Lebensdaten
1447 bis nach 1528
Geburtsort
Augsburg
Sterbeort
Augsburg
Beruf/Funktion
Drucker ; Verleger
Konfession
katholisch,evangelisch?
Normdaten
GND: 11878790X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rattold, Erhard
  • Rautold, Erhard
  • Radolt, Erhard
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Zitierweise

Ratdolt, Erhard, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd11878790X.html [01.10.2016].

CC0

Ratdolt (Rattold, Rautold), Erhard

Buchdrucker und Verleger, * 1447 Augsburg, vor 23.1.1528 Augsburg.

  • Genealogie

    Aus Handwerkerfam., d. wohl aus Aichach (Bayern), im 15. Jh. nach A. zuzog; V Erhard ( 1459/60), Kistler, Zwölfer d. Zimmerleutezunft, auch Tuchhändler; M Anna N. N. ( 1476/77); B Hans, Kistler u. Gipsgießer, schloß 1475 e. Vertrag mit Hzg. Sigismund v. Tirol z. Errichtung d. Fam.grabdenkmals in Kloster Stams (1680 beseitigt); Schw Veronika; - 1) Venedig 1476 Anna Eisenhofer ( 1483), 2) Augsburg 1485 Veronika Epishofer; 1 T aus 1) Anna (1479–1522), seit 1498 Benediktinerin in Kloster Holzen, 1 S aus 2) Georg (1486–1539, Walburga, T d. Ulrich Arzt, aus Augsburger Kaufm.fam.), studierte 1500 in Ingolstadt, 1513 Teilh. d. väterl. Unternehmens.

  • Leben

    R. erlernte das Kistlerhandwerk und die Gipsgießerei (1473 lieferte er eine Figur zur Ausschmückung des Augsburger Rathauses), dürfte daneben aber auch eine Lateinschule besucht und eine kaufmännische Ausbildung erhalten haben. Nach eigenhändigen biographischen Aufzeichnungen reiste er bereits als 15jähriger erstmals nach Italien. Wo R. das Drucken erlernte, ist nicht bekannt. Mit Sicherheit wohnte er 1474 in Venedig. Dort richtete er zusammen mit dem Augsburger Bernhard Pictor (Maler) und dem aus Langenzenn bei Fürth stammenden Peter Löslein seine erste Druckerei ein. In dieser 1476-78 bestehenden Geschäftsverbindung dürfte R. für die technischen und kaufmännischen Belange zuständig gewesen sein, während Pictor den Buchschmuck entwarf und Löslein Textgestaltung und -korrektur besorgte. Danach führte R. die Offizin allein weiter. In Venedig entstanden so von 1476 bis März 1486 rund 70 Drucke mit einem Schwerpunkt auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Werken (z. B. erste Euclid-Ausgabe, 1482), die sich durch sorgfältige Typographie und hochwertigen Buchschmuck auszeichnen. R. und seine Partner führten dabei eine Reihe von Neuerungen ein: 1476 erstmalige Verwendung des Titelblatts sowie der Einsatz von Bordüren und, Litterae florentes' (Initialen in weißer Zeichnung auf farbigem Grund), 1482 erste Darstellungen von mathematischen Figuren, 1485 erster Einsatz des Mehrfarbendrucks und 1486 erste Publikation eines Schriftmusterblatts zu Werbezwecken.

    Durch seine zweite Heirat 1485 hatte R. erneut das Augsburger Bürgerrecht sowie die Mitgliedschaft in der Salzfertigerzunft erlangt. Dies erleichterte seine Rückkehr in die Heimatstadt als angesehener und wohlhabender Verleger und Drucker in der 2. Hälfte 1486. Wiederholt war er dazu von den Augsburger Fürstbischöfen Johann v. Werdenberg und dessen Nachfolger Friedrich v. Zollern aufgefordert worden. In Augsburg erfüllte R. die in ihn gesetzten Erwartungen, den Bedarf an liturgischen Büchern decken zu helfen. Fast die Hälfte seiner Druckproduktion bestand aus Liturgica für süddt. Bistümer sowie für Chur und Aquileia; daneben publizierte er weiter naturwissenschaftliche Werke. Als Buchillustratoren waren u. a. Hans Burgkmair und Jörg Breud. Ä. für ihn tätig. Auch in Augsburg führte R. Neuheiten (wie den Fünffarben- und Golddruck) ein und bot als einer der ersten Verleger Bücher in Verlegereinbänden oder bedruckten Schutzumschlägen an. Obwohl um 1500 seine Buchproduktion stark zurückging, entstanden zwischen 1487 und 1522 über 220 Werke. Der Buchhandel mit kath. Literatur wurde auch in der Reformationszeit weitergeführt. R.s herausgehobene soziale Stellung belegen seine Mitgliedschaft im Großen Rat und die Tätigkeit als Gassenhauptmann; zudem gehörte er einer ksl. Kommission unter Kard. Matthäus Lang an, die 1511 nach Mantua reiste, um einen Friedensvertrag mit Venedig auszuhandeln.

  • Werke

    d. gesamten Druckproduktion bearb. v. P. Geissler, E. R., in: Lb. Bayer. Schwaben 9, 1966, S. 97-153.

  • Literatur

    ADB 27; G. R. Redgrave, E. R. and his work at Venice, 1894; K. Schottenloher, Die liturg. Druckwerke E. R.s aus Augsburg 1485-1522, Typen- u. Bildproben, 1922; I. Schwarz, Die Memorabilien d. Augsburger Buchdruckers E. R. (1462-1523), in: Werden u. Wirken, FS f. K. W. Hiersemann z. 70. Geb.tag u. 40j. Bestehen seiner Firma, hg. v. M. Breslauer u. K. Koehler, 1924, S. 399-406 (mit e. Ed. v. Wien Nat.bibl., Cod. 15473, fol. 2v-4v); A. Schramm, Der Bilderschmuck d. Frühdrucke, 23: Die Drucker in Augsburg, 1943, Nachdr. 1981; F. Geldner, Die dt. Inkunabeldrucker, 1968-70, Bd. I, S. 150-57, u. Bd. II, S. 72-80; weitere L zu Einzelaspekten, in: Der Buchdruck im 15. Jh., Eine Bibliogr., hg. v. S. Corsten u. R. W. Fuchs, 2 Bde., 1988-93, Bd. 1, S. 390 f., 642, 653 f., u. Bd. 2, S. 755; K. Schlager, Th. Wohnhaas, Eine Offizien-Ausg. v. 1512, in: Jb. d. Ver. f. Augsburger Bistumsgesch. 29, 1995, S. 292-317; H.-J. Künast, „Getruckt zu Augspurg“, 1997; ThB; Lex. MA; LGB.

  • Quellen

    Qu StadtA Augsburg; Archiv d. Bistums Augsburg; Wien, Nat.bibl., Cod. 15473.

  • Autor

    Hans-Jörg Künast
  • Empfohlene Zitierweise

    Künast, Hans-Jörg, "Ratdolt, Erhard" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 168-169 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11878790X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Ratdolt, Erhard

  • Leben

    Ratdolt: Erhard R., Augsburgs berühmtester Buchdrucker, entstammte einer dortigen Künstlerfamilie, welche sich durch Anfertigung plastischer Figuren aus Gyps auszeichnete, und soll ursprünglich Armbrustschnitzer gewesen sein. Da sein Name in den Steuerlisten der Stadt Augsburg von 1469—1473 ohne Berufsangabe, 1474 als Buchbinder und 1475 als Buchdrucker erscheint, so ist wohl anzunehmen, daß er in diesem Jahre bereits in einer Augsburger Officin thätig war. Noch in demselben Jahre ging R., vermuthlich in der Absicht sich künstlerisch auszubilden, nach Italien; doch da er in der Heimath auch die Kunst des Bücherdruckes kennen gelernt hatte, wandte er sich ihr in Venedig ausschließlich zu. Gleichzeitig mit R. waren Bernhard Maler oder Pictor aus Augsburg und Peter Löslin oder Löslein aus Langenzenn bei Nürnberg als Drucker nach Venedig gekommen, und diese drei bildeten nun daselbst das berühmte deutsche Buchdrucker-Triumvirat, in welchem Löslin hauptsächlich als Corrector thätig war, während Pictor, der von Hause auch Maler war, als Form- und Metallschneider mitwirkte. Eines der schönsten Werke, welches aus der Officin dieser Druckergesellschaft hervorging, ist unstreitig der "Appianus latine. Impressum hoc opus est Venetiis per Bernardum pictorem et Erhardum Ratdolt de Augusta unacum Petro Loslein de Langencen correctore et Socio MCCCCLXXVII" In demselben finden sich sehr schöne Initialen, wie auch in dem 1476 von ihm daselbst gedruckten "Calendarium" des Johann Regiomontan hübsche Zierleisten angebracht sind. Auf einem von ihm 1478 gedruckten Werkchen des "Francisci Mataratii opusc. de componendis versibus" lautet die Jahreszahl durch Auslassen eines X irrthümlich 1468. In dem Büchlein finden sich ebenfalls Initialen, mit Blumen und Laubgewinden verzierte Anfangsbuchstaben (litterae florentes), deren Erfindung häufig R. zugeschrieben wird, obgleich Regiomontanus in seinen Werken schon vorher derartige Zierbuchstaben verwendet hatte. Im J. 1480, in dem R. sich von Pictor und Löslin trennte, um seine Werkstatt allein fortzuführen, druckte er eine kleine Schrift in Sachen der von den Türken belagerten Stadt Klausenburg, betitelt: "Jacobus de Curte: De urbis Collosensis obsidione a Turcis tentata," In der 1482 von ihm gedruckten berühmten Ausgabe des Euklid, deren Zueignung an den Dogen Mocenigo von Venedig zum ersten Male in Goldschrift gedruckt ist, schuf er das erste mit mathematischen Figuren ausgestattete Buch. Durch dieses Werk hatte R. sich einen solchen Ruf erworben, daß er der Beschützer und Vater der Mathematiker genannt wurde; auch ergingen aus vielen Städten Italiens und Deutschlands infolgedessen die ehrenvollsten Rufe an ihn, besonders die Bischöfe Augsburgs drängten ihn|unausgesetzt zur Rückkehr in seine Vaterstadt. Aber R. blieb noch weitere vier Jahre in Venedig, wo er noch verschiedene hervorragende Drucke lieferte, so 1482 eine Einführung in die Astronomie "Joannis de sacro busto sphericum opusculum", 1483 dann "Eusebii Cassariensis Chronicon id est temporum breviarium. Venetiis, Erhardus Ratdolt 1483" und in demselben Jahre eines der frühesten in Venedig gedruckten deutschen Werke, nämlich "Das Buch der zehn gepot. Druckte erhart ratdolt von augspurg zu Venedig 1483". Zu den letzten von R. in Venedig gedruckten Werken gehört das "Opusculum repertorii prognosticon in mutationes aeris tam via astrologica quam methodo logica. 1485". Den wiederholten Aufforderungen des Grafen Friedrich von Hohenzollern und des Bischofs Joh. von Werdenburg zur Rückkehr in seine Vaterstadt folgend, verlegte R. 1486 seine Druckerei von Venedig nach Augsburg, wo er noch viele Jahre mit dem gleichen Ruhm wie in der Fremde arbeitete. Sein früherer Theilhaber Löslin blieb in Venedig, wo er für sich allein druckte, und auch Pictor scheint nicht mit R. nach Augsburg zurückgekehrt zu sein; wenigstens ist sein Name in dem 1460 von Thomas Burgkmair angelegten Handwerksbuch der Augsburger Zunft nicht eingetragen. In Augsburg wurde R. durch den Druck seiner unvergleichlich schönen Chorbücher so berühmt, daß ihm von weit und breit Aufträge aus Klöstern und Stiftern zur Herstellung von Kirchenbüchern zu Theil wurden, die er in schönstem Roth- und Schwarzdruck die 40 Jahre seiner Thätigkeit hindurch gleich ausgezeichnet ausführte. Seine Breviarien und anderen kirchlichen Bücher druckte er vorzugsweise für die Bischöfe von Augsburg, Passau und Constanz, während ein 1488 bei ihm erschienener Abdruck der ungarischen Chronik des Johann v. Thwroz im Auftrage und auf Kosten des Ofener Buchhändlers Theobald Feger erfolgte. Von seinen übrigen Druckwerken verdienen besonders folgende noch angeführt zu werden: "Rituale" oder "Obsequiale" von 1487, vermuthlich sein erstes, für die Augsburger Diöcese, hier vollendetes Werk; ein im 9. Jahrhundert verfaßtes astronomisches Buch des arabischen Gelehrten Albumasar oder Aboasar "Flores Albumasaris 1488", mit ungefähr 70 astronomischen Figuren; das "Liber Missalis Augustensis 1491", das frühe Proben des Notendrucks mit beweglichen Typen aufweist; dann das "Psalterium cum apparatu vulgari familiariter appresso. Lateinisch psalter mit dem teutschen nützlichen dabey gedruckt", das 1494 erstmalig und bald darauf in zweiter Ausgabe bei R. erschien; das Chorbuch "Obsequiale sive benedictionale s. eccles. Constantiens. 1502", in neuer Ausgabe 1510; und endlich das "Missale, s. ritum Augustensis ecelesie cum ... officio defunctorum in pergameno etc. Auguste vind. per Erhardum ratclott 1510", das durch den Druckfehler im Namen des Druckers merkwürdig ist. Das letzte Buch Ratdolt's ist wahrscheinlich das "Constanzer Brevier" mit der Unterschrift: "Kalendarium: Psalterium: Hymmi: Breviarium: Commune Sanctorum juxta chorum Ecclesiae Constantiensis 1516". Ebenso widmete sich R. auch dem Druck musikalischer Werke, ja er soll sogar nach Kapp (Geschichte des deutschen Buchhandels S. 130) der Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen sein, für welche Behauptung jedoch Beweise noch fehlen, denn es ist noch nicht festgestellt, ob die Noten im Liber missalis de 1491 mit gegossenen Typen hergestellt sind, in welchem Falle allerdings der Buchdrucker Oeglin, welcher bisher für den Erfinder des Notendruckes mit beweglichen Typen in Deutschland gehalten wurde (s. A. D. B. XXIV, 178), abgesetzt wäre, jedoch auch R. noch nicht auf die Bezeichnung eines Erfinders Anspruch hätte, da ganz derselbe Notendruck schon vor 1491 bei anderen vorkommt, z. B. im Missale Herbipolense s. l. et a. (Herbipoli, Reyser c. 1481) und in dem Missale ord. Praed., Venet. O. Scoti 1482. Jedenfalls aber kommt R. das Verdienst zu, der erste Buchdrucker gewesen zu sein, welcher besondere Titelblätter in der heute üblichen Weise brachte, und, wie bereits oben erwähnt wurde, der zum ersten Male mit Goldschrift druckte, sowie die Renaissance-Buchstaben durch den Holzschnitt für die Typographie verwendete. Sein Druckerzeichen ist das Sternbild des Herkules auf einem Schilde, über dem sich ein Helm mit zwei Hifthörnern befindet, zwischen welchen ein Stern steht; ein nackter Mann hält in der rechten zwei Schlangen, auf seinem Leib ist ein rother Stern angebracht. R. starb um 1528, in welchem Jahre er zuletzt Steuern zahlt, und zwar die für die damalige Zeit hohe Summe von 30 Gulden Einkommensteuer, als ein sehr angesehener und ebenso vermögender Mann, was unter den zeitgenössischen Typographen eine große Seltenheit war; er soll ein Alter von 85 Jahren erreicht haben. Von dem Umfang und der Schönheit seines Schriftenmaterials zeugt eine von ihm erhalten gebliebene Schriftproben-Liste in der Hof- und Staatsbibliothek zu München.

    • Literatur

      Falkenstein, Geschichte S. 159. 216. — Klemm, Katalog S. 261. 291. — Kapp, Geschichte S. 130 ff. — Schmid, Fr., die Ratdoltischen Drucke.— Serapeum 1843. S. 349. 364; 1861. S. 360; 1862. S. 57. — Faulmann, Geschichte S. 210. 228. 230. — Lorck, Geschichte S. 59. — Zapf, Annales I, 24, 35. II. 15, 24. — Nagler, Monogrammisten I. S. 714—719. — Goedeke, Grundriß I, 140. — Panzer, Annalen I, 108, 182, 191, 201, 238. — Panzer, Annales I, 112 ff. — Hain, Repertorium Nr. 609, 4034, 5868, 10889, 11260, 13393, 13511 u. s. w.

  • Autor

    J. Braun.
  • Empfohlene Zitierweise

    Braun, J., "Ratdolt, Erhard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 341-343 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11878790X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA