Lebensdaten
1832 bis 1888
Geburtsort
Braunschweig
Sterbeort
Dorpat (Tartu)
Beruf/Funktion
Philosoph ; Philosophiehistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118801554 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Teichmüller, Gustav
  • Teichmueller, Gustav
  • Teichmüller-Cramer, Gustav

Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Teichmüller, Gustav, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801554.html [31.03.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit Ende d. 16. Jh. mit d. Mühlenmeister Han(n)s (um 1580–1638) im südl. Harz nachweisbarer Fam.;
    V August Wilhelm (1795–1855), braunschweig. Offz., Seconde-Lt. im Schwarzen Corps d. Majors Olfermann, S d. Wilhelm Ernst Conrad (1758–1835), aus B., Oberhütteninsp. zu Karlshütte b. Delligsen (Leinebergland), u. d. Henriette Christiane Helene Schorkopf (1763–1818), aus Uslar;
    M Charlotte Georgine Elisabeth (1799–1860), T d. Georg v. Girsewald (1735–1816), Oberstallmeister, Hptm., u. d. Christine Elisabeth Boyer;
    Ur-Gvv Joachim Andreas (1705–78), Oberfaktor in Goslar (s. Gen. 2); 2 B Wilhelm (1834–69, ⚭ Bertha Kuntzen), Premierlt., Schriftst., Hans (1837–1901, ⚭ Auguste Kellner), Jur., Offz., Friedensrichter in Texas, 2 Schw (1 früh †) Wilhelmina (Minette) (1829–86, Karl Mollenhauer, 1818–64, Pastor, Sup. in Bockenem, Ambergau);
    1) Braunschweig 1860 Anna (1842–62), T d. Georg Wilhelm Cramer (1812–82), Bes. v. Lagena, Joala, Haakhof (Estland), u. d. Carolina Gertruda Gendt (* 1821), 2) Joala 1866 Caroline (Lina) Cramer (1844–94), Schw d. Anna (s. o.); 2 T aus 1) Anna (1861–1940), Komp., Pianistin, Musiklehrerin in Schreiberhau (Riesengebirge) (s. Dt. Musiker-Lex., hg. v. E. H. Müller, 1929; Kosch, Theater-Lex.), Lina (1862–1929, Guido [Guy] Klerk, 1848–1920, Kunsthändler); 3 S aus 2) Georg (1867–90), Hans (1868–98, ⚭ Alwine v. Keller, 1878–1965), Wilhelm (1871–1937, ⚭ Lisbeth Hoffmann, 1877–1950), Arzt, Gutsbes., 4 T aus 2) (1 früh †) Olga (1874–1968, Edmund Hentschel, 1875–1925, Farmer in Mexiko), Sophie Luise (1875–1947, ⚭ Albert Hentschel, 1870–1928), Hertha (1881–1949, Arthur Brückner, 1877–1975, Prof. f. Ophthalmol. in Basel, s. Fischer; Schweizer Biogr. Archiv II; Lex. Naturwiss.); Verwandter Joachim (s. 2).

  • Leben

    Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in Braunschweig studierte T. seit 1852 Philosophie und weitere geistes- und naturwissenschaftliche Fächer in Berlin und Tübingen, u. a. bei Friedrich Adolf Trendelenburg (1802–72). In der Studienzeit schloß er enge Freundschaft mit Wilhelm Dilthey (1833–1911). Nach dem Tod seines Vaters 1855 brach T. seine akademischen Studien in Berlin ab und wurde Erzieher beim preuß. Diplomaten Karl v. Werther (1809–94) in Doberan, seit 1856 in St. Petersburg. Hier unterrichtete er seit 1858 an der St. Annenschule. Nach der Promotion 1856 in Halle habilitierte sich T. 1860 auf Einladung Hermann Lotzes (1817–81) in Göttingen, wo er bis 1867 Privatdozent, dann Extraordinarius war. Um sein psychisches Gleichgewicht nach dem Kindbettod seiner Frau wiederzufinden, unternahm T. 1863/64 eine ausgedehnte „Orientreise“. 1868 wurde er o. Professor der Philosophie in Basel. 1871 wechselte er auf den besser dotierten Philosophielehrstuhl der Univ. Dorpat (Tartu, Estland). 55jährig verstarb er an Magenkrebs. Als Vorbereitung seiner eigenen Philosophie widmete sich T. mehr als 20 Jahre in erster Linie philosophiehistorischen Forschungen, zunächst über Aristoteles, dann über die Geschichte philosophischer Begriffe, für die er als Pionier gelten kann. Seine Behauptung, eine persönliche Unsterblichkeit sei mit Platons wiss. Philosophie unvereinbar, erregte v. a. in Deutschland Widerspruch und führte T. zu detaillierten Untersuchungen zur Chronologie der Werke Platons.

    Seine eigene Philosophie entwarf T. in aufeinander aufbauenden Werken (Die wirkl. u. d. scheinbare Welt, Neue Grundlegung d. Metaphysik, 1882; Rel.philos., 1886; Neue Grundlegung d. Psychol. u. Logik, postum, 1889). Die unmittelbar erlebte Wirklichkeit der eigenen Person galt ihm als Quelle des Seinsbegriffs und Prototyp der Substanz. Die raumzeitliche Welt sei ein Konstrukt des Geistes, die reale Welt hinter den Erscheinungen bestehe wie bei Leibniz aus psychischen Entitäten. Die Philosophie erfinde keine neuen Inhalte, sondern kläre nur die unbewußt bereits vorhandenen Begriffe. Die Religionen als umfassende Weltanschauungen waren für T. der wichtigste Rohstoff der Philosophie, weshalb er dem philosophischen Gehalt der Religionen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Eine geplante „Philosophie des Christentums“, in der T. seinen Personalismus als philosophische Essenz des Christentums erweisen wollte, blieb wegen seines frühen Todes ungeschrieben.

    T. ist einer der bedeutendsten personalistischen Philosophen. Er galt als ausgezeichneter Lehrer und pflegte in seinen von vielfältigem Wissen geprägten Werken einen anschaulichen, mitunter polemischen Stil. T. trat für die volle Gleichberechtigung der Frau ein und war seit 1882 unter Berufung auf Platon überzeugter Vegetarier. Seine Werke wurden in zahlreichen Ländern rezipiert. T. beeinflußte namentlich die russ. Philosophie (Alexej A. Koslow, Nikolaj O. Losskij), sein Perspektivismus regte Friedrich Nietzsche an.

  • Auszeichnungen

    A Wirkl. Staatsrat (Exzellenz); ausw. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Neapel (1882); St. -Stanislaus-Orden II. Kl. mit d. ksl. Krone; Anna-Orden II. Kl.; – T. Str. in Braunschweig (1975).

  • Werke

    Weitere W Aristotel. Forsch., 3 Bde., 1867–73, Nachdr. 1964;
    Ueber d. Unsterblichkeit d. Seele, 1874, 21879;
    Studien z. Gesch. d. Begriffe, 1874, Nachdr. 1966;
    Die Platon. Frage, Eine Streitschr. gegen Zeller, 1876;
    Neue Stud. z. Gesch. d. Begriffe, 3 Hh., 1876–79, Nachdr. 1965;
    Ueber d. Frauenemancipation, 1877;
    Darwinismus u. Philos., 1877;
    Wahrheitsgetreuer Ber. über meine Reise in d. Himmel, verfaßt v. Immanuel Kant, 1877, Neuausg. 1997;
    Ueber d. Reihenfolge d. Platon. Dialoge, 1879;
    Ueber d. Wesen d. Liebe, 1879;
    Literar. Fehden im vierten Jh. v. Chr., 2 Bde., 1881/84, Nachdr. 1978;
    Aus d. Nachlaß, Logik u. Kategorienlehre, hg. v. W. Szyłkarski, in: Archiv f. spiritualist. Philos. u. ihre Gesch. 1, 1940, S. 1–272;
    Gesammelte Schrr., hg. v. H. Schwenke, 3 Bde., 2014; – Wiss. Nachlaß: Univ.bibl. Basel (P).

  • Literatur

    L ADB 37;
    W. Lutosławski, in: Bursian-BJ 11, 1888, S. 7–17 (W);
    A. A. Koslow, in: Woprosy filosofii i psychologii 25, 1894, S. 523–36 u. 661–81;
    E. A. Bobrow, Erinnerungen an G. T., in: Philos. in Rußland, H. 1, 1899, S. 25–48;
    E. Tennmann, G. T.s Philos. d. Christentums, in: Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis (Dorpatensis) B (Humaniora) XXII,1, 1931 (W);
    W. Szyłkarski, T.s personalist. Seinslehre, in: Bll. f. Dt. Philos. 9, 1935/36, S. 174–93;
    ders., T.s phil. Entwicklungsgang, Vorstud. z. Lebensgesch. d. Denkers, in: Eranus, Commentationes Societatis Philosophicae Lituanae 4, 1938, S. 1–96;
    M. Schabad, Die Wiederentdeckung d. Ich in d. Metaphysik T.s, 1940 (W, L, P);
    V. Vaska, The concept of being in the philosophy of T., 1964;
    H. Schwenke, Zurück z. Wirklichkeit, Bewusstsein u. Erkenntnis b. G. T., 2006 (W, P);
    Ziegenfuß;
    Dt.balt. Biogr. Lex.;
    Braunschweig. Biogr. Lex. I (P);
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L).

  • Autor/in

    Heiner Schwenke
  • Empfohlene Zitierweise

    Schwenke, Heiner, "Teichmüller, Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 5-7 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801554.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Teichmüller: Gustav T., Philosoph, geboren am 19. November 1832 in Braunschweig als Sohn des Rentiers August T., am 22. Mai 1888 in Dorpat. Früh geistig entwickelt und für die Philosophie entschieden, bezog er 1852 die Universität Berlin, wo er sehr umfassende Studien machte und in nähere Beziehungen zu Trendelenburg trat. Nur ein Semester in Tübingen unterbrach den Berliner Aufenthalt. Der Tod seines Vaters und minder günstige äußere Verhältnisse veranlaßten T., im August 1855 eine Erzieherstelle im Hause des Ministers v. Werther anzunehmen. Mit diesem ging er, 1856 in Halle promovirt, nach St. Petersburg. Dort, wo er sich sehr wohl fühlte und in gelehrten wie weiteren Kreifen viel Schätzung fand, übernahm er 1858, nach Ausscheiden aus dem Werther'schen Hause, eine angesehene Stellung an dem Gymnasium der Annenkirche; dort fand er auch seine Frau Anna Cramer, die Tochter eines estländischen Gutsbesitzers. 1860 habilitirte er sich in Göttingen für Philosophie, trat sowohl zu Lotze als zu H. Ritter in ein freundschaftliches Verhältniß und gewann auf die Studirenden namentlich durch sein vortreffliches Aristotelisches Praktikum Einfluß.

    Durch den 1862 erfolgten Tod seiner Frau tieferschüttert, unternahm er 1863 eine Reise nach dem Orient, die 1½ Jahre dauerte und ihm mannigfachste Erfrischung und Belehrung brachte. Nach Wiederaufnahme seiner Lehrthätigkeit verheirathete er sich 1866 mit seiner Schwägerin Lina Cramer, wurde 1867 zum Extraordinarius ernannt, 1868 als Ordinarius nach Basel berufen. In Basel fand er eine angenehme Stellung und eine schöne Wirksamkeit. 1871 übernahm er das Ordinariat in Dorpat und blieb dort bis zu seinem Tode in unermüdlicher literarischer und sehr erfolgreicher akademischer Thätigkeit.

    Teichmüller's schriftstellerisches Wirken zerfällt in drei Hauptabschnitte. Längere Zeit veröffentlichte er fast nur Untersuchungen über Aristoteles, die lebendig geschrieben und reich an Anregungen sind. Hierher gehören namentlich „Aristotelische Forschungen. Bd. I.: Beiträge zur Poetik des Aristoteles" 1867, Bd. II.: „Aristoteles' Philosophie der Kunst" 1869, Bd. III.: „Geschichte des Begriffs der Parusie" 1873. Das letzte Buch bildet schon den Uebergang zur zweiten Epoche, zu Untersuchungen über die Geschichte der Begriffe. Vornehmlich dem Alterthum zugewandt, wollen sie die Gedankenbewegung nicht von den Persönlichkeiten, sondern von den Ideen aus verfolgen, um dadurch tiefere Einblicke in die inneren Zusammenhänge zu gewinnen. Besonders ist das Augenmerk darauf gerichtet, neue Beziehungen zwischen sonst getrennten Systemen und Gedankenkreisen aufzudecken. Hier sind die Hauptwerke „Studien zur Geschichte der Begriffe" 1874, „Neue Studien zur Geschichte der Begriffe“ 3 Bände, 1876 bis 1879, „Literarische Fehden im IV. Jahrhundert v. Chr.“ 2 Bände, 1881 und 1884. Diese Untersuchungen zeigen ein sehr ausgedehntes Wissen, viel scharfsinnige Combination und eine große Gewandtheit der Dialektik, aber auch|Viel Kühnheit und Subjectivität, sie haben im Auslande mehr Zustimmung gefunden als in Deutschland. Mit großer Wärme sind sie anerkannt von Lotze (Gött. gel. Anz. 1876 Stück 15).

    Den Abschluß und Höhepunkt des Ganzen bilden systematische Arbeiten. Hierher gehören „Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik" 1882, „Religionsphilosophie“ 1886, „Neue Grundlegung der Psychologie und Logik“ (nach Teichmüller's Tode herausgegeben von Ohse 1889). — Der Philosophie Teichmüller's ist besonders eigenthümlich das Streben, einerseits Sein und Schein, wirkliche und scheinbare Welt schärfer zu scheiden, andererseits den eingewurzelten Intellektualismus zu überwinden unter voller Anerkennung der berechtigten Ansprüche des Intellekts. Als die einzige ursprüngliche Quelle unseres Begriffs vom Sein gilt ihm das Selbstbewußtsein, den größten Werth legt er auf ein deutliches Auseinanderhalten des auch das Fühlen und das Handeln umfassenden Bewußtseins und des theoretischen Wissens, der specifischen Erkenntniß. Raum, Zeit, Bewegung sind ihm nur Formen, in denen wir innere Vorgänge zu Anschauungen zusammenfassen, sie nach außen projiciren; der Wirklichkeit selbst sind jene Formen fremd. Diese Gedanken sind mit zähem Scharfsinn und reichem Wissen in die einzelnen näher behandelten Gebiete hineingearbeitet.

    • Literatur

      Vgl. Filippo Masci, Un metafisico antievoluzionista Gustavo Teichmüller, Neapel 1887. — W. Lutoslawski in Bursian's „Jahresbericht über die Fortschritte der klassischen Alterthumswissenschaft“ 1888, wo sich auch ein Vollständiges Verzeichniß der von Teichmüller verfaßten Werke, Abhandlungen. Artikel und Recensionen findet.

  • Autor/in

    R. Eucken.
  • Empfohlene Zitierweise

    Rudolf Eucken, "Teichmüller, Gustav" in: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 543-544 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118801554.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA