Lebensdaten
1857 – 1940
Geburtsort
Wels (Oberösterreich)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Psychiater ; Arzt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118628445 | OGND | VIAF: 118218038
Namensvarianten
  • Wagner von Jauregg, Julius
  • Wagner Ritter von Jauregg, Julius
  • Wagner, Julius (bis 1883)
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Wagner-Jauregg, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628445.html [25.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf (1816–94, österr. Rr. mit Prädikat v. Jauregg 1883), Finanzbeamter, Kameralrat, Kameralbez.vorsteher, S d. Valentin W. (1785–1873), Tuchmachermeister in Jägerndorf (Mähr. Schlesien), u. d. Johanna Jauernik (1742?-1868);
    M Ludovika Helene (1830–67), T d. Josef Schmeid(e)l, Beamter, u. d. Juliana Ranzoni;
    B Friedrich (Fritz) (1858–1932, österr. Frhr. 1918, Felizitas Maria Homann, 1868–1954), Dr. iur., 1894 Postrat, 1906 Gen.dir. f. Post- u. Telegraphenangelegenheiten in Wien, 1907 Sektionschef, 1921 Vizepräs. d. Österr. Automobil-Clubs, 1923 Präs. d. Verw.rats d. Österr. Luftverkehrs-AG, 1913 Geh. Rat (s. ÖBL);
    1) 1890 1903 Balbine Goldberg (1862–1924, bis 1890 jüd., 1] N. N. Frumkin), aus Warschau, 2) 1924 Anna Koch (1880– 1946);
    1 S aus 1) Theodor (1903–92), 1936 Leiter d. Abt. Chemie am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt/M., 1943 d. Abt. Biochemie ebd., 1939 apl. Prof. f. therapeut. Chemie in Frankfurt /M., 1949–55 am Chemical Corps Medical Laboratory in Edgewood (Maryland, USA), 1955–72 Forsch.dir. d. Fa. Siegfried AG in Zofingen, Kt. Aargau (s. Pogg. VI–VIII; Teichl; Personenlex. Drittes Reich; Lex. bed. Chemiker), 1 T aus 1) Julia (Julie) (1900–87, Henri Humann, 1903–62, franz. Mil.arzt), Forsch.reisende in Nordafrika, Sammlerin v. Ethnographica, Reisejourn. u. -photogr. f. Ztgg. in W. (s. biografiA);
    N Frieda ( Leo Klusacek-Jauregg, Gen.stabsoberst, Industr., österr. Hon.konsul in Helsinki).

  • Biographie

    Nach Absolvierung des Schottengymnasiums in Wien studierte W. seit 1874 Medizin an der Univ. Wien, wo er 1880 zum Dr. med. promoviert wurde. Anschließend als Assistent bei Salomon Stricker (1834–98) am Institut für Allgemeine und Experimentelle Pathologie tätig, begann er 1883 seine Ausbildung zum Psychiater als Assistent von Max Leidesdorf (1816–89), der die I. Psychiatrische Klinik der Landesirrenanstalt von Niederösterreich in Wien leitete. 1885 habilitierte sich W. für Neurologie und 1888 für Psychiatrie. Er nahm 1889 einen Ruf als ao. Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Univ. Graz, als Primarius des Allgemeinen Krankenhauses und Leiter der Grazer Irrenanstalt Feldhof an. 1893 kehrte er nach Wien zurück, wo er den Lehrstuhl für Psychiatrie übernahm und mit der Leitung der I. Psychiatrischen Klinik betraut wurde. 1902 wechselte er an die II. Wiener Psychiatrische Klinik, die aufgrund ihrer Situierung im Allgemeinen Krankenhaus sowie einer angegliederten Abteilung für Nervenkrankheiten mehr Möglichkeiten in der klinisch-experimentellen Forschung und Lehre bot. Dort sammelte W. eine Reihe von Assistenten um sich, die nach ihrer Habilitation Leitungsfunktionen an psychiatrisch-neurologischen Einrichtungen in Wien übernahmen, darunter Josef Berze (1866–1957), Alfred Fuchs (1870–1927), Heinrich v. Kogerer (1887–1958), Alexander Pilcz (1871–1954), Emil Raimann (1872–1949), Emil Redlich (1866–1930), Friedrich v. Sölder (1867–1943), Erwin Stransky (1877–1962) und Otto Pötzl (1877–1962), der 1928 W.s Nachfolger wurde.

    Über vier Jahrzehnte beeinflußte W. maßgeblich die fachliche und institutionelle Entwicklung der Psychiatrie sowie das österr. Gesundheitswesen. Dies belegen seine langjährige Tätigkeit als Präsident des Wiener Vereins für Psychiatrie und Neurologie, sein Engagement in fakultären und universitären Gremien, seine Position im Obersten Sanitätsrat, seine exponierte Gutachterposition in der forensischen Psychiatrie und seine Rolle bei der Gründung zweier Wiener Nervenheilanstalten („Maria-Theresien-Schlössel“ 1905– 14 und „Am Rosenhügel“ 1905–12, ermöglicht durch die Rothschild-Stiftung). Im 1. Weltkrieg setzte W. durch, die zahlreichen an „Kriegsneurosen“ erkrankten sowie der Simulation verdächtigten Soldaten mit elektrischen Strömen zu behandeln. Gegen diese schmerzhaften, letztlich auf Wiederherstellung militärischer Funktionalität abzielenden Verfahren wurde bereits während der Kriegszeit öffentlicher Protest laut. Nach Kriegsende wurde eine kommissionelle Untersuchung gegen W. und seine Mitarbeiter eingeleitet, bei der Sigmund Freud (1856–1939) als Hauptgutachter auftrat. Freud ließ wissenschaftliche und therapeutische Auffassungsunterschiede erkennen, entlastete aber W., der daraufhin von der Kommission 1920 rehabilitiert wurde.

    Die im zeitlichen Umfeld des 1. Weltkriegs neu aufkommende Grundhaltung in der Psychiatrie, bei Patienten mittels „aktiver Therapien“ eine Wende im Krankheitsverlauf zu|erzwingen, bestimmte auch W.s wissenschaftliches Lebenswerk, die Fiebertherapie (Malariatherapie) der Progressiven Paralyse. Erste Erfahrungen hatte er bereits 1887 veröffentlicht. 1917 nahm W. seine Versuche wieder auf und begann mit dem Blut eines malariakranken Soldaten ausgewählte Patienten zu impfen. Die Ergebnisse der riskanten Versuche zeigten in der Mehrzahl der Fälle eine signifikante Besserung. Da anfänglich verabsäumt wurde, das Blut der Malariapatienten mikroskopisch zu untersuchen, kam es durch versehentliche Einimpfung der Malaria tropica (im Unterschied zur Malaria tertiana) zu Todesfällen. Zeitweilig experimentierte W. zur Fiebererzeugung auch mit Tuberkulin und Typhus-Vakzinen. Seit 1920 fand die Malariatherapie Eingang an zahlreichen Kliniken und Irrenanstalten in nahezu allen europ. Staaten sowie in Südamerika und den USA. Aufgrund der unklaren Wirkungsmechanismen sowie der unterschiedlichen Infektions- und Anwendungsformen erreichte die Therapie jedoch nicht den Status eines standardisierten Behandlungsverfahrens. Zu W.s Kritikern zählten der Hamburger Entomologe und Tropenmediziner Erich Martini (1880–1960), der die Ausbreitung von Malariainfektionen in den Kliniken befürchtete, und der schwed. Psychiater Bror Gadelius (1862–1938), der prinzipielle Einwände erhob. Nach mehrfacher Nominierung erhielt W. für die Malariatherapie 1927 als erster Psychiater den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Nach der Einführung von Antibiotika, die seit den 1940er Jahren eine effektivere Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten ermöglichten, geriet die Fiebertherapie in den Hintergrund. An der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie wurden unter der Leitung von Hans Hoff (1897–1969) psychisch Kranke sowie in Einzelfällen Kinder und Jugendliche bis zumindest in die 1960er Jahre mit dem Malariaerreger infiziert.

    Ein weiteres langjähriges Forschungsfeld W.s waren die Organtherapie und die Untersuchung des Zusammenhangs von Kropf und Kretinismus. Seine während der Grazer Zeit begonnenen und in den 1920er Jahren erneut aufgenommenen Initiativen zur Kropfprophylaxe durch Beigabe von Jod im Speisesalz waren von erheblicher gesundheitspolitischer Relevanz. Methodisch innovativ war W. in seinem Bestreben, durch Einführung der „Simultanmethode“ (alternierende Einteilung von Behandlungsgruppen) zu verläßlicheren Ergebnissen in der klinisch-psychiatrischen Forschung zu kommen.

    Politisch dt.national gesinnt, war W. Mitglied der Großdt. Volkspartei und wurde 1928 Gründungsvorsitzender des Österr. Bundes für Volksaufartung und Erbpflege, dem er bis 1935 vorstand. Seine affirmative Haltung zur Eugenik bekundete W. öffentlich und unterstützte – in weitgehender Übereinstimmung mit der NS-Gesundheitspolitik – Initiativen zur Erarbeitung eines österr. Sterilisationsgesetzes. Fünf Monate vor seinem Tod stellte er einen Antrag auf Parteimitgliedschaft der NSDAP, der unberücksichtigt blieb.

  • Auszeichnungen

    Weitere A u. a. Mitgl. d. Leopoldina (1925);
    Bürger ehrenhalber d. Stadt Wien (1927);
    Wilhelm-Erb-Gedenkmünze d. Ges. dt. Nervenärzte (1927);
    Ehrenmitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1929);
    Cameron Prize (1935);
    Dr. phil. h. c. u. Dr. iur. h. c. (Univ. Wien 1937);
    Österr. Ehrenzeichen f. Wiss. u. Kunst (1937);
    W. v. J.-Heil- u. Pflegeanstalt „Am Steinhof“ (1941–45);
    W.-J.-Krankenhaus d. Landes Oberösterr. bzw. W.-J.-Landes-Nervenklinik (1970–2016);
    W.-J.-Medaille d. Österr. Ges. f. Neuropsychopharmakol. u. biol. Psychiatrie (seit 2007).

  • Werke

    |Über d. Einwirkung fieberhafter Erkrankungen auf Psychosen, in: Jb. f. Psychiatrie u. Neurol. 7, 1887, S. 94–131;
    Myxödem u. Kretinismus, 1912;
    Lehrb. d. Organotherapie, 1914 (mit G. Bayer);
    Erfahrungen über Kriegsneurosen, 1917;
    Über d. Einwirkung d. Malaria auf d. progressive Paralyse, in: Psychiatr.-Neurol. Wschr. 21 / 22, 1918, S. 132–34 u. 39 / 40, 1919, S. 251–55;
    Über Eugenik, in: Wiener klin. Wschr. 44, 1931, S. 1–6;
    Zeitgemäße Eugenik, ebd. 48, 1935, S. 1 f.;
    Progressive Paralyse u. Malaria, Nobel-Vortr., gehalten am 13. Dez. 1927, in: Nobelstiftung Stockholm (Hg.), Nobelpreis f. Med. II, 1911–1931, (1973) S. 383–97;
    Fieber- u. Infektionstherapie, ausgew. Btrr. 1887–1935, mit verknüpfenden u. abschließenden Bemm., 1936;
    Über d. menschl. Lebensdauer, e. populär-wiss. Darst., 1941;
    Lebenserinnerungen, hg. v. L. Schönbauer u. M. Jantsch, 1950 (P) (mit Eingriffen u. Streichungen, Orig.ms. in d. Hss.slg. im Inst. f. Gesch. d. Med./ med. Slgg., Wien).

  • Literatur

    |A. Pilcz, Verz. d. wiss. Arbb. d. HR Prof. Dr. J. W. v. J., in: Wiener med. Wschr. 78, 1928, S. 892–94;
    L. Benedek, in: Wiener klin. Wschr. 50, 1937, S. 492–94;
    O. Pötzl, ebd. 53, 1940, S. 1–4;
    H. Hoff, Gedächtnisvortr. z. 100. Geb.tag W.-J.s, ebd. 107, 1957, S. 618–21;
    M. Nonne, in: Dt. Zs. f. Nervenheilkde. 151, 1940, S. 277–83;
    K. R. Eissler, Freud u. W.-J. v. d. Komm. z. Erhebung mil. Pflichtverletzungen, 1979;
    M. Whitrow, J. W.-J., 1857–1940, 1993;
    J. Braslow, Mental Ills and Bodily Cures, Psychiatric Treatment in the First Half of the Twentieth Century, 1997;
    E. M. Brown, Why W.-J. Won the Nobel Prize for Discovering Malaria Therapy for Gen. Paresis of the Insane, in: Hist. of Psychiatry 11, 2000, S. 371–82;
    H.-G. Hofer, Nervenschwäche u. Krieg, Modernitätskritik u. Krisenbewältigung in d. österr. Psychiatrie, 1880–1920, 2004;
    ders., in: Dict. of Medical Biogr., hg. v. H. Bynum u. W. F. Bynum, Bd. 5, 2006, S. 1282 f.;
    M. Hubenstorf, Med.hist. Forsch.fragen z. J. W.-J., 1857–1940, in: Jb. d. Dok.archivs d. österr. Widerstandes, 2005, S. 218–33;
    |G. Hofmann, B. Kepplinger, H. Reese u. G. Marckhgott, Ber. d. Komm. z. Beurteilung d. Frage, „ob d. Namensgeber d. Landes-Nervenklinik (J. v. W.-J.) als hist. belastet angesehen werden muss“, 2005;
    C. A. Spring, Zw. Krieg u. Euthanasie, Zwangssterilisationen in Wien 1940–1945, 2007;
    W. Neugebauer, K. Scholz u. P. Schwarz (Hg.), J. W.-J. im Spannungsfeld pol. Ideen u. Interessen, e. Bestandsaufnahme, 2008;
    H.-W. Schmuhl u. V. Roelcke (Hg.), ‚Heroische Therapien‘, Die dt. Psychiatrie im internat. Vgl., 2013;
    C. J. Tsay, J. W.-J. and the Legacy of Malarial Therapy for the Treatment of Gen. Paresis of the Insane, in: Yale Journ. of Biology and Medicine 86, 2013, S. 245–54;
    Kreuter, Neurologen (W-Verz.);
    Complete DSB;
    ÖBL.

  • Porträts

    |Büste v. J. Müller, 1930 (seit 1951 als „Denkmal“ im Arkadenhof d. Univ. Wien);
    Photogrr. (Österr. Nat.bibl., Bildarchiv;
    Grafikslg. Wien;
    Bildarchiv d. Slgg. d. Med. Univ. Wien, Josephinum);
    Gem. v. W. Dachauer, Abb. in: Wiener klin. Wschr. 53, 1940, Nr. 40.

  • Autor/in

    Hans-Georg Hofer
  • Zitierweise

    Hofer, Hans-Georg, "Wagner-Jauregg, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 254-256 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628445.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA