Lebensdaten
1795 bis 1858
Geburtsort
Lovas-Berény bei Pest (Ungarn)
Sterbeort
Baden bei Wien
Beruf/Funktion
Dichter ; Satiriker
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118794558 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Saphir, Moses (eigentlich)
  • Saphir, Moritz Gottlieb
  • Saphir, Moritz
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Zitierweise

Saphir, Moritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794558.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottlieb (eigtl. Israel) (1763–1832), Kaufm., Steuereinnehmer in L.-B. u. Mór (Ungarn), S d. Israel Isreel (später: Israel Saphir), Steuereinnehmer in Csór u. L.-B.;
    M Charlotte ( um 1805), T d. Samuel Brüll (Sanwil Brilin) (1722–1802) u. d. Ghana Kreillsheim ( 1798);
    Stief-M Sara ( 1842), T d. Naphtali Rosenthal; ledig; um 1831-48 Lebensgefährtin Marie Gordon geb. Calafati (Ps. Alexander Bergen, Max Stein) (1812–63), Schriftst., Übers. (s. Brümmer; Friedrichs; Giebisch-Gugitz; Hist. Lex. Wien; Kosch, Lit.-Lex.3; Kosch, Theater-Lex.; ÖBL); aus dieser Verbindung 1 außerehel. T Marie (um 1838–1913);
    N Sigmund (1806–66), Journalist, Schriftst. (s. Wurzbach).

  • Leben

    S. wurde im Haus seiner orthodoxen jüd. Familie in Lovas-Berény unterrichtet. 1806 kam er nach kurzem Aufenthalt bei der Familie seiner Mutter in Preßburg nach Prag, wo er die Talmudschule besuchte und sich mit der dt. Sprache vertraut machte. 1814 kehrte er nach Ungarn zurück, arbeitete im väterlichen Geschäft in Mór und unternahm erste literarische Versuche. Um 1815 übersiedelte S. nach Pest und veröffentlichte Aufsätze und Gedichte, u. a. in „Pannonia, Vaterländisches Erholungsblatt für Freunde des Schönen, Guten und Wahren“ sowie in den in Wien erscheinenden Zeitschriften „Conversationsblatt“ und „Literarischer Anzeiger“. 1822 ging er auf Vermittlung Adolf Bäuerles (1786–1850) nach Wien und arbeitete 1823-25 an dessen „Theaterzeitung“ mit.

    Vermutlich wegen angeblich anstößiger Artikel aus Österreich ausgewiesen, wirkte S. seit 1825 als Journalist, v. a. als Theaterrezensent, in Berlin. Hier gründete er die „Berliner Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit“ (Jgg. 1-4, 1826-29), die humoristische und historische Artikel, Novellen sowie Auszüge aus neuen Publikationen druckte, den „Berliner Courier“ (Bde. 1-3, 1829), der sich vorwiegend dem Berliner Theaterleben widmete, und die literarische Vereinigung „Tunnel über der Spree“ (Präs. bis 1828, Austritt 1829). Seine Berliner Jahre waren durch heftige publizistische Auseinandersetzungen mit Vertretern des etablierten Kulturbetriebs und durch dauerhafte Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde geprägt. Besonders prominent wurden S.s Attacken gegen das Königstädtische Theater und dessen Künstler sowie sein Konflikt mit den „Bühnendichtern“, z. B. Friedrich Wilhelm Gubitz (1786–1870) und Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843). 1829 zog S. nach München und gründete 1830 den „Bazar für München und Bayern“. Aus Bayern wegen des Vorwurfs ehrenrührigen Verhaltens ausgewiesen, hielt er sich 1831 kurz in Paris auf, wo er Kontakt zu Ludwig Börne und Heinrich Heine fand und – wie in München – humoristische Vorlesungen hielt. 1831 kehrte er dorthin zurück, gründete den „Bazar“ neu (1-4, 1830-33) und zudem das humoristische Blatt „Der dt. Horizont“ (1-4, 1831-34); 1832 wurde er Hoftheaterintendanzrat.

    1834 wandte sich S. nach Wien und wurde wieder für die „Theaterzeitung“ tätig. 1837 gründete er die satirische Zeitung „Der Humorist“, die er bis 1858 herausgab und redigierte. Daneben veranstaltete er sehr erfolgreiche humoristische Vorlesungen und Wohltätigkeitsakademien und betätigte sich als Vortragsreisender. Auch in Wien war S. in zahlreiche literarische Kontroversen verwickelt, so in den 30er Jahren mit Eduard v. Bauernfeld (1802–90). Sein latenter Konflikt mit Johann Nepomuk Nestroy (1801–62), dessen Erneuerung des Volksstücks S. moralisch entrüstet bekämpfte, kulminierte 1849 in einem offenen Brief Nestroys, der S. politischen Opportunismus vorwarf. Nach der Revolution 1848 verlor S. an publizistischem Einfluß und zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück. Als humoristischer und satirischer Schriftsteller stand er in der Nachfolge von Jean Paul und Börne, seine äußerst populär gewordenen Gedichte folgen epigonal dem Stil Friedrich Rückerts. Als politisch weithin indifferenter Journalist erzielte er breite Wirkung und polarisierte v. a. mit seiner poetologisch konservativ ausgerichteten Theaterkritik. Ende des 19. Jh. verengte sich die Rezeption S.s, die häufig antisemitisch und moralisch denunziatorisch war, auf vereinzelte anekdotische Bezugnahmen und punktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzung.

  • Werke

    Ges. Schrr., 4 Bde., 1832 (P);
    Neueste Schrr., 3 Bde., 1832;
    Humorist. Damen-Bibl., 6 Bde., 1838-41;
    Fliegendes Album f. Ernst, Scherz, Humor u. lebensfrohe Laune, 2 Bde., 1846 (P);
    Konversations-Lex. f. Geist, Witz u. Humor, 4 Bde., 1848-52 (hg. mit A. Glaßbrenner);
    Humorist. Volks-Kal. nach Vor- u. Rückwärts, 9 Bde., 1850–52, 1854-59;
    Ausgew. Schrr., Cabinets-Ausg., 10 Bde., 1862/63;
    Saphiriana, Anecdoten, Witze u. Charakterzüge aus d. Leben M. G. S.s, 1874;
    Schrr., Gesamtausg., 26 Bde., 1880 (P);
    Meine Memoiren u. anderes, 1887 (Autobiogr.);
    Humorist. Schrr., hg. v. K. Meyerstein, 4 Bde., 1889;
    Ausgew. Werke, hg. v. G.|Glück, 1912;
    Halbedelstein d. Anstoßes, hg. v. W. Zitzenbacher, 1965 (W, L);
    Mieder u. Leier, Gedankenblitze aus d. Biedermeier, Feuilletons, Glossen, Kurzgesch., Aphorismen, hg. v. M. Barthel, 1978;
    Schlag nach b. S.!, Ratschläge z. Lebenskunst, hg. v. W. Püschel, 1995;
    Sprichwörter u. Redensarten im Biedermeier, Prosatexte v. M. G. S. (1795-1858), hg. v. W. Mieder, 1998 (P); Bibliogr.:
    Personalbibliogrr. österr. Dichterinnen u. Dichter;
    Teilnachlaß:
    Wiener Stadt- u. Landesbibl., Wien;
    s. Hall-Renner2.

  • Literatur

    | ADB 30;
    V. Haydn, S. als Theaterkritiker, Diss. Wien 1934 (W, L);
    S. Kösterich, S.s Prosastil, Diss. Frankfurt/M. 1934;
    M. Robitsek, S. G. M., 1938;
    H. Zentner, Das Eindringen d. Judentums in d. dt. Lit. d. 19. Jh., Dargest. an M. S., Diss. Wien 1939 (antisemit.);
    I. Müller. S. in München, Eine Unters. über d. Eindringen u. d. Einfluß jüd. Journalisten in d. Münchener Pressewesen 1825-1835, Diss. München 1940 (antisemit.);
    H. Swoboda, Der Humorist, Ein Btr. z. österr. Pressegesch., Diss. Wien 1948;
    W. Hainschink, Die witzige Kritik, dargest. an d. als ihr Begründer verschrieenen M. G. S., Diss. Wien 1950;
    A. Lippe, Verfallserscheinungen in d. Theaterkritik, dargest. an M. G. S. (1797[!|-1858), Diss. Berlin 1954 (W, L);
    L. Kahn, in: Yearbook LBI 20, 1975, S. 247-57 (P);
    P. Sprengel. M. C. S. in Berlin, in: G. Blamberger u. a. (Hg.), Studien z. Lit. d. Frührealismus, 1991, S. 243-75;
    W. Wülfing, Folgenreiche Witze, M. G. S, in: Rhetorik 12, 1993, S. 73-83;
    J. Sonnleitner, Bauernfeld, S., Nestroy, Lit. Streitfälle im österr. Vormärz, in: W. Schmidt-Dengler u. a. (Hg.), Konflikte, Skandale, Dichterfehden in d. österr. Lit., 1995, S. 92-117;
    S. P. Scheichl, S., kein Wiener Heine, in: J. Doll (Hg.), Les écrivains juifs autrichiens (du Vormärz à nos jours), Judentum u. österr. Lit. (vom Vormärz bis z. Gegenwart), 2000, S. 27-41;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Kosch, Lit.-Lex3 (W);
    Killy;
    Metzler Lex. d. dt. jüd. Lit. (P);
    ÖBL;
    Hist. Lex. Wien;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft.

  • Portraits

    Lith. v. E. Glück (1827), F. Hanfstaengl (1830), C. Czichna (1832), J. Kriehuber (1835), A. Prinzhofer (1845), E. Kaiser (1857) u. J. Stadler (1858) (alle Wien, Bildarchiv d. Österr. Nat.bibl.).

  • Autor/in

    Andreas Brandtner
  • Empfohlene Zitierweise

    Brandtner, Andreas, "Saphir, Moritz" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 433-434 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794558.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Saphir: Moriz Gottlieb eigentlich Moses S., Dichter und vorwiegend humoristischer Schriftsteller, wurde als der Sohn eines jüdischen Oberlandessteuereinnehmers zu Lovas-Berény in Ungarn am 8. Februar 1795 geboren und erhielt seine erste Erziehung im elterlichen Hause, insbesondere unter der Obhut|seiner Mutter, welche S. selbst als eine edle, milde und wohlthätige Frau schildert, die aber bald starb. Der Knabe war vom Vater für den Kaufmannsstand bestimmt, beschäftigte sich aber schon frühzeitig mit jüdisch-theologischen und sprachlichen Studien und zeigte in denselben bedeutende Geistesgaben und überhaupt ein vortreffliches Gedächtniß. Als Saphir's Vater zum zweiten Male heirathete und nach Ofen übersiedelt war, verließ der Knabe wegen verschiedener Familienzwistigkeiten flüchtend das elterliche Haus und begab sich zu einem Oheim nach Preßburg, von dort begab er sich, 11 Jahre alt, nach Prag, wo er nicht nur seine Talmud- und rabbinischen Studien fortsetzte, sondern sich auch mit deutscher Poesie und Wissenschaft beschäftigte. Unter verschiedenen Zwistigkeiten zwischen Vater und Sohn, welche mehrere Jahre lang dauerten, in welchen Jahren S. schon kleine poetische Proben veröffentlichte, kam das Jahr 1814 heran und nach der Aussöhnung mit seinem Vater kehrte der Sohn zu demselben zurück, um sich dem Handelsgeschäfte zu widmen. Dieses entsprach aber Saphir's Neigungen durchaus nicht. In Pest erregten schon mehrere Aufsätze aus seiner Feder die Aufmerksamkeit des Publicums, dort beschäftigte sich S. auch mit den classischen Sprachen und trat mit Bäuerle in Wien in Verbindung. Später übersiedelte sein Vater nach Moor, von dort aus ließ der junge Dichter sein erstes Buch, die „Poetischen Erstlinge“ (Pest 1821) erscheinen, das ihm vielfache Anerkennung verschaffte, infolge welcher S. im J. 1822 nach Wien übersiedelte und dort in kurzer Zeit der beliebteste Mitarbeiter von Bäuerle's Theaterzeitung wurde. Seine scharfe Feder verursachte ihm allerdings verschiedene Mißhelligkeiten und infolge mehrerer satyrischer Aufsätze wurde er in solche Unannehmlichkeiten verwickelt, daß er, man behauptet sogar ausgewiesen, Wien verließ und sich nach Berlin wandte. — Hier begründete er mehrere Blätter, so 1826 die „Berliner Schnellpost für Litteratur, Theater und Geselligkeit“, welche er auch 1827 fortführte, in letzterem Jahre jedoch gab er schon den „Berliner Courier“ (1827—1829) heraus. Seine Angriffe erregten jedoch auch in Berlin viel mißliebiges Aufsehen, zuvörderst hatte er die berühmte Sängerin Henriette Sontag durch ein Gedicht lächerlich gemacht, später wandte er sich gegen hervorragende Berliner Bühnendichter und Schriftsteller, wie Angely, La Motte-Fouqué, Gubitz, Häring, Rellstab, v. Uechtritz u. A., welche sich gegen seine beißende Schreibweise ernst verwahrten und die er in den Pamphleten: „Der getödtete und dennoch lebende Saphir oder 13 Bühnendichter und ein Taschenspieler gegen einen einzelnen Redakteur“ (Verl. 1828) und „Kommt her!“ (Berl. 1828) an den Pranger stellte. Saphir's Bleiben in Berlin währte in Folge der entstandenen Zwistigkeiten nicht lange und er übersiedelte nach München im J. 1829. Auch hier waren es neue journalistische Unternehmungen, die er begründete, zunächst das Blatt „Der Bazar für München und Baiern“ und die Zeitung „Der deutsche Horizont“, beide Blätter währten kaum einige Jahre, von 1830—1833. Ob es wirklich der Fall gewesen, was ein (allerdings von S. beeinflußter) Biograph in das Reich der Fabel verweist, daß S. nämlich in München den König beleidigt habe und vor dem Portraite desselben Abbitte leisten mußte, bleibe dahingestellt, immerhin wurde das scandalöse Auftreten gegen das königliche Theater in München dem Redacteur der obigen Zeitschriften sehr übel genommen und zog ihm scharfe Verwarnungen sogar von Seite der Behörde zu, so daß er sich veranlaßt sah, München zu verlassen.

    S. wandte sich zunächst nach Paris, wo er im Verkehr mit Heine und Börne lebte, mit letzterem sogar in einem Hause zusammen wohnte. Er hielt in Paris einige seiner später erst berühmt gewordenen Vorlesungen und wurde sogar an den königlichen Hof zu einer solchen eingeladen. In demselben Jahre 1331 kehrte S., dem vom König von Baiern die Rückkehr nach München gestattet worden war, wieder in die bairische Hauptstadt zurück, redigirte daselbst den „Bairischen Beobachter“, trat 1832 zum Protestantismus über und wußte seine Feder diesmal so im Zaum zu halten, daß er sogar zum königlichen Hoftheaterintendanzrathe ernannt wurde. Im Museum zu München hielt er schon damals zahlreiche humoristische Vorlesungen ab. Im Jahre 1834 begab sich S. nach Wien, wurde Hauptmitarbeiter der „Theaterzeitung“ Bäuerle's und begann 1837 die Herausgabe eines eigenen Blattes „Der Humorist“, welches er bis 1858 redigirte. In Wien wurden die nunmehr häufigen humoristischen Vorlesungen und declamatorischen Abende, welche er meist für wohlthätige Zwecke veranstaltete, außerordentlich beliebt und S. selbst eine Jahre lang gefeierte Persönlichkeit. Im Jahre 1848 wurde S. zwar in Wien zum Präsidenten des Schriftstellervereins gewählt, verließ aber die Residenz und begab sich nach Baden, wo er von da an öfter ebenfalls seine beliebten Vorträge abhielt. Nachdem Wien ruhiger geworden, kehrte S. zurück, machte noch im J. 1853 eine Reise nach Brüssel, wo er mit Alex. Dumas befreundet wurde, besuchte im J. 1855 Paris, woselbst er vor dem Hofe las und lebte sodann in Wien hauptsächlich seiner redaktionellen Beschäftigung. Man beachtete seine hier und da noch immer scharfe Feder nach dem J. 1848 nicht mehr so wie früher, und als er einmal den Journalisten Valdeck zu heftig angriff, entwickelte sich zwar ein heftiger Zeitungskampf, es war aber von Saphir's weiterem Treiben später wenig mehr die Rede. Im J. 1858 erkrankt, starb der 64jährige am 5. September desselben Jahres zu Baden.

    Von den Werken Saphir's, welcher an zahlreichen hervorragenden Zeitschriften Deutschlands und Oesterreichs Mitarbeiter war, seien noch genannt: „Conditorei des Jokus“ (Leipzig 1828), „Humoristische Abende“ (Augsburg 1830), „Dumme Briefe“ (München 1834), „Am Plaudertische“ (Berlin 1843), „Wilde Rosen“, Ged. (Wien 1847). „Fliegendes Album für Ernst. Scherz, Humor“ (Leipzig 1846), 2 Bde., „Humoristische Damenbibliothek“ (Wien 1838—41). 6 Bde., „Conversations-Lexikon für Geist. Witz und Humor“ (Wien 1861), 6 Bde. Von 1855 an gab S. den außerordentlich beliebt gewordenen „Humoristischen Volkskalender“ (Wien 1855—58) heraus. Seine gesammelten Schriften erschienen zuerst in Stuttgart 1832 in 4 Bänden, die neuesten Ausgaben bei Karafiat in Brünn und zwar im J. 1880 unter dem Titel: „Saphir's Schriften“ in 26 Bdn., eine Volksausgabe wurde 1886—88 ebenfalls in 26 Bdn. herausgegeben. Was die litterarische Bedeutung M. G. Saphir's anbelangt, so ist wohl selten ein Autor in so außerordentlicher Weise von der Mitwelt — wenigstens in der vormärzlichen Periode — überschätzt worden als dieser „Großmeister des deutschen Humors“, wie ihn ein Biograph nennt. Schon der Umstand, daß man an dem Schriftsteller S. nur die humoristische Thätigkeit hervorhob, welche in der Art wie sie von ihm gehandhabt wurde, dem zeitgenössischen Publicum zusagte, ist dafür bezeichnend; denn wir besitzen auch ernstere Novellen von S., memoirenhafte Aufsätze und in den „wilden Rosen“, sowie in einer Reihe anderer lyrischer Dichtungen poetische Stücke, welche mit den humoristischen Worthaschereien, wie sie S. in die Litteratur einführte, durchaus nichts zu schassen haben. Es scheint aber, daß S. selbst auf diese Erzeugnisse seiner Feder wenig oder gar kein Gewicht legte, obgleich gerade sie beweisen, daß er das Talent gehabt hätte, bei ernsterem Streben und bei seinen bedeutenden Geistesgaben Nachhaltigeres und Hervorragendes zu leisten. Die „humoristischen Vorlesungen“ und Kalenderspäße jedoch wenden sich denn doch an ein gar zu naives Publicum, an einen Leserkreis, wie er heutzutage überhaupt nicht mehr existirt und nur in der noch nicht verblaßten Erinnerung an den einst so gefeierten und berühmten Namen S. beruht der Erfolg, welchen Saphir's Werke heute noch in gewissen Kreisen finden,|die Litteraturgeschichte kann diese Gattung von Schöpfungen nur als Curiosa auffassen, die allerdings Jahrzehnte hindurch in Oesterreich und in einem Theile Deutschlands Epoche gemacht haben. Nur aus dem letzteren Grund erscheint es gewissermaßen nöthig, an dieser Stelle der litterarischen Thätigkeit dieses Schriftstellers etwas eingehender zu gedenken. Man kann dieselbe am besten in Gruppen eintheilen, von denen die eine Gruppe die lyrischen Dichtungen umfaßt und zwar die ernsten Gedichte sowohl als die zumeist für den mündlichen Vortrag bestimmten „humoristischen"; in die zweite kleine Gruppe wären etwa die „Briefe aus Paris“, die memoirenhaften Aufzeichnungen, darunter ein Bruchstück seiner Selbstbiographie, welche manches Interessante bieten, einzureihen; einer eigenen Gruppe dürften die verschiedenen Skizzen aus dem Wiener Leben, die novellistischen Arbeiten ernsterer und heiterer Gattung zuzuweisen sein, und als umfassendste letzte Gruppe können die zahlreichen humoristisch-satyrischen Vorlesungen, Aussätze, Skizzen und Plaudereien gelten, auf welche der Verfasser selbst und seine Zuhörer und Leser so großen Werth legten.

    Was die lyrischen Dichtungen Saphir's betrifft, so hat in den zwei Sammlungen „Wilde Rosen", von denen die erstere „An Hertha" gerichtete in eigener Ausgabe ziemlich spät, nämlich 1847, erschien, der Dichter eine große Zahl von Liebesliedern und sentimental angehauchten Versen niedergelegt und vielfach darin Heine sich zum Muster genommen, einen nachhaltigen tieferen Eindruck vermögen jedoch diese Gedichte nicht zu machen, unter denen übrigens selbstverständlich auch das eine oder andere gelungene Stück zu verzeichnen ist. Häufig finden sich hier banale Phrasen, ungeschickte sprachwidrige Ausdrücke (z. B. Wie man schreibt ein Liebgedicht. — Wandle. Frühling, weiterwärts!), selten hübschere Bilder und tiefere Gedanken. Ein zierliches ganz kurzes Märchen in Versen bietet „Goldfischleins Roman“. Von den übrigen zum Theile auch erzählenden Gedichten wären allerdings einige hervorzuheben, so insbesondere das mit Recht weithin bekannt gewordene: „Des Hauses letzte Stunde“ ("Im Garten zu Schönbronnen, da liegt der König von Rom") oder „Der alte Jüngling", „Des Invaliden Rundgang", „Der stille Gang" und mehrere Andere. Die viel zahlreicheren übrigen „für Declamation" bestimmten Gedichte sind mit verschiedenen Wortspielen und oft recht flachen Witzen durchtränkte Mittelwaare und nur einige Titel derselben seien hier angeführt um zu zeigen, wie sich der Dichter gewöhnlich dabei in Vergleichen gefällt: „Kalenderweisheit und Aprilnarren", „Splitter und Balken". „Frauenherz und Eisenbahn", „Ehe-Whist und Liebe-Boston", „Männlich und Weiblich", „Dialect und Orthographie“, „Sterngucker und Börsenschlucker“. In dieser Weise findet sich eine Anzahl meist herzlich unbedeutender Poesien, welche allenfalls heute noch hier und da von minderen Schauspielern oder in bürgerlichen Gesellschaftskreisen zu Vorträgen gewählt werden, aber sogar hiefür schon veraltet und von Besserem überholt sind.

    Die weitere Gruppe der Schriften Saphir's, welche ernster zu nehmen ist, umfaßt, wie erwähnt, die „Pariser Briefe", die memoirenartigen Aufzeichnungen und die kritischen Schriften sowohl des „Theater-Salons“ als auch des „Litterarischen Salons“. Ueber seinen Aufenthalt in Paris berichtet S. in sehr ansprechender Weise und bietet Federzeichnungen hervorragender Männer wie Alex. Dumas, Verdi, Scribe, Börne und Heine, welche er besucht und mit denen er viel verkehrt hat. Es sind dies oft recht gelungene Porträts oder Skizzen und auch die Darstellung der übrigen Pariser Verhältnisse in diesen Briefen zeigt den gebildeten Geist und den feinen Beobachter. Aehnliches kann von den Memoiren gelten, insbesondere von der begonnenen Selbstbiographie Saphir's, welche leider abgebrochen und nicht fortgesetzt wurde. Dieses Bruchstück der Selbstbiographie reicht bis zum 25. oder 26. Lebensjahre Saphir's, sie ist allerdings ebenfalls|mit vielen überflüssigen Witzen ausgestattet, bietet aber eine gelungene Uebersicht der früheren Lebensperiode des Dichters und manchen Einblick in die Familienverhältnisse seiner Eltern. Man findet dieses Bruchstück einer Selbstbiographie in der neuesten (Volks-)Ausgabe von Saphir's Schriften (Brünn 1888) Bd. XXIII, E. 1—83.

    Einer besonderen Gruppe kann man die novellistischen Skizzen, Novelletten und kleineren Erzählungen sowie die Darstellungen aus dem Wiener Leben, in denen wirklich oft echter Humor steckt, beizählen. Seine älteren Novellen (Der Leichenmaler, Die Unbekannte, Wahnsinn durch unglückliche Liebe, Die Liebe am Hochgericht) bieten in knapper Form so bizarre, düstere, oft schauerliche Scenen, daß man unwillkürlich zu dem Gedanken gelenkt wird, S. habe sich E. T. A. Hoffmann's Schauererzählungen zum Muster genommen. Die übrigen später entstandenen Novelletten z. B. die „Kokettir-Novellen' sind im geraden Gegensatz hierzu leichte mit den üblichen „Witzen" durchzogene Erzählungen von Liebesabenteuern, komischen Situationen u. dgl. Den Skizzen aus dem Wiener Leben, die er unter den verschiedensten oft recht ungeschickten Titeln veröffentlichte, gebührt jedoch mehr Aufmerksamkeit, in diesen „Lebende Bilder", „Humoristischsatyrischer Bilderkasten“, „Sechse treffen“ u. dgl. überschriebenen Zusammenstellungen führt uns der Verfasser in das Kleinleben Wien's ein oder schildert gewisse typische Gestalten mit vielem Humor, hierher gehört z. B. auch die köstliche Beschreibung der Don Carlosvorlesung in einem kleinbürgerlichen Familienkreise unter dem Titel „Don Carlos mit Butter", die Zeichnung des „Pantoffelmanns", des „Eckgastes", des „Judenfeindes“, des „Visitenmörders“, die Vorführung der sechs „Lebens-Narren": Der Gassen-Philanthrop, Der Anekdoten-Krampus, Der Fragen-Donnere, Der Visiten-Igel. Die Wittwe im Krapfenwaldel, Der litterarische Mitesserr. Aus diesen kurzen humoristischen Aufsätzen lernen wir eine Reihe von Figuren, Verhältnisse und Zustände des vormärzlichen Wien kennen, die wohl heute noch hier und da in ähnlicher Weise vorkommen, der Verfasser wird dabei zum Culturschilderer und es ist zu bedauern, daß ihm die Kenntniß des Dialectes abgeht, welcher den Localton noch treffender charakterisiren könnte.

    Als letzte Gruppe sind die zahllosen „humoristischen Vorlesungen“ anzuführen, die sich in den Werken Saphir's zerstreut finden. Gerade diese haben S. zu seinem einst so hervorragenden Namen verholfen, gerade diese sind aber von geringem litterarischem Werthe. Waren die Titel mancher Skizzen der früheren Gruppe oft nicht passend, so sind viele Titel dieser Vorlesungen geradezu albern. Man urtheile z. B. über solche Titel wie: „Das ausgestopfte Beethovenfest, oder Ach und Krach vom Beethovenfeste", „Schnurrbarts-Lamentation", „Die deutsche Butter in Bezug auf deutsche Litteratur, Kunst und Censur“, „Die Naturforscher-Versammlung in der Milchstraße". „Unseres Herrgott's Polizeistunde im Wirthshause des Lebens“. In dieser Weise folgen sich die Ueberschriften der Vorlesungen, über deren Inhalt zu berichten wahrhaftig schwer fällt. Wortwitze und Verdrehungen sind hauptsächlich darin zur Anwendung gebracht und mit allerdings überraschender Schlagfertigkeit die seichtesten Kalauer zu Tage gefördert. S. handelt über Frauen, Liebe. Ehe, Theater und ähnliche dem Residenzbewohner und insbesondere der Bewohnerin nahe liegende Gegenstände, Umstellungen von Worten, Veränderungen des Sinnes der Ausdrücke und Anwendungen nahe liegender Bezeichnungen auf ferne Liegendes bilden die Hauptstücke dieser Gattung von Humor, der durchaus nicht mit demjenigen Jean Paul's zu vergleichen ist, wie dies von verschiedenen Seiten geschah, als S. auf dem Höhepunkte seiner Beliebtheit stand. In welcher Art S. seine „Witze“ einrichtet, mögen nur einige Beispiele zeigen: „Die Esel sind die ersten Urheber und Wegbahner der Freiheit“ heißt es an einer Stelle über eine Bergpartie, die auf Eseln unternommen wurde,|"denn auf Eseln kann man auf hohe Berge kommen und auf den Bergen — — sagt Schiller — wohnt die Freiheit.“ — „Die Frauen sind musterhaft, wenigstens was die Haubenmuster betrifft.“ — „Warum sind in Sibirien keine Krebse? Weil an ein Zurückgehen von dort gar nicht zu denken ist.“ — „Als der Mensch geschaffen wurde, ist er sogleich gefallen und zwar in einen tiefen Schlaf.“ — „Ich hab' einmal in Berlin einen guten Witz gemacht — der Witz war so brillant, daß er den S. dreimal 24 Stunden ins Dunkle gesetzt hat.“ — „Es geht mit dem Gelde im Leben wie mit den Ohrfeigen. Mancher, der keine verdient, kommt alle Augenblick zu einer und Einer, der recht viel verdiente, dem werden sie leider vorenthalten.“ Man ersieht aus diesen Proben, in welcher Weise S. die Pointe seiner Witze hervorzukehren wußte, von denen fast ununterbrochen einer dem andern folgt, wenn auch das eigentliche Thema, falls man überhaupt von einem solchen sprechen kann, dabei ganz außer Acht gelassen wird. Die humoristischen Vorlesungen mögen als kurzer Vortrag eine gute recht heitere Wirkung gehabt haben, in der Lectüre werden sie jedoch eintönig und langweilig, zumal begreiflicherweise eigentliche Geistesanregung darin nicht zu finden ist. In den 26 Bänden von Saphir's Werken steckt immerhin manches Schöne und Werthvolle, manches Gedicht und manche Prosaskizze, die litterarischen Werth besitzen und eine Sammlung dieser Stücke in 2—3 Bänden wäre eine dankenswerthe Aufgabe. Die neuesten Ausgaben seiner Werke sind in gar zu leichtfertiger Weise zusammengestellt, eine sorgfältigere Behandlung hätten sie immerhin verdient.

    • Literatur

      H. Laube, Gesch. d. Deutschen Litteratur. Stuttgart 1840. III, S. 323 f. — Menzel, Deutsche Dichtung III, S. 512. —
      Gottschall. Die deutsche Nationallitteratur des 19. Jahrhunderts, 5. Auflage, III, S. 109. —
      H. R. v. Levitschnigg's Biographie Saphir's im „Album österr. Dichter.“ N. F. Wien 1858 ist sehr panegyrisch gehalten; sie ist wieder abgedruckt in den „Schriften“ Volks-Ausg. Bd. 14. — Goedeke, Grundriß d. d. Dchtg. III. Bd. S. 587 behandelt S. sehr eingehend, Wurzbach, Biogr. Lex. Bd. 28, S. 213 mit gewohnter Genauigkeit.

  • Autor/in

    A. Schlossar.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schlossar, Anton, "Saphir, Moritz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 364-369 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794558.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA