium studierte W. ein Semester Naturwissenschaften in Lausanne, dann Medizin bis 1870 an der Univ. Tübingen bei Franz v. Leydig (1821–1908) und 1871 bei Carl Hasse (1841–1922) an der Univ. Würzburg sowie 1872 an der Univ. Freiburg (Br.) bei Albert Schinzinger (1827–1911). Mit seiner bei Hasse angefertigten Dissertation über „Die feineren Strukturverhältnisse der Drüsen im Muskelmagen der Vögel“ 1872 in Würzburg zum Dr. med. promoviert, legte W. im selben Jahr bei Adolf Kußmaul (1822–1902) in Freiburg sein med. Staatsexamen ab und kehrte als Assistent zu Albert v. Koelliker (1817–1905) nach Würzburg zurück, wo er 1873 als Nachfolger Hasses Prosektor der Anatomie wurde.

    Seit 1876 war W. Prosektor bei Alexander Ecker (1816–1887) am Anatomischen Institut der Univ. Freiburg, 1877 apl. und 1878 planmäßiger Extraordinarius sowie 1883 Nachfolger Eckers als o. Professor und Direktor des Anatomischen und vergleichend-anatomischen Instituts (em. 1918).

    W.s Hauptarbeitsgebiete waren die vergleichende Anatomie, Morphologie und Entwicklungsgeschichte (z. B. des Froschs), wobei ihm sein zeichnerisches Talent und seine didaktischen Fähigkeiten als erfolgreicher Lehrbuchautor zugute kamen. Als einer der einflußreichsten Vertreter seines Fachs untersuchte er die Formverschiedenheiten der tierischen Organsysteme als Folge der stammesgeschichtlichen Entwicklung und untermauerte damit die Deszendenztheorie anatomisch und physiologisch vergleichend. Unter Beachtung der darwinschen und haeckelschen Überlegungen erweiterte er so den Entwurf einer „einheitlichen physiologischen Wissenschaft“ vom „innerlichen Zusammenhang der gesamten organischen Natur“. Seine Ergebnisse faßte er 1882 in seinem Lehrbuch „Vergleichende Anatomie der Wirbelthiere“ zusammen (²1884, ⁷1909, engl. 1886, ³1907). 1893 stellte er in der zweiten Auflage des Werks „Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Vergangenheit“ (¹1887) eine Liste von 86 angeblich im Laufe der Evolution nutzlos gewordenen (rudimentären) Organen vor, wie z. B. den Blinddarm, die Rachenmandeln, das Steißbein und die Milz.

    Diese angeblich rudimentären Organe verloren zwar im Laufe der Evolution ihre einstige physiologische Funktion, heute weiß man aber, daß sie andere wichtige Funktionen übernehmen und für den Gesamtorganismus teilweise unverzichtbar sind. So spielt beispielsweise der Blinddarm eine wichtige Rolle im Immunsystem.

    Besonders enge Beziehungen pflegte W. zu dem Evolutionsbiologen August Weismann, seinem gleichfalls an der Univ. Freiburg (Br.) lehrenden Schwager. Zu W.s Schülern zählen Eugen Fischer (1874–1967), Ernst Gaupp (1865–1916), Hans Böker (1886–1939) und Franz Keibel (1861–1929).

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Leopoldina (1879);
    ao. Mitgl. d. Heidelberger Ak. d. Wiss. (1909);
    bad. HR (1894);
    GHR (1902);
    GR (1910);
    – Chamäleonart „Trioceros wiedersheimi“.

  • Werke

    |Anatomie d. Frosches, 1864, ²1896, ³1904 (mit A. Ecker u. E. W. Th. Gaupp);
    Das Kopfskelet der Urodelen, Ein Btr. z. vgl. Anatomie d. Wirbelthier-Schädels, 1877;
    Die Anatomie der Gymnophionen, 1879;
    Grundriss d. vgl. Anatomie d. Wirbelthiere, 1884, ⁴1898, ⁶1906 u. d. T. Vgl. Anatomie d. Wirbeltiere, f. Studierende bearb., ⁷1909;
    Das Gliedmassen|skelet d. Wirbelthiere, mit bes. Berücksichtigung d. Schulter- u. Beckengürtels b. Fischen, Amphibien u. Reptilien, 1892;
    Einf. in d. vgl. Anatomie d. Wirbeltiere, 1907;
    Lebenserinnerungen, 1919.

  • Literatur

    |Oskar Wiedersheim, Stammbaum d. Fam. W. in u. aus Württ., 1909;
    E. Fischer, in: Zs. f. Morphol. u. Anthropol. 24, 1924, S. I–III;
    H. H. Wilder, in: Science 58, 1924, H. 1508, S. 412 f.;
    K. Goerttler, Wegbereiter unserer naturwiss.-med. Moderne, 219 Biogrr. z. Portrait-Slg. d. Anatomen R. W. (1848–1923), 2003;
    T. Rathgeber, Frühe Zeugnisse v. Eichbergschacht (Kat.-Nr. 7621/7) b. Undingen (Schwäb. Alb) u. Würdigung d. biospeläol. Wirkens v. R. E. W., in: Btrr. z. Höhlen- u. Karstkde. in Südwestdtld. 46, 2008, S. 5–18;
    E. Fischer, in: DBJ V, S. 382–86 u. Tl.;
    Complete DSB.

  • Porträts

    |Radierung v. H. A. Bühler, 1918, Abb. in: Fischer, 1924 (s. L), Tafel v. S. I.

  • Autor/in

    Uwe Hoßfeld
  • Zitierweise

    Hoßfeld, Uwe, "Wiedersheim, Robert Ernst Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 62-63 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117355690.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA