Lebensdaten
1480 bis 1517
Geburtsort
Roermond (Geldern)
Sterbeort
Deventer
Beruf/Funktion
Humanist ; Pädagoge ; neulateinischer Schriftsteller ; Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100223354 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Murmel, Johannes
  • Murmel, Johann
  • Murmellius, Johann
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Zitierweise

Murmellius, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100223354.html [22.09.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Dietrich;
    M N. N.;
    N. N.;
    S Johannes, wohl letzter männl. Nachkomme.

  • Leben

    M. wurde als einziges Kind mittelloser Eltern geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters besuchte er vermutlich seit 1492 in Deventer die Schule des Alexander Hegius, eines „Altvaters des Humanismus“ (Reichling). 1496 immatrikulierte sich M. in Köln, mußte aber vier Jahre später, kurz nach dem Licentiat, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen die Universität verlassen. Erst im März 1504 erwarb er in Köln den Magistertitel. 1500 ging M. nach Münster, um dort an der Reform der Domschule mitzuwirken, und erhielt die Stelle des Konrektors. Mit ihm trat der neue Rektor der Schule, Timann Kemner, sein Amt an. Die Arbeit der beiden Lehrer erbrachte dieser Schule einen besonderen Ruf in Humanistenkreisen. M. korrespondierte bald mit den bedeutendsten Humanisten der Zeit. Er edierte und verfaßte selbst Schulbücher bzw. erziehungswissenschaftliche Schriften. Wohl schon 1502 erschien sein erstes Buch, die Grammatik „Opus de verborum compositione“ (1504), in der ausführlich die Konjugationen des Verbs im Lateinischen behandelt werden. Es folgten eine Reihe weiterer Lehrbücher, z. B. Kommentare zu Ciceros „Cato maior“ und zu Boethius' „De consolatione philosophiae“ (o. J.). Am bekanntesten wurde M.s 1513 veröffentlichtes lat. -deutsches Übungsbuch „Pappa puerorum“, das in mehreren Ländern Anwendung fand, wie mehr als 30 Auflagen bezeugen. Sein erstes großes Werk zur Pädagogik war das „Enchiridion scholasticorum“ (1505), in dem er die Bedeutung guter Ausbildung darlegt und eine Art Pflichtenlehre für Schüler entwirft.

    M. trat seit seiner Zeit in Münster auch immer wieder als Dichter hervor. Vor allem seine Elegien („Elegiarum moralium libri quatuor“, 1507, Überarb. 1508) wurden viel beachtet. Aufgrund dieser Beschäftigung mit Poesie scheint er auch das Fehlen metrischer Lehrbücher für den Unterricht im deutschen Raum erkannt zu haben. Er bearbeitete daher den „Versilogus“ des ital. Grammatikers Mancinellus und fügte Erklärungen bei. Diese 1507 veröffentlichte Metrik wurde das ganze 16. Jh. hindurch immer wieder nachgedruckt.

    1508 verließ M., wohl wegen Streitigkeiten mit Kemner, die Domschule und wechselte zunächst zur Münsterschen Martinischule, dann zur dortigen Ludgerischule. Kurz vor seinem endgültigen Weggang aus Münster 1513 befürwortete er erfolgreich die Einführung der griech. Sprache als Unterrichtsfach an der Domschule. M. ging nach Alkmaar (Holland) und wurde Rektor der Lateinschule. 1517 zwang die Plünderung Alkmaars ihn und seine Familie zur Flucht. Bald darauf erhielt er einen Ruf an die Schule nach Deventer, wo er vier Wochen nach seinem Amtsantritt als Lehrer starb. M. hinterließ ein gewaltiges Werk, das bis heute noch nicht vollständig erschlossen wurde.

  • Werke

    Weitere W u. a. Antonii Mancinelli versilogus cum commentariis, 1507. – Ausgg.: D. Reichling, Ausgew. Gedichte v. J. M., Urtext u. metr. Übers., 1881;
    A. Bömer (Hrsg.), Ausgew. Werke d. münster. Humanisten J. M., 5 T., 1892-95;
    J. Freundgen (Hrsg.), Des J. M. päd. Schrr., 1894 (Übers.). – Verz. d. Drucke s. VD 16, Bd. 14, M6863-M7016.

  • Literatur

    ADB 23;
    D. Reichling, J. M., Sein Leben u. seine Werke, 1880 (W);
    ders., Die Reform d. Domschule zu Münster im J. 1500, 1900;
    K. Löffler, Rudolf v. Langen, in: Westfäl. Lb. I, 1930, S. 353-55 (L);
    A. Bömer, ebd. II, 1931, S. 396-410 (L);
    H. Bücker, Das Lobgedicht d. J. M. auf d. Stadt Münster u. ihren Gelehrtenkreis, in: Westfäl. Zs. 111, 1961, S. 51-74;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Autor/in

    Joachim Knape, Ursula Kocher
  • Empfohlene Zitierweise

    Knape, Joachim; Kocher, Ursula, "Murmellius, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 613 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100223354.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Murmellius: Johann M., Philolog, Dichter und Schulmann, ward zu Roermond (Herzogthum Geldern) im J. 1480 geboren, studirte in der Schule des Alexander Hegius zu Deventer, bezog seit 1496 die Universität Köln; 1500 erscheint er in Münster, von wo er, um Magister zu werden, 1504 nach Köln zurückkehrte. In Münster war er an der Domschule als Lehrer für die Verdrängung der mittelalterlichen Lehrbücher und die Strebungen des Humanismus thätig, jedoch in dem Sinne, daß er das Anstößige des Humanismus als geborener Schulmann zu beseitigen bemüht war und daß er für Religion und Sittlichkeit mit aller Kraft eintrat. Er schuf selbst Unterrichtsbücher, die sich durch Kürze, Einfachheit und Klarheit auszeichnen, sie erhielten sich denn auch lange, manche bis an das Ende des vergangenen Jahrhunderts. Sein Erstlingswerk war das „Opus de verborum compositione“ (1502?, 1504), dem eine Reihe kleinerer Schriften, eine Chrestomathie aus Tibull, Properz und Ovid, Commentar zu Cicero's „Cato major“, ein „Enchiridion scholasticorum“ u. a. folgten. Als seine bedeutendste poetische Schöpfung müssen die moralischen Elegien ("Elegiarum moralium libri quattuor") betrachtet werden. Zwistigkeiten mit seinem Rector T. Kemner hatten mittlerweile M. veranlaßt sein Amt niederzulegen (1508) und als Rector an die Ludgerischule in derselben Stadt sich zu begeben; begreiflich, daß die literarische Fehde mit Kemner ihren Fortgang nahm. Wichtiger war es, daß er sich für die Einführung der griechischen Sprache in Münster energisch einsetzte und daß sein Ruf und Ansehen unter den Gelehrten stets mehr wuchsen. Hutten, Bugenhagen, Hermann v. d. Busche, Spalatin u. a. gehörten zu seinen Verehrern. In Münster freilich war seines Bleibens nicht, 1513 übersiedelte er als Rector an die Schule zu Alkmar, nachdem er auch in den Jahren 1508—1513 eine reiche litterarische Thätigkeit entfaltet hatte (Epigrammatum liber, Panegyricus, Alcimi Aviti libri sex recogniti, Ciceronis epistolae quaedam selectae, Juvenalis tres satirae, Versiticatoriae artis rudimenta), aus deren Resultaten vornehmlich die weitverbreitete „Pappa puerorum“ (Köln 1513), — ein Uebungsbuch für den ersten lateinischen Unterricht zu nennen ist, das in wenigstens 30,000 Exemplaren über Deutschland, Holland und die Schweiz verbreitet war. Es enthält in vier Capiteln ein Vocabularium (das später in Polen sehr beliebt wurde), Gespräche, Sitten- und Anstandsregeln und Sprichwörter (mit deutschen Uebersetzungen). M. erwies sich als Rector von Alkmar als sehr nutzbringend für diese Schule, seine litterarische Thätigkeit ruhte auch hier nicht, es erschienen: „Boethii de consolatione philosophiae libri V“, der Persius-Commentar, sein sehr wichtiger „Scoparius in barbariei propugnatores et osores Humanitatis“, in dem er ganz und voll für den Humanismus eintritt, wie er sich denn auch im Reuchlin'schen Streit für den berühmten Philologen|erklärte. Die Plünderung von Alkmar (1517) trieb M. aus dem Städtchen, nach kurzer Zeit aber erscheint er als Lehrer zu Deventer, wo er am 2. October 1517 eines plötzlichen Todes gestorben ist. Sein Sohn Johannes M. wurde in Lüttich zum Priester geweiht, trat zum Protestantismus über, war Generalsuperintendent zu Oehringen in der Grafschaft Hohenlohe; mit ihm starb das Geschlecht wol aus.

    De Joannis Murmellii vita et scriptis commentatio literaria scripsit Dr. Theodoricus Reichling, Monasterii 1870. — Johannes Murmellius, sein Leben u. seine Werke, von Dr. D. Reichling. Freiburg i. Br., Herder 1880, eine sehr ausführliche Biographie, woselbst von S. 131—166 ein in jeder Hinsicht völlig genügendes bibliographisches Verzeichniß gegeben wird. — Ausgewählte Gedichte von Joh. Murmellius, Urtext und metrische Uebersetzung herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Dr. D. Reichling, 1881, Freiburg i. Br., Herder.

  • Autor/in

    A. Horawitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Horawitz, Adalbert, "Murmellius, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 65-66 unter Murmellius, Johann [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100223354.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA