Lebensdaten
1834 bis 1898
Geburtsort
Waag-Neustadtl (Vág-Ujhely, Ungarn, heute Novo Mesto nad Vahóm, Slowakei)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Pathologe ; Histologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117318477 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stricker, Salomon
  • Stricker, S.
  • Stricker, Sal.

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Stricker, Salomon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117318477.html [16.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Kaufm.;
    M N. N.;
    um 1890 Aloisia N. N. ( 1935); kinderlos.

  • Leben

    S. besuchte die Schule in Waag-Neustadtl und das kath. Gymnasium in Preßburg, dann das prot. Gymnasium in Ofen-Pest und die Theresianische Akademie in Wien. Auf Wunsch seines Vaters studierte er zunächst Jura, dann Medizin an der Univ. Wien, wo er 1858 promoviert wurde. 1859–62 war er Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Nach seiner Habilitation für das Fach Embryologie (1862) war er 1863–66 Assistent bei Ernst Wilhelm v.von Brücke (1819–92) am Institut für Physiologie. S. gelangen Entdekkungen zur Diapedese der roten Blutkörperchen und zur Kontraktilität der Gefäßwände. Als Erster beobachtete er unter dem Mikroskop die Teilung lebender Zellen. 1866 zum Adjunkt für Experimentelle Forschung an der II. Med. Univ.klinik bei Johann v. Oppolzer (1808–71) ernannt, integrierte S. physiologische und pathologische Methoden in die klinische Forschung. 1868 erfolgte auf Empfehlung Carl v. Rokitanskys (1804–78) S.s Ernennung zum ao. Professor der Univ. Wien und ersten Leiter des Instituts für Allgemeine und Experimentelle Pathologie, das aus seinem Laboratorium hervorgegangen war (1873 o. Prof.). Das Institut entwickelte sich zu einem Zentrum der klinisch-experimentellen Forschung. S. gründete einen „Physiologischen Club“, der sich regelmäßig zu wiss. Vorträgen versammelte. Forschungsreisen führten ihn nach London, Paris und Berlin.

    1870 veröffentlichte S. in der Reihe „Studien aus dem Institut für experimentelle Pathologie in Wien“ (Jg. 1869) in vier Arbeiten seine Entzündungstheorie, die bei Fachkollegen große Beachtung fand (Über d. jetzigen Zustand d. Entzündungslehre, Versuche über Hornhautentzündung, mit W. F. Norris; Über d. Zelltheilung in entzündeten Geweben; Über d. Beziehungen v. Gefässen u. Nerven zu d. Entzündungsprozesse). S. widerlegte darin die von Julius Friedrich Cohnheim (1839–84) entwickelte Theorie, wonach eine Eiterung nur auf der Auswanderung von weißen Blutkörperchen beruhe. Er entwickelte eine Methode, um Gewebe durch Härten und Einbetten in Gummi oder Wachs für feine Schnitte aus freier Hand geeignet zu machen. Forschungsschwerpunkte waren die Histologie der Cornea, die Zellteilung am lebenden Gewebe, die Mechanik der Drüsensekretion, die Lehre über das Verhältnis der Zellen zur Grundsubstanz, das Vasomotorenzentrum für die Baucheingeweide und die Wirkung der Diuretika. Die Entdeckung der anästhesierenden Wirkung des Kokains durch Carl Koller (1857–1944) wurde 1884 in S.s Laboratorium gemacht. Hier war auch Sigmund Freud (1856–1939) tätig, der in seinen Forschungen zur Traumdeutung von S. beeinflußt wurde. Als Erster verwendete S. das Projektionsmikroskop und das Episkop für Vorlesungsdemonstrationen. Er publizierte zahlreiche histologische und pathologische Arbeiten, daneben auch philosophische und linguistische Studien und Forschungen über Elektrophysiologie. Zu seinen Schülern zählten Max Kassowitz (1842–1913), Lothar Frankl v. Hochwart (1862–1914), Julius Wagner v. Jauregg (1857–1940) und Edward Emanuel Klein (1844–1925).

  • Auszeichnungen

    A korr. Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss., Wien (1875).

  • Werke

    Studien über d. Bewusstsein, 1879;
    Studien über d. Sprachvorstellungen, 1880, franz. 1885;
    Studien über d. Bewegungsvorstellungen, 1882;
    Vorlesungen über allg. u. experimentelle Pathol.,|1883;
    Studien über d. Association d. Vorstellungen, 1883;
    Neuro-elektr. Studien, 1883;
    Physiol. d. Rechts, 1884, Nachdr. 1970;
    Über d. wahren Ursachen, eine Studie, 1887;
    Über d. Experimentalunterr., 1891;
    Über d. Können u. Wissen d. Aerzte, 1892;
    Über strömende Elektrizität, 2 Bde., 1892–94;
    Studien z. Cholerafrage, 1893;
    Die Erdtelegraphie u. d. Elektrophysiol., 1895;
    Bemm. über Erdtelegraphie, 1895;
    Hg.:
    Hdb. d. Lehre v. d. Geweben d. Menschen u. d. Thiere, 2 Bde., 1871–73, engl. 1870–73 u. 1872;
    Allg. Pathol. d. Infectionskrankheiten, 1886;
    Red.:
    Med. Jb., 1871–80.

  • Literatur

    ADB 54;
    FS 30 J. experimentelle Pathol., S. S. z. Feier seines 25-jährigen Jubiläums als o. Prof. (. . .), 1898 (biograph. Aufss. v. E. Albert, J. Wagner, A. Spina, G. Gärtner u. A. Biedl);
    E. Mach u. M. Reiner, in: Alm. d. Ak. d. Wiss., Wien 48, 1898, S. 328–30;
    E. Lesky, Die Wiener Med. Schule im 19. Jh., 1978, S. 549–58;
    H. Wyklicky, Zur Gesch. d. Inst. f. allg. u. experimentelle Pathol., in: Wiener Klin. Wschr. 97, 1985, S. 346–49 (P);
    K. Holubar, S. S., Pioneer Experimental Pathologist, in: The American Journal of Dermatopathology 9, 1987, S. 149 f.;
    G. Dhom, S. S. u. d. Inst. f. allg. u. experimentelle Pathol., in: ders. (Hg.), Gesch. d. Histopathol., 2001, S. 214–19;
    Wurzbach;
    BJ III, S. 53–58;
    BJ V, Tl.;
    Pagel (P);
    BLÄ;
    Kreuter, Neurologen;
    Hist. Lex. Wien;
    Personenlex. Österr. (P);
    H. Morgenstern, Jüd. Biogr. Lex.;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    ÖBL.

  • Quellen

    Med. Univ. Wien, Inst. f. Gesch. d. Med., Hss.slg. (P); Österr. Nat.bibl. (P); Österr. StA, Allg. Verw.archiv (beide Wien) (P); Univ. Wien, Bibl. u. Archiv (P); Wienbibl. Rathaus Wien; Univ. Graz, Archiv.

  • Autor/in

    Bruno Bauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Bauer, Bruno, "Stricker, Salomon" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 550-551 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117318477.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Stricker: Salomon St., Experimentalpatholog zu Wien, wurde 1834 zu Waag-Neustadtl in Unaarn geboren, studirte anfangs Jura in Wien, ging jedoch später zur Medicin über, arbeitete schon als Student 1855 bis 1858 im Laboratorium bei Brücke und veröffentlichte als seine ersten beiden Arbeiten: „Untersuchungen über die Papillen in der Mundhöhle der Froschlarven“ (1857) und „Entwickelungsgeschichte von Bufo cinereus bis zum Erscheinen der äußeren Kiemen“. 1858 promovirt, trat er 1859 in das allgemeine Krankenhaus und wirkte hier als Secundararzt unter Kolisko, Türk, Szigmondy, Dittel, E. Jäger, Hebra und Sigmund bis 1862, wo er sich für Embryologie habilitirte. 1863 trat er als Assistent in Brücke's Institut ein und veröffentlichte von hier aus 1865 seine ersten großen Entdeckungen über Diapedesis der rothen Blutkörperchen und Contractilität der Gefäßwände. 2866 wurde St. Adjunct für experimentelle Forschung an der Klinik von|Oppolzer, 1868 wurde er speciell auf Betreiben Rokitansky's zum Professor e. o. der experimentellen Pathologie, sowie zum Leiter eines eigens für ihn gegründeten Instituts ernannt, aus dem schon 1869 die ersten „Studien“ erschienen mit dem Hauptangriff auf die Cohnheim'sche Lehre, der, wie bekannt, in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen erregte. 1871—1873 erschien Stricker's „Handbuch der Lehre von den Geweben des Menschen und der Thiere“ (ein Sammelwerk, im Verein mit anderen Histologen gearbeitet). 1872 erfolgte Stricker's Ernennung zum ordentlichen Professor für allgemeine und experimentelle Pathologie. 1871—1880 war er Redacteur der „Medicinischen Jahrbücher“, die zum Hauptorgan der Publicationen aus seinem Institut wurden. 1877—1883 erschienen die „Vorlesungen über allgemeine und experimentelle Pathologie“.

    St., der am 2. April 1898 starb, war als Experimentator, Lehrer, Forscher und Schriftsteller gleich hervorragend. Ihm ist hauptsächlich die Einführung der mikroscopischen Demonstrationen mittels Projectionsapparates beim Unterricht in der Pathologie zu danken. Seine Vorträge fesselten durch unübertreffliche Klarheit. Als Experimentator und Mikroscopiker entwickelte er eine meisterhafte Technik. St. hat zuerst Gewebe durch Härten und Einbetten in Gummi oder Wachs für feine Schnitte aus freier Hand geeignet gemacht. Er besaß ein scharfes Auge, unsagbare Ausdauer und außerordentliche Energie. Gelegentlich seiner ersten Beobachtung der Zelltheilung in der entzündeten Froschzunge brachte er zehn Stunden ununterbrochen beim Mikroscop zu. Eine Reihe von Entdeckungen und Bereicherungen sind ihm und seiner Schule zu danken; außer den schon genannten noch die Histologie der Cornea, die Mechanik der Drüsensecretion (Spina), die Zelltheilung am lebenden Gewebe, die Lehre über das Verhältniß der Zellen zur Grundsubstanz, das Vasomotorencentrum für die Baucheingeweide, die gefäßerweiternden Nerven in den sensiblen Ischiadicuswurzeln, die Ursprünge der Nervi accelerantes (Wagner), die Wirkung der Diuretica, die anästhesirende Wirkung des Cocaïns (Koller) betreffenden. Seine Sätze in der Entzündungs- bezw. Gewebelehre: „Die Gewebe kehren auf ihren Jugendzustand zurück“ und „Die Zellen vermehren sich auf Kosten der Grundsubstanz“ wurden, wie Georg Kapsammer in seiner schönen Biographie von St. (Wiener medicin. Wochenschrift 1898, Nr. 10) hervorhebt, zu geflügelten Worten. — Stricker's Publicationen sind in der zur Feier seines 25jährigen Professorenjubiläums erschienenen Schrift: „Dreißig Jahre experimenteller Pathologie“ zusammengestellt. Ihre Zahl beträgt etwa 134 außer den fast 400 unter seiner Leitung Veröffentlichten Arbeiten von 123 unmittelbaren Schülern, von denen 45 Professoren, 57 Docenten geworden sind. Auch philosophische Arbeiten rühren von ihm her, wie „Studien über das Bewußtsein" (1879); „Studien über die Sprachvorstellungen" (1880); „Ueber die Bewegungsvorstellungen" (1882); „Studien über die Association der Vorstellungen“ (1883); „Physiologie des Rechts“ (1884).

    • Literatur

      Vgl. Biographisches Lexikon, herausgegeben von Pagel, S. 1671.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Stricker, Salomon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 54 (1908), S. 622 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117318477.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA