Lebensdaten
1658 bis 1716
Geburtsort
Düsseldorf
Sterbeort
Düsseldorf
Beruf/Funktion
Kurfürst von der Pfalz ; Pfalzgraf von Neuburg ; Herzog von Jülich und Berg
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118712411 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johannes Wilhelm
  • Johann Wilhelm von der Pfalz
  • Johannes Wilhelm von der Pfalz
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Johann Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712411.html [18.08.2017].

CC0

Johann Wilhelm

Pfalzgraf von Neuburg, Herzog von Jülich und Berg, Kurfürst von der Pfalz (seit 1690), * 19.4.1658 Düsseldorf, 8.6.1716 Düsseldorf, Düsseldorf, Andreaskirche. (katholisch)

  • Genealogie

    V Philipp Wilhelm (1615–90), Pfalzgf. v. N., Hzg. v. J. u. B., 1685 Kf. v. d. Pfalz, S d. Wolfgang Wilhelm ( 1653), Pfalzgf. v. N., Hzg. v. J.-B. u. d. Magdalene v. Bayern; M Elisabeth Amalie (1635–1709), T d. Landgf. Georg II. v. Hessen-Darmstadt ( 1661, s. NDB VI) u. d. Sophie v. Sachsen; B Ludwig Anton (1660–1694), Bischof v. Worms, Hoch- u. Deutschmeister, Karl Philipp (1661–1742), 1716 Kurfürst v. d. Pfalz, Alexander Sigmund (1663–1737), Bischof v. Augsburg, Franz Ludwig ( 1732), Bischof v. Breslau u. Worms, Hoch- u. Deutschmeister, 1716 Kf. v. Trier, 1729 Kf. v. Mainz (s. NDB V); Schw Eleonore (1665–1720, Kaiser Leopold I., 1705), Maria Sophie (1666–99, Kg. Pedro II. v. Portugal, 1706), Maria Anna (1667–1740, Kg. Karl II. v. Spanien, 1700), Dorothea Sophie (1670–1748, 1] Hzg. Eduard II. v. Parma, 1693, 2] Hzg. Franz Maria v. Parma, 1727); - 1) 15.12.1678 Maria Anna (1654–89), T d. Kaisers Ferdinand III. ( 1657, s. NDB V), 2) Anna Maria Luise (1667–1743), T d. Großhzg. Cosimo v. Toskana (1642–1723); kinderlos; N Kaiser Joseph I. ( 1711, s. NDB X), Kaiser Karl VI. ( 1740, s. NDB X).

  • Leben

    Sproß der mit Neuburg an der Donau ausgestatteten Linie der pfälz. Wittelsbacher, der zu Beginn des 17. Jh. die niederrhein. Herzogtümer Jülich und Berg zugefallen waren, ist J. in der berg. Hauptstadt Düsseldorf geboren worden. Der Erziehung durch rhein. Adelige und Jesuiten folgte eine große Kavalierstour, die ihn von Ende 1674 bis Frühjahr 1677 nach dem Haag, Antwerpen, Paris, London, Turin, Rom, Neapel, Venedig und Wien führte. Wohl um ihm die Verbindung mit Kaiser Leopolds Halbschwester Maria Anna zu ermöglichen, übertrug ihm sein Vater 1679 die Regentschaft in Berg und Jülich. Wurde er damit Landesherr, so konnte er in der großen Politik erst hervortreten, als Philipp Wilhelm, dem nach Aussterben der Kurlinie 1685 die Pfalz zugefallen war, starb, womit er selbst Kurfürst wurde.

    Da in dem 1688 ausgebrochenen sog. Pfälz. Krieg die Lande an Mittelrhein und Neckar zu einem Hauptkampfgebiet geworden waren und die pfälz. Residenz Heidelberg zerstört wurde, ist J. mit seinem Hof in Düsseldorf geblieben. Selbstbewußt und ehrgeizig hat er von hier aus eine starke Truppenmacht aufgebaut und, dem Beispiel seines geschäftigen Vaters folgend, teilweise unter Ausnutzung der durch die Heiraten seiner Schwestern nach Wien, Lissabon, Madrid und Parma und seine eigene 2. Ehe mit einer toskanischen Prinzessin geschaffenen dynastischen Verbindungen, in der europ. Politik eine Rolle zu spielen gesucht. Von Reichspatriotismus erfüllt, war er ein entschiedener Parteigänger der ihm nahe verwandten Habsburger, ein Gegner des die deutschen Grenzlande bedrohenden und verwüstenden franz. Königs, wobei aber seine Aktivität zugleich der eigenen Machterweiterung und Erhöhung galt. Wenn er seine Regimenter gegen Subsidien der österr.-seemächtlichen Allianz zur Verfügung stellte, so suchte er sich an dem den Kriegshandlungen parallel laufenden geheimen Kampf der Diplomaten zu beteiligen, wobei er neben eigenem Gewinn wohl den Ruhm des Friedensvermittlers anstrebte. Den errang er zwar nicht, immerhin hat der Friede von Rijswijk 1697 ihm die von Frankreich früher annektierten pfälz. Orte zurückgebracht. Daß er für sie im Einvernehmen mit den Franzosen eine Klausel in den Vertrag brachte, wonach die unter franz. Herrschaft erfolgte Beseitigung prot. Rechte sanktioniert wurde, hat zu scharfer Kritik an ihm im Reich geführt.

    Politische Initiative ist von ihm auch in den folgenden Friedensjahren ausgegangen. Hatte er früher daran gedacht, zur Ausdehnung seiner Macht im europ. Nordwesten sich die Verfügung über Belgien als span. Statthalter zu gewinnen, wobei er jedoch vor Max Emanuel von Bayern zurücktreten mußte, so haben ihn nun zeitweise phantastische Pläne einer Beteiligung an dem christlichen Befreiungskampf im Orient und der Begründung eines Königreichs Armenien beschäftigt. Näher lag ihm indessen der Ausbau seiner Stellung in Europa, dem ein Bündnis mit dem Kaiser und Vertrüge mit anderen deutschen Fürsten dienten. Er plante jetzt wohl die Verlegung der Residenz nach der Pfalz, wo er sich 1698/99 mehrfach aufhielt und die Errichtung eines neuen Schlosses bei Heidelberg in Aussicht nahm. Doch da folgte dem Tode seines Schwagers, des letzten span. Habsburgers, 1701 der Ausbruch eines neuen europ. Krieges um die große Erbschaft, der ihn weiterhin von der gefährdeten Pfalz fernhielt.

    Obwohl franz. Vormarsch zunächst auch den Niederrhein bedrohte, hat sich J. als erster Reichsfürst der neuen Haager Allianz des Kaisers und der Seemächte gegen Ludwig XIV. angeschlossen. Nicht nur am Rhein und den Niederlanden, auch in Italien und sogar in Spanien haben in der Folgezeit pfälz. Regimenter gekämpft. Sicher waren die Subsidien für die ihm unentbehrliche höfische „Magnificence“ wichtig, aber entscheidend waren für ihn die Abwehr franz. Vorherrschaft und eine Neugestaltung im Reich, die der Pfalz die im 30jährigen Kriege an Bayern verlorene Oberpfalz mit der Gfsch. Cham und die ranghöhere vierte Kur wiederbringen sollte. Die Niederlage und Vertreibung des mit Frankreich verbündeten bayer. Wittelsbachers, die der in kritischer Lage 1704 nach Wien geeilte J. durch energische Unterstützung der Pläne des Prinzen Eugen mit vorbereitet hatte, schien dazu die Möglichkeit zu bieten. Den neuen Kaiser, seinen Neffen Joseph I., und das Kurfürstenkolleg wußte er unter Druck zu setzen, indem er mit England enge Beziehungen herstellte, sich mit dem König von Preußen durch Verzicht auf die Wirksamkeit jener Rijswijker Klausel verständigte und schließlich den Marsch seiner bewährten Regimenter zur Armee der Verbündeten anhielt. Wirklich wurde er 1708 mit der Oberpfalz belehnt und in die ältere Kur eingeführt. In dieser Zeit konnte er als einer der einflußreichen Männer Europas gelten. 1709 vermittelte er in einem zwischen Kaiser und Papst ausgebrochenen Konflikt, 1711 hat er nach dem Tode Josephs I. als Reichsvikar maßgebend auf die Reichsgeschäfte eingewirkt und die Kaiserwahl seines zweiten habsburgischen Neffen Karl vorbereitet, und wenn er in London die vergeblichen Versuche des Prinzen Eugen, England bei der Koalition zu halten, unterstützte, so hat er zugleich geheime Verhandlungen mit Beauftragten Frankreichs geführt, bei denen er Entgegenkommen gegen den Bayern in Deutschland in Aussicht stellte, wenn für ihn dafür im Mittelmeer ein Königreich geschaffen werde. Auch als sich Frankreich mit den Seemächten im Utrechter Frieden ohne Kaiser und Reich verständigte, hat er beim endgültigen Abschluß des Krieges eine wichtige Rolle gespielt, indem seine Diplomaten die Voraussetzungen für das Treffen der kaiserl. und franz. Bevollmächtigten in Rastatt schufen. Doch dann brachen alle seine Hoffnungen zusammen; im Rastatter Frieden von 1714 sah er sich um jeden Lohn für seine militärischen und politischen Dienste und für seine eifrige Vermittlertätigkeit gebracht. Nicht nur, daß von einer Königskrone für ihn nicht mehr die Rede war, er mußte auch die Oberpfalz und die vierte Kur wieder herausgegeben und sich im wesentlichen mit dem begnügen, was er vor dem Krieg besessen hatte. Bald nach diesem Scheitern seiner großen Politik ist J. gestorben. Da er aus beiden Ehen keine Kinder hinterließ, fiel das Erbe an seinen Bruder Karl Philipp.

    Sein Wirken als Landesherr ist von Zeitgenossen und Nachwelt sehr verschieden beurteilt worden. In der durch die Kriege schwer getroffenen Kurpfalz hat man über den fast stets abwesenden Fürsten geklagt, dessen prächtige Düsseldorfer Hofhaltung zur Not von Land und Volk nicht paßte und der zudem die Rechte seiner prot. Untertanen zu mindern suchte. Immerhin läßt sich feststellen, daß er manches für den Wiederaufbau zerstörter Orte und für die Wiederherstellung von Ordnung und Wohlfahrt im Lande getan hat, und nicht unberechtigt konnte man ihn als den Restaurator der Univ. Heidelberg rühmen, deren Lehrstühle|und Bibliothek er vermehrt hat. Der religionspolitische Kurs traf in der Tat die Reformierten, wobei ihn übrigens weniger konfessionelles Vorurteil als die Überzeugung leitete, daß die von ihnen beanspruchten Vorrechte die Stellung des Fürsten im Staat beeinträchtigten. Trotz scharfer Mißbilligung durch Papst und Jesuiten hat er durch die von Preußen geforderte Religionsdeklaration von 1705 die Protestanten vor weiteren Verlusten sichergestellt, als er die preuß. Zustimmung zu seinen politischen Plänen brauchte. Ganz anders als in der Pfalz, war er in Jülich und Berg beliebt. Es hat zwar wegen seiner finanziellen Forderungen heftige Auseinandersetzungen mit den Landständen gegeben, und wenn Anläufe zur Verbesserung von Verwaltung, Justiz, Steuerwesen und Wirtschaft manche Früchte trugen, so sind doch auch hier Grenzen von Wollen und Vollbringen nicht zu verkennen. Im Grunde war J. ein zwar selbstbewußter und eigenwilliger, aber nicht wirklich energischer, konsequent handelnder Herrscher. Am Niederrhein aber wußte man um seine naive Menschlichkeit und Güte, schaute man mit Bewunderung auf den Glanz seines Hofes, zog man nicht geringe Vorteile aus seinem großzügigen Mäzenatentum.

    Denn da lag die wichtige schöpferische Leistung, die J. vollbracht hat. Selbst nach der Meinung seiner gleichgestimmten ital. Gemahlin gab man für das höfische Leben zu viel aus. Aber mit all den Lustbarkeiten und Festen und der mit Leidenschaft betriebenen Jagd verband sich die Förderung der Wissenschaft, die in dem Jesuitenpater Orban und dem holländ. Physiker und Mathematiker Hartsoeker würdige Vertreter fand, vor allem aber der Kunst in allen ihren Zweigen. Fast zu jedem Karneval wurde eine neue Oper im ital. Stil herausgebracht und aufgeführt, Werke tüchtiger Musiker wie der Hofkapellmeister Moratelli und Wilderer und des zugleich zu den politischen Vertrauten des Kurfürsten gehörenden Agostino Steffani. Wie hier, so war J. in der bildenden Kunst Kenner und nicht nur Auftraggeber, sondern auch Anreger. Er hat bedeutende Künstler an seinen Hof gezogen, so den Architekten Alberti, der 1703-09 das großartige neue, das Rheintal bei Köln beherrschende Schloß Bensberg schuf, den Bildhauer Grupello, Schöpfer des Düsseldorfer Reiterstandbildes des „Jan Weilern“ und vieler anderer Skulpturen, die Maler van der Werff, van Douven, Weenix, Zanetti, Bellucci, daneben eine große Zahl von geschickten Kunsthandwerkern. Zugleich war er unermüdlich im Sammeln von Kostbarkeiten der Kunst aus Vergangenheit und Gegenwart. Für die schon von seinem Großvater Wolfgang Wilhelm begründete, von ihm um Meisterwerke der Niederländer und Italiener vermehrte Gemäldesammlung hat er 1710 ein Galeriegebäude in das Düsseldorfer Schloß einbauen lassen, in dessen Erdgeschoß eine einzigartige Sammlung von auf seine Weisung in Rom hergestellten vorzüglichen Kopien antiker Skulpturen untergebracht wurde. Wenn die Kurfürstin den Ehrgeiz hatte, die besten Porzellanstücke zu besitzen, so gab ihr Gemahl sich alle Mühe, vollständige Reihen bestimmter Medaillen und Münzen anzulegen. So ist das auf seinen Befehl räumlich erweiterte Düsseldorf damals zu einem bewunderten Mittelpunkt von Kultur und Kunst in Europa geworden. Das ist freilich mit seinem Tode anders geworden, da sein Nachfolger die Residenz in die Pfalz verlegte und damit viele Schätze nach dort und schließlich nach München abwanderten: Hier sollte die Gemäldesammlung zu einem Bestandteil der Pinakothek werden.

  • Literatur

    ADB 14; G. M. Rapparini, Le Portrait du vrai Mérite dans la Personne Sérénissime du l'Électeur Palatin (1709), hrsg. v. H. Kühn-Steinhausen, 1958; R. A. Keller, in: Düsseldorfer Jb. 29, 1918; H. Kühn-Steinhausen, J. W. Kf. v. d. P., Hzg. v. J.-B., 1953; M. Braubach, in: Rhein. Lb. I, 1961 (P); - A. Hilsenbeck, J. W., Kf. v. d. P., vom Ryswicker Frieden b. z. Span. Erbfolgekriege 1698-1701, Diss. München 1905; H. Fahrmbacher, Kf. J. W.s Kriegsstaat im Span. Erbfolgekriege 1700–14, in: Zs. d. Berg. Gesch.-ver. 47/48, 1914/15; G. W. Sante, Die kurpfälz. Pol. d. Kf. J. W. vornehml. im Span. Erbfolgekriege, in: HJb. 44, 1927; M. Braubach, Geh. Friedensverhh. am Niederrhein 1711/12, in: Düsseldorfer Jb. 44, 1947; J. Krisinger, Die Rel.pol. d. Kf. J. W. v. d. P., ebd. 47, 1955; - Th. Levin, Btrr. z. Gesch. d. Kunstbestrebungen in d. Hause Pfalz-Neuburg, in: Btrr. z. Gesch. d. Niederrheins 19, 20, 23, 1905/06/11; F. Lau, Btrr. z. Gesch. d. Kunstbestrebungen d. Kf. J. W., in: Düsseldorfer Jb. 26, 1913/14; Kunstmus. Düsseldorf, Europ. Barockplastik am Niederrhein, Grupello u. s. Zeit, 1971 (P).

  • Portraits

    Reiterstandbild v. G. Grupello (Düsseldorf); Marmorbüste v. dems. (ebd., Kunstak.; Foto Marburg); Gem. v. van d. Werff (München), J. F. Douven (Düsseldorf, Florenz), Abb. in: Die Gr. Deutschen im Bild, 1937. Weitere Nachweise: H. Kühn-Steinhausen, Die Bildnisse d. Kf. J. W. u. s. Gemahlin Anna Maria Luisa Medici, in: Düsseldorfer Jb. 41, 1939 (P).

  • Autor

    Max Braudach
  • Empfohlene Zitierweise

    Braubach, Max, "Johann Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 516-518 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712411.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz.

  • Leben

    Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz. Als erster Sohn zweiter Ehe des Kurfürsten Philipp Wilhelm von Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt wurde J. W. in Düsseldorf am 19. April 1658 geboren. Seine Erziehung wurde völlig von den Jesuiten geleitet und er blieb zeitlebens unter ihrer Herrschaft; passiv und lenksam von Natur, fiel es ihm nie ein, ihr Joch drückend zu finden. Kirchlich und politisch waren sie seine Rathgeber, obgleich Kurpfalz fast ganz protestantisch war. Sie bildeten ihn durchaus nicht zum Regenten aus, weckten aber in ihm Kunstsinn und brachten ihm tüchtige Kenntnisse bei. Er bereiste die meisten europäischen Staaten und brachte viel Sinn für höfischen Prunk heim. Am 25. Octbr. 1678 heirathete er die Erzherzogin Maria Anna Josepha, Tochter des Kaisers Ferdinand III., die ihm aber nur zwei sofort wieder gestorbene Prinzen schenkte und am 14. April 1689 verblich. 1678 übernahm er die Verwaltung in Jülich und Berg und begünstigte überall die Katholiken; dem Wiener Hofe bezeugte er die tiefste Ergebenheit und seine Politik wurde vielfach von hier beeinflußt. Als J. W. am 2. Septbr. 1690 seinem Vater als "Kurfürst von der Pfalz" und Erzschatzmeister des Reichs folgte, traf er sein Land als Einöde an. Mannheim war ein Steinhaufen, die Umgebung Heidelbergs durch die französischen Mordbrenner verwüstet, Heidelberg seiner schönsten Zierden beraubt und die überrheinischen Gebiete waren größtentheils in französischer Hand, Heidelberg zitterte vor einem neuen Ueberfalle. Darum begab sich der neue Kurfürst alsbald nach Düsseldorf und um nur die Bedürfnisse des Augenblicks bestreiten zu können, verpfändete er das Amt Boxberg für 300 000 Gulden an Würzburg. Auch 1691 war die Pfalz links des Rheines von den Franzosen besetzt und auf dem rechten Ufer standen sich Franzosen und Kaiserliche gegenüber. Letztere lagen von Breiten bis Mannheim. J. W. suchte das öde Land wieder zu bevölkern, aber trotz aller Privilegien konnte bei der steten Kriegsnoth kein Wohlstand erblühen. Mannheim erduldete im Februar 1692 neue Unbilden durch die Franzosen und am 22. Mai 1693 überlieferte der feige Commandant Feldmarschall-Lieutenant von Heidersdorf Heidelberg, wo vier kaiserliche Regimenter lagen, den mit dem Wandalismus vertrauten Feinden. Fünf Regimenter plünderten die Stadt aus, überließen sich Bestialitäten jeder Art, zündeten die Stadt an, von der nur wenige Häuser den Flammen trotzten, schleuderten die Gebeine der Kurfürsten aus ihren Grüften auf den Marktplatz, rissen die Stadtmauern ein und Vertrieben die unerhört mißhandelten Einwohner; die Universitätslehrer zerstreuten sich nach allen Richtungen. 1694 kamen dann die Franzosen nochmals und nahmen den Bettlern, die in den Ruinen Heidelbergs hausten, noch ihr Letztes weg, während Ludwig XIV. durch Münzen sein schmähliches Werk verewigen ließ. J. W. zeigte anfänglich tolerante Intentionen in Betreff der andersgläubigen Unterthanen und gewährte ihnen bei Eingriffen von Würzburg und Mainz Schutz; unter der französischen Herrschaft aber wurden die Reformirten furchtbar bedrückt, unduldsame Mönche verjagten oder tyrannisirten sie, und während Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg sich für sie in Düsseldorf verwandte, befehdeten sie sich bitterlich mit den Lutheranern, was dem katholischen Hofe große Genugthuung bereitete. Endlich kam im October 1697 der Ryswicker Friede zu Stande, in dem die Pfalz die durch die Reunionen und seit 1688 eingezogenen Landestheile sammt dem Oberamte Germersheim zurück erhielt und der Orleans'sche Erbfolgestreit einem Schiedsgerichte überwiesen wurde; aber zum Entsetzen der Protestanten mußte in diesen Gebieten die katholische Religion in Geltung bleiben. So sehr auch das Volk widerstrebte, führte der Hof eine katholische Reaction in der Pfalz durch; J. W. wich von der Toleranz seiner ersten Verfügungen ab und bekundete sich als echten Jesuitenzögling. Mit Ludwig XIV., dem Papste Innocenz XII. und den Jesuiten conspirirte er, anstatt für Abhülfe der Landesnoth zu sorgen, gegen seine protestantischen Unterthanen. Mit hoher Freude erfüllte es ihn, daß Pfalz und Sachsen wieder katholische Kuren seien, er eiferte gegen die Erhöhung des protestantischen Hauses Hannover zur Kurwürde und hoffte auf Uneinigkeit unter den protestantischen Fürsten, die Religions halber gegen den Ryswicker Frieden sprachen. Es begann in der Pfalz ein kirchlicher Terrorismus ohne Rücksicht, und während der üppige Hof auf den Trümmern des zertretenen Landes tafelte und durch seine Bureaukratie Recht, Duldung und Wohlstand mit Füßen treten ließ, setzten die Jesuiten in frechster Offenheit die Bekehrung des Volkes, selbst durch Militärgewalt unterstützt, fort. Ludwig XIV., auf dessen Schutz J. W. baute, behandelte ihn mit keckem Uebermuthe, hemmte viele pfälzische Zölle, errichtete französische Zollstätten, behielt trotz des Friedensschlusses pfälzische Gebiete noch lange zurück etc., auf des Kurfürsten unterthänige Vorstellungen nicht achtend. Im Juni 1698 erschien J. W. in der Pfalz und nahm in Weinheim, wohin auch die Universität sich verlegte, Residenz. Unter dem Jubel der Jesuiten, die alsbald in Heidelberg, wohin die Hochschule 1700 zurückkehrte, festen Fuß faßten, wurden die unglücklichen Pfälzer durch Edikte gegen die Religion mißhandelt — von Toleranz war keine Rede mehr; Jesuiten und Kapuziner hatten gute Tage, die fleißigen französischen Réfugies wurden ausgewiesen. Die Beschwerden der Unterthanen veranlaßten das Corpus Evangelicorum in Regensburg und einzelne protestantische Reichsstände, voran Brandenburg, zu entschiedenen Vorstellungen bei J. W., doch blieben dieselben lange völlig erfolglos; erst als der König von|Preußen drohte, falls die pfälzische Regierung in ihrer Willkür fortfahre, werde er die Güter der katholischen Kirche in den Landen Halberstadt, Magdeburg und Minden einziehen, lenkte J. W. ein und schließlich kam die Religionsdeklaration vom 21. Novbr. 1705 zu Wege: völlige Religionsfreiheit wurde Allen zugesagt und jede gegentheilige Verfügung zurückgenommen, den Protestanten die Wählbarkeit zu allen öffentlichen Aemtern zugesichert, den Reformirten sollten 5/7 aller Kirchen in der Pfalz, den Lutheranern alle, die sie 1624 inne gehabt, zufallen. Die Religionswirren waren freilich hiermit nicht begraben.

    J. W. sah mit Entrüstung, wie die armenischen Christen von den Ungläubigen bedrückt wurden, und 1698 regte ein armenischer Kaufmann, Israel Ory, in ihm die Hoffnung an, die Armenier würden römisch-katholisch und er König von Großarmenien werden; 1699 überbrachten Ory und ein armenischer Abt nach Düsseldorf, wohin der Kurfürst wieder übergesiedelt war, ein Schreiben der armenischen Oberhäupter, die ihm versicherten, es fehle ihnen weder an Geld noch an Soldaten, und ihm die Oberherrschaft und Krone Armeniens antrugen; sie wünschten von ihm nur wenige Hülfstruppen und ließen auch für seinen Bruder Karl Philipp (s. d.) die Aussicht auf eine weitere Krone durchblicken. J. W. ging voll Eifer auf die Angelegenheit ein, Ory legte ihm ein Gutachten über die in ihren Consequenzen hochwichtige Frage vor, wurde von ihm an den Papst, den Kaiser und den Czaren gesandt, aber durch den Ausbruch und Gang des spanischen Erbfolgekrieges brach das ganze Luftschloß eines armenischen Königreiches zusammen. — Nach dem Aussterben der Linie Pfalz-Veldenz (29. Septbr. 1694) erhob J. W. Ansprüche an ihr Gebiet, kam deshalb mit den gleich ihm prätendirenden Linien Zweibrücken, Birkenfeld und Sulzbach in Streit und besetzte am 27. Decbr. 1697 das Land — erst unter seinem Nachfolger Karl Philipp wurde der Streit am 29. Decbr. 1733 ausgeglichen und Lautereck mit Veldenz dauernd erworben. — Der Orleans'sche Erbfolgestreit wurde nach langen Verhandlungen durch den Papst Clemens XI. am 17. Febr. 1702 dahin entschieden, daß J. W. dem Verwüster seines Landes, Ludwig XIV., noch 300 000 Scudi auszahlte, wovon natürlich die Herzogin von Orleans keinen erhalten hat. Im spanischen Erbfolgekriege trat J. W. als treuer Anhänger des habsburgischen Hauses auf die Seite des Kaisers; über 10 000 Mann ließ er für ihn fechten, während sein Land vom Kriege wenig heimgesucht wurde. Dafür rastete er nicht, bis es ihm gelang, den Kaiser dahin zu bewegen, daß er ihm und seinen Nachfolgern in der Kur am 23. Juni 1708 wieder die erste Stelle im weltlichen Kurcollegium mit der Erztruchseßwürde, welche seit 1623 bei Baiern gewesen waren, einräumte und ihm die Oberpfalz nebst der Grafschaft Cham zurückgab; die Erzschatzmeisterwürde kam nun an Hannover und Baiern erhielt die achte Kur. Voll Freude hierüber erneuerte J. W. am 29. Septbr. 1708 den 1444 vom Herzoge Gerhard V. von Jülich gestifteten St. Hubertusorden. Aber sein Entzücken sollte nicht lange währen. Im Felde besiegt, erschlich sich Frankreich auf diplomatischem Wege doch den Erfolg und erwirkte zu Rastatt 1714 die Zurückgabe von Oberpfalz und Cham an seinen Verbündeten Kurbaiern, behielt auch Stücke vom Oberamte Germersheim zurück und alle Proteste Johann Wilhelms blieben ohne Wirkung. Aus Erwerbungen, die der Kurfürst 1705 und 1708, einen langen Streit abschließend, vom Bisthume Worms machte, bildete er das Amt Ladenburg. Der gemeinschaftliche Besitz von Baden, Kurpfalz und Pfalz-Simmern in der Grafschaft Sponheim hatte stets zu Irrungen geführt und J. W. schloß darum 24. August 1707 mit der Regentschaft Baden-Badens einen Vertrag, wodurch er 3/5 und Baden-Baden 2/5 der vorderen Grafschaft Sponheim erhielt; aus seinem Antheile errichtete er das Oberamt Kreuznach, in welches er auch das von Kurmainz erlangte Amt Böckelnheim 1714 einfügte. Die Pfalz ließ J. W. in den Händen eigennütziger Beamten|während er weit angenehmer in Jülich und Düsseldorf lebte und seinen Genüssen und Liebhabereien fröhnte. Sehr langsam erholte sich die Pfalz, von der Beamtenoligarchie ausgebeutet, von den Schlagen der blutigen Kriege. Dem Glanze seines schwelgerischen Hofes diente das darbende Land zur traurigen Folie. Als echter Sohn der Ludovicianischen Zeit im höchsten Grade auf seine Herrscherwürde eingebildet und voll Genußsucht, sann J. W. wenig auf das Glück seines Volkes, zumal die Confession zwischen ihnen stand; es genügte dem eitlen Fürsten, daß ihn Schmeichler "Magnificus et potens" nannten und daß sein Hofhalt einer der kostspieligsten des Erdtheils war. Die glänzendsten Bauten entstanden und verschlangen enorme Gelder, 1710 wurde das Lustschloß Bensberg erbaut und Düsseldorf, wo sein überlebensgroßes Reiterbild steht, verdankt J. W. unendlich viel; hier legte er den Grund zu der berühmten Gemäldegallerie, in die er kostbare Perlen fügte; der Maler Adrian van der Werff, dessen geleckter Styl bereits die Entartung der Kunst verräth, lebte lange in dieser Stadt. Da die Lutheraner durch die Declaration von 1705 ohne Mitgenuß am pfälzischen Kirchengute blieben, führte dies zu neuem Streite, den sie und die Reformirten voll Heftigkeit führten. Während desselben nisteten sich Orden und Klöster im Schooße der katholischen Kirche mehr und mehr ein. Die tief gesunkene Universität Heidelberg erhielt zwar wieder eine reformirte theologische Facultät, aber die Jesuiten gewannen auch hier viel Boden und der Jesuiten-Professor Paul Usleben bewies, wie weit ihre Angriffe gegen Andersgläubige gehen durften. J. W. bereicherte die Bibliothek der Hochschule und erbaute auf den Trümmern des Casimirianum seit 1712 das erst 1735 vollendete Universitätsgebäude (Domus Wilhelmiana). Zur Blüthe gelangte die Universität unter ihm ebenso wenig wie die stets als Stiefkind behandelte Pfalz. J. W. starb in Düsseldorf, wo er in der Jesuitenkirche ruht, am 18. Juni 1716.

    • Literatur

      Häusser, Geschichte der rheinischen Pfalz, Bd. II, Heidelb. 1845. Hautz und von Reichlin-Meldegg, Geschichte der Universität Heidelberg, 2 Bde., Mannheim 1862—64. Joseph von Fink, Ueber die politischen Unterhandlungen des Churfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz zur Befreyung der Christenheit in Armenien vom Joche der Ungläubigen, von 1698—1705. München 1829.

  • Autor

    Kleinschmidt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kleinschmidt, Arthur, "Johann Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 314-317 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712411.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA