Lebensdaten
1863 bis 1916
Geburtsort
Danzig
Sterbeort
Cambridge (Massachusetts, USA)
Beruf/Funktion
Psychologe
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118785281 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Münsterberg, Hugo
  • Mjunsterberg, Gugo
  • Muensterberg, Hugo
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Zitierweise

Münsterberg, Hugo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785281.html [20.06.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Moritz (s. Gen. 1);
    M Anna Bernhardy ( 1875), Malerin u. Zeichnerin, N d. Rosalie Bernhardy (s. Gen. 1);
    B Oskar (s. 3);
    Halb-B Otto (s. Gen. 1), Emil (s. 1);
    Weißenburg/Lauter (Elsaß) 1887 Selma, Malerin, T d. Oberstabsarztes Dr. Oppler in Straßburg;
    2 T, u. a. Margaret (* 1889, s. L).

  • Leben

    M. besuchte 1873-82 das Gymnasium in Danzig. Mit 14 Jahren veröffentlichte er einen Gedichtband unter dem Pseudonym Hugo Terberg, mit 15 schrieb er ein deutsches Fremdwörterbuch. Danach erlernte er autodidaktisch Arabisch und Sanskrit. Er studierte 1882/83 in Genf und anschließend in Leipzig Medizin. 1884 legte er die ärztliche Vorprüfung ab, wandte sich aber unter dem Einfluß Wilhelm Wundts der Philosophie und Psychologie zu. 1885 promovierte M. in Philosophie mit der Arbeit „Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwicklung, Anwendung und Bedeutung“, 1887 in Heidelberg auch in Medizin. Im selben Jahr habilitierte er sich in Freiburg für Philosophie aufgrund der Schrift „Die Willenshandlung“. 1887-91 wirkte M. als Privatdozent in Freiburg, wo er ein privates psychologisches Laboratorium errichtete (ao. Prof. 1891). In dieser Zeit wurde er mit Wilhelm Riehl und Heinrich Rickert näher bekannt und trat u. a. mit Theodor Lipps, Wilhelm Windelband, Georg Simmel, Paul Natorp, Hans Vaihinger und Max Dessoir in Korrespondenz. Nachdem sich – z. T. aus antisemitischer Ablehnung trotz seiner Taufe – in Deutschland keine o. Professur für M. eröffnete, wurde er 1892 von William James an die Harvard-Universität gerufen, wo er eine Professur für experimentelle Psychologie erhielt und ein großes psychologisches Laboratorium nach dem Vorbild des Instituts von Wundt in Leipzig aufbaute. 1895 kehrte er nach Deutschland zurück. Da ihm aber keine vergleichbare Stelle angeboten wurde, entschloß er sich 1897 zur endgültigen Übersiedlung nach Harvard. 1904 organisierte M. einen Wissenschaftskongreß zur Weltausstellung in St. Louis mit über 200 Gelehrten verschiedenster Disziplinen. 1908 wurde er nach Berlin gerufen, um dort ein Amerika-Institut aufzubauen; danach kam er als Austauschprofessor 1910/11 wieder nach Berlin, übernahm die Leitung des Amerika-Instituts und hielt u. a. die erste Vorlesung über Wirtschaftspsychologie in Deutschland. Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs warb M. als deutscher Patriot in den USA mit Reden und Veröffentlichungen für sein Heimatland, trat- u. a. im Briefwechsel mit Reichskanzler Bethmann Hollweg – für Friedensverhandlungen ein und versuchte, Amerikas bevorstehenden Eintritt in den Krieg zu verhindern. Diese deutschfreundliche Einstellung – man sprach sogar von „Münsterbergism“ – trug M. solche Anfeindungen ein, daß er um seine Stellung fürchten mußte. 1916 ereilte den 53jährigen während einer Vorlesung der Tod.

    Von M.s zahlreichen Veröffentlichungen, die von Lyrik über Philosophie, Psychologie bis zur Soziologie reichen, werden heute vorwiegend seine wirtschaftspsychologischen Schriften beachtet. Der Begriff „Psychotechnik“ der kurz nach der Jahrhundertwende von William Stern geprägt worden war, wurde von M. popularisiert und ist bis heute eng mit seinem Namen verbunden. Verstand M. die Psychotechnik als Wissenschaft von der „praktischen Anwendung der Psychologie im Dienste der Kulturaufgaben“, also praktisch als angewandte Psychologie mit Einschluß von Gebieten wie Psychotherapie und forensischer Psychologie, so erfuhr dieser Begriff bald nach M. eine Einengung auf die angewandte Wirtschaftspsychologie. Angelehnt an die Methodologie der klassischen Naturwissenschaften, mit der Erfahrung der experimentellen Psychologie in der Tradition von Fechner, Helmholtz und Wundt, wandte M. die Psychotechnik auf Felder an, auf denen die Psychologie ihren wirtschaftlichen Nutzen unter Beweis stellen konnte. So führte er im Anschluß an die frühen werbepsychologischen Untersuchungen von Walter Dill Scott (1908) verschiedene Versuchsreihen durch, um die Wirkungen der Anzeigenwiederholung auf die Erinnerungsleistung zu überprüfen. Angeregt durch Industrie, Verbände und Verwaltungen entwickelte M. 1910 die ersten Verfahren zur Ermittlung der Berufseignung für Straßenbahnfahrer. Daneben befaßte er sich auch mit Psychotherapie und der Psychologie des Films. Mit seiner Vielseitigkeit, seinem Sinn für die Lösung praktischer Probleme, seinem Organisationstalent und seinem Bemühen, die Psychologie als Einzelwissenschaft zu etablieren, erscheint M. heute als Wissenschaftler, der der deutschen und der amerikan. Psychologie starke Impulse verliehen hat.|

  • Auszeichnungen

    Der Berufsverband Deutscher Psychologen vergibt seit 1981 die H.-M.-Medaille für besondere Verdienste um die angewandte Psychologie.

  • Werke

    u. a. Philos.: Der Ursprung d. Sittlichkeit, 1889;
    Philos. d. Werte, 1901;
    The Eternal Values, 1909. – Allg. Psychol.: Über Aufgaben u. Methoden d. Psychol., 1893;
    Grundzüge d. Psychol., 1900,| 21918, hrsg. v. M. Dessoir (W-Verz., L);
    Frühe Schrr. z. Psychol., Eingel., mit Materialien z. Rezeptionsgesch u. e. Bibliogr. versehen v. H. Hildebrandt u. E. Scheerer, 1990. – Soz. psychol.: Psychology and Life, 1899;
    Psychotherapy, 1909;
    Psychology and Crime, 1909;
    Social Studies of Today, 1913;
    Grundzüge d. Psychotechnik, 1914;
    Psychology and Social Sanity, 1914. – Wirtschaftspsychol.: Die Psychol. u. d. Wirtsch.leben, 1912;
    Psychology and Industrial Efficiency, 1913. – Päd. Psychol.: The Principles of Art Education, 1905;
    Psychology and the Teacher, 1909. – Pol. Psychol.: American Traits from the Point of View of a German, 1901 (Neudr. 1971);
    Die Amerikaner, 2 Bde., 1904;
    American Problems from the Point of View of a Psychologist, 1910 (Neudr. 1969);
    The War and Amerika, 1914 (dt. 1915);
    Tomorrow, 1916. – Film: The Film, A Psychological Study, The Silent Photoplay in 1916, 1970. – Hrsg.: Btrr. z. experimentellen Psychol., 1889-92;
    Harvard Psychological Studies, 1903-15.

  • Literatur

    G. Heinzel, Versuch e. Lösung d. Willensproblems im Anschluß an e. Darst. u. Kritik d. Theorien v. M., Wundt u. Lipps, 1898;
    M. Dessoir, Zur Erinnerung an H. M., in: H. M., Grundzüge d. Psychol., 21918, S. V-XVIII (P);
    ders., in: DBJ I;
    F. Wunderlich, H. M.s Bedeutung f. d. Nat.ökonomie, 1920;
    Margaret Münsterberg, H. M., his Life and his Work, 1922 (P);
    H. Kaiser, Die erkenntnistheoret. Entscheidung üb. d. Verhältnis v. Philos. u. Psychol. nach Dilthey, M. u. Rickert, Diss. Erlangen 1923;
    M. Hale, Human Science and Social Order, H. M. and the Origin of Applied Psychology, 1980;
    H. Hildebrandt u. E. Scheerer, Einl. zu: Frühe Schrr. z. Psychol., 1990 (s. W);
    J. u. L. Spillmann, The Rise and Fall of H. M., in: Journal of the History of the Behavioral Sciences 29, 1993, S. 322-38;
    DAB;
    Ziegenfuß;
    Überweg IV;
    Enc. Jud. 1971 (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Altpreuß. Biogr. IV.

  • Portraits

    H. E. Lück u. R. Miller (Hrsg.), Ill. Gesch. d. Psychol., 1993, S. 179, 254.

  • Autor/in

    Helmut E. Lück
  • Empfohlene Zitierweise

    Lück, Helmut E., "Münsterberg, Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 542 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785281.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA