Kammhuber, Josef
- Lebensdaten
- 1896 – 1986
- Geburtsort
- Burgkirchen am Wald (heute Tüßling, Oberbayern)
- Sterbeort
- München
- Beruf/Funktion
- General der Wehrmacht und der Bundeswehr ; Inspekteur der Luftwaffe ; Offizier ; General ; Soldat
- Konfession
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- Normdaten
- GND: 1029996865 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
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- Kammhuber, Josef
- Kammhuber, Joseph
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Kammhuber, Josef
1896 – 1986
General der Wehrmacht und der Bundeswehr, Inspekteur der Luftwaffe
Josef Kammhuber war Offizier der Königlich Bayerischen Armee, der Reichswehr, Generalstabsoffizier und General der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Ende 1956 trat er im Rang eines Generalleutnants in die Bundeswehr ein und wurde 1957 erster Inspekteur der Luftwaffe. In seiner Amtszeit bis 1962 erfolgte der Aufbau der Luftwaffe als einer in die nukleare Teilhabe und die NATO eingebunden Streitmacht.
Lebensdaten
Josef Kammhuber, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Heiner Möllers (Potsdam)
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Zitierweise
Möllers, Heiner, „Kammhuber, Josef“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1029996865.html#dbocontent
Ausbildung und Beginn der militärischen Karriere
Kammhuber besuchte die Volksschule und seit 1907 das humanistische Ludwigsgymnasium in München (Abitur 1914). Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, wurde im August 1915 als Fahnenjunker und Offizieraspirant in das 20. Bayerische Infanterieregiment „Prinz Franz“ überstellt und an der Westfront eingesetzt (1917 Leutnant). Das Kriegsende und die Revolution 1918 erlebte er als Zug- und Kompanieführer im Ersatzbataillon seines Regiments in Lindau am Bodensee. Als junger Berufssoldat in die (vorläufige) Reichswehr übernommen, gehörte Kammhuber seit 1919 dem Infanterieregiment 19 an. Im Oktober 1923 nach München versetzt, war er hier Adjutant des I. Bataillons des Regiments. Über seine Einstellung zum Nationalsozialismus liegen keine Erkenntnisse oder Selbstzeugnisse vor.
Von 1926 bis September 1928 nahm Kammhuber an der als Führergehilfenausbildung getarnten verbotenen Generalstabsausbildung teil und war dem Wehrkreiskommando II/2. Infanteriedivision in Stettin (Westpommern, heute Szczecin, Polen) zugeordnet. Während seiner anschließenden Tätigkeit im Reichswehrministerium war er im Truppenamt, dem getarnten Generalstab, tätig und nahm zeitweise an der in Lipezk (Sowjetunion, heute Russland) stattfindenden Flugzeugführerausbildung teil. Von 1930 bis 1933 arbeitete Kammhuber im Truppenamt in der Operationsabteilung (T 1) teilweise mit Adolf Heusinger (1897–1982) zusammen, wechselte im September 1933 in das Reichsluftfahrtministerium, das verschleierte Oberkommando der im Aufbau befindlichen Luftwaffe, und übernahm im März 1936 für ein Jahr die Führung der I. Gruppe des Jagdgeschwaders 134 Horst Wessel in Dortmund-Brakel. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs folgten Verwendungen als Generalstabsoffizier (I a) im Luftkreiskommando II in Berlin und als Chef der Organisationsabteilung im Reichsluftfahrtministerium sowie fliegerische Schulungen in Wesendorf bei Gifhorn und Neuruppin.
Zweiter Weltkrieg
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war Kammhuber Chef des Generalstabs der Luftflotte 2, ging Ende 1939 im selben Rang zum V. Fliegerkorps und war kurzzeitig als Offizier zur besonderen Verwendung beim Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring (1893–1946), eingesetzt. Anschließend Kommodore des Kampfgeschwaders 51 Edelweiß, war er im Juni 1940 nach einem Abschuss in französischer Kriegsgefangenschaft und erhielt nach seiner Befreiung durch deutsche Truppen im Juli 1940 den Auftrag, die Nachtjagd gegen britische Bomber zu organisieren, verbunden mit der Führung der neu aufgestellten 1. Nachtjagddivision und ihrer bis 1943 aufgestellten elf Nachtjagdgeschwader. Seit 1. August 1941 war Kammhuber Kommandierender General des XII. Fliegerkorps und zugleich der Nachtjagd im Hauptquartier Zeist bei Utrecht, wo er eine Frühwarnlinie mit Horchposten, Radargeräten, Scheinwerfern und Flugabwehrkanonen mit darauf abgestimmtem Einsatz der Nachtjäger konzipierte, die sog. Kammhuber-Linie, die bei der Bekämpfung alliierter Bomber bis zum Sommer 1942 erfolgreich war. Die seitdem von der Royal Air Force geflogenen Großangriffe gegen deutsche Städte überforderten die Flugabwehr, weshalb Kammhuber auf Entscheidung Adolf Hitlers (1889–1945) am 15. November 1943 als Kommandierender General der Nachtjagd abgelöst und als Oberbefehlshaber der Luftflotte 5 in Norwegen und Nordfinnland in der Nachfolge von Hans-Jürgen Stumpff (1889–1968) eingesetzt wurde. Am 10. Oktober 1944 in die Führerreserve im Oberkommando der Luftwaffe versetzt, wurde er am 2. Februar 1945 von Göring zum Sonderbeauftragten für die Bekämpfung der alliierten viermotorigen Bomber ernannt und war auf Hitlers Weisung seit 17. März 1945 Generalbevollmächtigter der Luftwaffe für Strahlenflugzeuge. Von Mai 1945 bis zu seiner Entlassung im April 1948 war Kammhuber in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Internierungs- und Kriegsgefangenlagern in Deutschland, England und Belgien, zuletzt in Neustadt bei Marburg an der Lahn. Nach seiner Entlassung arbeitete er bis 1952 als Vertreter einer Weinkellerei, seitdem erhielt er Versorgungsbezüge als früherer Berufsoffizier. Er verfasste bei der Historical Division der US Army mindestens vier Studien zur Luftwaffe im Krieg, v. a. zu Einzelfragen der Luftverteidigung, womit er der US Army Fachwissen über die Wehrmacht und den Krieg in der Sowjetunion bereitstellte und sich in Netzwerken ehemaliger Spitzenoffiziere bewegte.
Bundeswehr und Luftwaffe
Kammhuber wurde am 6. Juni 1956 als Eignungsübender und Leiter der Abteilung VI – Luftwaffe im Bundesministerium für Verteidigung eingestellt, obwohl hier erhebliche Vorbehalte gegen ihn bestanden: Er galt als hartnäckig bis starrsinnig und hatte kaum Kontakte zu den Luftwaffenplanern im Amt Blank, jedoch persönliche Beziehungen zu Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915–1988). Zum 1. Juni 1957 wurde er Inspekteur der Luftwaffe und bestimmte bis zu seiner Pensionierung am 30. September 1962 die konzeptionellen Grundlagen, die Ausrichtung und die Anbindung seiner Teilstreitkraft an die Alliierten der NATO, was seit 1955 im Kontext der NATO-Militärstrategie der Massiven Vergeltung (Massive Retaliation) den Aufbau einer offensivfähigen bundesdeutschen Luftwaffe mit entsprechenden Trägermitteln für den Nuklearwaffeneinsatz erforderte. Die Einrichtung der dazu nötigen Jagdbomberverbände gelang bereits in den ersten sechs Jahren mit erheblicher Unterstützung der US Air Force. Kammhuber war führend beteiligt an der Entscheidung für die noch zu entwickelnde europäische Version des Lockheed F-104G Starfighters als das seit 1960 beschaffte Kampfflugzeug der Bundeswehr. Dessen technische Komplexität, fliegerische Limitierung infolge ungünstiger Aerodynamik und die Überforderung der Luftwaffe als Organisation durch dieses Waffensystem erzeugten einen Krisenmix, der sich kurz nach Kammhubers Amtszeit als Inspekteur der Luftwaffe in zahlreichen Abstürzen und Unfällen niederschlug und für Kritik aus Politik, Medien und Öffentlichkeit sorgte.
Den seit 1961 in den USA unter Präsident John F. Kennedy (1917–1963) einsetzenden militärpolitischen Prozess hin zu einer beweglicheren Militärstrategie (Flexible Response) befürwortete Kammhuber nicht. Er sah in der Strategie der Massiven Vergeltung eine Lebensversicherung für die Bundesrepublik, verlangte konsequente Verfolgung des einmal eingeschlagenen Wegs und zeigte fehlendes Verständnis für die Auswirkungen komplexer Waffensysteme auf die Gesamtorganisation der Luftwaffe. Kritische Nachfragen von Medien und Politik offenbarten ein von Kammhuber verursachtes spannungsreiches Arbeitsklima in dieser Teilstreitkraft, seine Pensionierung bildete eine Zäsur in der Luftwaffe. Die Beförderung Kammhubers zum Vier-Sterne-General am 9. Mai 1961 geschah außerhalb der bis dahin gültigen Regeln, die Gründe für diese außergewöhnliche Beförderung sind unbekannt. Im Ruhestand widmete er sich anthroposophischen Studien. Kammhuber hielt 1960 die Grabrede auf Albert Kesselring (1885–1960).
| 1914 | Eisernes Kreuz II. und I. Klasse (Wiederholungs-Spange, Juli 1941 Ritterkreuz) |
| Bayerisches Militärverdienstkreuz 4. Klasse mit Schwertern | |
| 1943 | Großkreuz des bulgarischen Kriegsverdienstordens mit Stern |
| 1943 | Rumänischer Verdienstorden I. Klasse |
| 1943 | Italienischer Verdienstorden I. Klasse |
| 1944 | Frontflugspange für Kampfflieger in Bronze |
| 1958 | Großoffizierskreuz des Verdienstordens der Republik Italien |
| 1961 | Kommandeurkreuz der Legion of Merit (USA) |
| 1962 | Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
Nachlass:
nicht vorhanden.
Weitere Archivmaterialien:
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, Pers. 1/283. (Personalakte, unvollständig)
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, BL 1/14 467–69 u. 14 651–54. (Tagebücher Inspekteur der Luftwaffe 6.6.1956–31.12.1962)
Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München, Abteilung IV. Kriegsarchiv, OP 5 4819.
Die deutsche Luftwaffe 1962, in: Luftwaffen-Revue 2 (1962), S. 18 f.
Flugzeuge oder Raketen?, in: Wehrkunde. Zeitschrift für alle Wehrfragen 15 (1966), S. 400–407.
Flugzeuge statt Raketen, in: Jahrbuch der Luftwaffe 12 (1974/75), S. 44–52.
Monografien:
Hans Speier, German rearmament and atomic war. The views of German military and political leaders, 1957.
Horst Boog, Die deutsche Luftwaffenführung 1935–1945. Führungsprobleme, Spitzengliederung, Generalstabsausbildung, 1982.
Clemens Range, Die Generale und Admirale der Bundeswehr, 1990, S. 48–55.
Dermot Bradley/Heinz-Peter Würzenthal/Hansgeorg Model, Die Generale und Admirale der Bundeswehr 1955–1997. Die militärischen Werdegänge, 2000, S. 564–566.
Kai Uwe Tapken, Die Reichswehr in Bayern 1919–1924, 2002.
Wolfgang Falk, Falkenjahre. Erinnerungen 1910–2003, hg. v. Kurt Braatz, 2003.
David C. Isby (Hg.), Fighting the Bombers. The Luftwaffe’s Struggle Against the Allied Bomber Offensive, 2003.
Bernd Lemke/Dieter Krüger/Heinz Rebhan/Wolfgang Schmidt (Hg.), Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration, 2006.
Horst Boog, Die strategische Bombenoffensive der Alliierten gegen Deutschland und die Reichsluftverteidigung in der Schlussphase des Krieges, in: Rolf-Dieter Müller (Hg.), Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches, 2008, S. 777–883.
Kurt Braatz, Walter Krupinski. Jagdflieger, Geheimagent, General, 2010.
Clemens Range, Kriegsgedient. Die Generale und Admirale der Bundeswehr, 2013, S. 247 f.
Esther-Julia Howell, Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961, 2015.
Aufsätze und Beiträge:
Der kleine General, in: Der Spiegel v. 10.12.1957, S. 18–32. (Onlineressource)
Henning Gieske, General Josef Kammhuber (19.08.1896–25.01.1986). Erster Inspekteur der Luftwaffe, in: MARS. Jahrbuch für Wehrpolitik und Militärwesen 1 (1995), S. 111–117.
Horst Boog, Der Anglo-Amerikanische strategische Luftkrieg über Europa und die deutsche Luftverteidigung, in: ders., Der globale Krieg. Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941–1943, 1990, S. 428–568.
Horst Boog, Strategischer Luftkrieg in Europa und Reichsluftverteidigung 1943–1944, in: ders. (Hg.), in: Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943–1944/45, 2001, S. 3–417.
Henning Sietz, Europas Vorkriegsgeschichte. Geheime Flugstunden in Russland, in: Die Zeit v. 29.7.2010, S. 16–18. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Wolfgang Schmidt, „Seines Wertes bewusst!“. General Josef Kammhuber, in: Helmut R. Hammerich/Rudolf J. Schlaffer (Hg.), Militärische Aufbaugenerationen der Bundeswehr 1955 bis 1970. Ausgewählte Biografien, 2011, S. 351–381.
Fotografien, 1941–1962, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)