Lebensdaten
1895 - 1963
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
sozialistischer Theoretiker ; Publizist
Konfession
jüdisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118617923 | OGND | VIAF: 54390057
Namensvarianten
  • Tarn, Thomas (Pseudonym)
  • Gerstorff, K. L. (Pseudonym)
  • Ungewitter (Pseudonym)
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Sternberg, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617923.html [10.05.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (1856–1918, jüd.), Dr. iur., RA in B., Notar, JR, S d. Adolf, Druckereibes. in Militsch (Niederschlesien), später in B., u. d. Auguste Zendig;
    M Jenny Zendig (1856–1932, jüd.), aus Krotoschin (Prov. Posen), Lehrerin an e. jüd. Schule (?), T e. Rabbiners (?);
    2 B Wolfgang (1887–1953), 1929–33 ao. Prof. d. Math. in B., emigrierte n. Entlassung über d. ČSR in d. USA, zuletzt in New York (s. Pogg. V–VII a; BHdE II; Tobies, Biogr. Lex. Math.), Hans (1890–1950), Dr. med., Facharzt f. Haut- u. Geschl.krankheiten in B., emigrierte n. Australien, 2 Schw Grete Jeenel (1886–1956), Dr. phil., in B., emigrierte 1946 n. New York, Marie (1892–1970?), emigrierte über Kuba n. New York;
    1) 1919 Genia Fadenhecht ( 1923), 2) Erna von Pustau (1903/04–69), aus Mönchengladbach oder Hamburg (?), Dr. phil., Schriftst., emigrierte 1933 über d. Schweiz u. Frankr. in d. USA (s. Dt. Exil-Lit.), 3) München 1959 Lucinde (1918–98), aus Bonn, T d. Wilhelm Worringer (1881–1965), Kunsthist. (s. Munzinger; Killy; Altpreuß. Biogr. III; Metzler Kunsthist. Lex.; H. Grebing, Die Worringers, 2004), u. d. Marta Schmitz (1881–1965), Künstlerin (s. M. Jochimsen u. A. Schmid, M. W., Ausst.kat. August-Macke-Haus, Bonn 2001);
    1 T aus 1) Judith Piepe (1920–2003, seit 1955 anglikan., 1] N. N., 2] Tony Piepe, 3] Stephen Delft, Gitarrenbauer), emigrierte n. England, kirchl. Sozialarb., Liedtexterin, Mentorin v. Sängern wie Paul Simon, seit 1982 in Neuseeland (s. K. Dallas, in: The Independent v. 2. 7. 2003).

  • Leben

    S. stammte aus wohlhabendem jüd. Breslauer Bürgertum. Er studierte nach dem Abitur (1913) seit 1914 in Breslau und Berlin Rechts- und Staatswissenschaften, 1916–18 leistete er Kriegsdienst in Rußland. Bereits als Gymnasiast hatte er erste Kontakte zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gefunden, doch eine Begegnung mit Martin Buber (1878–1965) 1911 führte ihn in die zionistische Bewegung. S. engagierte sich bei den zionistischen „Volkssozialisten“ und zu Beginn der 1920er Jahre bei der „Poale Zion“, die sich um eine Synthese zwischen Zionismus und Marxismus bemühte und sich gegen die Gründung eines jüd. Nationalstaates in Palästina wandte. S.s Dissertation bei Adolf Weber über „Die Juden als Träger einer neuen Wirtschaft in Palästina“ 1917 (gedr. 1921) zeugt von diesem Engagement. 1919 ging S. als Mitarbeiter von Franz Oppenheimer (1864–1943) nach Frankfurt/M.; hier gehörte er auch zum Diskussionskreis um Martin Buber und den hebr. Dichter Samuel Joseph Agnon (1888–1970) und galt als einer der fähigsten Köpfe der jüngeren Generation im Zionismus.

    1923 trennte sich S. vom sich religiös-ideologisch verengenden Zionismus, überwarf sich mit Oppenheimer und begann, sich mit der undogmatischen Weiterführung der marxistischen Theorie zu befassen, die er mit einer ökonomisch-soziologischen Analyse der globalen Beziehungen des Kapitalismus nach dem 1. Weltkrieg verband. Das erste Ergebnis dieser Studien legte er in seinem Buch „Der Imperialismus“ (1926, Nachdr. 1971) vor, das heftige Diskussionen innerhalb und außerhalb marxistischer Kreise auslöste, u. a. weil es die sozioökonomisch bedingte Möglichkeit eines 2. Weltkriegs voraussah.

    S. lebte nach einem vergeblichen Habilitationsversuch 1922 in beschränkten Verhältnissen als freier Publizist in Breslau, Frankfurt/M., Köln und v. a. Berlin, wo er in den Literaten- und Intellektuellenzirkeln um Brecht, Döblin und Piscator verkehrte. Er war Mitarbeiter der „Weltbühne“ (unter mehreren Pseudonymen) und anderer Zeitschriften sowie ein scharfzüngiger Redner, der besonders unter den Jungsozialisten begeisterte Anhänger fand. Reisen in die Sowjetunion als die angebliche sozialistische Vormacht 1929 und 1930 desillusionierten ihn hinsichtlich der Stalinschen Diktatur und der ökonomischen Defizite. Gleichzeitig wurde er zu einem kämpferischen Gegner des Nationalsozialismus und schloß sich 1931 der kleinen Sozialistischen Arbeiterpartei an.

    Als bekannter Gegner des Faschismus mußte S. bereits im März 1933 ins Exil fliehen. Über Prag, Basel und Paris gelangte er im Frühjahr 1939 in die USA und lebte hier überwiegend in New York. Im Juli 1939 als Deutscher ausgebürgert, nahm er 1945 die amerik. Staatsbürgerschaft an. Im Okt. 1940 wurde ihm wie seinem Bruder Hans von der Univ. Breslau der Doktortitel entzogen. Im Exil blieb S. publizistisch aktiv; 1935 erschien sein Buch „Der Faschismus an der Macht“ (Nachdr. 1981), in dem er vor der Illusion des schnellen Zusammenbruchs der NS-Diktatur warnte, und 1939 „Die deutsche Kriegsstärke“ (engl. 1938, schwed. 1938, niederl. 1939), worin er darlegte, daß nur durch ein Eingreifen der USA in den kommenden 2. Weltkrieg die NS-Diktatur über Europa zu überwinden sein würde. Im amerik. Exil publizierte er, nunmehr in engl. Sprache, zunehmend erfolgreich weiter und betätigte sich als Berater liberaler Politiker und politisch einflußreicher Gewerkschaftsführer. Er bezeichnete sich selbst seit Mitte der 1940er Jahre als freiheitlicher bzw. demokratischer Sozialist, der die Marxsche analytische Methode unverändert für eine schöpferische Kraft hielt und deshalb die marxist.-leninist. Orthodoxie scharf kritisierte.

    Um 1950 orientierte sich S. zurück nach Europa und lebte seit 1954 überwiegend in München. Seine Bücher fanden nun auch|hier ein breites Interesse, sie erschienen meist in engl. und dt. Sprache, teilw. auch franz., span. und japanisch. Er war Referent bei zentralen Veranstaltungen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich, schrieb Rundfunksendungen, trat im Fernsehen auf und beriet Politiker wie Fritz Erler und Willy Brandt.

  • Werke

    Weitere W Kapitalismus u. Sozialismus vor d. Weltger., 1951, 21952;
    Marx u. d. Gegenwart, 1955;
    Die mil. u. d. industr. Rev., 1957, engl. 1959, span. 1961, portugies. 1962, serb. 1965;
    Wer beherrscht d. zweite Hälfte d. 20. Jh.?, 1961, 21963, niederl. 1962, span. 1963;
    Nachlaß:
    Archiv d. soz. Demokratie, Bonn.

  • Literatur

    H. Grebing (Hg.), F. S. (1895–1963), Für d. Zukunft d. Sozialismus, 1981 (W, P);
    W. Kühne, Ökonomie u. Marxismus, 2 Bde., 1972;
    I. Fetscher, Der Marxismus, Neuausg. 1983;
    BHdE I;
    Demokrat. Wege (P);
    J. Glombowski, in: BHdwE (W, L).

  • Autor/in

    Helga Grebing
  • Empfohlene Zitierweise

    Grebing, Helga, "Sternberg, Fritz" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 292-294 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617923.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA