Lebensdaten
erwähnt 1485 oder 1486 , gestorben 15. Jahrhundert
Beruf/Funktion
schwäbischer Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118874489 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lirer, Thoman
  • Lirer, Thomas
  • Lirer, Thoman
  • mehr

Zitierweise

Lirer, Thomas, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118874489.html [18.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    „Thomas Lirer“, angebl. zu Rankweil gesessen u. Knecht e. Herrn v. Werdenberg, den er nach Portugal begleitet haben will, ist e. Pseudonym (Lirer = Leierspieler, Geschichtenerzähler). Versuche, d. Autor mit e. 1443-74 belegten Bauern Thoman Lur in Götzis (Vorarlberg) zu identifizieren, sind gescheitert.

  • Leben

    Von Herbst 1485 bis August 1486 erschienen bei dem Ulmer Frühdrucker Konrad Dinckmut drei Auflagen einer mit ganzseitigen Holzschnitten des sog. Meisters des Ulmer Terenz geschmückten deutschen Chronik, einer offensichtlich ansprechenden Verbindung von unterhaltsamer Chronikerzählung und knappem Kompendium der Kaisergeschichte. Durch einen gemeinsamen Vorspann verklammert, enthält die Inkunabel die „Schwäb. Chronik“ und die aus dem Ende des 14. Jh. stammende sog. „Gmünder Kaiserchronik“, eine in 14 selbständigen Handschriften überlieferte kurze Prosachronik bis 1377, hier mit württ. Interpolationen und einer Fortsetzung bis 1462. Möglicherweise war der Ulmer Humanist Hans Neithart als Auftrag- oder Herausgeber am Druck der Chroniken beteiligt. Als Autor der Schwäb. Chronik, die 1133 erstmals abgeschrieben worden sein soll, nennt sich ein Thomas Lirer zu Rankweil. Das Ganze ist offensichtlich eine Mystifikation aus der Feder eines frühhumanistisch beeinflußten Anonymus aus dem Bodenseeraum (Vorarlberg?), der zu den Grafen von Montfort und Werdenberg in Beziehung stand und wohl „in der Welt der Schreiber zu Hause“ war (Burmeister). Nicht als historiographische Darstellung muß sein Werk gelesen werden, sondern als ein literarisches Schelmenstück, als eine Art „Schlüsselroman“ der Rechtshändel und der Politik des Schwäb. Adels im Spätmittelalter, über die sich der Autor genau informiert zeigt. In einfacher Sprache erzählt er, Fakten und Fiktionen unentwirrbar vermischend, das Herkommen der Tübinger, Montforter und Werdenberger Grafen und anderer Adelsgeschlechter Schwabens von einem bei den Christenverfolgungen aus Rom vertriebenen Kaiser Kurio ( 172) sowie die novellistisch gestaltete Liebesgeschichte eines Werdenbergers und der portugies. Königstochter Elisa (neben anderen kürzeren Episoden, u. a. einer Entlehnung aus der „Kaiserchronik“). Während das Werk in der Form eher den sog. „Volksbüchern“ nahesteht, sind als historischer Hintergrund aristokratische Leitbilder und Bildungsprogramme seiner Zeit erkennbar. Die Betonung der traditionellen höfischen Idealität (Rittertum und Minne mit stark christlich-didaktischer Färbung), das Interesse an Genealogie und Heraldik, am Rechtsleben und an der Landes-Reform verweisen auf das „restaurative“ Selbstverständnis der schwäb. Ritterschaft, die sich durch die bewußte Aufnahme schwäb. Stammes- und Herzogstraditionen gegen die expandierenden Landesherrschaften (vor allem Habsburgs) zur Wehr setzte. L.s tendenziöser „Ritterspiegel“ aus Schwabens Frühzeit, der vielen Adelshäusern ein ehrenvolles „Herkommen“ verschaffte, fand eine uneinheitliche Aufnahme: während Gelehrte das „Fabelwerck“, geschrieben „dem Adel zu hofiren“ (Joh. Stumpff 1546), strikt ablehnten, wurden die in ihm enthaltenen Ursprungssagen von Adelsfamilien, Klöstern und Städten in der früheren Neuzeit gläubig und in großem Ausmaß rezipiert. Ohne Verständnis für ihre literarische Eigenart hat dann im 19. Jh. die historische Kritik den Stab über die von einem „Fabelhans“ verfaßte „Lügenchronik“ gebrochen. Bezeichnend ist freilich, daß der Elisa-Stoff im 19. und 20. Jh. wiederholt zum Vorwurf belletristischer Werke genommen wurde.

  • Werke

    Schwäb. Chronik, ohne Titel, gedr. v. Conrad Dinckmut, o. J. (wohl Herbst 1485), 12.1.1486, 17.8.1488 (Hain 10116-18). -
    Faks.ausgg.: hrsg. v. E. Voulliéme, 1923;
    hrsg. v. P. H. Pascher, 1979. -
    Ausg.: hrsg. u. eingel. v. E. Thurnher, 1967.

  • Literatur

    ADB 18;
    H. F. Massmann, Der keiser u. d. kunige buoch od. d. sog. Kaiserchronik III, 1854;
    J. Zösmair, Ulrich Tränkle v. Feldkirch u. Th. L., in: Schrr. d. Ver. f. Gesch. d. Bodensees 15, 1886, S. 10-26;
    L. M. Kern, Die Ida v. Toggenburg-Legende, in: Thurgau. Btrr. z. vaterländ. Gesch. 64/65, 1928, S. 1-136;
    B. R. Jenny, Gf. Froben Christoph v. Zimmern, 1959;
    P. Amelung, Konrad Dinckmut d. Drucker d. Ulmer Terenz, 1972 (L);
    ders., Der Frühdr. im dt. Südwesten 1473-1500, Bd. 1, 1979;
    O. Längle, Die Altacher Abkunft d. Chronisten Th. L., in: Montfort 28, 1976, S. 29-32;
    K. H. Burmeister, Zur Person d. Chronisten Th. L., ebd., S. 149-51;
    E. Thurner, Th. L.s „Schwäb. Chronik“, in: Alpenregion u. Österreich, 1976, S. 163-70;
    R. Seigel, Zur Gesch.-schreibung beim schwäb. Adel in d. Zeit d. Humanismus, in: Zs. f. württ. Landesgesch. 40, 1981, S. 93-118;
    Konstanzer Arbeitskreis f. ma. Gesch., Protokoll Nr. 258 v. 11.12.1982;
    R. Köhn, Der Bauernaufstand v. 922 bzw. 992 in Th. L.s „Schwäb. Chronik“, in: ZGORh 132, 1984;
    K. Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jh., 1984.

  • Autor/in

    Klaus Graf
  • Empfohlene Zitierweise

    Graf, Klaus, "Lirer, Thomas" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 680 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118874489.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lirer: Thomas (Thoman) L., schwäbischer Chronist, dessen Lebenszeit von einigen in das zwölfte, von anderen aber gar schon in das|zehnte Jahrhundert gesetzt wird. Ueber die äußeren Verhältnisse des Mannes, der aus Rankwyl, einem Flecken unweit Feldkirch in Tirol, gebürtig war, ist nichts weiter bekannt, als was er selbst zu Ende des ersten Theiles seiner Chronik von sich sagt: „Vnd ich Thoman Lirer gesessen zu Rankweil, das do gehört zu dem schloß vnn herrschafft Felltkirch, hab dise ding den merern tail gesehen vnd ... erfarn ... Dann ich mains gnädigen Herren von Werdenberg Knecht bin gewesen vnd mit ym außgefaren gen Portigal, vnd mit ym wider haim kumen ...“ Seine Chronik besteht aus zwei Theilen, deren erster eine Anzahl unter einander gemischter Historien und Legenden enthält, welche mit einem römischen Kaiser Kurio beginnen, der mit seiner ganzen Familie und vielen edlen Römern im 2. Jahrhundert n. Chr. nach Rhätien und Schwaben gekommen sei. Diese Erzählungen, deren erste Niederschrift L. nicht abgesprochen werden kann, reichen bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts und bieten neben vielem Fabelhaften doch auch besonders über den Ursprung und die Herkunft der meisten schwäbischen Grafen und Freiherren nicht wenige Geschichten, denen historische Treue keineswegs fehlt, zumal betreffs solcher, die entweder in die Lebenszeit des Verfassers selbst oder seiner späteren Fortsetzer und Interpolatoren fallen, oder solcher, die kurz vor ihm und vor den letzteren sich ereigneten; auch bezeugt er am Schlusse: „Ich Hab dise ding den merern tail selbsten gesehen vnd ouch vil an frumen leuten erfragt vnd erfahren, an warhafften herren, rittern vnd knechten die mich des gar warlich vnderricht habent“ — aber die ihm auch manche Fabel und manchen Bären mögen aufgebunden haben. Und solcher Fabeln und Märchen wegen fehlte es denn auch schon in früheren Zeiten nicht an ungünstigen und wegwerfenden Urtheilen wenigstens bezüglich einzelner Theile dieser Geschichten. So äußert sich u. a. ein späterer schwäbischer Chronist, Hans Müller um 1566 (vgl. d. Art.) in seiner „Zimmer'schen Chronik“ (herausgegeben von Barack, vgl. das. III, 103 und 119): „Es fabuliert der Thoman von Rankweil wunderbarlich und ohne alle ordnung, iez von dem, dann von aim andern geschlecht, gleichwol ohn alle grundt, das ain ieder, dem die alten geschichten onwißt, greiffen müssen, das er nur von hören sagen und wie von aim traum geschrieben hat, und wiewol er am ende selbiger cronica (Ausg. 1486. Bl. 6 a) schöne historias geschrieben hat von dem graven von Montfort und auch den grafen von Werdenberg, so wurt es doch so einfeltiglich, als ob es ain gedicht und ain lauters mörlin wäre, beschriben“. Der zweite Theil unterscheidet sich von dem ersten gänzlich und enthält eine ganz kurze Chronik, die von der Erschaffung der Welt anhebt und sodann nach den Regierungsjahren der deutschen Kaiser von Karl d. Gr. an, in dem ersten Drucke bis auf das Jahr 1462 und in den späteren bis 1494 und 1500 fortgeführt ist. Ungeachtet des fabelhaften Inhaltes des ersten Theiles oder vielleicht gerade deshalb stand diese Chronik in den älteren Zeiten in großem Ansehen, wurde wiederholt gedruckt und ihr erstmaliger Druck zählt zu den Primitien der in Schwaben gedruckten deutschen Preßerzeugnisse. Derselbe erschien in Großquart mit dem Anfange (ein eigentlicher Titel fehlt): „IN gottes namen. In diser Cro- | nick würdet ... begriff | en gar vil mengerley schöner alter geschichten. so vor | mer dann tausend jaren geschehen zu den zeiten do die | schwäbischen land vnd andere land Haiden gewesen sind ...“, aus der Offizin des Konrad Dinckmut zu Ulm 1486 „an dem XII. tag des Jenners“ mit 63 unbez. Bl. und 21 rohen und ungeschickten Holzschnittfiguren. Dieser erste Druck bietet zugleich die Eigenthümlichkeit, daß alle Unterscheidungszeichen in lauter Punkten und meistens an unpassenden Orten bestehen und statt des Punktes auf dem i der griechische Acutus und auf dem Buchstaben u ein ganz geschlossenes, auf Diphthongen aber ein halbes Ringlein gesetzt ist; Abbreviaturen dagegen finden sich nur wenige.|Der ersten Auflage folgte noch in demselben Jahre und in demselben Formate und denselben Schriften und Figuren eine zweite „am dornstag nach vnser Frouwen himelfart“. Der dritte Druck geschah in Kleinquart und ohne Holzschnitte und ohne Jahr und Namen des Druckers zu Straßburg uff Grüneck (1494 durch Joh. Knoblauch) und der vierte, wiederum ohne Holzschnitte, 1500 „Zu Straßburg uff Grüneck durch Johannem Knoblauch bey St. Barbaren Kapellen“. Eine Handschrift der Chronik aus dem 15. Jahrhundert (86 Bl. mit 20 illum. Zeichnungen) ist angezeigt in dem Catal. Cod. Monac. I. N. 436. Proverbiale Ausdrücke (im zweiten Theile) enthält die Chronik etwa vierzig, worunter auch den bekannten Spruch über den Bischof Willegis zu Mainz nebst einer Erzählung über seinen Tod in einem Thurme des Rheins.

    • Literatur

      Fr. Irenicus, Exegesis Germ. Bl. 87. Stumpf, Schweizer-Chronik, Bd. 5. Cap. 19. Crusius, Ann. Suev. P. II. lib. IX. cap. 16. Goldast, Script. rer. Alemann. II, 142. J. J. Moser, Bibl. script. de reb. Suev. § 55. R. Wegelin, Anmerk. zu Th. L. Altschwäb. Geschichten, Lindau 1761. Leipziger Gel. Zeit. 1771. Nr. 31. Zapf, Buchdruckergesch. Schwabens S. 93—94. Panzer, Deutsche Annal. S. 160—161. Hain, Repert. 10116—10118.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Franck, Jakob, "Lirer, Thomas" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 746-748 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118874489.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA