Lebensdaten
1816 bis 1903
Geburtsort
Kassel
Sterbeort
Rom
Beruf/Funktion
Schriftstellerin
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118582054 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rivalier von Meysenburg, Malwida Freiin von
  • Rivalier-Meysenburg, Malwida Freiin von
  • Meyenbug, Malwida
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Zitierweise

Meysenbug, Malwida Freiin von, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118582054.html [23.07.2016].

CC0

Meysenbug (eigentlich Rivalier von Meysenbug), Malwida Freiin von

Schriftstellerin, * 28.10.1816 Kassel, 26.4.1903 Rom. (reformiert)

  • Genealogie

    V Carl Rivalier (hess. Adel 1825 de Meysenbug, österr. Frhr. 1834, 1779-1847), aus Hugenottenfam., Hofmarschall u. Geh. Kabinettsrat, seit 1821 kurhess. Staatsmin., S d. Louis (1725–89), Sekr. d. franz. Altstädter Gemeinde in K., u. d. Susanne Dorothee Ludemann (1743–85); M Ernestine (1784–1861), T d. Finanzrats Georg Hansell u. d. Wilhelmine Müller; B Otto (1806–86, seit 1853 kath.), k. u. k. GR, Unterstaatssekr. im Min. d. Kaiserl. Hauses u. d. Äußern, Carl (1807–66), lipp. Kammerherr u. Hofmarschall, Wilhelm (1813–66), bad. Gesandter in Berlin, seit 1856 bad. Min. d. Auswärtigen (s. ADB 21); N Hermann (* 1848), Kammerherr, Hptm. u. Schriftst. (s. Wi. 1914), Marie Schwarz (1860–1910), Schausp. (s. Eisenberg); – ledig.

  • Leben

    M. wurde von ihrer Mutter in Musik, Malerei und Literatur unterrichtet. Von einer fundierten höheren Bildung, die für Frauen nicht vorgesehen war, blieb sie ausgeschlossen. Dies wurde ihr später bei dem Versuch, eine selbständige Existenz zu führen, schmerzlich bewußt. Als sich der Vater mit dem hess. Kurfürsten Wilhelm II. nach dem Erlaß einer Konstitution ins freiwillige Exil begab, übersiedelte M. 1832 mit der Mutter und der jüngeren Schwester nach Detmold. Von der Konfirmation durch den dortigen Generalsuperintendenten Georg Friedrich Althaus erwartete M. eine besondere Erfahrung der Gnade. Als diese ausblieb, richtete sie ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf soziale Probleme, angeregt durch die Lektüre Goethes, Bettina v. Arnims und Rahel Varnhagens. So gründete sie einen karitativen Verein der Arbeit für Arme, dem auch eine mit ihr befreundete Tochter von Althaus angehörte. 1844 lernte M. deren um sechs Jahre jüngeren Bruder Theodor kennen, der sich nach einem Studium der Theologie der demokratischen Publizistik verschrieben hatte. Unter seinem Einfluß distanzierte sie sich, wenn auch unter starken Skrupeln, von den konservativen Anschauungen ihrer Familie, ihres Standes und ihrer Kirche. Daß Althaus, zu dem sie eine starke Zuneigung gefaßt hatte, sich 1847 von ihr abwandte, blieb eine tiefe Enttäuschung. M. erlebte mit leidenschaftlicher Sympathie 1848 in Frankfurt, wo sie sich seit dem Tode ihres Vaters aufhielt, die Revolution und fühlte sich fortan der demokratischen Bewegung zugehörig.

    Um sich eine bessere Ausbildung zu verschaffen und sich aus der starken Bindung an ihre Familie zu lösen, entschloß sie sich 1850, die „Hochschule für das weibliche Geschlecht“ in Hamburg zu besuchen, die im selben Jahr auf Initiative von Emilie Wüstenfeld und Berta Traun gegründet worden war und von Carl und Johanna Fröbel geleitet wurde. Sie wirkte bald als Gehilfin in dem der Hochschule angegliederten Pensionat und beteiligte sich 1851 beim Aufbau einer konfessionsfreien Schule der „Freien Gemeinde“, der sie beigetreten war. M.s Tätigkeit in Hamburg, wo sie ihre emanzipatorischen Ideen hatte praktisch umsetzen können, endete im April 1852 mit der Schließung der Hochschule unter dem Druck konservativer Kreise. Während eines anschließenden Aufenthalts in Berlin wurde nach einer Denunziation durch ihren jüngsten Bruder Wilhelm, der bad. Gesandter war, bei einer Hausdurchsuchung ihre Korrespondenz mit dem Sprecher der Freien Gemeinde Carl Volckhausen beschlagnahmt.

    Noch am selben Tag floh M. aus Berlin, um sich einer bevorstehenden Verhaftung zu entziehen, und begab sich Ende Mai über Hamburg nach London ins Exil. Dort fand sie im Kreis von Gottfried und Johanna Kinkel Aufnahme und lernte zahlreiche demokratisch und republikanisch gesinnte Emigranten kennen, unter ihnen Carl Schurz, Lajos Kossuth, Louis Blanc, Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi sowie Alexander Herzen. M. bestritt ihren Lebensunterhalt zunächst durch privaten Deutschunterricht, später auch durch publizistische Arbeiten und Übersetzungen und konnte so die gesellschaftliche Abhängigkeit einer Erzieherin vermeiden. Betroffen vom Elend der Londoner Slums, gründete sie 1853 auf Anregung Mazzinis einen Club deutscher Arbeiter, um bei diesen eine „gesunde Anschauung von Bürgerpflicht und Gemeinwesen“ zu entwickeln, resignierte aber schnell, als sie sich ausschließlich mit dem Interesse einer materiellen Besserstellung konfrontiert sah. Seit Ende 1853 lebte sie im Hause von Alexander Herzen und sorgte für dessen Kinder. Dieses Leben in einer „Familie der freien Wahl“ fand 1856 ein plötzliches Ende, als M. ihr Wirken durch ein im selben Jahr in London angekommenes, mit Herzen befreundetes russ. Ehepaar in Frage gestellt sah, das nach dem Willen der verstorbenen Frau Herzens sich um die Erziehung der Kinder kümmern sollte. Eine Verbindung zu Herzen blieb allerdings bestehen, vor allem über dessen jüngste Tochter Olga, mit der M. im Sommer 1860 nach Paris übersiedelte, um als Adoptivmutter deren Erziehung zu übernehmen.

    Bei einem ersten Aufenthalt in Paris 1859 hatte M. Richard Wagner näher kennengelernt, dem sie schon 1855 in London begegnet|war und dessen Schriften „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“ sie seit 1848 kannte. Durch ihn wurde sie auf Schopenhauer und dessen Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ aufmerksam, das ihre aufsteigenden Zweifel an der Möglichkeit der Lösung der sozialen Probleme bestärkte: „Mir wurde klar, daß das Dasein selbst das Übel sei“. Seit 1862 hielt sie sich mit Olga in Rom, Capri, Bern, Florenz, Venedig, München und – anläßlich des Todes von Herzen – 1870 in Paris auf. 1872 lernte sie Friedrich Nietzsche in Bayreuth kennen, dem sie lange Jahre eine mütterliche Freundin blieb. Nietzsches philosophische Entwicklung und seine Kritik an Wagner sowie M.s nicht zu irritierender Idealismus führten in den 80er Jahren allerdings zu einer deutlichen Abkühlung der Freundschaft.

    Eine starke Zäsur bedeutete für M. die Heirat Olgas mit dem franz. Historiker Gabriel Monod 1873. Im selben Jahr übersiedelte sie nach Bayreuth, begab sich aber 1874 wieder nach Italien und lebte nach wechselnden Aufenthalten seit 1877 überwiegend in Rom. Bis ins hohe Alter blieb M. eine geschätzte Gesprächs- und Briefpartnerin bedeutender Persönlichkeiten, u. a. von Ferdinand Gregorovius, Franz Liszt, Franz v. Lenbach, Levin Schücking, Alexander v. Warsberg, Bernhard v. Bülow und Romain Rolland.

    Der auch nach der Abwendung von ihrem politischen Engagement beibehaltene Kosmopolitismus M.s vertrug sich in der zweiten Lebenshälfte durchaus mit einem deutlich artikulierten Patriotismus. So trat sie während der Kriege Preußens mit Österreich (1866) und Deutschlands mit Frankreich (1870) jeweils entschieden für Preußen und Deutschland ein und beklagte gleichzeitig das Versäumnis eines Friedensschlusses nach der Schlacht von Sedan, weil sie in der Stärkung der nationalen Einheit die Grundlage für einen allgemeinen Frieden sah; so verehrte sie Bismarck als Schöpfer dieser Einheit, äußerte sich aber u. a. auch kritisch über dessen Kolonialpolitik.

    Von ihren Schriften haben allein die „Memoiren einer Idealistin“ ein dauerhaftes Interesse gefunden. In zwei Bänden zuerst 1869 in Genf erschienen, behandeln sie die Zeit bis 1861 und geben eine lebendige Vorstellung vom Vormärz in Deutschland und dem Leben der Emigranten in England. 1898 fügte M. dieser – deutsch 1876 in drei Bänden erschienenen – Darstellung als „Nachtrag“ einen Band mit dem Titel „Der Lebensabend einer Idealistin“ an, der die Zeit bis 1898 umfaßt und im Austausch mit ihrem exklusiven Freundeskreis in Italien gewonnene philosophische Betrachtungen und Reflexionen wiedergibt. An die Stelle des Glaubens an die „Perfektibilität der Welt“, den sie nach ihren Erfahrungen in England aufgegeben hatte, tritt hier derjenige an die Vervollkommnung des einzelnen durch Kunst und Liebe. Zeitgeschichtlich aufschlußreicher als dieser Nachtrag und bedeutsamer als ihre eher epigonalen dichterischen Arbeiten sind ihre brieflichen Äußerungen sowie ihre bisher nur zum Teil gesammelt veröffentlichten Zeitschriftenbeiträge und ihr erst postum 1905 veröffentlichter Bericht „Eine Reise nach Ostende“ von 1849. Wie weit sich M. schließlich von ihrem revolutionären Ausgangspunkt entfernte, zeigt ihr ebenso erst 1905 erschienener Roman „Himmlische und irdische Liebe“, in dem sie die aus Gottfried August Bürgers „Lied vom braven Mann“ übernommene Geschichte von der nicht käuflichen Hilfsbereitschaft des einfachen Mannes zu Heldentat und Opfertod eines Prinzen umformt. Obgleich M.s Lebensweg gerade in seiner ersten Hälfte den „Rahmen des Zeittypischen“ sprengte (Gelhaus), läßt er im Ganzen die Entwicklung ihres Jahrhunderts vom ausgehenden Absolutismus über den Vormärz bis zur Gründerzeit wie in einem Spiegel sichtbar werden. Lily Braun hat mit ihrem Roman „Memoiren einer Sozialistin“ (2 Bde., 1909–11) bewußt an das Gedankengut M.s angeknüpft.

  • Werke

    Weitere W u. a. Stimmungsbilder aus d. Vermächtnis e. alten Fau, 1879, verm. 31900; Phädra, Ein Roman v. d. Verfasserin d. „Memoiren e. Idealistin“, 3 Bde., 1885; Ges. Erzz., v. ders., 1885; Erzz. aus d. Legende u. Gesch. f. d. reifere Jugend, 1889; Individualitäten, 1901. – Ges. Werke, hrsg. v. B. Schleicher, 5 Bde., 1922. – Überss.: A. Herzen, Aus d. Memoiren e. Russen, Folge 1-4, 1855-59, 2 Bde., 1907; ders., Unterbrochene Erzz., 1858. – Briefe: Briefe v. u. an M. v. M., hrsg. v. B. Schleicher, 1920; M. v. M., Im Anfang war d. Liebe, Briefe an ihre Pflegetochter, hrsg. v. ders., 1926; Märchenfrau u. Malerdichter, M. v. M. u. L. S. Ruhl, Ein Briefwechsel 1879-1896, hrsg. v. ders., 1929; Romain Rollland, M. v. M., Ein Briefwechsel, 1890–91, hrsg. v. ders., 1932; F. Nietzsche, Briefwechsel, Krit. Gesamtausg., hrsg. v. G. Colli u. M. Montinari, 1975 ff.; Briefe an Johanna u. Gottfried Kinkel 1849-1885, hrsg. v. S. Rossi, 1982; Briefe an d. Mutter (1850–60), hrsg. v. H. G. Schwark, 1985. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Weimar, Goethe-Schiller-Archiv; Detmold, Nordrhein-Westfäl. StA.

  • Literatur

    Bibliogrr.: E. Sandow, in: Mitt. aus d. Lipp. Gesch. u. Landeskde. 36,1967, S. 53-64; A. Otto, in: Jb. d. M. v. M.-Ges., 1988, S. 67-95. – E. Reicke, M. v. M., 1911; B. Schleicher, M. v. M., Ein Lb. e. Idealistin, 1916; dies., M. v. M., 1947; E. Binder,|M. v. M. u. Nietzsche, 1917; D. Wegele, Th. Althaus u. M. v. M., Zwei Gestalten aus d. Vormärz, 1927 (P); G. Meyer-Hepner, M. v. M., 1948; A. Bergmann, Die Detmolder Kap. in d. „Memoiren e. Idealistin“, in: Lipp. Mitt. aus Gesch. u. Landeskde. 22, 1953, S. 38-94; ders., Fünfzehn Briefe C. Volkhausens an M. v. M. aus d. J. 1849–52, ebd. 23, 1954, S. 159-243; G. Wagner, M. v. M., in: Lb. aus Kurhessen u. Waldeck 1830-1930, 1955, S. 211-26 (P); dies, in: Westfäl. Lb. XII, 1979, S. 104-27 (P); M. v. M., Ideal e. Frauengestalt d. 19. Jh., Mit Btrr. v. B. Schleicher, G. Tietz, G. Dölle, S. Hering-Zalfen, Ch. Lattek, M. Gregor-Dellin, W. Ross, H. M. Kastinger-Riley, R. Rolland, A. Piorrek, Ch. Brückner, Ausw., Zusammenstellung u. Red. G. Tietz, 1983 (W, L, P); dass. (ohne Btrr. v. Dölle u. Gregor-Dellin) u. d. T. M. v. M., Ein Portrait, hrsg. v. G. Tietz, 1985 (W, L, P); Ch. Gelhaus, M. v. M., e. Frau gegen ihr Jh., in: Lipp. Mitt. aus Gesch. u. Landeskde. 57, 1988, S. 207-50; H. Herberg u. H. Wagner, „Das größte Leiden ist d. Abwesenheit d. Ideals“, M. v. M. – Emanzipation im Zeitgeist? in: Grabbe-Jb. 7, 1988, S. 144-62; S. Hering, M. v. M. in Detmold, Daten e. Lebenswende, ebd., S. 163-68; dies., Das dt.-franz. Projekt: M. v. M. u. R. Rolland, in: M. v. M.-Ges., Jb. 1988, S. 28-39; W. Matthäus, M. v. M. aus nat.sozialist. Sicht, unbekannte Dokumente z. Rezeptionsgesch., ebd., S. 40-66; G. Maierhof, Randbemerkungen zu e. langjähr. Freundschaft, M. v. M. u. F. Nietzsche, ebd., S. 14-27; Friedrichs; Kosch, Lit.-Lex.3; G. Brinker-Gabler u. a., Lex. dt.sprach. Schriftstellerinnen 1800-1945, 1986; Killy.

  • Portraits

    Zwei Bleistiftzeichnungen v. Laura Meysenbug, Abb. in: D. Wegele, s. L; Phot., Abb. ebd.; Pastellzeichnung v. Franz v. Lenbach (Detmold, Staatsarchiv), Abb. b. G. Wagner, Westfäl. Lb., s. L.

  • Autor

    Hiltrud Häntzschel
  • Empfohlene Zitierweise

    Häntzschel, Hiltrud, "Meysenbug, Malwida Freiin von" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 407-409 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118582054.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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