Lebensdaten
erwähnt 876, gestorben 900 oder 901
Beruf/Funktion
Bischof von Vercelli
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 136742548 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Liutward von Vercelli
  • Liutward
  • Liutward von Vercelli
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Zitierweise

Liutward, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd136742548.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Wohl aus Schwäb. Adelsfam.;
    B Chadolt ( 891), Bischof v. Novara (seit 882);
    N Adalbert; Verwandter Liutward, Bischof v. Como (vor 888-n. 915).

  • Leben

    Eine polemische Nachricht über L.s niedere Herkunft verdient kaum Glauben. Er wurde im Kloster Reichenau erzogen und trat offenbar früh in Verbindung mit Karl, dem jüngsten Sohn Ludwigs d. Deutschen. Als Karl 876 nach dem Tode des Vaters zu selbständiger Herrschaft in Alemannien kam, schrieb L. dessen erste Urkunden und übernahm bald die Leitung der Kanzlei, seit 878 mit dem Titel eines archicancellarius. Ob er in späteren Jahren (883?) auch die Würde des Erzkapellans erlangt hat, bleibt wegen unsicherer Bezeugung fraglich. Deutlich ist dagegen, daß L. rasch zur bestimmenden Persönlichkeit in der Umgebung des Königs wurde und an dessen Aufstieg vom ostfränk. Teilherrscher zum (letzten) Kaiser des karoling. Gesamtreiches maßgeblichen Anteil hatte. Er begleitete Karl III. beim Griff nach der Herrschaft in Italien im Winter 879/80 und wurde Anfang 880 wohl auf der Reichsversammlung in Ravenna zum Bischof von Vercelli erhoben. Dies geschah im Beisein Papst Johannes' VIII., und seither war L. insbesondere mit der Pflege von Karls Beziehungen nach Rom betraut. Er nahm teil an der Kaiserkrönung seines Herrn (12.2.881) und der erneuten Zusammenkunft Karls mit dem Papst im Febr. 882 in Ravenna; später führten ihn eigene Gesandtschaftsreisen noch mindestens zweimal nach Rom (Ende 882 und Frühjahr 886). Aber auch nördlich der Alpen ist L. häufig in der Umgebung des Kaisers anzutreffen; u. a. wird ihm die Vermittlung des ruhmlosen Normannenfriedens von „Ascloha“ (Asselt?) zugeschrieben (Juli 882). Seine Vorzugsstellung, die in urkundlichen Bezeichnungen als summus oder intimus consiliarius, aber auch in einer rühmenden Widmung des St. Galler Sequenzendichters Notker Balbulus zum Ausdruck kommt, wurde L. indes auf die Dauer zum Verhängnis. Nach einem heftigen Streit mit dem Mgf. Berengar von Friaul (886) – angeblich um eine Entführung von dessen Nichte zum Zweck der Verheiratung mit L.s Neffen – erzwangen die Großen im Juni 887 seine Entfernung vom Hof, wobei auch Beschuldigungen wegen unerlaubter Beziehungen zur Kaiserin Richardis laut wurden. L. wandte sich daraufhin Arnulf von Kärnten zu, konnte aber nach dessen Aufstieg zum ostfränk. Königtum und dem Sturz Karls III. (Nov. 887) keine erkennbare politische Rolle mehr spielen. Er scheint seine letzten Jahre in Italien verbracht zu haben und ist auf der Flucht vor einem Ungarneinbruch umgekommen.

  • Literatur

    ADB 19;
    E. Dümmler, Gesch. d. Ostfränk. Reiches III, 21888;
    J. Fleckenstein, Die Hofkapelle d. dt. Könige I, 1959, S. 190 ff.;
    G. Tellenbach, Liturg. Gedenkbücher als hist. Quellen, in: Mélanges E. Tisserant V, 1964, bes. S. 396 ff.;
    ders., Die geistigen u. pol. Grundlagen d. karoling. Thronfolge, in: Frühma. Stud. 13, 1979, S. 184-302;
    H. Keller, Zum Sturz Karls III., in: DA 22, 1966, S. 333-84;
    ders., Zur Struktur d. Königsherrschaft im karoling. u. nachkaroling. Italien, in: Qu. u. F aus ital. Archiven u. Bibliotheken 47, 1967, S. 214 f.;
    K. Schmid, Liutbert v. Mainz u. L. v. Vercelli im Winter 879/80 in Italien, in: Gesch., Wirtsch., Ges., Festschr. f. C. Bauer, 1974, S. 41-60.

  • Autor/in

    Rudolf Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Rudolf, "Liutward" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 724 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd136742548.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Liutward, Bischof von Vercelli (spätestens 1. Febr. 880), am 24. Juni 900, niederer Herkunft, wurde mit seinem Bruder Chadolt in der schwäbischen Heimath, im Kloster Reichenau gebildet; daß er sich von Notker dem Stammler dessen Sequenzen widmen ließ, beweist wissenschaftliches Interesse. Schon in der ersten Urkunde von Ludwig des Deutschen Sohn Karl III., König von Alemannien, 877 als dessen Kanzler bezeichnet, war er bereits am 24. März 878 Erzkanzler oder Erzkaplan, der „wackere, vertraute und geliebte Rath“ des Königs, von dem er sich große, später mit elsäßischem Besitz vertauschte Güter in Churwalchen, die Abtei Bobbio, das weinreiche italienische Klösterchen Massin, eine später mit einer Celle bei Reichenau vertauschte Kapelle im Thurgau verleihen ließ. Als Bischof von Vercelli sollte er eine Stütze von Karls Herrschaft in Italien werden, ⅔ der auf seine Fürbitte ausgestellten Urkunden beziehen sich auf dies Land. Seinem Bruder Chadolt verschaffte L. das Bisthum Novara. L. ging als Bevollmächtigter Karls 880 wiederholt zu Johann VIII., versprach dessen Legaten, die Gerechtsame der Kirche zu schützen. Nachdem das Ziel seiner Verhandlungen, die Kaiserkrone für Karl, erreicht war,|kehrte L. mit ihm spätestens November 881 über die Alpen zurück. Wahrscheinscheinlich im Herbst 882 hatte er Ludwigs II. Wittwe Engelberga nach Italien zu geleiten. Für sein Bemühen, den Kaiser zur Vertreibung Wido's von Spoleto aus den päpstlichen Besitzungen zu veranlassen, versprach ihm der Papst kurz vor seiner Ermordung zeitliche Vortheile. Ende 885 nochmals nach Rom gesandt, um den ohne kaiserliche Zustimmung erwählten Papst Stephan V. abzusetzen, ließ er sich durch diesen begütigen. Die Vermittelung des schmählichen Vertrages mit den Normannen zu Elsloo im Juli 882 mußte den Haß gegen den habgierigen Emporkömmling steigern. Er ließ in Schwaben und Italien reiche Erbinnen entführen, um sie seinen Verwandten zu vermählen. Gin durch den Tod seines Neffen in der Hochzeitwoche mißglückter Versuch derart gegen die Bruderstochter Berengar's von Friaul hatte im Sommer 886 den Ueberfall von Vercelli, die Plünderung von Liutward's Eigenthum zur Folge. Wol nur scheinbar versöhnte sich Berengar mit L. zu Waiblingen (Ostern 887) durch große Geschenke an den Bischof. Man warf ihm vor, er leugne die Einheit der Person Christi, man verdächtigte sein sehr befreundetes Verhältniß zur Kaiserin Richarda, die eine feierliche Reinigung von der Anklage des Ehebruchs angeboten haben soll. Unmittelbar vorher, im Juni 887, gab der schwache Kaiser den gegen L. verschworenen Großen nach, entzog ihm und seinen Verwandten Lehen und Aemter und verwies ihn vom Hofe. Bald bereute er es, aber L. war sofort zu Arnulf von Kärnthen gegangen, um ihn zum Streben nach der Krone aufzureizen. Sein Rath wird Arnulf zur Erlangung der Krone sehr dienlich gewesen sein, aber auf der Mainzer Synode, Juni 888, tritt L. zuletzt an öffentlichen Angelegenheiten betheiligt auf, muß sich dann auf den Genuß seiner reichen Einkünfte und des Bisthums beschränkt haben. Seine ungeheueren Schätze fielen den Magyaren anheim, als sie ihn 12 Jahre später erschlugen.

    • Literatur

      Vgl. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reiches, II. Bd.

  • Autor/in

    v. Kalckstein.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kalckstein, Ludwig Friedrich Karl von, "Liutward" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 20-21 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd136742548.html#adbcontent

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