Lebensdaten
1687 – 1750
Geburtsort
Grottkau
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Musiker ; Lautenist ; Komponist ; Hofmusikus in Dresden
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 119263475 | OGND | VIAF: 27253575
Namensvarianten
  • Weiss, Silvius Leopold
  • Weiss, Silvius Leopoldus
  • Weiß, Sylvius
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Weiss, Silvius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119263475.html [25.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Jacob (um 1662–1754), Lautenist in Mannheim;
    M vermutl. Anna Margaretha N. N. (um 1667–1723);
    B Johann Sigismund (um 1695–1737), aus Mannheim, Concert-Dir. ebd., Instrumentalist, Schw Juliana Margaretha (1690–1765), Lautenistin;
    Elisabeth Maria Josepha N. N. (um 1700–59);
    11 K u. a. S Johann Adolph Faustinus (1741–1814), Lautenist in D., T Maria Theresia (Therese) Francisca (1730–75, Christian Gottlob Heyne, 1729–1812, klass. Philol., Bibl. in Göttingen, s. NDB IX);
    E Therese Huber (1764–1829, 1] Georg Forster, 1754–94, Forsch.reisender, Naturwiss., Schriftst., s. NDB V, 2] Ludwig Ferdinand Huber, 1764–1804, Schriftst., s. NDB IX), Schriftst. (s. NDB IX).

  • Biographie

    W., über dessen frühe Lebensjahre fast nichts bekannt ist, erhielt sicher ersten Lautenunterricht von seinem Vater. Er galt als Wunder-| kind und trat im Alter von sieben Jahren vor Ks. Leopold I. (1640–1705) auf. Vor 1706 wurde W. bei Pfalzgf. Karl Philipp von Pfalz-Neuburg (1661–1742), der in Breslau und Brieg residierte, angestellt. In der ersten Jahreshälfte 1706 unternahm er eine Gastspielreise nach Berlin, Kassel und Düsseldorf. Seine früheste datierte Komposition entstand im selben Jahr am Düsseldorfer Hof von Kf. Johann Wilhelm von der Pfalz (1658–1716).

    Weshalb W. in der Folgezeit seine Anstellung bei Pfalzgf. Karl Philipp aufgab und sich zwischen 1708 und 1710 in die Dienste des poln. Prinzen Alexander Sobieski nach Rom begab, ist unbekannt. Nach dem Tod Sobieskis 1714 kehrte er wahrscheinlich direkt zu seinem ehemaligen Dienstherrn Karl Philipp zurück, der inzwischen ksl. Statthalter in Innsbruck war und 1716 seinem Bruder als Kurfürst von der Pfalz nachfolgte. Bei Karl Philipp blieb W. offiziell bis in die erste Jahreshälfte 1718 angestellt. Von der älteren Forschung behauptete Engagements in Kassel 1715 und in Düsseldorf 1716 sind nicht zu belegen. Eine angebliche Gastspielreise im Frühjahr 1718 nach London hat nicht er, sondern wahrscheinlich sein Bruder Johann Sigismund unternommen.

    1717 läßt sich ein Aufenthalt von W. in Prag nachweisen; wohl seit Ende dieses Jahres befand er sich am Dresdner Hof Augusts des Starken (1670–1733). Hier seit dem 1. 8. 1718 fest angestellt, steigerte sich sein Jahresgehalt von 1000 Reichstalern im Laufe der Zeit auf 1400 Reichstaler, was für einen Instrumentalmusiker dieser Zeit ein äußerst hohes Gehalt darstellte. Die Dresdner Stellung behielt er, trotz eines noch lukrativeren Angebots von 2000 Talern des Wiener Kaiserhofs 1736, auch unter Augusts Nachfolger Friedrich August II. von Sachsen (1696–1763) bis zu seinem Lebensende bei.

    Barocker Herrschaftsrepräsentation entsprechend, wurde W. unmittelbar nach seinem Dienstantritt in Dresden von August dem Starken mit anderen Musikern nach Wien geschickt, um der Brautwerbung des sächs. Kurprinzen am Kaiserhof mehr Glanz zu verleihen; danach hatte W. mit ausgewählten Musikern die habsburg. Braut bei ihrer Ankunft in Pirna zu empfangen. Ebenfalls aus Repräsentationsgründen wurde W. mit einer kleinen Gruppe von Musikern im Zusammenhang mit Augusts Besuch beim preuß. König 1728 für mehrere Monate nach Berlin abgeordnet.

    Gegen Ende 1722 weilte W. anläßlich der Hochzeitsfeierlichkeiten des bayer. Kurprinzen Karl Albrecht (1697–1745) mit der habsburg. Kaisertochter Maria Amalia (1701–56) zu einem Gastspiel in München. Im Sommer 1723 reiste er mit Johann Joachim Quantz (1697–1773) und Carl Heinrich Graun (1704–59) nach Prag zur Krönung Ks. Karls VI. (1685–1740) zum König von Böhmen, um sich die von Johann Joseph Fux (1660–1741) komponierte monumentale Festoper „Costanza e fortezza“ anzuhören. Die Zusammenarbeit der Musiker am Dresdner Hof war nicht immer konfliktfrei. 1738 geriet W. wegen eines Streits mit seinem Vorgesetzten kurzzeitig in Arrest.

    Als Musiker genoß W. bereits zu Lebzeiten in ganz Europa große Wertschätzung. Zu seinen Bewunderern zählten Könige, Fürsten, Musiker und bedeutende Intellektuelle der Aufklärung. Neben Angehörigen des Hochadels unterrichtete er später führende Lautenisten der Nachfolgegeneration und den nachmaligen kgl. preuß. Kapellmeister Carl Heinrich Graun. Darüber hinaus unterhielt W. Beziehungen zu Johann Sebastian Bach (1685–1750), mit dem er 1739 in Leipzig zusammentraf. Eine Lautensonate W.s bearbeitete Bach für Violine und Cembalo (BWV 1025).

    W. hinterließ ein gewaltiges Werk an Kompositionen für die Laute, das bis auf eine Ausnahme nur handschriftlich überliefert ist. Die Kompositionen weisen sowohl ital. als auch franz. Einflüsse auf. W. entwickelte jedoch einen gänzlich eigenen Stil, der nicht nur seine Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Lautenmusik belegt, sondern ihn als herausragenden Komponisten in der 1. Hälfte des 18. Jh. ausweist. Seine Werke zeichnen sich durch thematischen Einfallsreichtum, harmonische und chromatische Kühnheit aus, die zusammen mit dem Überwinden der barocken Suitenform weit in die Zukunft weisen. Zudem hatte W. mit maßgeblichen Modifikationen auch an der Weiterentwicklung seines Instruments Anteil.

  • Werke

    |über 100 meist sechssätzige Sonaten u. ca. 90 Einzelwerke bzw. keinen Sonaten zuordenbare Sätze, dazu meist unvollst. überlieferte Kammermusikwerke u. ca. 25 heute verschollene Sonaten;
    G. Ph. Telemann, Der Getreue Music-Meister, Hamburg 1728, S. 45 (mit e. Presto v. W.);
    The Breitkopf Thematic Cat., The Six Parts and Sixteen Supplements 1762–1787, hg. v. B. S. Brook, 1966;
    34 Suiten f. Laute solo, Faks.druck n. d. Hss. Tabulatur Mus. 2841-V-1 d. Sächs. Landesbibl. Dresden, mit quellenkundl. Bemm. v. W. Reich, 1977;
    Sämtl. Werke f. Laute/ Complete Works for Lute, hg. v. D. A. Smith u. a., 10 Bde. in 12 Bdn., 1983–2013 (ab Bd. 5 in d. Sonderreihe v.: Das Erbe dt. Musik);
    The Moscow ‚Weiss‘ Manuscript, M. I. Glinka State Central Mus. of Musical Culture, MS 282 / 8, hg. v. T. | Crawford, 1995;
    Lautenmusik aus Schloß Rohrau, Werke v. S. L. Weiss u. a., Zwei Mss. f. Barocklaute aus d. Gf. Harrach’schen Fam.slg., als Faks. hg. v. M. Freimuth, F. Legl u. M. Lutz, 2010.

  • Quellen

    |Dresden, Sächs. HStA; Karlsruhe, Landeskirchl. Archiv; Marburg, Hess. StA; München, Bayer. HStA; – E. G. Baron, Hist.-Theoret. u. Pract. Unters. d. Instruments d. Lauten, Nürnberg 1727; J. G. Walther, Musikal. Lex. oder musikal. Bibl., Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1732, ⁴1986; J. Chr. Gottsched (Hg.), Handlex. oder Kurzgefaßtes Wb. d. schönen Wiss. u. freyen Künste, Leipzig 1760.

  • Literatur

    |ADB 41;
    M. Fürstenau, Zur Gesch. d. Musik u. d. Theaters am Hofe d. Kf. v. Sachsen u. Könige v. Polen Friedrich August I. (August II.) u. Friedrich August II. (August III.), 1862;
    H. Volkmann, S. L. W., d. letzte grosse Lautenist, Biogr. Skizze, in: Die Musik 6, 1906 / 07, H. 17, S. 273–89;
    H. Neemann, Die Lautenistenfam. Weiß, in: Archiv f. Musikforsch., 4. Jg., 1939, S. 157–89;
    D. A. Smith, The Late Sonatas of S. L. W., Diss. masch. Stanford Univ. 1977;
    ders., Sylvius L. W., in: Early Music, 8, Nr. 1, Jan. 1980, S. 47–58;
    ders., A Biogr. of S. L. W., in: Journ. of the Lute Soc. of America, XXXI, 1998 (ersch. 2003), S. 1–48;
    ders., W. and the 1719 Saxon-Hapsburg Wedding Festival in Dresden, ebd., XXXIII, 2000 (ersch. 2004), S. 87–97;
    U. Neu, Harmonik u. Affektgestaltung in d. Lautenkompositionen v. S. L. Weiß, 1995;
    F. Legl, Zw. Grottkau u. Neuburg, Neues z. Biogr. v. S. L. W., in: Die Laute, Jb. d. Dt. Lautenges., IV, 2000, (ersch. 2002), S. 1–40 (P), engl. in: Journ. of the Lute Soc. of America, XXXI, 1998 (ersch. 2003), S. 49–77;
    ders., Die S. L. W. betreffenden Einträge im kath. Taufreg. d. Dresdner Hofes, in: Die Laute, VII, 2003, 2007, S. 23–59;
    ders., Kleinere neue Funde z. Biogr. v. S. L. W., ebd., VIII, 2009, S. 76–92;
    ders., Neue Quellen z. Lautenistenfam. W., Paul Charl Durant u. Wolff Jacob Lauffensteiner, ebd., IX–X, 2011, S. 11–40;
    ders., Grottkau oder Breslau? Neues zu Geb.ort u. Geb.j. v. S. L. W., ebd., XII, 2017, S. 120–32;
    R. Lundberg, W’s Lutes, The Origin of the 13-Course German Baroque Lutes, in: Journ. of the Lute Soc. of America, XXXII, 1999 (ersch. 2004), S. 35–66;
    J. Żak, The Sobieskis in Silesia and in Rome, W.’s First Royal Patrons, ebd., XXXIII, 2000 (ersch. 2004), S. 1–12;
    F. Vacca, W. in Rome (1712–1713), First Archival Findings, ebd., S. 13–31;
    V. Kapsa u. C. Madl, W., the Hartigs and the Prague Music Academy, Research into the „profound silence“ left by a „pope of music“, ebd., S. 47–86;
    K. Martius, Sebastian Schelle and the Swan-Necked Lute, ebd., XXXV, 2002 (ersch. 2006), S. 23–50;
    T. Stone, Italy and the Transformation of W.’s Solo Lute Style, ebd., XXXIX, 2006 (ersch. 2009), S. 65–74;
    T. Crawford, The Harrach Lute Manuscripts and the Complete Works of S. L. W., ebd., XL, 2007 (ersch. 2010), S. 1–43;
    M. Lutz, Es lebe August d. Dritte, S. L. W. als treuer Untertan, in: Die Laute, XI, 2013, S. 107–27;
    New Grove;
    Art. zu Fam. in: MGG;
    MGG² (L).

  • Porträts

    |Kupf. v. B. Folin (n. e. verlorenen Gem. v. B. Denner) als Frontispiz zu: Neue Bibl. d. schönen Wiss. u. d. freyen Künste, Bd. 1, H. 1, Leipzig 1765, Abb. u. a. in: Die Laute, IV, 2000 (ersch. 2002), v. S. 1.

  • Autor/in

    Frank Legl
  • Zitierweise

    Legl, Frank, "Weiss, Silvius" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 696-698 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119263475.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Biographie

    Weiß: Sylvius W., ein berühmter Lautenist, um 1684 zu Breslau geboren und am 16. October 1750 zu Dresden. Von seinen Studienjahren ist nichts bekannt, erst aus dem Jahre 1708 erfahren wir, daß er sich im Gefolge des Prinzen Alexander Sobiesky auf einer Reise nach Italien befand und dort seines virtuosen Lautenspiels wegen sehr gefeiert wurde. 1718 trat er als Kammermusiker in die kurfürstliche Capelle in Dresden ein, nachdem er sich vor dem Hofe hatte hören lassen, wofür er vom Kurfürsten und König von|Polen 100 Ducaten zum Geschenk erhielt. Die Zeitgenossen Weiß' stimmen alle im Lob überein und wo er sich hören ließ wurde er bewundert. So hörte ihn die Markgräfin von Baireuth im J. 1728 in Berlin und schreibt „il excelle si fort sur le luth, qu'il n'a jamais en son pareil et que ceux, qui viendront après lui, n'auront que la gloire de l'imiter“. Auch der bekannte Lautenist Baron äußert sich in seinem Buche von 1727 sehr günstig über ihn. Er schreibt: „Er ist der Erste gewesen, welcher gezeiget, daß man mehr könnte auf der Laute machen, als man sonsten nicht geglaubet. Und kann ich, was mein Vertu anbetrifft, aufrichtig versichern, daß es einerley, ob man einen künstlichen Organisten auf einem Claviercimbel seine Fantasien und Fugen machen, oder Monsieur Weißen spielen hört. In denen Harpeggio hat er so eine allgemeine Vollstimmigkeit, in exprimirung derer Affecten ist er incomparable, hat eine stupende Fertigkeit, eine unerhörte Delicatesse und cantable Anmuth, und ist ein großer Extemporaneur, da er im Augenblicke, wenn es ihm beliebig, die schönsten Themata, ja gar Violinconcerte von ihren Noten wegspielt, und extraordinär sowohl auf der Lauten, als Tiorba den Generalbaß accompagnirt“. Auch die Kaiserin Amalie erbat sich in einem Briefe vom 5. October 1747 von der sächsischen Kurprinzessin Maria Antonia, der bekannten Componistin, „Partien oder Stück von des Kammer-Lautenisten Weiß Composition, die viel besser auf dem Gusto wie es sich auf dieses Instrument gehört componirt als alle Krazereien“. Viele Schüler wanderten zu ihm um seinen Unterricht zu genießen. Sein Gehalt als Kammermusikus betrug anfänglich 1000 Thaler und seit dem Jahre 1733 sogar 1200 Thaler. Er erhielt sich bis zu seinem Tode in der Gunst des Kurfürsten. Von seinen Compositionen. die sich nach seinem Tode im Nachlasse vorfanden, zeigte s. Z. die Breitkopf’sche Musikhandlung im Manuscript 66 Solos, 10 Trios und 6 Concerte für Laute mit und ohne Begleitung an, die sie zum Verkaufe anbot. Der Rest wurde später versteigert, doch ist keine derselben in öffentliche Bibliotheken übergegangen. Ein einziges Stück, ein Presto für Laute, veröffentlicht Telemann in seinem Musikmeister, S. 45.

    • Literatur

      Sächs. Staatsarchiv. — Fürstenau in seinen beiden bekannten Werken. — Marpurg, Hist.-krit. Beyträge 1, 546 und Mendel-Reißmann's Lexikon, Artikel von Fürstenau geschrieben.

  • Autor/in

    Rob. Eitner.
  • Zitierweise

    Eitner, Robert, "Weiss, Silvius" in: Allgemeine Deutsche Biographie 41 (1896), S. 583-584 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119263475.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA