Lebensdaten
1639 bis 1691
Sterbeort
Augsburg
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Prediger an St. Jakob in Augsburg ; Polyhistor ; Religionshistoriker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118616315 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spizel, Gottlieb
  • Spitzelius, Theophil
  • Spizel, Theophil
  • mehr

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Zitierweise

Spitzel, Gottlieb, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616315.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottlieb (1615-um 1645, vermutl. kath.), aus steir. Adelsfam., Bediensteter d. Ks. u. d. Kf. v. Bayern, S d. Daniel ( n. 1632), kam als prot. Glaubensflüchtling aus Österr. n. Bayern;
    M Anna Christina Schorer ( nach 1666, luth.), aus Patrizierfam. in A.;
    2 B Johann Baptist, Jakob;
    Augsburg 1663 Jakobina ( 1689), T d. Gabriel Miller, Beisitzer d. Stadtgerichts in A., Scholarch u. Kirchenpflegeradjunkt;
    3 S u. a. Gabriel (1664–1704, Johana Regina Reißer, T e. Pfarrers aus Hamburg), Diakon an St. Jakob in A. (s. W, L), Tobias, Pfarrer in A., 2 T; E Gabriel (1697–1760, 2] Christiana Rosina Corvinus, 1710–40, Kupferstecherin, Dichterin, s. ThB; Augsburger Stadtlex., T d. Johann August Corvinus, 1683–1738, aus Leipzig, Kupferstecher in A., s. Nagler; ThB), Porträtmaler, Verl. in A. (s. ThB; Augsburger Stadtlex.).

  • Leben

    Im luth. Milieu der konfessionsparitätisch verfaßten Reichsstadt Augsburg wie in der v. a. durch die Mutter prot. geprägten Familie war der Gegensatz zum Katholizismus bestimmend. Aber bereits im Gymnasium bei St. Anna kam S. mit den Lehren Johann Arnds (1555–1621) in Berührung. In Leipzig, wo er 1653–58 Philosophie und luth. Theologie studierte (v. a. bei Jakob Thomasius u. Johann Adam Scherzer; Baccalaureus 1655, M. A. 1658), gehörte Christian Knorr v. Rosenroth (1636–89), der spätere christliche Kabbalist, zu seinen Freunden. Nach einer ausgedehnten Studienreise 1658–61 über Hamburg und Amsterdam nach Leiden, einem Zentrum der Hebraistik und Orientalistik (Cohen de Lara, Golius), und Aufenthalten in Straßburg (J. K. Dannhauer) und Basel, wurde S. 1661 Diakon, 1682 Pastor und Prediger und 1690 Senior des Ministeriums bei St. Jakob in Augsburg.

    Bereits in Leipzig entstand die von den Zeitgenossen zunächst bewunderte, dann 1730 von dem Chinakenner Theophil (Gottlieb) Siegfried Bayer (1694–1738) scharf kritisierte kulturvergleichende Schrift über die Chinesen „De re literaria Sinensium commentarius“ (gedr. 1660), in der S. seine religionsgeschichtlichen, besonders orientalistischen und rabbinischen Forschungsinteressen miteinander verknüpfte. In Basel, wo S. in Beziehung zu dem Hebraisten Johann Buxtorf d. J. stand, verfaßte er die Abhandlung „Elevatio relationis Montezinianae“ (gedr. 1661) über die These von der isr. Herkunft der Völker Amerikas, die der jüd. Forscher Antonius Montezinus wie auch der zentrale Autor des jüd. Messianismus um diese Zeit, Menasseh ben Israel, vertreten hatten, während Isaac La Peyrère 1655 mit seiner häretischen These von den „Prae-Adamiten“ das Alte Testament zu einem Geschichtsbuch des jüd. Volkes erklärte. S. vertrat stattdessen eine eher zukunftsweisende Position, indem er für die wiss. Erforschung des Judentums diesseits biblizistischer Glaubenspostulate argumentierte.

    S. unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz mit zahlreichen Gelehrten, u. a. Leibniz und Conring, stand dem Pietismus nahe und pflegte vertrauten Umgang mit Philipp Jacob Spener (1635–1705); später korrespondierte er auch mit dem radikalen Spiritualisten Friedrich Breckling (1629–1711) in Amsterdam und Den Haag. Berüchtigt wurde er aber v. a. als Kämpfer gegen den ,Atheismus` in jeglicher Gestalt und als polemischer Kritiker gelehrter Diskurse, die dem luth. Protestantismus, wie S. ihn verstand, im Wege standen oder neue (frühaufklärerische) Tendenzen vertraten (Scrutinium atheismi…, 1663; De atheismo eradicando, 1669; Felix literatus…, 1676; Infelix literatus…, 1680; Literatus felicissimus…, 1685). Die dämonologische Schrift „Die gebrochene Macht der Finsternis;“ (1687) zeigt S. als strengen Befürworter der Hexenprozesse, als der er später von Christian Thomasius (1656–1728) in dessen kritischer Abhandlung „De crimine magiae“ (1701/04) zur Abschreckung ausführlich zitiert wurde. Der programmatischen Schrift „Pius literati hominis secessus“ (1669), die am Beispiel der Kirchenväter die Gelehrten dazu aufrief, sich von weltlicher Gelehrsamkeit zu trennen (secessus), folgten zahlreiche Werke zur Gelehrtengeschichte und -kritik nicht nur der Theologie. Darin werden Verhaltensweisen und Erkenntnisziele des „pius literatus“ mit einer ausführlichen Kasuistik der „impietates“, der „noxia“ und „vitia literatorum“ (z. B. noch immer der „curiositas“), also glaubenswidriger und sündhafter Fälle und Typen konfrontiert. Mehr noch als die umfangreiche Sammlung von Theologen- und Philologenporträts (Templum honoris reseratum…, 1673) sind diese Kompendien heute, trotz der gänzlich illiberalen Glaubensoptik eines orthodox-luth. Seelsorgers, als Quelle für die differenzierende Beobachtung, Typisierung und Beurteilung von Wissens- und Verhaltenstypen in der europ. Gelehrtenkultur an der Schwelle zur Aufklärung von hohem dokumentarischen Wert.

  • Werke

    Weitere W Deisidaimonia Ebraeo-Gentilis de natura et officiis angelorum, 1658 (praes. Diss. Leipzig);
    Heimarmenologia gentilis, 1658 (praes. Diss. Leipzig);
    Admiranda parthenotokias monumenta, 1659;
    De re literaria Sinensium commentarius, in quo scripturae pariter ac philosophiae Sinicae specimina exhibentur et cum aliarum gentium, praesertim Aegyptiorum, Graecorum et Indorum reliquorum literis atque placitis conferuntur, 1660;
    Elevatio relationis Montezinianae de repertis in America tribubus Israeliticis, et discussio argumentorum pro origine gentium Americanarum Israelitica a Menasseh ben Israel in Miqwe Jisrael seu Spe Israelis conquisitorum, 1661;
    Scrutinium atheismi historico-aetiologicum, 1663;
    Sacra bibliothecarum illustrium arcana retecta, sive mss. theologicorum in praecipuis Europae bibliothecis extantium designatio, 1668;
    De atheismi radice epistola, 1669;
    De atheismo eradicando, 1669;
    Augsburg. Seelen-Garten, 1678;
    Catalogus bibliothecae a ( . . . ) domino Th. S. olim collectae, et a filio ( . . . ) Gabriele S. redditae, 1705;
    Qu:
    Staats- u. Stadtbibl. Augsburg, 2° Cod. Aug. 407–410 (Spizeliana I–IV).

  • Literatur

    ADB 35;
    R. F. Merkel, Dt. Chinaforscher, in: AKG 34, 1951, S. 81–106;
    H. Wiedemann, Augsburger Pfarrerbuch, 1962;
    L. Lenk, Augsburger Bürgertum im Späthumanismus u. Frühbarock (1580–1700), 1968;
    E. J. van Kley, Europe's ,Discovery` of China and the Writing of World History, in: American Historical Review 76, 1971, S. 358–85;
    D. Blaufuß, G. S.s Gutachten zu Ph. J. Speners Berufung nach|Dresden, in: Zs. f. Bayer. KGesch. 40, 1971, S. 97–130 (Verz. d. Korr. mit Ph. J. Spener);
    ders., Reichsstadt u. Pietismus, Philipp Jacob Spener u. G. S. aus Augsburg, 1977 (Verz;
    d;
    Hss., Qu u;
    L);
    ders., Commercium epistolicum in d. Reichsstadt, G. S. u. seine Briefwechselslg. im Umkreis v. Orthodoxie u. Pietismus, in: Stadt u. Lit. im dt. Sprachraum d. Frühen Neuzeit, hg. v. K. Garber u. a., 1998, I, S. 411–24;
    D. E. Mungello, Curious Land, Jesuit Accomodation and the Origins of Sinology, 1985;
    K. Lundbæk, T. S. Bayer (1694–1738), Pioneer Sinologist, 1986;
    H. Walravens, China illustrata, Das europ. Chinaverständnis im Spiegel d. 16. bis 18. Jh., 1987, S. 228;
    D. E. Mungello, Aus d. Anfängen d. Chinakde. in Europa 1678–1770, ebd., S. 67–78;
    H. Jaumann, Critica, Unterss. z. Gesch. d. Lit.kritik zw. Quintilian u. Thomasius, 1995, S. 183;
    Gesch. d. Pietismus, 4 Bde., hg. v. M. Brecht, 1993–2004, bes. Bd. 1;
    Lb. Bayer. Schwaben 13, 1986, S. 144–73 (W, L, P);
    BBKL X, Sp. 1040 f. (W, L);
    H. Burger u. a., Pfarrerbuch Bayer. Schwaben, 2001, S. 202, Nr. 1204 (auch zu S Gabriel);
    Killy;
    Kosch, Lit.Lex. (W, L);
    Augsburger Stadtlex. (P);
    Hdb. Gelehrtenkultur.

  • Portraits

    Kupf. v. E. Hainzelmann, um 1691, n. Gem. v. J. U. Mair (Staats- u. Stadtbibl. Ausgburg), Abb. in: Lb. Bayer. Schwaben 13, n. S. 156.

  • Autor/in

    Herbert Jaumann
  • Empfohlene Zitierweise

    Jaumann, Herbert, "Spitzel, Gottlieb" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 718-720 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616315.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Spitzel: Theophil Gottlieb S. (Spizel, Spitzelius, Spizelius), luther. Geistlicher und Polyhistor, 1691. S. wurde am 11. September 1639 in Augsburg geboren; seine Familie leitete sich von steiermärkischem Adel ab. Frühzeitig erlangte er eine so treffliche humanistische und akademische Bildung, daß er schon im 19. Lebensjahre zu Leipzig Magister wurde und Theologie studirte. Gemäß der Sitte der Zeit bildete er sich daraus durch wissenschaftliche Reisen in Deutschland und Holland. Im dreiundzwanzigsten Jahre seines Lebens übernahm er sodann das Diakonat an der St. Jakobskirche in seiner Heimath, rückte dort 1682 zum Pastor derselben Parochie und 1690 zum Senior des dortigen geistlichen Ministeriums auf, starb aber schon 1691 am 17. Januar. Ist äußerlich so sein Lebensgang ein sehr stiller, so überrascht die Fülle der Schriften, welche er angefertigt hat; die meisten derselben sind litterärgeschichtlichen Inhalts oder behandeln einzelne Punkte culturgeschichtlicher Art; einzelne nur beziehen sich auf theologisch-philosophische Themata; noch andere sind erbaulicher Art. Einen relativen Werth haben nur noch seine litterärgeschichtlichen Werke: „Vetus academiaJesu Christi, iconibus exemplis et documentis priscorum pietatis verae doctorum et professorum illustrata.“ Augustae Vindel. 1671 (in 4°) (zweiundzwanzig Lebensbilder frommer christlicher Männer von Ignatius von Antiochia bis zu Bernhard von Clairvaux); „Templum honoris reseratum sive illustrium aevi hujus theologolum et philologorum imagines et elogia adornata a Th. Sp.“ Augustae Vind. 1673 (in 4°), enthält die Biographien von 40 evangelischen Theologen, von Martin Chemnitz bis Joh. Heinrich Ursinus, und von zehn Philologen, von Sethus Calvisius bis Theodoricus Hackson; diejenigen darunter, welche Zeitgenossen Spitzel's betreffen, Pflegen noch jetzt citirt zu werden, i. B. die Vita des Johann Benedict Carpzov, p. 227 sqq. Daran reihte S. drei Schriften unter dem Titel „Felix literatus etc."1676 (8°); „Infelix literatus etc.“ 1680 (8°); „Literatus felicissimus“ 1685 (8°). Aus seinen Schriften religions- und culturgeschichtlicher Art seien hier genannt: „De re literaria Sinensium commentarius,“ Leyden 1660 (12°) und ebendaselbst 1686. — „Elevatio relationis Montezinianae de repertis in America tribubus Israeliticis et discussio argumentorum pro origine gentium Americanarum Israelitica etc.“ Basel 1661 (8°). „Examen vaticinii cujusdam Anglicani de ultimo Romae excidio anno 1666.“ Bei so vielseitigen allgemein wissenschaftlichen Interessen blieb S. theologisch fast unfruchtbar: aus seinen Predigten erschien die Krönungspredigt, welche er aus Anlaß der Krönung des Kaisers Joseph 1690 am 26. Januar gehalten hatte, unter dem Titel: „Der kostbare Hauptschmuck und allerzierlichste Josephs-Cron aus Deut. XXXIII, 16.. vorgestellet“ (in Folio). Eine erbauliche Schrift ist sein „Augsburgischer Seelengarten von denen Gott wohlgefälligen Verrichtungen eines Christen“ (in 12°), die auch lateinisch erschien.

    • Literatur

      Die älteste Biographie Spitzel's lieferte nach dessen eigenen Aufzeichnungen und nach der Leichenpredigt, welche ihm der Augsburger Ephorus Narcissus Rauner gehalten hat, Pipping (Henr.), Sacer decadum septenarius, memoriam theologorum ... exhibens (Lipsiae 1705, 8°), No. 27, p. 363 sqq. — In Zedler's Universallexikon XXXIX (Halle 1744), S. 299 werden außerdem noch citirt: Wittii Diar. biogr. in Spicil. post messem ad annum 1690; Griebner's Bibliotheca I, No. 842; Niceron, Mémoires des hommes illustres XXXV; Struvii Supplementa ad Notit. rei liter.; Morhoff's Polyhist. I, l. 1, c. 7, § 21,

  • Autor/in

    Paul Tschackert.
  • Empfohlene Zitierweise

    Tschackert, Paul, "Spitzel, Gottlieb" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 221-222 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616315.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA