Lebensdaten
1781 bis 1863
Geburtsort
Kassel
Sterbeort
Kassel
Beruf/Funktion
nationalökonomischer Publizist ; Stifter der Murhardschen Bibliothek in Kassel
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118843842 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Murhard, Johann Karl Adam
  • Murhard, Karl
  • Murhard, Johann Karl Adam
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Zitierweise

Murhard, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118843842.html [23.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    B Friedrich (s. 1); – ledig.

  • Leben

    Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften seit 1797 in Göttingen, wo er mit Anhängern von Adam Smith (vornehmlich Georg Sartorius) in Berührung kam und bei A. L. Schlözer, A. H. L. Heeren und J. Ch. Gatterer hörte, wechselte M. zur Promotion und Anwaltsprüfung 1800 nach Marburg, um sich eine Anstellung im kurhess. Staatsdienst zu sichern. Nach ihn wenig befriedigender archivalischer Tätigkeit an der kurhess. Oberrentkammer bis 1806, dann als mit Sonderaufgaben betrauter Jurist und Finanzexperte im neuen Kgr. Westphalen, das von ihm als Überwindung des absolutistischen kurhess. Systems begrüßt wurde, schließlich als Auditeur im Staatsrat einer der wichtigsten Beamten im Finanzministerium, verlor M. nach der Entlassung seines Gönners, des Finanzministers Hans v. Bülow (1811), seine Stellung. Nach der Restauration 1814 und dem auch für ihn rufschädigenden Verhalten seines Bruders Friedrich schied M. 1816 resigniert aus dem kurhess. Staatsdienst aus. Er lebte einige Jahre wie der Bruder in Frankfurt/Main, wurde nach dessen Verhaftung abgeschoben und verbrachte die weiteren Lebensjahre – unterbrochen durch zahlreiche Reisen ins nord- und westeurop. Ausland – seit 1824 in Kassel.

    M. war künstlerisch interessiert und sehr sprachenkundig. Das kam ihm in der Franzosenzeit zugute und war auch Grundlage seiner Übersetzungs- und Rezensionstätigkeit. Im Mittelpunkt seiner publizistischen Aktivitäten standen nationalökonomische, insbesondere finanz- und steuerwissenschaftliche Schriften, mit denen er einer breiten Öffentlichkeit historische und systematische Zusammenhänge nahebringen wollte. Mitunter etwas weitschweifig und in an Julius v. Soden orientierter Begrifflichkeit legt er darin seine Belesenheit in der zeitgenössischen Literatur dar. Dabei macht er aus seiner Sympathie für Adam Smiths Lehren und für liberale und konstitutionelle Ideen keinen Hehl, geht aber auch auf Smithsche Einseitigkeiten (z. B. bei der Betonung des Faktors Arbeit für die Wertschöpfung) kritisch und differenziert ein. Klassische geld-, preis- und steuertheoretische Vorstellungen, an denen er sein Leben lang festhielt, hatte sich M. frühzeitig angeeignet. Er versuchte, eigenständige, manchmal politisch durchaus mutige und den zeitgenössischen Horizont übersteigende Argumentationen (Staatschuldenfrage, Ansätze zum „deficit spending“, Trennung von subjektivistischer Werttheorie und objektivistischer Preistheorie, Besteuerung des Reineinkommens) zu entwickeln. Besonders in seinen frühen Aufsätzen finden sich ordnungspolitische Forderungen: Erst die Veränderung der staatlichen Rahmenbedingungen könne eine freiheitliche Gesellschaft begründen, in der allein Glück und Wohlfahrt der Individuen aufgrund von deren Entscheidungsfreiheit gewährleistet sind. Hier ist M. „orthodoxer Liberaler“ (Olten). Ein grundsätzlich liberaler Ansatz kennzeichnet auch seine beiden Hauptwerke „Theorie und Politik des Handels“ (1831, dän. Übers.) und „Theorie und Politik der Besteuerung“ (1834, Nachdr. 1970).

    Die zeitgenössische Kritik sah M. als „unproductiven stehen gebliebenen“ Vertreter der Smithschen Lehre in Deutschland, als „borniert freihändlerisch“, „unhistorisch“ und von geringem Nationalgefühl (W. Röscher). Richtig ist, daß M. eher ein „reproduzierender Nationalökonom“ (Olten) als ein origineller Theoretiker war. Immerhin hat er als nationalökonomischer Autor 8 Monographien, 36 Aufsätze, über 100 Lexikonbeiträge und zahlreiche Rezensionen verfaßt und war überdies als Herausgeber von Periodika tätig. Das neuerdings wiederauflebende Interesse an seinem bedeutendsten Werk, der „Theorie und Politik der Besteuerung“, läßt manche ältere negative Einschätzungen als zeitbedingt erscheinen. – Bleibend haben M. und sein Bruder durch die mit ihrem ansehnlichen nachgelassenen Vermögen und ihrer Privatbibliothek ermöglichte Stiftung der Murhardschen Bibliothek nachgewirkt, die vor allem dem „Ausbau im Fache der Staatswissenschaften, insbesondere in dem der National- und Staatswirtschaft“ dienen sollte. Trotz großer Verluste im 2. Weltkrieg stellt sie bis heute einen wesentlichen Bestandteil der Bibliothek von Stadt und Gesamthochschule Kassel dar.

  • Werke

    Weitere W u. a. Ideen üb. wichtige Gegenstände aus d. Gebiete d. National-Oekonomie u. Staatswirtsch., 1808;
    Theorie d. Geldes u. d. Münze, 1817. – Aufsätze u. a. in: Neue Jbb. d. Gesch., d. Staats- u. Cameralwiss., hrsg. v. F. Bülau 1-6, 1838-43.

  • Literatur

    ADB 23;
    W. Roscher, Gesch. d. National-Oekonomik in Dtld., 1874, S. 846 f.;
    Th. Griewank, in: Lb. aus Kurhessen u. Waldeck, I, 1939, S. 215-19;
    125 J. Murhardsche Stiftung d. Stadt Kassel u. ihrer Bibl., 1863–1988, hrsg. v. H.-J. Kahlfuß, 1988 (P);
    R. Olten, K. M., Gelehrter u. liberaler Nationalökonom in Kassel, 1990 (vollst. Bibliogr.).

  • Autor/in

    Marie-Elisabeth Hilger
  • Empfohlene Zitierweise

    Hilger, Marie-Elisabeth, "Murhard, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 611 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118843842.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Murhard: Johann Karl Adam M., Schriftsteller über nationalökonomische Fragen, geb. den 23. Febr. 1781 in Cassel, daselbst den 7/8. Febr. 1863. Zweiter Sohn sehr vermögender Eltern, studirte er die Rechte und die Staatswissenschaften in Göttingen und Marburg. Hier promovirte er als Doctor der Rechte und wurde im J. 1800 beim Archiv der Oberrentkammer in Cassel angestellt. Nach 4 Jahren rückte er zum wirklichen Archivar auf. Zur Zeit des Königreichs Westfalen war er Mitglied der Commission zur Untersuchung der Archive und kam 1809 als Auditeur in den westfälischen Staatsrath. Mit Beibehaltung dieser Stelle wurde er 1810 zum Vorstand der Abtheilung des Handels und der Gewerbe im Finanzministerium und 1812 zum Liquidator der öffentlichen Schuld ernannt. Ju demselben Jahre gab er in Verbindung mit Hassel die Zeitschrift: „Westfalen unter Hieronymus Napoleon“ heraus. Dieselbe brachte alle Mittheilungen über das Staatsrecht, die Gesetzgebung, Verwaltung, den Reichstag, Ernennungen, Statistik u. dgl. des Königreichs Westfalen und im 1. Heft (Braunschweig 1812) ein Vorwort, in welchem das Aufgehen kleinerer Staaten zu einem größeren Ganzen als nationaler Fortschritt und jenes Königreich als „die Geburt zu neuem Leben“, Jerome aber als ein Mann von einem „über Alles Kleinliche erhabenen Sinn“ gefeiert war. Nach Wiederherstellung der kurfürstlich hessischen Regierung erhielt er wieder jene Stelle als Archivar. Als er 1816 zum Regierungssecretär in Fulda ernannt wurde, trat er aus dem kurhessischen Staatsdienste und siedelte|1818 als Privatmann nach Frankfurt a. M. über, wohin sich sein älterer Bruder Friedrich schon gleich bei Herstellung der kurfürstlichen Regierung zu politischer und publicistischer Schriftstellerei zurückgezogen hatte. Hier lebte er ebenfalls ganz den wissenschaftlichen Studien, die nur eine kurze Unterbrechung dadurch erlitten, daß man auf ihn fahndete, weil sein Bruder Friedrich im Febr. 1824 in die Untersuchung wegen des im Jahre vorher an den Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen gerichteten Drohbriefs verwickelt und kurze Zeit inhaftirt war. Er flüchtete nämlich nach Wetzlar und kam erst nach der Freisprechung Friedrichs wieder zum Vorschein, worauf beide Brüder zu dauerndem Aufenthalte nach Cassel zurückkehrten und dort ihren Studien lebten. M. schrieb: „Ideen über wichtige Gegenstände aus dem Gebiete der Nationalökonomie und Staatswirthschaft“, (Göttingen 1808); ferner „Ueber Geld und Münze“, (Cassel und Marburg 1809); „Theorie des Geldes und der Münze“, (Leipzig 1817); „Theorie und Politik des Handels“, (2 Bde., Göttingen 1831); daran schloß sich sein Hauptwerk „Theorie und Politik der Besteuerung. Ein Handbuch für Staatsgelehrte, Volksvertreter und Geschäftsmänner“, (Göttingen 1834). Nach der Vorrede hielt er es mit Rücksicht auf die damals „überall sich gestaltenden freien volksthümlichen Verfassungen" für dringend nöthig, zur Klarstellung des wesentlichsten Punctes der letztern beizutragen, da „die im Volke und bei den Regierungen herrschenden Begriffe über die Finanzen und namentlich über das Abgabenwesen allenthalben noch so unklar, so verworren und mangelhaft" seien, daß man sich „über die Einseitigkeit der Urtheile und über die Mißgriffe der Regierungen" nicht wundern dürfe. Murhard's Zweck war daher, die Wissenschaft der Besteuerung auf volksthümliche Art zu schildern und systematisch zu entwickeln. Er sprach sich namentlich für indirecte Steuern neben den directen aus, damit das Mißverhältniß und die Fehler der letzteren wieder gut gemacht würden. Dieses Werk, welches in 3 Abtheilungen von der Besteuerung, ihren Arten und ihren verschiedenen staatswirthschaftlichen Systemen handelt, hatte für damalige Zeit nicht geringe Bedeutung. Viele Anerkennung fand auch obige „Theorie des Geldes“ u. s. w., wie hervorgeht aus der Hall. Allg. Litt. Ztg. v. 1818, Nr. 86, der Jenaer Allg. Litt. Ztg. von 1818. Nr. 65, der Leipz. Litt. Ztg. v. 1820, Nr. 226; vergl. auch Protok. d. d. Bundesversamml, v. 14. Mai 1821. Ueber „die Theorie u. Pol. d. Handels“ s. Hall. Allg. Litt. Ztg. v. Dec. 1833, Allg. Handels-Ztg. v. 1831, Nr. 100, Heidelb. Jahrb. v. Jan. 1834. Alle Schriften Murhard's sind im Anschluß an die staatsrechtlichen Werke und Aufsätze seines Bruders Friedrich, von dem Gedanken getragen, der in Deutschland aufkommenden constitutionellen Idee zu dienen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Daher waren die Gebrüder M. in Regierungskrisen mißliebig, und sie selbst haben es während der langjährigen Kämpfe der kurhessischen Volksvertretung gegen die verschiedenen Versuche, die der constitutionellen Idee in hohem Grade entsprechende kurhessische Verfassung von 1831 illusorisch zu machen, stets mit der Opposition gehalten. M. verdient zwar, wie sein Bruder, die Bezeichnung eines Stockgelehrten oder Bücherwurms, dem das wirkliche Leben fern lag; beide genossen aber wegen ihren politischen Ansichten und schriftstellerischen Bestrebungen in ganz Hessen, namentlich in Cassel allgemeine und große Achtung. Beide M. waren unverheirathet, lebten in dem Dorfe Wehlheiden an der Allee von Cassel nach Wilhelmshöhe und setzten durch Testament vom 5. Juni 1845, bezw. Codicill vom 20. Sept. 1852 die Stadt Cassel zur Erbin ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens mit der Bestimmung ein, daß der größte Theil der erheblichen Jahreszinsen zur Errichtung einer Bibliothek und zum Ankauf wissenschaftlicher, namentlich staatswissenschaftlicher Werke verwendet werde. Die Bibliothek solle den Namen „Murhard'sche|Bibliothek der Stadt Cassel“ führen. Die Anschaffungen sollten aber erst beginnen, nachdem durch Capitalisirung der Zinsen ein zur Erbauung eines auf spätere Vergrößerungen berechneten Bibliothekgebäudes genügendes Capital gewonnen sein werde. Nachdem Karl M., der seinen Bruder um fast zehn Jahre überlebte, in der Nacht zum 8. Febr. 1863 in Cassel an Altersschwäche gestorben war, wurden diese letztwilligen Bestimmungen veröffentlicht und 1873 mit der Ausführung begonnen. In der hessischen Presse tauchten 1879 Stimmen auf, welche unter Hinweis auf die eingetretene staatliche Veränderung die Ausführung der Stiftung als einseitig angriffen (Cass. Tagespost v. 26. Oct. u. Hess. M. Ztg. v. 4. Nov. 1879), jedoch erfolglos. Durch diese Stiftung hat M. und sein Bruder sich ein dauerndes Verdienst und Andenken in Hessen erworben. Ueber Murhard's Tod: A. A. Z. Nr. 42 v. 12. Febr. 1863.

  • Autor/in

    Wippermann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wippermann, Karl, "Murhard, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 63-65 unter Murhard, Johann Karl Adam [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118843842.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA